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HELMUT WERNER

TYRANNINNEN

GRAUSAME FRAUEN DER WELTGESCHICHTE

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Impressum

© 2010 Mathias Lempertz GmbH

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INHALTSVERZEICHNIS

KAPITEL 1

Am Anfang regierte die Frau – Mythos oder Realität?

KAPITEL 2

Das Weltreich der Amazonen

KAPITEL 3

Zwei orientalische Despotinnen: Hatschepsut und Semiramis

KAPITEL 4

Starke Frauen auf dem Drachenthron: die Kaiserinnen Ta-ki Wu und Tsü-hsi

KAPITEL 5

Blutrausch und Cäsarenwahn: Livia, Messalina und Agrippina

KAPITEL 6

Die blutdürstige Fredegunde – Eine Despotin aus dem Frühmittelalter

KAPITEL 7

Katharina von Medici – Die Schlächterin der Protestanten

KAPITEL 8

Bloody Mary – Maria die Blutige

KAPITEL 9

Die Herzogin von Montespan – Eine Satanistin beherrscht Ludwig XIV.

KAPITEL 10

Die Blutgräfin Bathory – Der größte Vampir aller Zeiten

KAPITEL 11

Christine von Schweden – Eine „barbarische Fürstin“

KAPITEL 12

Katharina II. – Zarin der Lust und zynische Despotin

KAPITEL 13

Die grausame Ranavalona I. – Eine afrikanische Herrscherin

NACHWORT

LITERATURVERZEICHNIS

PERSONENINDEX

KAPITEL 1

Am Anfang regierte die Frau – Mythos oder Realität?

Politik ist heute unbestritten eine Männerdomäne. Den Frauen ist in vielen Teilen der Welt der Zugang zur Politik verwehrt, und dass Frauen gemäß ihrem Anteil an der Bevölkerung die Geschicke eines Landes bestimmen, bleibt eher die Ausnahme. Es gibt eine Reihe gewählter weiblicher Regierungschefs, allerdings meist in der Dritten Welt, wie Indira Gandhi in Indien, Sirimawo Bandaranaike in Sri Lanka, Golda Meir in Israel, Benazir Bhutto in Pakistan, Corazon Aquino auf den Philippinen und Tansu Ciler in der Türkei. Diese Tatsache ist umso erstaunlicher, wenn man die wenigen Beispiele aus der Ersten und Zweiten Welt daneben stellt. Die wenigen Frauen aus westeuropäischen Ländern, die in ihrem Land eine Führungsrolle einnahmen, überragt die englische Premierministerin Margaret Thatcher, die als „Eiserne Lady“ eine wichtige Rolle in der Weltpolitik spielte.

Dass die „große Politik“ reine Männersache ist, zeigen auch die ehemaligen sozialistischen Länder. Trotz der propagierten Ideologie von der Gleichstellung von Mann und Frau haben Frauen nur aus dem Hintergrund heraus stark in die Politik dieser Länder eingegriffen. Bekannte Beispiele von „starken Frauen“ in den ehemals sozialistischen Staaten sind die vierte Ehefrau Maos, Tschiang Tsching, und auch Elena Ceauşescu, einst die mächtigste Frau Rumäniens.

Der Rückstand der fortschrittlichen Industrienationen hinter den Ländern der Dritten Welt erklärt sich daraus, dass die Gesellschaften der Drittweltländer weniger demokratisiert sind und der Einfluss der alten herrschenden Familien ungebrochen ist. Wenn in diesen Familien ein geeigneter männlicher Kandidat für das höchste Staatsamt fehlt, müssen die Töchter die Funktion der Regierungschefin übernehmen. Die vergleichsweise hohe Zahl von weiblichen Regierungschefs in der Dritten Welt ist letztlich nur ein Beweis dafür, dass diese Gesellschaften zwar eine demokratische Verfassung haben, aber nach wie vor von mächtigen Familien beherrscht werden.

Dieses für die Frauen negative Bild verändert sich schlagartig, wenn wir einen Blick in die Frühzeit der Menschheit werfen. In vielen Kulturen war der Einfluss der Frauen so dominant, dass sie nicht nur dem Mann in der Ehe eine untergeordnete Rolle zuwiesen, sondern das gesamte politische Geschehen eines Landes bestimmten. Die Kinder waren nur mit der Mutter verwandt, die ihnen auch den Namen gab. Es war selbstverständlich, dass der Mann nach der Heirat zur Frau ziehen musste. Frauen kämpften neben ihren Männern gegen feindliche Heere oder zogen, wie die berühmten Amazonen, ohne männliche Unterstützung ins Feld. In diesen Kulturen war die hohe Politik eine ausschließliche Frauendomäne.

Hinweise auf diese einstige Frauenmacht finden sich in den schriftlichen Zeugnissen vieler Kulturen auf allen Kontinenten, insbesondere aber in den Berichten europäischer Forschungsreisender. Besonders ergiebig sind die Zeugnisse aus der griechisch-römischen Antike. Die griechische Mythologie hat sich dieser Rollenverteilung zwischen Mann und Frau angenommen und in der Erzählung von Omphale und Herakles die einstige Vorherrschaft der Frauen so eindrucksvoll beschrieben, dass es die Künstler vieler Jahrhunderte zu Nachgestaltungen anregte. Nach der Überlieferung musste der Held Herakles, nachdem er in einem Anfall von Raserei einen Königssohn von einer Mauer gestoßen hatte, auf Befehl des delphischen Orakels drei Jahre lang bei Omphale dienen, der Königin von Lydien, einem Gebiet in der heutigen Türkei. Diese Königin war eine sehr strenge und launische Herrin, die des Öfteren dem Heros ihre Pantoffeln ins Gesicht schlug. Trotzdem verliebte sich Herakles in diese Königin und ging sogar so weit, dass er einwilligte, seine männliche Kleidung gegen Frauenkleider zu tauschen und weibliche Arbeiten wie Weben zu verrichten. Omphale nahm ihrerseits die Symbole dieses bekannten griechischen Helden, sein Bärenfell und seine Keule, an sich und vollbrachte überall Heldentaten wie Herakles. Da man den historischen Hintergrund dieser Erzählung in der Antike vergessen hatte, wurde diese Erzählung in der praktischen Tagespolitik zur Verunglimpfung politischer Gegner benutzt. Die griechische Lebedame Aspasia, die Geliebte des berühmten Perikles, oder Kleopatra, die Lebensgefährtin von Antonius, dem Gegner des späteren Kaisers Augustus, erhielten den Beinamen „neue“ oder „zweite Omphale“.

Es vergingen fast zweitausend Jahre, bis ein Gelehrter aus der Schweiz die zahlreichen Zeugnisse von der einstigen dominierenden Rolle der Frau umfassend untersuchte und historisch einzuordnen versuchte. Der Jurist Johann Jakob Bachofen (1815–1887) veröffentlichte 1861 ein Aufsehen erregendes Buch mit dem Titel „Das Mutterrecht“, der durch den Untertitel „Eine Untersuchung über die Gynäkokratie der alten Welt und ihrer religiösen und rechtlichen Natur“ näher erläutert wird. In diesem heute schwer verständlichen Werk versucht Bachofen den Nachweis zu erbringen, dass der heutigen Vorherrschaft des Mannes, dem Patriarchat, eine in allen Kulturen verbreitete Frauenherrschaft, die er als das „Mutterrecht“ oder mit dem griechischen Namen Gynäkokratie bezeichnet, voranging. In den sich anschließenden Fachdiskussionen wurde für eine solche von den Frauen dominierte Gesellschaft die Bezeichnung „Matriarchat“ üblich. Bei den Fachkollegen Bachofens fand diese Arbeit wenig Beifall, da sie von den üblichen Methoden der Geschichtswissenschaft abwich. Bachofen nämlich entwickelt seine Theorie weniger aus den spärlichen Mitteilungen der griechischen Historiker, sondern zieht die griechischen Mythen heran, denen er den Rang von historischen Quellen einräumt. Für ihn steht fest, dass die Mythen eine Erinnerung an reale geschichtliche Vorgänge enthalten. Diese Erinnerung ist ein getreuer Ausdruck der Lebensgesetze der damaligen Zeit. Die zeitgenössische Wissenschaft nahm diese Einschätzung der Mythen mit Kopfschütteln zur Kenntnis und bezeichnete den Autor des „Mutterrechts“ als einen „romantischen Schwärmer“.

Ausgangspunkt der Untersuchungen Bachofens ist eine Textstelle bei dem griechischen Historiker Herodot (480–426 v. Chr.), der nach ausgedehnten Reisen und einer umfangreichen Sammeltätigkeit ein in neun Bücher eingeteiltes Geschichtswerk veröffentlichte. Darin bemerkt Herodot über die Sitten der Lykier, einem kleinasiatischen Volksstamm:

„Ihre Bräuche sind teils kretischer, teils karischer [Karier: kleinasiatischer Volksstamm] Herkunft. Doch haben sie folgenden Sonderbrauch, in welchem sie mit keinen anderen Menschen übereinstimmen. Sie nennen sich nämlich nach ihren Müttern und nicht nach ihren Vätern. Wenn einer den anderen fragt, wer er sei, wird er das Geschlecht seiner Mutter angeben und deren Mütter aufzählen.“

Diese Mitteilung Herodots ergänzt Bachofen durch andere Quellen. So berichtet ein Historiker namens Herakleides Pontikos hundert Jahre nach Herodot über die Lykier:

„Die Lykier leben vom Beute machen. Gesetze haben sie nicht, sondern nur Bräuche, und seit alten Zeiten werden sie von Frauen beherrscht.“

Dieser Herakleides benutzte zuerst das Wort „Gynäkokratie“, das von dem Philosophen Aristoteles mit der Beschreibung „Frauen, die außer Kontrolle geraten“ erläutert wird. Nach Meinung von Aristoteles geschieht dies insbesondere dann, wenn sich eine Demokratie in eine Tyrannis verwandelt. Dann sei es auch möglich, dass Frauen die Herrschaft im Staat übernehmen.

Zwei Jahrhunderte später beschreibt Nikolaus von Damaskus die Sitten der Lykier so:

„Die Lykier erweisen den Frauen mehr Ehre als den Männern. Sie nennen sich nach der Mutter und vererben ihre Hinterlassenschaft auf die Töchter und nicht auf die Söhne.“

Diese Textstellen bei den antiken Historikern, die Bachofen als Ausgangspunkt für seine Theorie von einem ursprünglichen Mutterrecht heranzieht, beweisen zunächst nur, dass bei diesem kleinasiatischen Volk die Frauen bei der Namensgebung und dem Erbrecht bestimmend sind. Im Gegensatz zu den fortgeschrittenen indoeuropäischen Völkern wie den Griechen und den Römern würden Völkerschaften wie die Lykier einen älteren Zustand der Zivilisation repräsentieren. Diese Abstammung in der weiblichen Linie, die von der Fachwissenschaft als Matrilinearität bezeichnet wird, unterscheidet sich aber von der Frauenherrschaft, der Gynäkokratie, in der eine Frau die politische Macht besitzt. Fraglich ist, ob die kurze Mitteilung des Herakleides Pontikos ausreicht, bei den Lykiern eine von alters her übliche Frauenherrschaft zu vermuten. Für den Philosophen Aristoteles bedeutet Frauenherrschaft nur einen momentanen Zustand der Regierung während des Zerfallsprozesses einer Demokratie. Die moderne Völkerkunde kennt neben der Frauenherrschaft und dem weiblichen Namens- und Erbrecht noch andere Formen, die eine Machtposition der Frauen in Staat und Gesellschaft beschreiben. Die griechischen Quellen lassen unerwähnt, ob die Männer, wie dies bei einer von Frauen geprägten Gesellschaft üblich ist, ihre Heimat bzw. ihr Elternhaus verlassen und zu ihren Ehegattinnen ziehen müssen. Diese als Matrilokalität bezeichnete Sitte und die schon erwähnte Matrilinearität können so weit durch zusätzliche Vorrechte der Frauen gesteigert werden, dass der Eindruck entsteht, die gesamte Gesellschaft ist auf die Frauen ausgerichtet. Da die Struktur auf die Frauen ausgerichtet ist und sie somit im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen, spricht man auch von einer Matrifokalität. In einer solchen Gesellschaft ist es auch durchaus möglich, dass eine Frau als Königin die Trägerin der politischen Macht ist, sich aber von den Regierungsfunktionen zurückzieht. Sie hat eine Schar vertrauter Männer um sich, die an ihrer Stelle regieren.

Neben den genaueren Unterscheidungen der möglichen Formen weiblicher Vormacht in Staat und Gesellschaft versuchte man Bachofens Deutung der Gesellschaft der Lykier durch die Ergebnisse der Altertumswissenschaft zu widerlegen. Anhand der Inschriften, die in Lykien gefunden wurden, konnte der Nachweis erbracht werden, dass in diesem Gebiet das weibliche Namensrecht und die Matrilokalität stark ausgeprägt waren. Diese weibliche Dominanz findet sich nicht nur bei den Lykiern, sondern auch bei ihren unmittelbaren Nachbarn an der kleinasiatischen Küste, den Lydern. Im Gegensatz zu den lykischen Inschriften, die alle in einer hethitischen Sprache abgefasst sind, finden sich bei den Lydern zahlreiche Zeugnisse aus der römischen Zeit. Sie bestätigen, dass zwar weniger Frauen als Männer politische Ämter innehatten, aber dennoch eine Reihe von Frauen in auffälliger Weise eine wichtige Rolle in Staat und Gesellschaft spielten. Diese Rolle der Frauen in Lydien wurde lange Zeit verkannt, weil man irrtümlich glaubte, sie hätten nur unwichtige religiöse Ämter bekleidet. Tatsächlich hatten sie in nicht unerheblicher Zahl hohe Staatsämter inne, die man als die höchsten Würden in den kleinasiatischen Städten bezeichnen könnte.

Da Bachofens Gegner diese Erscheinung nicht als Überrest der einstigen herausragenden Stellung der Frau in diesen Gebieten deuten wollten, verwiesen sie darauf, dass offenbar die adligen Familien wegen des Mangels an geeigneten männlichen Kandidaten auf ihre Töchter zurückgreifen mussten. Diese Zwangslage der Führungsschicht in Lydien ließe sich mit ähnlichen Problemen der alten herrschenden Familien in den Ländern der Dritten Welt vergleichen, deren Töchter notgedrungen das Regierungsamt übernehmen mussten, damit ihre Familie nicht die politische Macht verliert.

Bachofen, dem seine Gegner vorwarfen, er habe durch die Annahme eines ursprünglichen Mutterrechts oder der Gynäkokratie die Geschichte durch eine „romantische Weiberzentrierung erotisiert“, unterscheidet in diesem Kulturzustand verschiedenen Stufen und Perioden. Nach Bachofen haben sich zunächst die physisch unterlegenen Frauen im wirtschaftlichen Bereich gegen die Männer durchgesetzt. Mit ihrem jeweiligen Geschlechtspartner gingen die Frauen keine Ehe ein, sondern mehrere Frauen lebten mit mehreren Männern zusammen. Für diesen Urzustand des Mutterrechts benutzt Bachofen die Bezeichnung Hetärismus. Da wegen des regellosen Zusammenlebens die Abstammung nicht eindeutig zu bestimmen war, erhielten die Kinder den Namen ihrer Mutter. Diese freie Geschlechtergemeinschaft war auch mit gemeinsamem Besitz verbunden. Nach Bachofens Ansicht war diese Gruppenehe eine versteckte Form des Missbrauchs der Frauen durch die Männer. Dagegen setzten sich die Frauen zur Wehr und führten regelrechte Kriege gegen die Männer. Diese kriegerischen und wehrhaften Frauen, in deren Reihen die Männer keinen Platz hatten, sind die berühmten Amazonen. Wenn diese Amazonen ein Gebiet erobert hatten, ließen sie sich nieder und gründeten Städte. Dieser dritte und letzte Zustand des Mutterrechts vor dem Wechsel zur Herrschaft der Männer ist die geordnete Gynäkokratie oder das eigentliche Mutterrecht, das in den historischen Quellen beschrieben wird. Kennzeichnend für diesen Zustand ist die monogame Ehe, in der eine Frau mit einem Mann zusammenlebt. Aber Bachofen glaubt, dass wie bei den Lykiern in dieser Phase die Frauen herrschten. Diese letzte Form des Mutterrechts wurde allmählich durch die Herrschaft der Männer abgelöst. Ausdruck dieses Sieges des Patriarchats über das Mutterrecht war die Machtposition des römischen Mannes, der in der Familie die absolute Gewalt hatte, einschließlich über Leben und Tod seiner Familienmitglieder. Beweise für dieses dreistufige Mutterrecht glaubt Bachofen außer bei den Lykiern in der Kultur der Griechen, Kreter, Ägypter, Libyer, afrikanischen Völker und Inder zu finden.

Bei den alten Ägyptern fand Bachofen in einer Mitteilung des schon erwähnten griechischen Historikers Herodot einen Hinweis auf diese uralte Frauenmacht. In seiner Beschreibung der Sitten der alten Ägypter hebt Herodot folgenden Brauch hervor:

„Bei ihnen sitzen die Frauen auf dem Markt und machen Geschäfte, während die Männer zu Hause sind und weben. Die Söhne haben keine Unterhaltsverpflichtungen gegen ihre Eltern, wohl aber die Töchter.“

Der Geschichtsschreiber Diodor (Diodorus Siculus), in des- sen Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts erschienenem Werk viele Notizen über die Stellung der Frauen enthalten sind, ergänzt den Bericht Herodots durch die Mitteilung über merkwürdige Gesetze, nach denen angeordnet wurde, dass die Königin eine größere Macht und Ehre als der König haben sollte. Bei Privatpersonen sollten die Gattinnen Autorität über ihre Ehemänner ausüben. Von diesen sollte durch einen Vertrag ausdrücklich gebilligt werden, dass sie den Frauen gehorchen müssen.

Die Frau hat im alten Ägypten seit der Frühzeit eine herausragende Rolle gespielt. Bis in die römische Zeit waren Frauen gegenüber den Männern in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten bevorzugt. Die große Freiheit der Frauen zeigte sich auch beim Abschluss der Ehe. Bis weit in die römische Zeit hinein war es den ägyptischen Frauen erlaubt, sich den Mann selbst zu wählen und sich von ihm nach Zahlung einer Entschädigung wieder zu trennen.

Die Untersuchung der Abstammungslinien der königlichen Familien in Ägypten ergab, dass das Königtum mütterlicherseits vererbt wurde. Die Erben des ägyptischen Thrones waren nicht die Söhne, sondern die Töchter. Vermutlich war dieser Brauch dafür verantwortlich, dass in den königlichen Familien die Geschwisterehe üblich war, weil auf diese Weise der Sohn Anteil an der politischen Macht erhalten konnte. Bachofen versucht diesen Brauch mit Hilfe der Mythologie zu erklären. Er sieht nämlich in der Geschwisterehe den historischen Beleg für den Mythos von Isis und Osiris, nach dem sich Isis mit ihrem Bruder Osiris vereinigt. Symbolisch wird dieses Geschehen dargestellt durch die weibliche Erde, die von dem männlichen Nil befruchtet wird.

In Ägypten, das die älteste der von Bachofen angeführten Kulturen ist, haben sich Überreste einer starken Vormachtstellung der Frauen erhalten, die weit über die Namensgebung und das Erbrecht der lykischen Frauen hinauszugehen scheinen.

Ähnliche Verhältnisse entdeckte Bachofen in dem mit dem alten Ägypten und Lykien historisch verbundenen Kreta. Dort lassen sich ägyptische Einflüsse nachweisen, und ein Teil der kretischen Bevölkerung flüchtete nach der Eroberung von Knossos nach Lykien. Neben einigen Hinweisen aus der Mythologie stützt sich Bachofen bei dem Nachweis des Mutterrechts im alten Kreta auf eine Information der beiden berühmten Griechen Plato und Plutarch. Beide berichten, dass die Kreter ihre Insel nicht „Vaterland“ sondern „Mutterland“ nennen. Plutarch hebt noch hervor, dass die kretischen Mädchen und Frauen auch bei den Kampfspielen zuschauen dürften. Fresken zeigten, wie sie am öffentlichen Leben teilnähmen und sich sogar am Stierspringen beteiligten. Bei diesem Spiel packte man einen Stier bei den Hörnern und sprang mit einem Salto über seinen Rücken hinweg, um dann hinter dem Tier wieder stehend zu landen.

Einen wichtigen Beweis für die starke Stellung der Frauen lieferte die kretische Religion. Weibliche Gottheiten waren dort nämlich erheblich zahlreicher als männliche. Priesterinnen, als Statuen mit entblößten Brüsten dargestellt, wachten über die religiösen Handlungen. Die Teilnahme der Männer an den religiösen Riten war offensichtlich erst eine spätere Erscheinung. Das Überwiegen der weiblichen Gottheiten und die herausragende Stellung der Priesterinnen erklärt sich dadurch, dass das Geschlecht der Gottheiten durch das Geschlecht derer bestimmt worden war, in deren Händen die Macht war.

Diese drei Länder repräsentieren einen Kulturzustand, der von Völkern geformt wurde, die zu den alten Mittelmeervölkern gehörten und diesen Raum schon vor den Indogermanen und Semiten bewohnten. In dieser Kulturzone herrschte das weibliche Namensrecht vor, das sich bis zu einer Vormachtstellung der Frauen in der Gesellschaft ausdehnen konnte. Eine politische Frauenherrschaft oder Gynäkokratie ist unter diesen Voraussetzungen denkbar.

Zu dieser alten Kulturzone des Mittelmeerraumes gehörten auch die Libyer. Von diesem Volk schreibt der schon erwähnte Diodorus Siculus:

„Alle Autorität lag bei der Frau, in deren Hand alle Arten der öffentlichen Verantwortungen lagen. Die Männer dagegen kümmerten sich um die häuslichen Angelegenheiten, wie die Frauen es bei uns tun. Sie müssen sich nach den Anweisungen der Ehefrauen richten. Ihnen ist es grundsätzlich verboten, Kriegsdienste zu leisten, staatliche Funktionen auszuüben oder ein öffentliches Amt zu bekleiden, das ihnen vielleicht den Mut verliehen hätte, sich gegen ihre Frauen zu erheben. Sofort nach der Geburt werden die Kinder den Männern übergeben, die sie dann mit Milch und anderen für ihr Alter passenden Speisen aufziehen.“

Derselbe Autor berichtet auch, dass es in Libyen Stämme gebe, deren Frauen Armeen bilden und in den Krieg ziehen. Als wichtigste Gottheit verehrten sie die auch bei den Ägyptern bekannte Kriegsgöttin Neith. Da das westliche Delta des Nils vornehmlich von Libyern bewohnt wurde, verbreitete sich ihr Kult auch nach Unterägypten. So durften dort nur die vornehmsten Ägypterinnen als Priesterinnen die Opferhandlungen vollziehen.

Dieser mutterrechtlich orientierte Kulturkreis reichte bis nach Spanien. In der „Erdkunde“ des griechischen Schriftstellers Strabo (66 v. Chr.–24 n. Chr.) findet sich die Notiz, dass bei dem spanischen Stamm der Kantabrer eine Art Matriarchat herrsche. Die Männer nämlich müssten der Frau eine Mitgift bringen. Von den Kindern seien nur die Töchter erbberechtigt, und diese verheirateten sogar ihre Brüder. Reste dieser weiblichen Vormachtstellung haben sich bis in die Neuzeit erhalten. Schon vor der Veröffentlichung des „Mutterrechts“ von Bachofen entdeckte man, dass die Basken in Nordspanien seit dem 12. Jahrhundert das Erstgeburtsrecht kennen, weil der Familienbesitz und der damit verbundene Name erhalten bleiben soll. Wenn das älteste Kind ein Mädchen war, dann musste ihr Ehemann seinen Familiennamen aufgeben und ihren Namen annehmen. Diesem erstgeborenen Kind stand auch das Recht zu, die jüngeren Geschwister zu verheiraten, die in der baskischen Sprache mit einem Wort bezeichnet wurden, das „Sklave“ bedeutet.

Der afrikanische Kontinent gehört zu den Gebieten, wo die Formen weiblicher Vormachtstellung vom weiblichen Namensrecht bis zur politischen Frauenherrschaft reichten. Anfänglich bereitete es den europäischen Völkerkundlern große Schwierigkeiten, diese von den Frauen bestimmte politische Ordnung zu durchschauen, weil sie durch die männlichen Amtstitel dem Irrtum unterlagen, dass die Inhaber dieser Ämter Männer sein müssten. Die englischen Forschungsreisenden Livingstone und Stanley trafen bei ihren Expeditionen im Sambesi-Gebiet, die sie Mitte des 19. Jahrhunderts unternahmen, fast ausschließlich auf Königinnen. Einflussreiche Stellungen wurden nach Livingstones Berichten über das westliche Afrika fast ausschließlich von Frauen bekleidet. Er berichtet, dass es selbstverständlich sei, dass Frauen im Stammesrat säßen. Die jungen Männer müssten nach ihrer Heirat in das Dorf ihrer Ehefrauen ziehen. Das gesamte Eheleben würde von der Frau bestimmt, weil sie ihren Mann aus der Ehe entlassen könne und die alleinige Macht über die Kinder ausübe. Selbst Geschäfte dürfe der Mann nur tätigen, wenn die Frau ihm dazu ihre Genehmigung erteilt hätte. Als Gegenleistung für diese Rechte müsse die Frau den Mann mit Nahrung versorgen. Selbst dort, wo ein Mann herrsche, bleibe seine Mutter, die den Titel „Königin-Mutter“ trägt, die eigentliche Regentin.

In Uganda, berichtet Livingstone weiter, würde dem König eine seiner Schwestern als Mitregentin zur Seite gestellt, und sie regierten das Land gemeinsam mit ihrer Mutter. Wenn die Schwester schwanger würde, müsse sie die Schwangerschaft abbrechen, damit sie ihre magischen Fähigkeiten nicht verlöre. Für den notwendigen Nachwuchs der königlichen Sippe sorgten die anderen Prinzessinnen ihres Stammes.

Bei den Aschanti an der Goldküste, schreibt Livingstone, stehe das Land unter der Führung einer „Königin-Mutter“, welche die Sippenälteste sei. Sie setze den König ein, der aus den Söhnen der Prinzessinnen ausgewählt würde. Eine der ersten Pflichten der Königin-Mutter sei es, nachdem der neue König von ihr bestimmt worden sei, seine Brüder als mögliche Widersacher umbringen zu lassen. Während ihrer Amtszeit habe sie eine eigene Residenz, verfüge über einen Hofstaat und regiere über einzelne Dörfer, die ihr tributpflichtig seien. Diese Königin-Mutter und ihre Töchter besäßen jede nur denkbare sexuelle Freiheit. Die Mutter habe einen ganzen Harem von Männern, von denen sie Dutzende hinrichten ließe. Die Väter wären so unwichtig, dass es den Prinzessinnen frei stünde, jeden Mann zu heiraten. Wenn eine Prinzessin vor ihrem Ehemann stürbe, müsse er an ihrem Grab Selbstmord begehen. Denselben Schritt müsse er vollziehen, wenn eines seiner neugeborenen Kinder starb, vor denen er einen Kniefall machen und dabei Treue und Gehorsam schwören müsse.

Selbst wenn afrikanischen Königinnen ein Regent beigegeben war, so demonstrierte der bei vielen Stämmen praktizierte „rituelle Königsmord“, wie gering seine tatsächliche Macht war. Den Schwestern dieses machtlosen Königs war es gestattet, nach einer bestimmten, von ihnen als heilig betrachteten Zahl von Regierungsjahren ihren Bruder mit eigener Hand zu erwürgen. Bei einigen Stämmen vollzog diesen Mord der Bruder seiner Mutter.

Wenngleich es für einen Außenstehenden, der in einer europäischen Gesellschaft aufgewachsen ist, schwierig ist, diese weiblichen Machtstrukturen zu verstehen, so darf man nicht den Fehler begehen und den Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts diese außerordentliche Stellung zuschreiben. Die Frauen waren Herrscherinnen bzw. konnten einem Mann die Königswürde verleihen, weil sie aus einem herrschenden Stamm oder einer herrschenden Sippe stammten.

Beweise für die starke bis herausragende Stellung der Frauen in früheren Kulturen werden auch durch die Ergebnisse der Vorgeschichtsforschung bestätigt, die Bachofen noch unbekannt waren. An zahlreichen Orten Europas und des Vorderen Orients wurden Tausende von Darstellungen von Frauen in Höhlenmalereien, auf Keramikgefäßen oder als figürliche Plastiken gefunden, die aus der jüngeren Altsteinzeit (30000 v. Chr.) über die Jungsteinzeit (4000 v. Chr.) bis weit in die historische, d.h. durch Berichte dokumentierte Zeit hinein datieren. Diese Frauendarstellungen legen den Schluss nahe, dass in der vorgeschichtlichen Zeit Muttergottheiten verehrt wurden, die vielleicht Varianten eines ursprünglich gemeinsamen Kultes der „Großen Erdmutter“ waren. Überreste dieser Religion sind im Mittelmeerraum die Verehrung der „Magna Mater“ (Große Mutter), die in anderen Gebieten mit unterschiedlichen Namen, wie „Erdmutter“ oder „Kornmutter“, bezeichnet wird. Auch in den Religionen der Hochkulturen nimmt die Frau noch eine wichtige Stellung ein, wie beispielsweise die Göttin Isis in der Religion der alten Ägypter und Maria, die „Gottesmutter“, im Christentum.

Weshalb wurde die Frau zu einer Göttin? Tausende von Darstellungen von ausgesprochen üppigen oder abstrahierten Frauenkörpern scheinen die These des „romantischen Schwärmers“ Bachofen zu bestätigen, dass in der Urzeit der Menschheit der Stoff, symbolisiert durch die Frau, das das Leben der Menschen bestimmende Prinzip war. Die Frau wird mit der Erde gleichgestellt. Die Mutter ist die Nachfolgerin und Stellvertreterin der Urmutter Erde. Die Menschen der Vorzeit, die in einer engen Verbindung mit der Natur lebten und deren Leben vom Ertrag ihrer Äcker bestimmt wurde, sahen im Gedeihen der Vegetation unsichtbare Kräfte am Werk, der sie eine körperliche Gestalt zuordneten. Es lag nahe, diesem geheimnisvollen Wesen eine weibliche Gestalt zu geben, weil die Frau das werdende Leben und die Fruchtbarkeit verkörpert.

Die Darstellungen der Muttergottheiten unterscheiden sich in Haltung und Form. Gemeinsam aber ist der Mehrzahl dieser Frauenfiguren die Nacktheit, die es ermöglicht, die Geschlechtsmerkmale stark zu betonen. Auffällig sind der fruchttragende Leib und die Betonung der Brüste, wodurch die Künstler offenbar die Frau als Schöpferin des Lebens darzustellen versuchten. Da in der Vorzeit vermutlich die Tierhaltung und die Jagd von den Männern betrieben wurde, während der Anbau der Pflanzen, die Ernte und ihre Weiterverarbeitung der Frau oblag, stand die Frau im Mittelpunkt des Weltbildes und des Kultus des vorgeschichtlichen Menschen.

Wenn die Frauen in der Kunst so auffallend hervorgehoben wurden, so stellt sich die Frage, ob sie auch in der Gesellschaft eine Vormachtstellung hatten. Nicht nur Bachofen, sondern auch spätere Gelehrte vertraten die Meinung, dass die Frauen in den prähistorischen Gesellschaften aufgrund der zentralen Rolle der Mutterreligion eine beherrschende Rolle spielten. Wenn man nämlich zum Vergleich die historischen Staaten und Gesellschaften heranzieht, die hauptsächlich männliche Gottheiten verehrten, so bestimmten die Männer die Politik, und die gesellschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse räumten den Männern eine vorrangige Stellung ein. Wer an der Macht ist, bestimmt auch das Geschlecht der Gottheiten.

Die Mehrheit der heutigen Forscher vertritt die Ansicht, dass die zahlreichen ausgegrabenen Mutterfiguren darauf hinweisen, dass eine solche Gesellschaft, der sie entstammen, mutterrechtlich organisiert sein konnte, aber nicht zwangsläufig sein musste. Wenn eine mutterrechtliche Struktur angenommen wird, dann bedeutet dies aber, dass auch alle denkbaren Formen vom weiblichen Namens- und Erbrecht, der Wohnortbestimmung durch die Frau über die gesellschaftlich dominierende Rolle bis hin zur Frauenherrschaft möglich sind.

Sicherlich ist die Annahme einer weiblichen Vormachtstellung, wie dies Bachofen in seinem umfangreichen Werk darstellt, in ihrer Allgemeinheit nicht zu halten. Sein großes Verdienst ist es, den Blick der Wissenschaftler auf Gesellschaften gelenkt zu haben, in der die Rollen der Geschlechter anders als in den historischen und neuzeitlichen Gesellschaften verteilt waren. Viele seiner Kritiker fühlten sich vielleicht dadurch irritiert, dass ihnen vor Augen geführt wurde, dass es auch einmal Gesellschaften gab, die von der Vorherrschaft der Frauen geprägt waren. Entschiedene Gegner der aufkommenden Frauenbewegung beriefen sich darauf, dass die Männerherrschaft eine höhere Stufe in der Entwicklung der Menschheit sei. Die Frauenmacht gehört der Vorzeit an.

KAPITEL 2

Das Weltreich der Amazonen

Feministisch orientierte Archäologinnen, die unbestritten wichtige Beiträge zur Erforschung des Matriarchats geleistet haben, charakterisieren diesen Zustand der Kultur und der gesellschaftlichen Organisation als eine blühende, friedliche Zivilisation. In dieses Bild passen schlecht die kriegerischen Frauen, die nach Aussagen der antiken Quellen ihre männlichen Säuglinge verstümmelten, damit diese ihnen später als hilflose Sklaven dienen konnten.

Nach der griechischen Sage waren die Amazonen eine Art „Mannweiber“, deren Heimat nicht Griechenland war, sondern das Gebiet um das Schwarze Meer und am Fluss Thermodon bzw. Libyen in Nordostafrika. Die antiken Historiker deuteten ihren Namen als die „Brustlosen“, weil nach der Überlieferung den Mädchen in der Kindheit die rechte Brust ausgebrannt wurde, damit sie später die Bogensehne besser spannen konnten. Offensichtlich war diese Bezeichnung schon in der Antike unverständlich, so dass man den Sinn durch Umschreibungen wiedergab. Die Beinamen, die ihnen die griechischen Dichter und Historiker geben, reichen von „den Männern gewachsen“ über „die Männer hassend“ bis zu „die Männer tötend“. Den Griechen sind die Amazonen zu allen Zeiten fremd geblieben, und wie allem Fremden haftete den Amazonen der Ruch des Barbarischen an. Moderne Deutungen führen den Namen auf ein armenisches Wort zurück und übersetzen es mit „Mondfrauen“. Andere Deutungen fassen die Bestandteile „Am“ und „Azon“ als phönizische Wörter auf, die den Wortsinn „Mutterherrin“ ergeben.

Wenn man annimmt, dass Berichte und Mythen über die Amazonen einen historischen Kern haben, so stellt sich auch die Frage der zeitlichen Einordnung. Der Dichter Homer, von dem man annimmt, das er um 750 v. Chr. lebte, erwähnt in der „Ilias“ die Amazonen als ein Volk von Kriegerinnen, mit denen es die Generation der Väter zu tun gehabt hätte. Der trojanische König Priamos kämpfte in seiner Jugend am Fluss Sangarios als Bundesgenosse der Phrygier, die in Zentralanato- lien wohnten, gegen die Amazonen. An einer anderen Stelle der „Ilias“ wird von Bellerephon, dem Sohn des korinthischen Königs Glaukus, berichtet, dass er nach der Tötung des Ungeheuers Chimäre diese kriegerischen Frauen auf ihrem Zug nach Lykien besiegt habe.

Nach dem Bericht des griechischen Historikers Diodor wohnte am Fluss Thermodon in der Nähe des Schwarzen Meeres ein Volk, welches von Frauen beherrscht wurde. Diese Frauen beteiligten sich an den Dingen des Krieges ebenso wie die Männer. Eine dieser Frauen, welche die königliche Gewalt besaß, soll durch Mut und Stärke alle anderen übertroffen und ein Heer von Frauen um sich versammelt haben, welches sie an den Waffen ausbildete und gegen verschiedene Nachbarvölker kämpfen ließ. Sie unternahm hierauf immer weitere Kriegszüge. Weil das Kriegsglück ihr treu war, bezeichnete sie sich als eine Tochter des Kriegsgottes. Die Männer mussten Wolle spinnen und andere häusliche Arbeiten verrichten, die sonst von den Frauen ausgeführt wurden. Sie wurden zu tiefster Knechtschaft erniedrigt. Den neugeborenen Knaben wurden die Hände und Füße verstümmelt, um sie für den Kriegsdienst untauglich zu machen. Das Führen von Waffen war ausschließlich ein Vorrecht der Frauen, denen in zarter Jugend die rechte Brust abgenommen wurde, damit sie ihnen beim Spannen des Bogens und beim Schwingen des Schwertes nicht hinderlich würde. Die Königin der Amazonen achtete in ihren Feldzügen sorgfältig auf gute Ordnung. Sie gründete die Stadt Thermyskyra an der Mündung des Thermodon und fand später den Tod auf dem Schlachtfeld. Ihr folgte als Königin ihre Tochter nach, welche die Eigenschaften ihrer Mutter in noch höherem Maße besaß. Von frühester Jugend an wurden die Mädchen abgehärtet, damit sie die Entbehrungen des Krieges ertragen konnten. Für den Kriegsgott Ares und die Göttin Artemis, die sie Tauropolis nannten, stiftete die neue Königin glänzende Feste und Opfer und gab ihrem Volk gute Gesetze. Sie zog gegen alle Völker jenseits des Don zu Feld und eroberte alle Länder bis nach Thrakien. Nach ihrer Rückkehr von diesen Feldzügen kümmerte sie sich um die „Künste des Friedens“, ließ den genannten Gottheiten prunkvolle Tempel bauen und erwarb sich durch ihre hervorragende Regierung die Liebe ihres Volkes. Aber es dauerte nicht lange, da führte sie auf der südlichen Seite ihres Reiches einen neuen Eroberungskrieg. Sie unterwarf ganz Kleinasien und Syrien. Von einer weiblichen Verwandten dieser Herrscherin zur nächsten ging die Krone und der Ruhm der Amazonen erhöhte sich immer mehr.

Der Redner Lysias berichtet im 5. Jahrhundert von den Amazonen:

„Die Amazonen waren im Altertum Töchter des Kriegsgottes Ares, welche an dem Fluss Thermodon wohnten. Sie allein besaßen von allen benachbarten Völkern Waffen aus Eisen. Sie stiegen zuerst auf Pferde, auf denen sie wegen der Unerfah- renheit ihrer Gegner die Fliehenden einholten und die Verfolger hinter sich ließen.“

Der ausführlichste Bericht stammt von Herodot:

„Als die Griechen mit den Amazonen Krieg führten, sind die Griechen nach ihrem Sieg aus der Stadt der Amazonen, Thermodon, davongesegelt. Auf drei Schiffen nahmen sie alle Amazonen mit, die sie hatten lebend fangen können. Diese hatten aber die Männer auf dem Meer angegriffen und aus den Schiffen geworfen. Da sie nicht wussten, wie man Schiffe lenkt, fuhren sie mit den getöteten Männern dorthin, wo sie der Wind hintrieb. So kamen sie in das Land der Skythen. Die Amazonen stiegen von den Schiffen und wanderten in das bewohnte Land. Sobald sie auf die ersten Pferdeherden stießen, raubten sie diese und zogen plündernd durch das Land der Skythen. Die Skythen glaubten fest, Männer vor sich zu haben. Als sie sich mit ihnen in Schlachten einließen, bemächtigten sie sich der gefallenen Amazonen und erkannten, dass sie Frauen waren. Sie hielten es für angebracht, die überlebenden Amazonen nicht zu töten, sondern sie sandten eine Reihe junger Männer aus ihrer Mitte zu diesen Frauen, damit sie sich in ihrer Nähe aufhalten und ihr Verhalten und ihre Taten nachahmten. Wenn sie von den Amazonen angegriffen würden, sollten sie nicht kämpfen, sondern fliehen. Die Skythen wollten nämlich von ihnen Kinder bekommen. Die skythischen jungen Männer erfüllten den Auftrag und lebten friedlich in der Nähe der Amazonen, die sie nicht beachteten. Zwischen den jungen Männern der Skythen und den Amazonen entwickelte sich ein vertrauliches Verhältnis. Schließlich nahm sich jeder Skythe diejenige Amazone zur Frau, mit der er intim gewesen war. Doch die Amazonen weigerten sich, mit ihren Männern in deren Dörfer zurückzukehren, weil sie ganz andere Sitten als die skythischen Frauen hätten. Sie sagten zu ihnen: „Mit eueren Frauen können wir nicht zusammenleben, denn wir haben nicht dieselben Sitten wie jene. Wir schießen mit Bogen und Wurfspieß und reiten zu Pferd. Weibliche Arbeiten haben wir nicht gelernt. Eure Frauen machen nichts von dem, was wir aufzählten, sondern verrichten nur weibliche Arbeiten und bleiben auf ihren Wagen, ohne auf die Jagd und anderswohin zu gehen. Wir können uns deshalb nicht mit ihnen vertragen. Wenn ihr uns aber wirklich zu Frauen haben und gerecht zu uns sein wollt, geht zu den Eltern und lasst euch durchs Los euren Anteil von den Besitztümern geben. Dann wollen wir zusammen losziehen und für uns alleine wohnen.“ Die Skythen erfüllten den Wunsch der Amazonen. Bei ihrer Rückkehr forderten sie die Amazonen auf, dieses Land zu verlassen, weil sie unmöglich mit ihren Vätern friedlich zusammenleben könnten, weil sie ihnen bei ihren Beutezügen Schaden zugefügt hätten. „Wir brechen zusammen von diesem Land auf und überschreiten den Don und wohnen dort!“ Sie überquerten den Don, legten einen Weg von drei Tagen in Richtung Osten zurück und vom Schwarzen Meer einen Weg von drei Tagen in Richtung Norden. Nachdem sie an dieser Stelle angekommen waren, wo sie jetzt sesshaft sind, besiedelten sie diese. Seitdem haben die Frauen der Sauromaten diese alte Lebensweise. Sie ziehen mit ihren oder ohne ihre Männer auf ihren Pferden zur Jagd aus. Sie ziehen in den Krieg und tragen dieselbe Kleidung wie die Männer. Die Sprache der Skythen beherrschen die Sauromaten nur unvollkommen. Mit ihrer Hochzeit ist folgender Brauch verbunden: Eine Jungfrau heiratet nicht eher, als bis sie einen Mann der Feinde getötet hat. Manche von ihnen sterben sogar ihres Alters, ehe sie geheiratet haben, weil sie diese Bedingung nicht erfüllen können.“

Dieser Bericht Herodots kann noch durch Sagen ergänzt werden, die von den Taten der Amazonen in Griechenland erzählen:

Als Hypolyte Königin der Amazonen war, erhielt der griechische Held Herakles von dem König Eurysteus den Auftrag, für seine Tochter den goldenen Gürtel dieser Königin zu holen. Herakles schlug in der Nähe von Thermiskyra ein Lager auf, wo sich die Burg der Amazonenkönigin befand, und forderte sie auf, ihm ihren Gürtel freiwillig zu geben. Dieses Ansinnen lehnte Hypolyte ab. Es kam zum Kampf, in dem sich die besten Amazonen Herakles entgegenstellten. Die Amazonen Aella, Phillipis, die schon im ersten Angriff tödlich verwundet wurde, Proloe, die siebenmal im Zweikampf siegte, Euryboe, die nie im Kampf Unterstützung bedurfte, unterlagen dem griechischen Helden. Celäno, Euybia und Phöbe, die vortreffliche Speerwerferinnen waren, verfehlten dieses Mal ihr Ziel. Obwohl sie sich gegenseitig mit ihren Schilden zu decken versuchten, wurden sie von Herakles getötet. Schließlich erlitten alle anderen Amazonen dieses Schicksal, bis auf ihre Anführerin Melanippe, die von Herakles gefangen genommen wurde. Gegen den goldenen Gürtel der Königin wurde sie ausgetauscht. Seit diesem Sieg war die Macht der Amazonen gebrochen und sie wurden von ihren Nachbarn nicht mehr geachtet.

Eine andere Amazone, Penthesilea, kämpfte auf Seiten der Trojaner gegen die Griechen. Penthesilea hatte ihr Vaterland verlassen müssen, weil sie einen Mord begangen hatte. Beim Kampf der Trojaner gegen die Griechen stellte sie sich dem griechischen Helden Achilleus entgegen. In diesem Zweikampf setzte sie sich tapfer zu Wehr, aber sie wurde schließlich von Achilleus aufgespießt. Als Achilleus ihr den Helm abnahm und ihr wunderschönes Gesicht sah, verliebte er sich in die Tote.

Über den Skythenstamm der Sauromaten fügt der berühmte Arzt Hippokrates (460–365 v. Chr.) noch einige Details hinzu:

„In Europa gibt es um den Mäotischen See herum einen Stamm der Skythen, der sich von den übrigen unterscheidet. Sie heißen Sauromaten. Die Frauen aus diesem Stamm reiten, schießen mit dem Bogen, schleudern den Wurfspeer vom Pferd herab und kämpfen, solange sie Jungfrauen sind, gegen die Feinde. Bevor sie nicht drei Feinde erlegt haben, bleiben sie Jungfrauen und können keine Ehe eingehen. Hierfür müssen sie die gesetzlichen Opfer vollbringen. Wer einen Mann gefunden hat, gibt das Reiten auf, wenn nicht die Notwendigkeit besteht, in den Krieg zu ziehen. Ihnen fehlt die rechte Brust. Wenn sie noch kleine Mädchen sind, legen ihnen die Mütter ein glühendes Instrument aus Eisen an die Brust, damit diese versengt wird. Aber alle Kraft geht dann in den rechten Arm und Schulter.“

Eine kritische Haltung gegenüber der Überlieferung nahm der schon erwähnte Geschichtsschreiber Strabo in seiner „Erdkunde“ ein:

„Die Geschichte der Amazonen zeigt viel Eigentümliches; in allen anderen Fällen kann man das Wahre von dem Falschen ziemlich leicht unterscheiden. Dennoch wird von den Amazonen noch dasselbe berichtet wie vor alten Zeiten, obgleich diese Erzählungen so abenteuerlich sind und sich so sehr von dem Anschein der Wahrheit entfernen, als es überhaupt nur möglich ist. Wer sollte wohl glauben, dass ein Heer, eine Stadt oder ein ganzes Volk von Frauen ohne Männer bestehen kann und sogar über seine Nachbarn geherrscht und durch Kriege seine Macht bis nach Kleinasien und nach Attika ausgedehnt habe? Die kleinasiatischen Städte Ephesus, Smyrna, Kumä, Myrina, Paphos und viele andere Städte mehr sollen von ihnen erbaut und benannt worden sein. Was The- miskyra und die am Thermodon liegende Gegend betrifft, so wird dies überall das „Land der Amazonen“ genannt.“

Alle Schriftsteller stimmen darin überein, dass die Amazonen aus dieser Gegend vertrieben worden sind. Doch nur wenige Schriftsteller sagen uns etwas von ihrem späteren Aufenthalt.

Aus dem 4. Jahrhundert vor Christus werden von Strabo drei Begegnungen Alexanders des Großen mit den Amazonen erwähnt, die darauf schließen lassen, dass die Amazonen zu der Zeit noch existierten. Der Königs Pharasmenes, König der Chorasmier in der Nähe des kaspischen Meeres, fand sich mit 15000 Reitern bei Alexander dem Großen ein. Er verlangte als Gegenleistung für seine Unterstützung, dass sich Alexander gegen die Kolchier und Amazonen am Schwarzen Meer wendet. Der griechische König lehnte dies aber ab und bricht in Richtung Indien auf.

Strabo berichtet weiter, dass der persische Statthalter Atro- pates mit hundert berittenen Kriegerinnen Alexander begegnete. Der Perser gab sie als Amazonen aus. Sie waren wie Reiter gerüstet, außer dass sie Äxte statt Lanzen trugen und statt der großen Schilde kleine. Sie sollen eine kleine Brust gehabt haben, die sie in den Schlachten entblößten.

Die letzte dieser drei Begegnungen ist bei den antiken Autoren ausführlich erörtert worden. Bei Alexander fand sich die Amazonenkönigin Thalestris mit 300 Begleiterinnen ein und äußerte den Wunsch, von ihm geschwängert zu werden. Glaubwürdige Historiker wie Arrian (2. Jhd. n. Chr.) stellen dieses Ereignis nachdrücklich in Abrede, weil es von den Zeitzeugen nicht erwähnt würde und die Amazonen zu dieser Zeit nicht mehr existiert hätten.

Strabo geht in seiner kritischen Einstellung zu den antiken Berichten aber zu weit, wenn er die Existenz der Amazonen insgesamt anzweifelt. Die moderne Archäologie hat durch umfangreiche Ausgrabungen im Schwarzmeergebiet und in der eurasischen Steppe den historischen Kern dieser Berichte über eine herausragende Stellung und besondere Rolle der Frauen bei den Skythen bestätigt. Den griechischen Männern sollte offenbar mit dem Schreckensgemälde der Amazonen vor Augen geführt werden, was ihnen bevorsteht, wenn sie einmal die Macht in der Gesellschaft verlieren würden. Ihre Frauen waren völlig in das Haus verbannt. Es galt als würdelos, wenn sich eine Frau auf der Straße zeigte. Von jeglicher Teilnahme am politischen Leben waren sie ausgeschlossen. Zu den Zusammenkünften der Männer, bei denen getrunken und gesungen, aber auch geistreiche Gespräche geführt wurden und die Anwesenden sich von Hetären, einer Art Freudenmädchen, unterhalten ließen, war ihnen der Zutritt verwehrt. Der griechische Mann konnte zu diesen geselligen Zusammenkünften seine Geliebte, aber niemals seine Ehefrau mitbringen. Dagegen galt der Ehebruch bei einer Frau als schlimmes Verbrechen. Die gesamte Ehe war ausschließlich Sache der Männer. Und auch wenn eine Frau juristische Probleme hatte, musste sie sich von ihrem Mann vor Gericht vertreten lassen.

Zusammenfassend lässt sich das, was nach modernem Wissensstand über die Amazonen bekannt ist, folgendermaßen beschreiben: Die Skythen, ein Nomadenvolk aus der eurasisehen Steppe, das seit dem 8. Jahrhundert die Gebiete um das Schwarze Meer besiedelte, gehörten zu den Viehzüchternomaden, die seit dem 2. Jahrtausend die eurasische Steppe bis nach China hin besiedelten. Diese Nomadenstämme werden auch als Indoeuropäer bezeichnet. Die nomadische oder halbnomadische Lebensweise prägte auch die Stellung der Frau. Wenn es nämlich erforderlich war, mussten auch die Frauen in der Lage sein, ihre Männer beim Kampf zu unterstützen oder, wenn sich die Männer im Krieg befanden, ihre Niederlassungen gegen feindliche Angriffe zu verteidigen. Bei einer solchen Lebensweise unterschied sich die Kleidung der Frauen kaum von der der Männer. Wie zahlreiche Darstellungen in der Kunst zeigen, trugen die Skythinnen Hosen wie ihre Männer. Gelegentlich wurden skythische Frauen auch mit langen Gewändern abgebildet. Beim Reiten, was sie ebenso wie die Männer beherrschen mussten, trugen sie eine kurze Oberbekleidung und einen über die Schulter geworfenen Kaftan.

Ihre Teilnahme am Krieg beweisen die zahlreichen Gräber weiblicher Krieger. Das älteste Grab einer solchen skythischen Amazone, das im heutigen Georgien gefunden wurde, stammt aus dem 2. Jahrtausend vor Christus. Es barg eine Frau, die in sitzender Haltung beerdigt wurde und auf dem Knie ein Schwert hatte. Sie wies auf der linken Seite des Schädels eine Verletzung auf, die ihr offenbar durch eine Speerspitze zugefügt worden war. Das Alter dieser Kriegerin wird auf zwanzig bis dreißig Jahre geschätzt.

In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden am unteren Lauf des Dnjepr bei der Untersuchung von 53 skythischen Kriegergräbern sechs Gräber mit weiblichen Skeletten entdeckt. Die Untersuchung ergab, dass diese Frauen Kinder geboren haben mussten und wahrscheinlich als Ehefrauen mit Männern zusammengelebt hatten. Zwei Finger der jeweils rechten Hand zeigten starke Verschleißerscheinungen, die möglicherweise durch das Spannen von Bogensehnen hervorgerufen worden sind. Zur Ausrüstung einer skythischen Kriegerin gehörten offenbar Pfeil und Bogen, wie auch andere Grabfunde beweisen. Man fand in den Gräbern eiserne Lanzenspitzen und Überreste von ledernen Köchern mit 47 Pfeilen. Ihren Körper schützten die Frauen mit einem „Kampfgürtel“, der mit eisernen Lamellen besetzt war, und mit einem Panzerhemd. Da keine Waffen gefunden wurden, die ausschließlich zur Verteidigung dienen, kann es als sicher gelten, dass diese Frauen an der Seite ihrer Männer an den Kriegszügen teilnahmen. Neben dem blutigen Kriegshandwerk mussten sich diese Frauen auch um den Nachwuchs kümmern. In einigen Gräbern fand man Kriegerinnen mit Säuglingen beerdigt, die offenbar bei der Geburt gestorben waren.

25 Prozent aller Waffengräber, die im Schwarzmeergebiet gefunden wurden, müssen weiblichen Toten zugeordnet werden. Eine Aufschlüsselung nach dem Alter ergibt, dass das kriegerische Leben für die Frauen schon mit 16 Jahren begann und dass ein großer Teil der Kriegerinnen etwa um das dreißigste Lebensjahr gestorben war.