Freitag, 06.10.2006, 15:50 Uhr

Berndt Scheuser ging in seinem Büro auf und ab. Er fragte sich, wen er zur Mordkommission schicken konnte? Wen seiner Mitarbeiter könnte er im Notfall für mehrere Monate entbehren? Ihm war klar, dass an einem Freitag um diese Uhrzeit nur noch wenige Kollegen im Dienst waren. 


Berndt Scheuser leitete das für Ausländerkriminalität zuständige Kriminalkommissariat 34 beim Polizeipräsidium Köln. Neben den klassischen Delikten, wie illegale Einreise und illegaler Aufenthalt, wurden auf dieser Dienststelle auch schwerwiegendere Vergehens- und Verbrechenstatbestände bearbeitet. Hierzu gehörten insbesondere das Fälschen von Dokumenten und Geld sowie das Einschleusen von Ausländern. 

Soeben hatte ihn sein Kollege Arndt Siebert angerufen und um Unterstützung gebeten. Siebert war als Leiter des Kriminalkommissariats 11 für die Aufklärung von Mordfällen verantwortlich. Seine Ermittler bearbeiteten Tötungsdelikte, qualifizierte Körperverletzungsdelikte und führten Todesermittlungen durch. Der Anblick von Leichen gehörte zum Tagesgeschäft. Sobald ein Hausarzt bei einem verstorbenen Patienten nicht den natürlichen Tod bescheinigte, mussten die Beamten den Leichnam untersuchen. Sofern sich Hinweise – und sei es nur der kleinste Verdacht – auf ein Fremdeinwirken ergaben, wurden Mordkommissionen aus Beamten verschiedener Dienststellen unter Leitung eines Beamten des KK 11 gebildet.

Jeder Dienststellenleiter hatte mindestens einen Beamten in das so genannte Bereitschaftskader abzustellen, aus dem im Bedarfsfall angefordert wurde. Diesmal wurde das  Fachwissen von Bernd Scheusers Dienststelle benötigt – und ausgerechnet heute konnte er wegen einer längerfristigen Krankheit nicht auf seinen Kaderbeamten zurückgreifen. Er musste Ersatz finden und zwar jemanden, der über langjährige Berufserfahrung verfügte, um beim KK 11 gute Arbeit leisten zu können. 

Seine Entscheidung fiel ihm nicht schwer. Er würde Kid vorschlagen; der war für die Aufgabe geradezu prädestiniert. Seit sieben Jahren war er auf Scheusers Dienststelle und hatte sich zum Spezialisten für banden- und gewerbsmäßige Schleusungsdelikte entwickelt. Außerdem konnte Berndt Scheuser sich daran erinnern, dass Kid früher dem Bereitschaftskader angehörte und in Mordkommissionen einiges an Erfahrungen gesammelt hatte.

Kid hieß eigentlich André Moritz. Als er vor einigen Jahren während des Schießtrainings bei einer Hüftschussübung eine Trefferquote von 100 Prozent erreichte, erhielt er den Spitznamen Billy the Kid. 

Kid war 41 Jahre alt und wohnte mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in der Eifel. 

Berndt Scheuser wusste, dass Kid noch in seinem Büro saß, da er ihn vor einer Stunde noch gebeten hatte, den Wochenbericht der Bundespolizei auszuwerten.


Er betrat ohne anzuklopfen das Büro seines Mitarbeiters und fiel sofort mit der Tür ins Haus: 

„Hi Kid, du musst in einer aktuell eingerichteten Mordkommission mitarbeiten, die brauchen einen Spezialisten von unserer Dienststelle.“ 

„Kannste vergessen, Chef. Ich bin schon lange nicht mehr im Bereitschaftskader. Außerdem wollte ich gleich mit meinem Wohnmobil nach Holland an die Nordsee fahren, hatte ich dir doch gestern erzählt. Wir wollten wenigstens für ein paar Tage diesem verregneten Herbstwetter entkommen. Senna würde mir die Hölle heiß machen, die hat das Wohnmobil bestimmt schon bepackt.“ Kid war sichtlich verärgert.

„Chris ist im Kader und der ist noch länger krank. Ich wollte einen erfahrenen Sachbearbeiter schicken. Außerdem ist der Tatort in der Eifel, nicht weit von deinem Wohnort.“ Berndt Scheuser ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Entscheidung endgültig war. 

„Was für ein Tatort?  Worum geht es überhaupt?“ Kid war sichtlich angekratzt; in Gedanken hörte er schon Sennas Wutausbrüche und Beschimpfungen. 

„Sprich bitte direkt den Kollegen Siebert an, der erwartet dich schon und wird dich entsprechend einweisen.“ Damit war für Berndt Scheuser alles gesagt. Er ging wieder zurück zu seinem Büro.


Dieses Auftreten war typisch für Berndt Scheuser. Wenn er einmal eine Entscheidung getroffen hatte, ließen ihn private Planungen nicht umstimmen. Was hatte sich Kid gerade auf diesen Kurzurlaub gefreut! Radfahren, Strandspaziergänge, Relaxen – all diese Dinge liefen vor seinem geistigen Auge ab, als das Klingeln des Telefons ihn abrupt in die Realität zurückholte. Er sah seine eigene Festnetznummer auf dem Display und überlegte beim Abheben, wie er es ihr schonend beibringen könnte. 

„Hallo Schatz, ich wollte dich gerade…“ Weiter kam er nicht.

„Du bist noch im Büro? Denk dran, wir wollten spätestens um sechs fahren. Kannst du vorher noch Ketchup einkaufen? Die Grillwürste sind schon in der Kühltasche.“

Typisch Senna – ruft im Büro an und fragt, ob ich noch im Büro bin. Sind eigentlich alle Frauen so? Kid atmete noch mal tief ein, bevor er antwortete.

„Senna, es gibt da ein Problem…“  Wieder wurde er unterbrochen.

„Jetzt sag nur nicht, du kommst später! Ich hab keine Lust, erst um acht zu fahren.“

„Das Problem ist etwas größer. Ich wurde gerade eben in eine Mordkommission einberufen. Ich hab’ alles versucht, aber mein Chef sah keine Alternative zu mir.“

Kid erwartete ihre Reaktion, doch am anderen Ende der Leitung hörte man nur ein lautes Ein- und Ausatmen.

„Bist du noch dran, Schatz?“, fragte Kid und ärgerte sich im gleichen Moment, weil er jetzt selbst so eine blöde Frage gestellt hatte. Schließlich konnte er ihr Atmen deutlich hören.

Nach gefühlten fünf Minuten räusperte sie sich und erwiderte klagend:

„Kannst du dir eigentlich vorstellen, wie ich mich auf dieses Wochenende gefreut habe? Ich hab’ mich hier im Haushalt überschlagen, das Wohnmobil bepackt, den Wassertank befüllt, die Bettwäsche aufgezogen und du, du kommst mir jetzt wieder mit so einer beschissenen Mordkommission! Ich bin es langsam satt, dass ich immer die zweite Geige bei dir spiele. Lange mach ich das nicht mehr mit, weißt du!?“ 

Damit war das Gespräch beendet. Sie hatte ihn nicht noch mal zu Wort kommen lassen. 


Auf dem Weg zum KK 11, im gleichen Gebäude zwei Etagen höher, überschlugen sich Kids Gedanken. Senna war schon immer sehr impulsiv! Sie wird sich auch schnell wieder beruhigen. Mit ihren Gefühlsausbrüchen musste er leben. Auf der anderen Seite erlebte und genoss er ja auch die positiven Seiten ihrer leidenschaftlichen und manchmal ungestümen Art. Genau diese Frau liebte er und genau diese Frau hatte er geheiratet.

Aber daran durfte er jetzt nicht denken. Welchen Nutzen hatte er davon, dass der Tatort in der Nähe seines Wohnortes lag? Okay, er hatte gute Ortskenntnisse und kannte die Mentalität der Eifelbevölkerung, das könnte bei den Ermittlungen hilfreich sein. Aber seinen Dienst musste er schon wegen der täglichen Lagebesprechungen in Köln beginnen und daher hatte er noch nicht einmal einen kürzeren Anfahrtsweg. All dies ging ihm durch den Kopf, während er durch die Flure ging und entgegenkommenden Kollegen wehmütig ein schönes Wochenende wünschte. 


***


Arndt Siebert leitete seit zwölf Jahren das KK 11 in Köln und war in diesem Amt Vorgesetzter von allen in Köln laufenden Mordkommissionen. Kid hatte vor Jahren in einer von ihm geführten Mordkommission mitgearbeitet und wusste daher, dass Siebert immer viel Engagement erwartete. Im Gegenzug gewährte er den Kollegen aber sehr großzügig dienstfrei oder Urlaub, wenn es die Dienstgeschäfte irgendwie zuließen.


Arndt Siebert drückte sofort die Stopptaste an seinem Diktiergerät, als Kid durch die offen stehende Bürotür sein Zimmer betrat. Freudig ging er um seinen Schreibtisch und gab Kid die Hand.

„Hi Kid! Freut mich, dass sie dich geschickt haben. Du bist genau der richtige Fahnder für diese Mordkommission. Ist noch eine ziemlich undurchsichtige Sache. Hast du schon davon gehört?“, sagte Arndt in seinem typisch kumpelhaften Ton. 

„Ich weiß nur Tatort Eifel – sonst nichts!“ Kid wurde langsam neugierig.

„Heute Morgen rief mich der in Bonn für Tötungsdelikte zuständige Kommissariatsleiter an und teilte mir mit, dass sich in Kronenburg in der Eifel ein schwerer Verkehrsunfall ereignet hat. Ein Sattelzug sei von der Fahrbahn abgekommen und die Böschung zum Kronenburger See heruntergestürzt. Der Fahrer habe Fahrerflucht begangen. Bei der Verkehrsunfallaufnahme fanden die Streifenbeamten der Polizeiwache Schleiden im Laderaum des Sattelanhängers die Leiche eines jungen Mannes. Sowohl im Führerhaus der Sattelzugmaschine als auch im Laderaum des Trailers befanden sich jede Menge Blutspuren. Sofort informierten die Beamten die zuständigen Fachkommissariate in Euskirchen und als Kriminalhauptstelle eben auch dass KK 11 in Bonn. 

Na ja, lange Rede kurzer Sinn, die Bonner Kollegen arbeiten mit kompletter Mannschaft an dem Anschlag auf den Abgeordneten Mayer und somit sind wir im Rennen und zuständig für diesen Unfall mit Fahrerflucht. Du wohnst doch in der Eifel! Kennst du dich aus in Kronenburg und Schleiden?“

„Das ist fast bei mir um die Ecke, die Unfallstelle ist vielleicht zehn Minuten von meinem Haus entfernt. Gibt es Hinweise auf ein Tötungsdelikt? Warum wird überhaupt für einen Verkehrsunfall mit einem Toten und Fahrerflucht eine Mordkommission eingerichtet?“

Arndt ging in seinem Büro auf und ab, kratzte sich am Kinn und sagte nachdenklich: „Wir vermuten viel mehr dahinter. Der Sattelanhänger hat einen doppelten Boden. Über eine getarnte Klappe kommt man in einen mit Matratzen ausgelegten, circa 40 Zentimeter hohen Zwischenraum. Anhand der im Auflieger gesicherten Blutspuren ist davon auszugehen, dass mehrere Personen auf der Ladefläche transportiert wurden. Die Blutspuren sind bereits mit Kurier zum Landeskriminalamt nach Düsseldorf unterwegs. Vielleicht ist über die DNA eine Identifizierung der Verletzten möglich. 

Aber der Hammer kommt noch! Vor einer halben Stunde rief mich Kalle vom Tatort aus an. Kalle Jansen von meiner Dienststelle, ihr kennt euch doch? Er ist gemeinsam mit Sven Blodenberg vom Rauschgiftkommissariat und einem Team vom Erkennungsdienst zur Tatortaufnahme und Spurensicherung vor Ort. Kalle teilte mir mit, dass die Leiche Würgemale am Hals aufwies und er, vorbehaltlich einer gerichtsmedizinischen Untersuchung, davon ausgeht, dass nicht der Unfall, sondern Erwürgen zum Tode des Opfers führte.“

Kid war überrascht. Vermutlich befanden sich mehrere Personen auf der Ladefläche. Alles deutete auf eine klassische Schleusung von Illegalen hin. Aber warum wurde der junge Mann ermordet? Seit sieben Jahren bearbeitete Kid gewerbs- und bandenmäßige Schleusungsdelikte, aber dass ein Geschleuster ermordet wurde, hatte er noch nie erlebt.

„Wann war denn der Unfall genau? Gibt es Zeugen?“ 

Arndt machte es sich an seinem Schreibtisch bequem und begann zu erzählen:

„Der Unfall ereignete sich in der vergangenen Nacht um 03:30 Uhr, wie man dem Fahrtenschreiber entnehmen konnte. Zeugen konnten bisher nicht ermittelt werden. Der Sattelzug wurde gegen 06:00 Uhr von einem Berufspendler entdeckt, der auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle war. Er hat sofort über Notruf die Polizeiwache in Schleiden verständigt. Den Rest kennst du jetzt im Groben. Ich musste eure Dienststelle um Unterstützung ersuchen, da alles auf eine Schleusung hindeutet und wir in diesem Milieu auch ermitteln müssen. Ich habe neben dir noch zwei Beamte meiner Dienststelle und drei weitere Beamte anderer Dienststellen in diese Mordkommission beordert. Kalle und Sven machen gerade die Tatortarbeit, Judith Winckler vom Betrug ist Aktenführerin und Hubert Makele wird diese Kommission leiten. Ab Montag kommt Sarah Heimbüschen aus dem Urlaub, die wird euch dann ebenfalls unterstützen. Die kommt ursprünglich vom Kriminalkommissariat 57, das sich um jugendliche Intensivtäter kümmert. So, ich bring dich jetzt mal zu Makele, der müsste wieder zurück sein. Du kennst ihn ja, er raucht wie’n Schlot und hat ständig Rückenprobleme, ist aber nicht klein zu kriegen. Der würde auch noch mit einer Lungenentzündung zum Dienst kommen. Aber freitags geht er neuerdings nachmittags immer  zur Rückenschule ins Sportstudio Yilmaz gegenüber vom Präsidium.“


***


Natürlich kannte Kid Hubert Makele. Seit ihn vor Jahren ein Praktikant bei einer Dienstbesprechung versehentlich mit „Herr Makrele“ ansprach, wurde er nur noch Fisch genannt. Fisch war 47 Jahre alt und seit über zwei Jahrzehnten Todesermittler, wirklich ein alter Haudegen. Obwohl er die größte Erfahrung in seinem Kommissariat vorweisen konnte, war er von seiner Art eher humorvoll und besonnen. 

Um 16:20 Uhr betraten Kid und Arndt Siebert das Büro von Fisch. Dieser saß zurückgelehnt in seinem Bürostuhl, zog genüsslich an seiner Zigarette und telefonierte über Freisprecheinrichtung mit einem Chemiker vom Landeskriminalamt in Düsseldorf.

„Ich brauche die Ergebnisse bis morgen, Montag ist zu spät. Ich weiß, dass morgen Samstag ist. Mir ist auch klar, dass wir übermorgen Sonntag haben. Wenn Sie nicht in der Lage sind, am Wochenende zu arbeiten, müssen Sie ihre Reagenzgläschen in der freien Wirtschaft schütteln und nicht bei einer Polizeibehörde. Noch irgendwelche Fragen?“, sagte Fisch ruhig und emotionslos in Richtung Freisprechanlage.

Als Antwort hörte man nur noch „Ich werde sehen, was ich …“ Fisch legte den Hörer auf die Gabel und drehte sich schmunzelnd zu seinen Besuchern um.

„Na Kid, hast du auch ein Freizeitproblem und willst lieber mit mir Dienst machen?“ 

„Du weißt doch, ich hasse freie Wochenenden. Freizeit mit der Familie, Ausflüge und Ausschlafen werden eh überwertet.“

Arndt Siebert mischte sich ein. „Ich habe leider nicht viel Zeit und muss deshalb euren Smalltalk unterbrechen. Kid wurde vom KK 34 geschickt, er wird dich als Kommissionsleiter vertreten. Ich habe ihn schon in die Lage eingewiesen. Gibt es was Neues seit den letzten zwei Stunden?“

„Nee, ich komme ja gerade erst von der Rückenschule und habe erstmal dem Chemiker vom Landeskriminalamt den Marsch geblasen. Kalle und Sven sind mit der Tatortarbeit fertig und werden gleich zurück sein.“ 

„Okay, dann lasse ich euch jetzt allein. Ich bin bestimmt noch zwei Stunden in meinem Büro. Informiert mich, wenn sich was ergeben hat.“ 

Arndt war gerade aus der Tür, da kam Judith Winkler herein und legte Fisch einen Stapel Papiere hin. Anschließend begrüßte sie kurz Kid und verschwand wieder. 


Judith war 29 Jahre alt und stellte an sich und ihre Mitarbeiter hohe Ansprüche. Speziell wenn es um ihre Akten ging, war sie eine Erbsenzählerin; Vermerke mit Grammatik- oder kleinsten Kommafehlern gab sie an Kollegen zurück, mit der Bitte, die Fehler zu korrigieren. Mit dieser Art schaffte sie sich natürlich keine Freunde unter den Kollegen. Man akzeptierte sie, ging ihr aber auch gerne aus dem Weg. Fisch schätze sie aber als gute und ausgesprochen fleißige Aktenführerin. 

Judith lebte schon seit vielen Jahren mit einer Frau zusammen.


„Hat es uns nach all den Jahren mal wieder zusammengeführt! Ich freue mich schon auf unsere Zusammenarbeit“ sagte Fisch zu Kid, nachdem sie nun alleine im Büro waren. 

 „Meine Freude hält sich noch in Grenzen, ich wäre jetzt eigentlich auf dem Weg nach Holland. Senna ist stinksauer.“

„Die beruhigt sich schon wieder. Meine Frau sieht mich oft die ganze Woche nicht! Wir wären wahrscheinlich schon lange getrennt, wenn wir uns täglich sehen würden. So, jetzt trinken wir erstmal einen Kaffee, quatschen was und warten auf die Kollegen vom Tatort.“

„Apropos Kollegen, wer ist eigentlich diese Sarah Heimbüschen?“  

„Sarah ist Ende zwanzig, hübsch und unheimlich sympathisch.  Eine richtige Frohnatur, hat fast wöchentlich eine andere Frisur. Sie ist erst seit zwei Jahren mit ihrem Studium fertig und daher noch relativ unerfahren. Aber sie ist intelligent und begreift schnell. In der letzten Mordkommission habe ich auch schon mit ihr zusammengearbeitet.“


***


Senna war sauer. Am liebsten hätte sie das Telefon an die Wand geknallt. Sie hatte sich so beeilt  – und wofür? In diesem Moment hasste sie die unvorhersehbaren Dienstzeiten ihres Ehemannes. Es war ihr auch kein Trost, dass sie nur aufgrund seiner vielen Überstunden überhaupt mehrmals im Jahr mit dem Wohnmobil wegfahren konnten.  

Kid hätte sich heute Abend nur ins Wohnmobil setzen und abfahren müssen. Lebensmittel, Kleidung usw. – alles wäre gepackt gewesen! Sie lief aufgewühlt von einer in die andere Ecke  des Wohnzimmers und überlegte, ob sie das Wohnmobil sofort wieder ausräumen sollte, entschied sich dann aber dagegen und legte sich trotzig auf die Couch. Soll er doch das Wohnmobil ausräumen!


***


Um 17:30 Uhr kamen Kalle und Sven vom Tatort zurück. Fisch beorderte die Kommissionsmitglieder in den Konferenzraum und bat Kalle, die Erkenntnisse vom Tatort vorzutragen. Analog zu Kalles Vortrag zeigte Sven per Powerpointpräsentation die vom Tatort gefertigten Fotos. 

„Ihr seid ja alle in die Lage eingewiesen, ich muss also nicht weit ausholen. Der Verkehrsunfall ereignete sich heute Morgen gegen 03.30 Uhr auf der Bundesstraße 421 in Höhe des Kronenburger Sees im Naturpark Nordeifel. Ein Sattelzug mit spanischen Kennzeichen befuhr die Bundesstraße aus Hallschlag kommend in Richtung Stadtkyll. Es handelte sich eindeutig um einen Wildunfall. Das verendete Reh wurde auf Veranlassung der Schleidener Verkehrspolizisten vor Eintreffen der Mordkommission vom Jagdaufseher abtransportiert.“

Auf einer Leinwand sah man eine circa 20 Meter lange Bremsspur, an deren Ende sich eine Blutlache befand.

„Nach Angaben der Unfallsachverständigen fuhr der Sattelzug mit einer Geschwindigkeit von 53 km/h in eine leichte Linkskurve, als der Fahrer wegen dem plötzlich vor ihm auftauchenden Reh eine Vollbremsung vollzog. Der Bremsweg reichte bei weitem nicht aus und so kam es zu dem Zusammenstoß. Gleichzeitig geriet das 30 t schwere Kraftfahrzeug ins Schlingern und rutschte auf der regennassen Straße über den unbefestigten Seitenstreifen die Böschung rechts herunter. Durch den starken Baum- und Buschbewuchs im Uferbereich kam der Sattelzug nach 20 Metern auf der Beifahrerseite zum Liegen. Auf den Bildern hier sieht man das Fahrzeug auf dem Abhang einer Böschung liegen. Leider kann man nicht so gut erkennen, wie steil die Böschung zum See abfällt. Im Führerhaus der Zugmaschine müssen zwei Personen gewesen sein. Entsprechende Finger- und Blutspuren konnte der Erkennungsdienst am Lenker, an den Türgriffen und an den Scheiben sichern. Die Personen im Führerhaus müssten über die Fahrertüre ausgestiegen sein. Die Blutmenge im Inneren des Sattelanhängers und verschiedene Fingerspuren lassen den Schluss zu, dass sich dort mehrere Personen verletzt haben.“

Sven zeigte Detaillaufnahmen der Blutspuren.

„Bei unserer am Unfallort durchgeführten Leichenschau haben wir nur leichte äußere Verletzungen an den Armen und Beinen festgestellt, die auf keinen Fall zum Tod hätten führen können. Die deutlich ausgeprägten Totenflecke waren noch wegdrückbar und die Druckstellen verfärbten sich weiß, der Todeszeitpunkt konnte also nur wenige Stunden zurückliegen. Der Notarzt schätzte den Todeszeitpunkt auf 03:00 bis 04:00 Uhr, also ungefähr zum Unfallzeitpunkt.

Am Hals des Toten konnten wir eindeutige Würgemale entdecken und auch einen Bruch im Kehlkopf ertasten. Alles deutet auf einen gewaltsamen Tod durch Erwürgen hin. Ein genaues, gerichtsverwertbares Ergebnis wird natürlich erst nach Obduktion des Leichnams vorliegen.“

Auf der Leinwand sah man eine auf dem Rücken liegende männliche Leiche in einer großen Blutlache. Die Unterschenkel und Füße baumelten über die Ladefläche hinaus, außerhalb der geöffneten rechten Hecktür. Die linke, nunmehr obere Hecktür war geschlossen. Auf einer Nahaufnahme vom Hals des Toten waren eindeutig Würgemerkmale zu sehen. Sonstige Verletzungen waren auf diesem und den weiteren Bildern der Leiche nicht zu erkennen. 

„Die Fingerabdrücke von der Leiche wurden beim Erkennungsdienst schon ausgewertet. Bei der Leiche handelt es sich um


Heinz-Peter Basterowski
geboren 29.12.1971 in Hamburg
ohne festen Wohnsitz.


In den Fahndungssystemen der Polizei war Basterowski in der Vergangenheit aufgrund diverser Vergehen, unter anderem Eigentumsdelikte, Körperverletzungen und Betäubungsmittel-Verstößen, kriminalpolizeilich vermerkt. Letztmalig wurde er vor vier Jahren wegen Besitz von 20 Gramm Amphetaminen und 10 Ecstasy-Tabletten in Köln erkennungsdienstlich behandelt. Daher konnte er auch so schnell identifiziert werden. Kommen wir jetzt zu dem Schlupfwinkel im Boden des Hängers, in dem vermutlich Personen versteckt wurden.“

Sven zeigte jetzt Aufnahmen vom Boden des Sattelanhängers. Überall befanden sich gleichlange Planken, nur in der hintersten Ecke auf der Fahrerseite waren die Plankenstücke kürzer. Auf dem nächsten Bild wurde deutlich, dass sich hier eine gut getarnte Luke befand. Die Luke war circa 50 mal 50 Zentimeter groß und in ihrer Mitte  ein versenkter Griff.

Auf weiteren Fotos sah man durch die geöffnete Luke einen darunter liegenden, mit dünnen Matratzen ausgelegten Hohlraum, circa 40 Zentimeter hoch. 

 „Ich denke, die Fotos sprechen für sich. Hier wurden Menschen transportiert.“ 

Kid nickte zustimmend und warf zynisch ein: „Der Fachmann spricht von Schleusen.“

„Was sagt der Fachmann denn zu dem Bowiemesser auf dem nächsten Foto?“, konterte Kalle.

Das nächste Foto war vom Erdboden aus aufgenommen und zwar unterhalb der baumelnden Füße des Toten. Am oberen Bildrand sah man die Füße, am unteren Rand lag in einem Gestrüpp ein Bowiemesser.

„Sorry Kalle, das sollte nicht so arrogant rüberkommen.“

„Entschuldigung angenommen. Ich weiß von einem Bowiemesser auch nur soviel: Es kann aufgrund seiner Form und Bauweise sowohl als Arbeitsmesser als auch als Kampfmesser eingesetzt werden. Das müssen in diesem Fall die weiteren Ermittlungen ergeben. Auf den nächsten Bildern sehen wir Gegenstände, die für das Verfahren von Bedeutung sind oder werden könnten.“

Es folgten Aufnahmen aus der unmittelbaren Umgebung des Sattelzuges. Abgebildet waren zwei Zigarettenkippen, ein Einwegfeuerzeug, ein Taschentuch, ein Nokia-Handy, ein 100-Euro-Schein und zahlreiche Fußspuren auf weichem Untergrund. 


Fisch ergriff als erster wieder das Wort: 

„Danke, es reicht mir, wenn ich einen ausführlichen Tatortbefundbericht bis Montag, sagen wir Dienstagvormittag bekomme. Judith, da sich deine Arbeit mit der Aktenführung noch in Grenzen hält, bitte ich dich, die Obduktion der Leiche zu veranlassen. Kid, kümmerst du dich bitte um die Auswertung des sichergestellten Nokia-Handys und den richterlichen Beschluss für die Verbindungsdaten? Ich versuche, den Halter in Spanien zu ermitteln. Irgendwelche Fragen oder Unklarheiten?“

Allgemeines Kopfschütteln.


***


Sennas Gemütsverfassung war wieder auf einem normalen Level. Sie war sich durchaus ihrer impulsiven Art bewusst und konnte nun nach einem zweistündigen Schlaf ruhiger über die Sache denken. Kid machte wirklich viele Überstunden im Jahr, aber genau diese nutzten sie für ihre vielen Reisen. Ihre Freundinnen beneideten sie darum. Trotzdem hätte er früher anrufen können! Wahrscheinlich hätte sie es noch später erfahren, wenn sie nicht selbst bei ihm angerufen hätte. Senna schmiedete einen Plan, wie sie es ihm heimzahlen würde.


Gegen 23:00 Uhr kam Kid nach Hause. Um diese Zeit waren die beiden Söhne, 16 und 18 Jahre alt, immer in irgendwelchen Eifeler Hardrockschuppen. Senna hätte aber eigentlich zuhause sein sollen. Er wunderte sich, weil er auf der Rückfahrt mehrfach vergeblich versucht hatte, sie zu erreichen. Er betrat das Haus, schaltete die Beleuchtung ein und rief vorsichtig “Hallo?“.  Nichts. Er ging in die Küche. Auf dem Tisch lag eine Nachricht. Wahrscheinlich ist sie bei einer Freundin oder Nachbarin, nur um mich zu ärgern. Das würde ihr zu Gesicht stehen! Ich soll mir nur unnötig Sorgen machen. Dann las Kid die Zeilen.


Hallo Schatz,
ich bin jetzt mit den Kindern mit dem Wohnmobil nach Holland gefahren. Lass es dir gut gehen!
Der Kühlschrank ist übrigens leer, du kannst ja in Köln frühstücken und Mittag essen.

Küsschen, Senna


Diesmal flippte er aus. „Verdammte Scheiße!“, schrie er aus Frust heraus. „Lässt die blöde Zicke mich hier alleine zurück und sagt kein Wort!“

„Blöde Zicke nennst du mich?“ Senna kam in die Küche geschlichen und konnte ihre Schadenfreude nicht verbergen, als Kid sich total erschrocken zu ihr herumdrehte.

„Ich bin extra nicht ans Telefon gegangen. Ich finde, du hast diesen Schreck verdient. Warum hast du mich nicht früher angerufen?“

Kid brauchte eine kurze Pause, um sich zu fassen.

„Ich habe das wirklich unmittelbar vorher erfahren und musste meine Gedanken selbst erstmal neu sortieren. Du weißt, wie gerne ich gefahren wäre. Wie kannst du mich so erschrecken? Ich hätte tot umfallen können!“

„Wie kannst du mich blöde Zicke nennen?“

„Weil du eine bist und…“ Weiter kam er nicht. Sie lief ihm mit drohenden Fäusten hinterher.

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Andreas Schnurbusch

Schleusermord

Mordkommission Köln

Edition Lempertz

 







Impressum



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© 2012 Mathias Lempertz GmbH

Text: Andreas Schnurbusch

Titelbild, Umschlaggestaltung, Satz und Layout: Ralph Handmann
Lektorat: Philipp Gierenstein, Laura Liebeskind

ISBN: 978-3-939284-92-5

Vorwort

Die Geschichte und die Namen der handelnden Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen sind rein zufällig (sorry Trixi, Fisch und People). Die Begebenheiten und Abläufe in der Geschichte haben sich so oder so ähnlich zugetragen. Einige Schauplätze der Geschichte, zum Beispiel die katalonische Kleinstadt El Paso, sind fiktiv. 

Die kriminalpolizeiliche Arbeit der Mordkommission orientiert sich an der Wirklichkeit. Um die Spannung aufrecht zu halten, wurde jedoch auf einige Ermittlungsschritte der tatsächlichen Praxis verzichtet (ein Kriminalbeamter verbringt nämlich die meiste Zeit mit dem Schreiben von Vermerken). 

Fehler im Buch stammen von mir und dürfen großzügig überlesen werden.

Prolog

Sechs Menschen hasteten durch den Wald. Der Boden war noch feucht und rutschig von den Regenschauern der letzten Stunden. Die dünne Wolkendecke und die dichten Baumkronen ließen das Mondlicht kaum bis zu den Personen durch. Der Antreiber dieser kleinen Gruppe hielt die kleine zierliche Frau an seiner Hand und zog sie hinter sich her. Vier weitere Männer folgten ihnen dicht hintereinander. 

Er lief immer nachts diesen Weg und kannte jeden Baum und jeden Ast auf dieser Strecke durch den Wald. Seine Begleiter vertrauten ihm blindlings, sie hatten aber auch keine andere Wahl.

„Schneller, schneller, beeilt euch! Wir haben keine Zeit!“, rief er immer wieder. Obwohl sie seine Worte nicht verstehen konnten, spürten sie, was er meinte, und beeilten sich. Das letzte Stück wurde immer steiler und sie rutschten unkontrolliert auf dem Hosenboden den Abhang hinunter. Hin und wieder hielten sie sich an Wurzeln und herabhängenden Ästen fest, um die Geschwindigkeit zu drosseln. 

Am Ende des Gefälles durchdrangen sie dichtes Buschwerk und verließen den Wald. Vor ihnen stand der Sattelzug auf dem Parkplatz. Ein kräftiger, großer Mann lehnte an der geöffneten Hecktür und winkte ihnen hektisch zu. Sie stiegen in den Auflieger und nachdem der Mann eine Klappe im Boden geöffnet hatte, zwängten sie sich ohne ihren Anführer in das enge Versteck.


„Das ist meine letzte Fahrt, ich bleibe in Spanien.“

„Erzähl nicht so eine Scheiße, du kannst nicht einfach so aussteigen!“

„Doch, ich kann! Ich habe mich entschieden.“

„Du willst mich verarschen! Sag, dass du mich verarschen willst!“

„Nein, ich meine es ernst. Ich will ein neues Leben anfangen, vielleicht heiraten…“

Dem Fahrer stieg die Zornesröte ins Gesicht, als er sich zu seinem Beifahrer umdrehte und ihm ins Wort fiel:

„Hör mir mal zu, du kleiner…“  Weiter kam er nicht. Sein Begleiter schrie plötzlich laut auf und der Fahrer wandte seinen Blick wieder nach vorne. 

Er sah das Tier mitten auf der Fahrbahn und, obwohl er sofort das Bremspedal voll durchtrat, konnte er den Zusammenstoß nicht mehr vermeiden. Der Sattelschlepper geriet ins Schleudern und mit hektischen Lenkmanövern versuchte der Fahrer, wieder Kontrolle über sein Fahrzeug zu bekommen. Doch die Straße war eng und kurvig und das schwere Gefährt geriet auf den unbefestigten Seitenstreifen. In einer Linkskurve rutschte der Auflieger in die Böschung, so dass die Reifen auf der rechten Seite keinen Bodenkontakt mehr hatten. Jetzt hatte der Fahrer keine Chance mehr, das Gewicht des Aufliegers zog die Fahrerkabine mit in den Abhang. Gebremst durch die Bäume, kam der Sattelzug schließlich auf der Seite zum Liegen.


Geschockt, aber nur leicht verletzt, kletterten die beiden Männer auf der Fahrerseite aus dem Führerhaus. Der Beifahrer lief sofort zum Heck, öffnete die Tür, half den verängstigten und verletzten Personen aus dem Auflieger und wies sie wild mit den Händen gestikulierend an, wieder zurück in den Wald zu laufen. Es musste jetzt alles sehr schnell gehen – diese Menschen durften nicht gesehen werden.

Die Gruppe war gerade außer Sichtweite, als der Fahrer ebenfalls zum Heck kam und seinem Beifahrer schwere Vorwürfe machte.

Das laute Wortgefecht, welches sich nun entwickelte, fand ein jähes Ende, nachdem der Beifahrer sein Gegenüber als armseligen Zuhälter beschimpfte. In diesem Moment rastete der Fahrer völlig aus. Mit seinen kräftigen Pranken umfasste er den Hals seines Gesprächspartners, schüttelte ihn wutentbrannt und drückte gleichzeitig auf den Kehlkopf. 

Dem Beifahrer schwanden die Sinne. Mit letzter Kraft versuchte er noch, sein Messer aus der Gürteltasche zu ziehen, doch er hatte keine Chance mehr. Das letzte Bild vor seinem geistigen Auge war diese wunderschöne Thailänderin, die er eben noch mit den anderen zurück in den Wald geschickt hatte.





Es war einmal, schon lang ist’s her,
da war so wenig so viel mehr.

unbekannter Autor


Samstag / Sonntag,  07./08.10.2006

Das Wochenende verging wie im Fluge, ohne das die Ermittler wirklich einen Schritt voran kamen. Kalle und Sven arbeiteten bis Sonntagabend an dem vorläufigen Tatortbefundbericht und der Bildmappe. Zu diesem Bericht war später noch der subjektive Tatortbefund  – die Aussagen möglicher Tatzeugen –  hinzuzufügen.

Judith hatte die Akten auf Stand gebracht und den ganzen Schriftkram für die Obduktionsanordnung erledigt.

Ein Fingerabdruck am Griff der Beifahrertür stammte von dem getöteten Heinz-Peter Basterowski, er war offensichtlich Beifahrer in der Zugmaschine. Auf der Fahrerseite konnten nur fragmentarische Abdrücke gesichert werden. Die anderen gesicherten Fingerabdrücke im Führerhaus der Zugmaschine und im Auflieger waren in den Datenbanken beim BKA nicht erfasst.


***


Kid kam Sonntagabend gegen 20:00 Uhr völlig erschöpft und müde nach Hause.

„Musst du künftig jedes Wochenende arbeiten?“, fragte Senna und stellte ihm mürrisch das aufgewärmte Essen auf den Tisch. Sie konnte ihre Enttäuschung nicht für sich behalten. Ausgerechnet an diesem Wochenende, wo sie eigentlich in Holland sein wollten, war das schönste Wetter. 

„Warum bist du so bockig? Ich muss bei der Kripo halt auch hin und wieder am Wochenende arbeiten. Außerdem ist es bei Mordermittlungen besonders wichtig, am Anfang soviel Informationen wie möglich zu sammeln und zu bewerten.“

„Und, habt ihr den Mörder?“

„Nein, wir stehen noch am Anfang unserer Ermittlungen.“

 „Dann wird das dieses Jahr wohl nix mehr mit dem Wohnmobil. Im November und Dezember brauchen wir nicht fahren, da werden wir nicht mehr so schönes Wetter haben.“ 

„Ach, deswegen bist du so schlecht drauf. Warte doch erstmal ab, ich kann doch noch nicht sagen, was nächste Woche ist. So, ich möchte jetzt in Ruhe essen, ich hatte einen anstrengenden Tag.“  

„Ich hatte auch einen anstrengenden Tag“ erwiderte Senna gereizt und ging trotzig ins Wohnzimmer. 

Montag, 09.10.2006

Kid begann wie gewöhnlich um 06:30 Uhr seinen Dienst. Als er in sein neues Büro kam, saß Fisch schon an seinem Schreibtisch vor dem sperrangelweit  geöffneten Fenster. Im Zimmer kämpfte die frische Luft verzweifelt gegen den Zigarettendunst, hatte aber gegen den Kettenraucher Fisch nicht den Hauch einer Chance.

„Morgen Fisch, du altes Räucherstäbchen!“, begrüßte Kid seinen MK-Leiter. „Wolltest du nicht mit dem Rauchen aufhören?“

„Mich kotzt diese Qualmerei selbst an, aber ich bin absolut abhängig von den Glimmstängeln. Wenn ich 30 Minuten keine geraucht habe, bekomme ich das Zittern und kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich hab’ es schon mal mit diesen blöden Pflastern und Kaugummis versucht – alles sinnlos! Nach dieser Kommission werde ich aber noch mal versuchen, aufzuhören.“

„Da hilft nur äußerste Disziplin und der Wille, den inneren Schweinehund zu überwinden. Ich habe ja selbst jahrelang stark geraucht. Wenn du es Ernst meinst, kann ich dir ein paar Tipps geben.“ 

Ich brauche deine Tipps nicht, dachte Fisch. Er nahm sich fest vor, das Ende der Kommission  als Nichtraucher  zu verkünden.


Bis 07:30 Uhr waren alle Kommissionsmitglieder eingetroffen und versammelten sich zur Besprechung im Konferenzraum. Sarah Heimbüschen kam als Letzte. Als sie den Raum betrat, dachte man unweigerlich an Pippi Langstrumpf. Sie hatte ihre blonden langen Haare zu zwei Zöpfen gebunden, strahlte wie ein Honigkuchenpferd und begrüßte jeden persönlich mit Handschlag. 

Fisch gab noch mal einen kompletten Überblick über den Stand der bisherigen Ermittlungen, damit Sarah direkt einsteigen konnte. Anschließend verteilte er die aktuellen Aufgaben. 

„Kid und Kalle, ihr fahrt noch mal zum Tatort, vielleicht fällt euch noch irgendwas auf. Kid war ja noch nicht dort. Anschließend fahrt ihr zur Polizeiwache in Schleiden und sprecht mit den Kollegen, die zuerst am Unfallort waren, und mit den Unfallsachverständigen. 

Sven, heute um 10:00 Uhr wird die Leiche obduziert. Du fährst zur Gerichtsmedizin und schreibst einen Bericht dazu. 

Judith, du nimmst bitte Kontakt zu den Kollegen vom Erkennungsdienst auf. Wir brauchen noch deren Auswertungsberichte für die Akten.

Sarah, du wertest die Kriminalakte von  Heinz-Peter Basterowski aus. 

Ich werde mich nochmals um die Halterfeststellung in Spanien kümmern. Habt ihr noch irgendwelche Fragen?“

Die Frage war rhetorisch, denn er erwartete keine Antwort und wünschte auch keine. Fisch wollte den Konferenzraum schnell verlassen, um sich in seinem Büro eine Kippe anstecken zu können. 


***


Kid nahm sich einen Dienstwagen und fuhr mit seinem Kollegen in Richtung Kronenburg. Je näher sie zum Tatort kamen, umso spärlicher war die Besiedlung und umso dichter wurden die Laub- und Nadelwälder. Kid fuhr extra einen kleinen Umweg, um Kalle über Landstraßen zum Kronenburger See zu führen. Er schwärmte lautstark von der tollen Natur und der himmlischen Ruhe, als Kalle genervt fragte: „Ey, Kid, wen interessiert das?“

Kid war enttäuscht, dass sein Vortrag über die Schönheiten der Eifel nicht auf große Begeisterung stieß. Aber was hätte er von Kalle auch erwarten sollen? Kalle war ein typischer Großstadtmensch, in Köln geboren und ohne Pläne, von dort jemals wegzuziehen. Trotz seiner 35 Jahre war er überzeugter Single. Mit seinem durchtrainierten, muskulösen Körper und seinem trendigen Kurzhaarschnitt wirkte er auf Frauen besonders sexy. Er prahlte gerne mit seinen One-Night-Stands und in seinem Dienstkalender waren immer wieder diverse Frauennamen zu bestimmten Uhrzeiten für entsprechende Dates vermerkt. 

 „Und in dieser Wildnis wohnst du also?“, fragte er Kid jetzt.

„Ja, im Kreis Hellenthal. Du musst mich mal besuchen kommen.“


Kid sah Bremsspur sowie Blutlache auf der Fahrbahn und wusste, hier genau an dieser Stelle hatte sich der Unfall ereignet. Am Abhang zum See sah man die stark beschädigte Uferbepflanzung; kleinere Bäume waren durch den Sattelzug regelrecht umgeknickt worden. Leitplanken gab es an diesem unbefestigten Fahrbandrand nicht.

Kalle erklärte Kid die genaue Lage des Sattelschleppers am Ende der Spuren, die der Lastkran beim Herausziehen des großen Fahrzeugs aus der Böschung hinterlassen hatte.

Kid ging am Fahrbahnrand in Höhe der Bremsspur auf und ab und rief sich die Tatortfotos noch mal ins Gedächtnis. Der Sattelzug fuhr also aus Hallschlag kommend hier entlang in Richtung Stadtkyll. Er fuhr 53 km/h, aber warum kam er zum Schlingern? Der Aufprall eines Rehs bedeutet für ein 30 Tonnen-Fahrzeug nicht mehr, als wenn eine Mücke auf einen Motorradhelm klatscht. Okay, die Fahrbahn war nass und durch die Vollbremsung ließe sich das Schlingern erklären. Aber ein geübter LKW-Fahrer hätte das Gefährt unter Kontrolle bringen müssen. Vielleicht waren die Reifen abgefahren? Diesen Punkt muss ich unbedingt mit den Unfallsachverständigen abklären. 

Er ging dann den Abhang ein Stück hinunter. Kalle zeigte ihm die Stellen, an denen das Handy, das Messer und die Zigarettenkippen gefunden wurden. Messer und Kippen hatten in einem Umkreis von einem Meter am Ende des Sattelzuges, das Handy in Höhe der Zugmaschine gelegen. Kid ging den Unfall in Gedanken durch. Der Sattelzug geriet ins Schleudern und rutschte dann den Abhang hinunter. Nach wenigen Metern blieb das Fahrzeug auf der Seite liegen. Die Blutspuren deuten darauf hin, dass sich Fahrer und Beifahrer bei dem Unfall verletzt hatten. Sie stiegen dann über die Beifahrertüre aus, wobei einer sein Handy verlor. So könnte es gewesen sein.. 

Anhand der Fußspuren konnte man erkennen, dass zwei Personen vom Führerhaus zum Ende des Sattelaufliegers gegangen waren. Was passierte dann? Der Tote war der Beifahrer und als deutscher Staatsangehöriger sollte er mit Sicherheit nicht geschleust werden. Waren zum Zeitpunkt des Mordes überhaupt Geschleuste auf dem Anhänger? Warum durchwühlte der Mörder die Taschen des Toten, ließ aber das Bowie-Messer am Tatort liegen? Viele Fragen, da haben wir noch viel Arbeit.


Kalle hatte sich wohl ähnliche Gedanken gemacht: „Ich gehe davon aus, der Tote wurde vom Fahrer ermordet. Möglicherweise hatten sie sich über die Ladung gestritten, die nach dem Unfall vor Eintreffen der Polizei geborgen werden musste. Vielleicht war das kein Versteck für Geschleuste, sondern für Hehlerware oder Drogen. Der Tote hatte doch mal mit Drogen zu tun. Genau, das waren Drogenkuriere und der Fahrer war bekifft oder hatte sich zuvor ’ne Nase gezogen. Deswegen hat er das Reh zu spät bemerkt und erst im letzten Moment auf die Bremse getreten. Als sie dann das Rauschgift bergen wollten, kam es zum Streit. Kann doch sein – oder?“

„Glaub’ ich nicht. Das war eindeutig ein Schleuserversteck, denk an die Matratzen. Aber  warum befand sich soviel Blut auf dem Anhänger?“

„Das Blut in der großen Lache kann nur von diesem Heinz Peter Basterowski stammen.“

„Alles Spekulation. Lass uns mal zum Campingplatz auf der anderen Seite des Sees fahren, eventuell hat der Besitzer was beobachtet.“ 


Der Platz war aufgrund des überraschend warmen Wetters Mitte Oktober noch gut besucht. Ungefähr 50 Wohnwagen, überwiegend von Dauercampern, standen auf dem Areal. 

Der Besitzer, ein kräftig gebauter Mann um die fünfzig, hatte einen starken bayrischen Akzent. Natürlich wusste er von dem Unfall; die Geschichte stand ja in allen Zeitungen und war Gesprächsthema Nummer eins. Er habe sich schon immer über den Schwerlastverkehr am Kronenburger See beschwert, schließlich sei das hier ein Erholungsgebiet, ereiferte er sich. In der letzten Woche habe er mindestens zwei dieser dicken Brummer gesehen. Im Übrigen gingen auch hin und wieder asiatisch aussehende Typen um den See spazieren, das sei ihm schon immer suspekt gewesen. Erst gestern habe er zwei Chinesen oder Japaner am See gesehen. Die Frage, ob es auch Inder, Thailänder, Koreaner oder Vietnamesen gewesen sein könnten, bejahte er. Schließlich würden die Asiaten doch alle gleich aussehen.

Kalle, der nicht im Blickfeld des Besitzers stand, verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. 

Im weiteren Verlauf der Unterhaltung mutmaßte der Bayer, mit Sicherheit steckten die Mafia oder Terroristen hinter dem Mord. Die Beamten sollten auf jeden Fall an einen Auftragsmord denken. 

Als Kid und Kalle sich verabschiedeten, hinterließen sie einen sichtlich zufriedenen Bürger, der glaubte, der Polizei den entscheidenden Tipp in einem Mordfall gegeben zu haben.


Kaum war die Tür des Dienstwagens geschlossen, sagte Kalle: „Mafia, Terroristen, Auftragsmord - ich glaube, der hat einen Krimi zuviel gesehen. Der hat doch bestimmt zehn Minuten ununterbrochen nur Unsinn erzählt. Warum bist du nicht vorher dazwischen gefahren?“

„Erstens wohne ich in der Nähe und laufe diesem Bayern bestimmt noch mal über den Weg und zweitens musst du lernen, zwischen den Zeilen zu hören. Einige Informationen haben wir doch bekommen.“

„Welche Informationen waren denn für uns interessant? Auf dem Platz sind 45 Dauercamper, für die er die Hand ins Feuer legen würde. Ansonsten hat der doch nur rumgesponnen. Der hielt doch fast jeden Ausländer für einen Kriminellen.“ 

„Wir wissen jetzt, nur wenige LKW benutzen die Landstraße, weil er ja nur zwei in einer Woche wahrgenommen hat. Das erhöht unsere Chance, im Rahmen von Fahndungsplakaten Hinweise aus der Bevölkerung zu bekommen. So ein Sattelzug ist bestimmt irgendeinem aufgefallen. Zudem glaube ich ihm, dass er asiatisch aussehende Personen am See gesehen hat. Warum sollte er das erfinden? Das ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, aber ich komme aus der Gegend und sehe hier gelegentlich Osteuropäer, auch den einen oder anderen Südländer aus der Mittelmeerregion, aber auf Asiaten treffe ich hier selten. Die findet man als Touristen in Köln, die wollen den Kölner Dom sehen. Ich denke, diese Information könnte für die Ermittlungen von Bedeutung werden.“


Kid und Kalle hatten Glück, dass die Polizeibeamten, die den Unfall aufgenommen hatten, heute auch im Dienst waren. Das Gespräch mit den beiden Kollegen brachte aber keine neuen Erkenntnisse. Bisher hatten sich keine Zeugen zu dem Unfall gemeldet. Der Unfallmelder wurde am Samstag noch vernommen, ihm war jedoch am Freitagmorgen bezüglich des Unfalls weiter nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Er war sich sicher, keine Fußgänger gesehen zu haben. An andere Fahrzeuge konnte er sich auch nicht erinnern.

Anschließend gingen die beiden Mordermittler zu den Verkehrssachverständigen. Hier hörten sie sich viele technische Details an, erfuhren aber nur wenige interessante Neuigkeiten. Es war definitiv kein anderes Fahrzeug an dem Unfall beteiligt. Aufgrund der Auswertung der Tachoscheibe in Verbindung mit der Überprüfung der Tachojustierung musste die Geschwindigkeitsangabe zum Zeitpunkt des Unfalles korrigiert werden. Demnach war der Sattelzug mit einer Geschwindigkeit von 49 km/h gefahren. Zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes mit dem Reh betrug die Geschwindigkeit nur noch 32 km/h.

Kid fragte nach dem Reifenzustand und ein Sachverständiger las aus seinen Unterlagen ab, dass alle Reifen eine Profiltiefe von mindestens sieben Millimetern aufwiesen.

Beide Sachverständige waren sich einig, dass der Sattelzug auf der Fahrbahn zum Stehen hätte kommen müssen. Demnach musste auf jeden Fall letztendlich ein Fahrfehler für das Abrutschen auf den Hang verantwortlich gewesen sein.


***


Als sie beim KK 11 ankamen, ließ Fisch alle Kommissionsmitglieder im Konferenzraum zusammenkommen.

„So, lasst uns mal die Fakten zusammentragen, damit wir Feierabend machen können. Der Beschluss über die Verpflichtung zur Herausgabe der rückwirkenden Verbindungsdaten ist an den Netzbetreiber des Nokia-Handys übermittelt worden. Ich habe in der Sache zahlreiche Telefonate geführt, aber die Daten können uns frühestens nächste Woche zur Verfügung gestellt werden. 

Weiter habe ich herausbekommen, dass als Halter des Sattelzugs eine Spedition in der Nähe von Barcelona angegeben ist. Über den BKA-Verbindungsbeamten habe ich die spanischen Kollegen vor Ort den Laden überprüfen lassen. Und was glaubt ihr, kam dabei heraus?“

„Der Sattelzug wurde als gestohlen gemeldet“, warf Sarah in die Runde. 

„Falsch. Die Firma existiert gar nicht. Wenn ich die Kollegen richtig verstanden habe, dann wurde bei der Firmenanmeldung einfach ein brachliegendes Gelände in einem Gewerbegebiet als Adresse genannt. Mit diesen Daten wurde dann der Sattelzug zugelassen und nach ein paar Monaten die Firma wieder abgemeldet.“

„Und wofür dieser Aufwand?“, fragte Judith.

„Bei einer Überprüfung der Kennzeichen würde der Zoll oder die Polizei ein legales Firmenfahrzeug vermuten, ist halt eine gute Tarnung für die Schleuser. Sven, gibt es Erkenntnisse aus der Obduktion?“

Sven Blodenberg schrak regelrecht auf, als sein Name fiel. Auf den ersten Blick ähnelte die Bewegung einer Kobra, die sich aus einem Korb schlängelt. Mit seinen 38 Jahren und seinen 198 cm Körpergröße hatte er entspannt, tief nach unten gerutscht in seinem Stuhl gesessen. Sven hätte niemand für einen Kriminalbeamten gehalten. Sein langes rötliches Haar hatte er zu einem Zopf gebunden. Eine große Nase ließ sein schmales, langes Gesicht sehr markant erscheinen. Er trug im linken Ohr einen kleinen Ohrring (den er manchmal gegen einen Ohrstecker austauschte). In der kalten Jahreszeit lief er draußen mit einer schwarzen Wollmütze herum und zog ausschließlich bequeme Trekkinghosen und -jacken an. Aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes wurde er häufig unterschätzt. Daher hatte er früher mit großem Erfolg undercover in der Drogenszene ermittelt. Obwohl er von seiner Art her lethargisch wirkte, arbeitete er äußerst intelligent und scharfsinnig. 

 „Die Obduktion bestätigt unsere Vermutung. Ich will mich kurz fassen, die festgestellten Hämatome und Platzwunden an den Armen, Beinen und zum Teil auch am Brustkorb waren nicht todesursächlich und rührten eindeutig von dem Unfall her. Dr. Elmer teilte mir mit, der Körper sei noch lebend aus der Bewegung heraus auf einen stumpfen, ruhenden Gegenstand getroffen. Hierdurch seien die Hämatome und Platzwunden entstanden. In den tiefer liegenden Gewebeschichten fand er Gewebebrücken, also Fasern und kleine Gefäße, die nicht durchtrennt wurden. Dadurch konnte er Stich- oder Schnittverletzungen  ausschließen. Damit können wir festhalten: Das Opfer wurde nicht durch das Bowie-Messer verletzt. Dann hat der Mediziner den von uns bereits ertasteten Bruch des Kehlkopfes bestätigt. Ansonsten war die Leiche unauffällig: altersbedingte Entwicklung, keine inneren Krankheiten und so.

Eine Besonderheit hatten Kalle und ich bei der Leichenschau allerdings übersehen. Ihr erinnert euch, auf dem einen Foto lag die linke Hand der Leiche halb in dieser Blutlache. Genau auf dem Ringfinger dieser Hand waren oben zwischen dem ersten und zweiten Gelenk die Buchstaben MAMA tätowiert. Ich würde mich schon wundern, wenn damit seine Mutter gemeint wäre.“

„Da kann ich gleich was zu sagen“, warf Sarah euphorisch in die Runde, wurde aber direkt wieder von Sven unterbrochen.

„Ach ja, ich habe noch Faserspuren unter den Fingernägeln der Leiche entnommen. Die könnten von der Täterkleidung stammen. Dr. Elmer will uns seinen Bericht innerhalb einer Woche zuschicken. Er hat sich aber festgelegt: Der Tod ist durch Erwürgen eingetreten.“ 

„Danke, Sven!“, warf Fisch ein. „Jetzt brauchen wir nur noch Kleidungsstücke von einem mutmaßlichen Täter, um die Gewebespuren vergleichen zu können. Apropos Gewebespuren, hast du veranlasst, den Hals des Opfers wegen möglicher DNA-Spuren abzukleben? Es ist ja gut möglich, dass der Täter keine Handschuhe trug und beim Würgen Schweißspuren hinterlassen hat.“

„Ach ja, das hatte Dr. Elmer bereits veranlasst. Ehrlich gesagt, wäre ich selbst gar nicht auf die Idee gekommen, dass man beim Würgen DNA-Spuren hinterlässt.“

„Als Rauschgiftfahnder hast du ja auch selten mit Würgern zu tun. Es deutet jetzt jedenfalls alles darauf hin, dass dieser Basterowski Beifahrer war und sich bei dem Unfall im Führerhaus verletzte. Anschließend ist er gemeinsam mit dem Fahrer zum Fahrzeugheck gegangen, wo er dann aus irgendeinem Grund erwürgt wurde. Das korrespondiert auch mit dem Spurenbericht des Erkennungsdienstes, wonach weitere Fingerabdrücke und Blutspuren von ihm rechts im Führerhaus gesichert werden konnten.