Kapitel 1

Bonn, Hausdorffstraße - Freitag, 17 November, 19.45 Uhr

Dr. Horst Adolf Schneyder freute sich auf den ruhigen Fernsehabend, den er sich nach den Strapazen des Tages redlich verdient hatte. 

Er tauschte seine Anzugjacke gegen die bequeme Strickjacke, holte aus der Küche eine Flasche Rotwein und ein Glas und stellte beides im Wohnzimmer auf dem Tischchen neben seinem Lieblingssessel ab. Dann zündete er ein paar Holzscheite im Kamin an, und kurz darauf knisterte und knackte dort leise ein gemütliches Feuer. Zwei Stehlampen verbreiteten zusätzlich warmes Licht.

Horst goss sich ein Glas Wein ein, nahm Platz und streifte die Schuhe von den Füßen. Seine Hühneraugen dankten es ihm. Er lehnte sich seufzend zurück und genoss für ein paar Minuten die Ruhe im Haus. Um 20 Uhr schaltete er den Fernseher zu den Nachrichten ein. Kurz nachdem die Wetterkarte verkündet hatte, für Mitte November sei es viel zu mild, klingelte das Telefon.

Umgehend stieg Horsts Blutdruck an. Das war doch wohl nicht das Krankenhaus! Hatte er nicht klar und deutlich gesagt, er wolle an diesem Wochenende nicht gestört werden - egal, ob der Patient in der nächsten Viertelstunde verstarb, falls er nicht von Horst Adolf Schneyder persönlich operiert wurde?!

Er schaltete den Ton des Fernsehers ab, griff ungehalten zum Telefon und bellte ein „Ja?!“ hinein.

„Hallo Schatz, ich bin’s nur. Ich wollte mal hören, wie’s dir geht.“ Das war Ingrid. Ihre Stimme klang ruhig und sanft wie immer.

Horst räusperte sich zweimal, bekam aber seine Verärgerung nicht wirklich unter Kontrolle. „Hallo Ingrid, wann kommst du nach Hause? “

„Am Sonntagabend. Meiner Mutter geht es wieder besser.“.

„Dann bin ich ja das ganze Wochenende allein!“ beschwerte sich Horst in unfreundlichem Ton. Was ging ihn Ingrids Mutter an?! 

Sie ignorierte seinen Einwand und redete über ihre bevorstehende Hochzeit, als sei alles in bester Ordnung. Horst hörte zu, gab hin und wieder mit reservierter Stimme einen Kommentar ab und fragte sich, ob er diese Frau überhaupt heiraten wollte.

Es war bereits nach halb neun, als er die Nase voll hatte und das Gespräch kurz und knapp mit der Bemerkung beendete, sie müsse sich doch jetzt sicher wieder um ihre Mutter kümmern. Bei tonlos laufendem Fernseher überlegte er gerade, ob er sich einen Film ansehen oder doch lieber einmal um den Block joggen sollte, als er das Geräusch im Flur hörte. Ein kurzes, lautes, einmaliges Knacken. Was war das gewesen?

Horst lauschte, aber jetzt war, bis auf das Knistern des Feuers, alles still. Warum stand er nicht auf und sah nach? Weil es ein harter Tag im Krankenhaus gewesen war, und er sich unerwartet erschöpft fühlte, und weil –

Da, schon wieder, ein Knacken, und plötzlich klang es wie das Geräusch eines Schlüssels, der sich im Schloss der Haustür drehte. 

Zwei Sekunden lang dachte er, Ingrid habe ihn am Telefon beschwindelt, wolle ihn überraschen und komme schon an diesem Abend zurück. Aber das war Unsinn, denn Ingrid wusste, dass er Überraschungen hasste. Und jetzt klang das Geräusch auch nicht mehr nach Schlüssel, sondern nach Einbruchswerkzeug. Es klickte, und es schabte, und es kratzte, und dann hörte er, wie die Tür aufsprang.

Horsts Herz schlug schneller. Einbrecher? Um diese Tageszeit? Noch dazu, wo jeder sehen konnte, dass im Haus Licht brannte?! Das war doch verrückt! Was sollte er jetzt tun?! 

Aufstehen! Wohnzimmertür zuwerfen! Abschließen! Polizei anrufen! Guter Plan.

Horst sprang auf, und seine Beine waren auf einmal gar nicht mehr müde. Auf Strümpfen hastete er zur weit geöffneten Tür, so schnell er konnte, griff nach der Klinke, aber es war zu spät – vor ihm stand plötzlich ein Mann: groß, schlank, schwarz gekleidet, Wollmütze mit zwei Augenlöchern, bis zum Kinn nach unten gezogen. Er hielt genauso in jeder Bewegung inne wie Horst. Sie starrten sich an. Sekundenlang. Horsts Herz hämmerte schmerzhaft. Und doch war da auf einmal ein klarer Gedanke in seinem Verstand: wollte er wirklich kampflos zulassen, dass ihm jemand sein Eigentum wegnahm?!

Aber bevor er richtig wütend werden und reagieren konnte, sah er eine Faust auf sein Gesicht zuschießen. Er wich viel zu langsam aus, sein Kopf flog nach hinten, er ruderte mit den Armen, dann setzte er sich auf den Hintern. Benommen sah er den Mann in Schwarz näherkommen ... mit einem länglichen Gegenstand in der Hand, den er ihm drei Sekunden später auf den Kopf schlug.

Horst wurde schwarz vor Augen, und eine Weile war nichts .... doch dann schien ihm, als passiere weit, weit entfernt etwas mit seinem Körper ... er wurde bewegt, und in regelmäßigen Abständen polterte etwas gegen seinen Hinterkopf ... dann hörte es auf ... es herrschte Ruhe ... sein Bewusstsein versuchte zurückzukommen ... Horst fühlte sich benommen und benebelt, merkte jetzt aber, wie sich jemand an seiner Kleidung zu schaffen machte.

Das ging zu weit! Er riss die Augen auf, wollte sich wehren – und erhielt einen zweiten, heftigen Schlag auf den Kopf.

Als er das nächste Mal wach wurde - oder zumindest halbwach -, schien ihm, dass er auf seinem Bett lag, in seinem Schlafzimmer, das nur sehr schwach beleuchtet war. Wie kam er hierher? Wieso hatte er solche Kopfschmerzen? Und warum, zum Teufel, war ihm so entsetzlich kalt?!

Rechts von ihm bewegte sich ein Schatten über die Wand. Horst drehte seinen Kopf zur Seite, und ein Schmerz rollte unter seiner Schädeldecke entlang, dass er hätte aufschreien mögen. Aber das ging nicht, weil seine Lippen zugeklebt waren. Sofort versuchte er, gleichzeitig aufzustehen und sich an den Mund zu fassen. Sowohl das eine als auch das andere war nicht möglich: Hände und Füße waren festgebunden.

Und da erinnerte er sich an den schwarzgekleideten Mann, der ihn niedergeschlagen hatte. Was wollte der Scheißkerl von ihm?! Was hatte er vor?!

Horst zerrte an seinen Fesseln und drehte mühsam und unter Schmerzen den Kopf noch weiter zur Seite. Dort, am äußersten Kopfende des Bettes, stand der Mann und hantierte mit etwas herum, das Horst aus dem Augenwinkel nicht erkennen konnte. Zehn Sekunden später wusste er, was es war: der Mann jagte ihm eine Spritze in die linke Schulter, die rechte Schulter, in den linken Oberschenkel, den rechten Oberschenkel.

Horst war einer Panik nah. Der Mann war kein Einbrecher, kein harmloser Dieb, der ihm ein bisschen Geld abnehmen wollte! Der Mann war ein Killer, der ihn umbringen würde!

Horst versuchte sich loszureißen, aber plötzlich flutete eine unerhörte Schlaffheit durch seinen Körper. Es war, als hätten sich seine Muskeln in ausgeleierten Gummi verwandelt. Nicht einmal den Kopf konnte er noch drehen, seine Augenlider sanken langsam und schwer herab, und das letzte, was er sah, war der schwarz gekleidete Mann, der wieder in sein Blickfeld trat, in der Mitte des Bettes stehenblieb und etwas vom Boden aufhob, das die Form einer Axt hatte. 

Dann fielen Horst die Augen zu. Das vorletzte, das er fühlte, war wieder die Eiseskälte, er zitterte vor Kälte. Vielleicht auch vor Entsetzen. Vor Kälte und vor Entsetzen. Die Axt. Was hatte dieser Verbrecher mit der Axt vor?

Umgehend erhielt Horst eine Antwort auf seine stumme Frage. Plötzlich nämlich explodierte sein linker Unterarm vor Schmerz. Endlose Sekunden lang dachte er, er würde den Verstand verlieren – bevor er dann gnädigerweise das Bewusstsein verlor.

*

Oberdollendorf - Sonntagabend, 19.November, 18.30 Uhr

Sascha gab Annika einen zärtlichen Kuss und strich ihr eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Soll ich uns jetzt ein exzellentes Mahl in der Mikrowelle zubereiten?“ fragte Sascha, während sie ihn mit schläfrig zufriedenem Blick anlächelte.

„Nein danke. Ich möchte nur was trinken, aber keinen Alkohol mehr.“

„Wieso? Willst du schon fahren?“ Sascha kletterte aus dem Bett, das zu anderen Tageszeiten ein Zweitleben als Sofa führte, hob seine Unterhose auf und streifte sie über.

„Nein, eigentlich nicht“, murmelte Annika und reckte und streckte ihren üppigen Körper einmal quer über die ganze Länge des Lakens. „Aber ich habe so ein komisches Gefühl im Bauch, dass wir beide nicht den ganzen Abend zusammen verbringen werden.“

„Ach, hast du einen Hellseherinnenkurs bei der Volkshochschule gemacht?“ amüsierte sich Sascha und verschwand in dem kleinen Flur, der zur Küche führte, als neben ihm durchdringend laut das Telefon zu klingeln begann.

Er schrak zusammen, fluchte leise und meldete sich. Natürlich war Andreas am anderen Ende der Leitung. „N’Abend, tut mir leid, wenn ich dich beim Fernsehen störe, aber wir müssen los, in die Hausdorffstraße, da wurde jemand ermordet.“

„Ach was. Und ich dachte schon, da hat jemand ein Fahrrad geklaut.“

Andreas reagierte verstimmt. „Lass deinen Ärger am Mörder aus, aber nicht an mir. Mach die Kiste aus und hol mich ab!“

„Aber ich hab gar nicht fernge-“ 

Andreas hatte aufgelegt. So ein Mist! Musste jetzt auch noch am hochheiligen Sonntag gemordet werden?! Hatte man denn nie seine Ruhe?! Er holte Cola und Mineralwasser aus der Küche und begab sich zurück in sein Wohn- und Schlafzimmer zu Annika, die ihn mit einem Na-hab-ich’s-nicht-gesagt-Blick empfing. Dazu lächelte sie sanft und ließ die winzige, sexy Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen sehen.

Er reichte ihr ein Glas Wasser. „Du solltest mit deiner Fähigkeit, zur richtigen Zeit komische Gefühle im Bauch zu haben, zu einem Esoterik-Sender gehen .... apropos Fernsehen: kannst du mir gleich einen Film aufnehmen?“

Zwanzig Minuten später holte er in der Kalkuhlstraße in Oberkassel Andreas ab, der seine 250 Jahre alte, dunkelblaue, zweireihig geknöpfte Langjacke trug, die möglicherweise wieder auf dem Weg war, modern zu werden.

„Na, wobei habe ich dich vorhin gestört?“ fragte Andreas, stieg ein und schnallte sich an.

Sascha wendete und fuhr Richtung Südbrücke. „Nun, beim Fernsehen jedenfalls nicht. Annika war da.“

„Da habe ich wohl euer Liebesleben durcheinander gebracht.“

„Das hättest du, wenn du zehn Minuten früher angerufen hättest.“

Daraufhin schwieg Andreas erst einmal eine Weile. Auf der Südbrücke war wenig los. Sascha konnte das Schweigen nicht ertragen und fragte betont freundlich: „Weißt du schon was Genaueres über den Fall?“

Andreas war offensichtlich nicht gut gelaunt. Vielleicht lag es an Unstimmigkeiten mit seiner Mutter, vielleicht aber plagten ihn Alterserscheinungen wie Rückenschmerzen, Ein- und/oder Durchschlafstörungen, Haarausfall oder die nachlassende Spannkraft der Haut. Seine Antwort jedenfalls klang widerwillig.

„Peer, der natürlich mal wieder vor uns am Tatort war, sagte nur, dass es sich bei dem Opfer um einen bekannten Arzt handele, der von seiner Verlobten in schrecklichem Zustand aufgefunden worden sei.“

„Wer war in schrecklichem Zustand? Das Opfer oder die Verlobte?“

„Stell dich nicht dümmer als du bist!“

„Gut, wir reden hier also über die besseren Kreise, in denen man sich noch verlobt.“

Andreas wurde ein wenig lockerer. „Richtig. Demnach solltest du dich mit deiner Annika verloben. Dann kannst du dir einbilden, zu den besseren Kreisen zu gehören.“

Sascha verließ die Autobahn und fuhr auf die Friedrich-Ebert-Allee. „Du wirst es kaum glauben, aber darauf lege ich gar keinen Wert. Da herrscht manchmal eine Wichtigtuerei, eine Selbstverliebtheit und eine Oberflächlichkeit, dass einem schlecht werden könnte!“ Er machte eine Pause und fügte hinzu: „Und außerdem kenne ich Annika doch erst seit ... seit 7 Monaten! Muss man sich dann gleich verloben?“

„Du bist seit 7 Monaten mit derselben Frau zusammen? Sascha – da stimmt was nicht!“

„Wir verstehen uns eben gut, und sie lässt mir meine Freiheit.“

Mehr wollte Sascha dazu nicht sagen – vor allem, als er merkte, dass er Probleme hatte, die Hausdorffstraße zu finden. Die musste doch hier irgendwo links abzweigen! Sie hielten gemeinsam Ausschau, bogen links ab, noch einmal links und da hatte sich schon ein ganzes Aufgebot an Polizeiwagen, Notarztwagen und Krankenwagen versammelt.

Das Haus des Ermordeten stand in einem gepflegten, aber nicht sehr großen Garten und konnte durchaus als Jugendstilvilla bezeichnet werden. Zur Straße hin wurde das Grundstück von einer hüfthohen Mauer mit schwarz gestrichenem Eisengitter begrenzt. Die Einfahrt zierte ein zweiflügeliges Tor aus den gleichen Gitterstäben.

Sie fuhren auf den kurzen Weg, der zum Haus führte und auf dem neben Polizei- und Rettungswagen auch ein blauer Kleinwagen parkte. Mehrere Zimmer im Haus waren hell erleuchtet. An der Eingangstür wachte ein Polizeibeamter darüber, dass kein Schaulustiger ins Haus eindrang. Allerdings gab es hier keine Schaulustigen – in diesem Viertel der Stadt schien man sich vornehm zurückzuhalten.

„Guten Abend, Kommissar Montenar“, sagte der Mann, den Sascha nicht kannte, zu Andreas und wies mit der Hand hinter sich. „Der Tatort ist da oben.“

Der Flur, den sie betraten, war teuer eingerichtet. Und kitschig. Sascha fühlte sich förmlich erschlagen von all den goldenen Bilderrahmen, goldenen Spiegeln, goldenen Wandlampen und dem Eichegarderobenschrank mit goldenen Kleiderbügeln. Viel Geld, wenig Geschmack.

Als sie oben im Schlafzimmer ankamen, vergaß Sascha die Einrichtung. „Mann, das ist ja mal ein echtes Blutbad“, murmelte er und hätte sich am liebsten die Nase zugehalten.

Auf einem ca. 1,20 Meter breiten Eichenbett lag ein mittelgroßer, schlanker Mann um die Siebzig, grauweißes, kurzes Haar, Augen geschlossen, auf dem Mund silbergraues Klebeband. Ansonsten war er splitterfasernackt und mit einfacher Kordel und gespreizten Armen und Beinen ans seitliche Bettgestell gefesselt, an den Füßen und an den Unterarmen ein Stück unterhalb der Ellenbogen. Nicht an den Händen, denn Hände hatte er keine mehr: eine Hand lag links vom Bett und die andere (Sascha ging ein paar Schritte weiter) lag rechts neben dem Bett.

Die weißen, flauschigen Bettvorleger waren an den Stellen, an denen das Blut aus den Armstümpfen geströmt war, tiefrot verfärbt. Die bleichen, abgetrennten Hände wirkten darauf wie fremdartige, tote Tiere aus einem Science-Fiction-Horrorfilm. Die Armstümpfe selbst sahen mittlerweile eingetrocknet aus, blutverkrustet und genauso blass und wächsern wie der restliche Körper des Toten, so dass es einem vorkam, als hätte man keinen echten Menschen aus Fleisch und Blut vor sich, sondern eine Puppe. Allerdings eine mit einer ganzen Menge feiner, gekräuselter, grauer Haare auf der Brust und im Genitalbereich. Und mit mindestens zwei Hühneraugen an jedem leicht deformierten Fuß. 

Selbst einem medizinisch Ahnungslosen dürfte klar sein, dass der Mann nicht erst vor zwei Stunden verblutet war.

Peer, einer der unattraktivsten Gerichtsmediziner von Nordrhein-Westfalen, begutachtete gerade eine Wunde am Kopf des Toten. Jetzt wandte er sich um. „Hallo ihr beiden! Interessanter Fall, nicht wahr!“

„Ja, ich bin begeistert“, brummte Andreas und nickte Renate zu, der Fachfrau für Spuren jeder Art, die in ihrem weißen Overall wieder einmal auf dem Boden kniete und ein paar Fasern von einem der blutdurchtränkten Bettvorleger abschnitt. „Wer ist der Tote?“

„Der Mann heißt Horst Adolf Schneyder und war Chirurg. Das konnte uns seine Verlobte, die ihn vor einer halben Stunde gefunden hat, gerade noch mitteilen.“ Peer grinste mit seinen dicken Lippen. „Und dann hat sie dort neben der Tür ihr Abendessen von sich gegeben und ist mit einem Weinkrampf zusammengebrochen.“

„Kann man nicht mal ein Fenster aufmachen?“ warf Sascha ein. „Wie haltet ihr diesen Geruch hier nur aus?“

Wieder dieses unschöne Grinsen. „Wir sind eben nicht so zimperlich wie du.“

„Unsinn, ihr seid total abgestumpft.“ Sascha sah sich um. 

Eine goldgefasste, sehr helle Deckenlampe, schwere, purpurfarbene Tapete mit goldenem Muster, Nachttische mit goldenen Lämpchen darauf, ein Stuhl, ein Sessel, ein großer, leicht schräg hängender Spiegel hinter dem Kopfende des Bettes. Achtlos auf und neben den Stuhl geworfene Kleidung. Sascha trat ein wenig näher ... irgendetwas stimmte nicht mit dieser Kleidung.

„Ja, die wurde aufgeschnitten, nicht ausgezogen“, erläuterte Peer hinter ihm. „Der Täter scheint es eilig gehabt zu haben.“

„Warum hat er den Mann dann überhaupt ausgezogen? Liegt eine Sexualstraftat vor?“

„Soweit sind wir noch nicht. Aber an ein sexuelles Motiv glaube ich eher nicht.“

„Ich auch nicht“, mischte sich Andreas ein. „Diese Entblößung scheint mir etwas mit Demütigung zu tun zu haben. Bestrafung und Demütigung. Ja, hier ist jemand bestraft worden. Das ist eine Tat mit sehr persönlicher Beziehung zwischen Mörder und Opfer. Wo ist Schneyders Verlobte jetzt?“

„Die dürfte nebenan in einem der Gästezimmer sein. Mit dem Notarzt.“

„Gut, dann versuchen wir mal, mehr aus ihr rauszukriegen. Kannst du uns schon was zum Toten und zum Tatzeitpunkt sagen?“

Peer wurde sachlich. „Der Mann hat eine Platzwunde an der Schläfe und Blutergüsse am Hinterkopf. Er wurde wahrscheinlich unten im Wohnzimmer, wo übrigens der Fernseher noch lief, mit einem schweren Gegenstand niedergeschlagen, anschließend die Treppe hinaufgeschleift und hierher ins Schlafzimmer befördert. Gestorben sein dürfte er infolge des Blutverlusts ... irgendwann am Morgen des gestrigen Tages, und die Hände hat man ihm mit einer Axt abgetrennt, vermute ich jetzt mal. Und zwar am Freitagabend nach 20.45 Uhr.“

„Woher weißt du das so genau?“

„Ach ja, hatte ich vergessen: die Verlobte schüttelte immer wieder fassungslos den Kopf, bevor sie sich übergab, und sagte mindestens dreimal: ich hab doch am Freitag noch mit ihm telefoniert! Und zwar gab sie an, von ca. 20.15 bis ca. 20.45 Uhr.“

„Gut, dann gehen wir mal nach nebenan und reden mit der Frau.“

Auf dem Flur  begegnete ihnen der Polizeifotograf, ein älterer Mann mit Halbglatze und dunkelgefasster, viereckiger Brille, die ihm einen intellektuellen Touch verlieh. Komisch, Andreas’ dunkelgefasste Brille sah einfach nur altmodisch aus.

Im Raum neben dem Schlafzimmer war niemand, aber im übernächsten lag eine Frau auf einem Bett, daneben saß der Arzt auf einem Stuhl. Andreas trat hinzu und fragte den Arzt: „Wissen Sie, wie die Frau heißt? Wie geht es ihr?“

„Sie heißt Ingrid Roth. Ich habe ihr ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht ... sie dürfte im Moment ziemlich benommen sein.“

Als die Frau ihren Namen hörte, öffnete sie die Augen. Ihr Blick wanderte einmal müde über die Männer, die vor ihr standen, dann fielen ihr die Lider wieder zu. 

Ingrid Roth hatte die sechzig zweifellos überschritten. Ihre Haut war gebräunt, das wellige Haar so blond, dass es gefärbt sein musste, und die blauen Augen waren geschminkt, was allerdings durch die verlaufene Wimperntusche nicht mehr sehr vorteilhaft aussah. Sie trug einen hellgrauen Hosenanzug aus dezent schimmerndem Stoff und einen hellblauen Rollkragenpullover.

„Frau Roth, ich bin Hauptkommissar Montenar und das ist mein Kollege Sascha Piel. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“

Sie nickte langsam, ohne ein Augenlid zu heben.

„Die haben Sie aber ordentlich abgeschossen“, raunte Sascha dem Arzt zu, der daraufhin ein indigniertes Gesicht machte und zurückflüsterte: „Das war aber auch dringend nötig!“

„Frau Roth“, hob nun Andreas an, „Sie haben Herrn Schneyder vorhin gefunden, und Sie haben am Freitagabend mit ihm telefoniert. Wo waren Sie in der Zwischenzeit?“

Ihre Stimme war wie ein Windhauch, so leise und tonlos, dass sich alle automatisch ein Stückchen vorbeugten. „Bei meiner Mutter. War krank.“

„Wer war krank? Sie oder Ihre Mutter?“

„Mutter.“ Selbst das Aussprechen dieses einen Wortes schien sie maßlos anzustrengen.

„Wer wusste davon, dass Sie bis Sonntag nicht im Haus sein würden?“ Jetzt kam gar keine Antwort mehr. „Das hat keinen Sinn. Wir müssen sie morgen früh vernehmen“, entschied Andreas. „Bleibt sie hier, Doktor?“

„Nein, wir haben vorhin mit einer Schwester von ihr telefoniert, die holt sie ab und nimmt sie mit zu sich nach Hause.“

„Gut. Sascha, lass dir Namen und Adresse geben, ich rede noch mal mit Peer.“

Sascha notierte sich eilig alle Informationen, die er brauchte, und hastete hinter Andreas her.

„ ..... gefunden, siehe dir das mal an“, hörte er Peer schon auf dem Flur sagen. Er trabte ins Schlafzimmer und beugte sich über die Leiche, wie Andreas es bereits tat.

Peer zeigte mit einem Stift auf einen winzigen geröteten Punkt an der linken Schulter. „Jemand hat ihm was gespritzt ... und zwar hier, in die andere Schulter und in beide Oberschenkel. Was es war, erfahrt ihr morgen. Und noch etwas ist mir aufgefallen: die Hände sind nicht gerade abgehackt, sondern in sehr schrägem Winkel. Warum?“

Er sah Sascha an, als erwarte er ernsthaft eine Antwort, aber Sascha schüttelte empört den Kopf, und da auch Andreas im Moment überfragt schien, gab Peer sich die Antwort selbst.

„Blutgefäße, die man gerade, also rechtwinklig durchtrennt, haben logischerweise eine kleineren Durchmesser als solche, die man möglichst schräg anschneidet. Und so kann es vorkommen, dass im rechten Winkel durchtrennte Arterien von selbst verkleben, und die Blutung aufhört. Das wollte unser Täter augenscheinlich verhindern.“

„Interessant.“ Andreas richtete sich auf. „Kann ein medizinischer Laie von selbst auf solche Gedanken kommen? Oder müssen wir den Mörder in ärztlichen Kreisen suchen?“

„Keine Ahnung. Auch ein Laie kann sich informieren“, meinte Peer.

Andreas sah in die Runde. „Weiß jemand, ob der Mann nahe Verwandte hat? Kinder, Eltern, Geschwister?“

„Eltern?“ Peer furchte die Stirn. „Der Mann ist um die Siebzig!“

„Bei der heutigen Langlebigkeit unserer Senioren halte ich das keineswegs für abwegig. Nein? Keiner weiß was? Gut, dann sehen wir uns mal im Erdgeschoss um, da finden wir sicher ein paar Telefonnummern“, verkündete Andreas und ließ seinen Blick (wie Sascha durchaus mitbekam) einmal kurz über Renates Rückseite wandern.

Sie nahm gerade von den Eichennachttischchen Fingerabdrücke ab. Und irgendwie wirkte sie dünner als sonst, fand Sascha  und folgte Andreas nach unten.

Dort beschäftigte sich inzwischen Wilfried von der Spurensicherung mit der Eingangstür. „Wir haben hier eindeutig Einbruchsspuren“, teilte er Andreas mit und starrte durch die dicke Brille einen Kratzer neben dem Türschloss an, als würde der ihm jeden Moment den Namen des Täters nennen.

„Profis oder Laien?“

„Schwer zu sagen ... eher Laien.“

„Dachte ich mir“, behauptete Andreas. Vermutlich verdächtigte er bereits die halbe Verwandtschaft. 

Sascha ging voraus ins Wohnzimmer, einem mittelgroßen Raum mit Kamin und viel dunklem Eichenholz an Decke und Wänden. Wenigstens hatten die Polstermöbel hellbeige Bezüge. Neben einem typischen Fernsehsessel für ältere Herrschaften stand ein Tischchen mit einem Glas, das noch halb voll war, einer angebrochenen Flasche Rotwein und der Fernbedienung des Fernsehers, den inzwischen jemand ausgeschaltet hatte. 

Kaum eineinhalb Meter hinter der Türschwelle kniete der nächste Spurensucher auf dem teuren Parkett. Er hob den Kopf und lächelte Sascha begeistert zu. „Ich habe eine winzige Blutspur gefunden, anscheinend wurde der Mann hier niedergeschlagen.“

„Prima, Dirk. Weiter so!“ ermunterte ihn Sascha gönnerhaft und hörte plötzlich eine Stimme rufen: „Komm mal hier rüber, ins Arbeitszimmer!“

Das Zimmer lag schräg gegenüber auf der anderen Seite des Flurs, und dort traf Sascha auf Walter und Andreas, der ihm vorhin anscheinend gar nicht ins Wohnzimmer gefolgt, sondern eigene Wege gegangen war. Die beiden standen an Horst Adolf Schneyders Schreibtisch und begutachteten ein Blatt Papier. Andreas hatte sich inzwischen dünne Handschuhe übergestreift, und Sascha tat es ihm nach.

„Was habt ihr da?“ fragte er.

„In einer Schublade lagen diese drei Drohbriefe, je zweimal gefaltet“, erklärte Walter mit unterschwelliger Dramatik in der Stimme. Er hatte ausdrucksvolle, dunkle Augen mit langen, schwarzen Wimpern und konnte damit einen Augenaufschlag hinlegen wie eine Filmdiva.

„Schade“, meinte Sascha. „Wenn sie viermal gefaltet gewesen wären, hätten wir vielleicht was damit anfangen können, aber so ...“

„Spiel hier nicht den Experten für gefaltete Drohbriefe, sondern sieh sie dir an“, mahnte Andreas und reichte sie ihm hinüber.

Nun, da hatte sich aber jemand keine Mühe gegeben: die Blätter waren nicht etwa mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Buchstaben beklebt, sondern mit krakeliger Druckschrift beschrieben: ICH  WERDE  DICH  BESTRAFEN  FÜR  DAS,  WAS  DU  MEINEM  SOHN ANGETAN  HAST! Sowie: DU  WIRST  NIEMANDEN  MEHR  ZU TODE  OPERIEREN! Und:  DU  BIST  SO  GUT  WIE  TOT!

„Na, wenn das kein Motiv ist! Ein rasender Vater, der seinen Sohn bei einer Operation verloren hat“, dachte Sascha laut nach, aber Andreas war anderer Meinung.

„Mir ist das fast ein bisschen zu offensichtlich. Walter, hast du ein Adressbuch gefunden?“

„Ja, liegt da drüben auf dem Schrank.“

Andreas holte es sich, blätterte darin herum und hielt es dann Sascha hin. „Ruf bitte die drei Schneyders an, die hier drinstehen, wenigstens einer von denen sollte gleich mal hier antanzen.“

Sascha verzog sich mit dem Adressbuch ins Wohnzimmer und schüttelte zweimal den Kopf angesichts der goldenen Bilderrahmen und der Brokatvorhänge und Samtkissen, die auf den Sofas drapiert waren. Manfred mit dem hochgezwirbelten Schnurrbart und Ulli mit dem unsportlichen Rundrücken kramten inzwischen in Schränken und Regalen herum. Sascha fand das Telefon und wählte die erste Nummer. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis jemand an den Apparat ging.

„Ja?“ brummte eine männliche Stimme in den Apparat.

„Hier ist Piel von der Mordkommission Bonn. Ich –“ Aufgelegt. Der Mann hatte einfach aufgelegt! Sascha war fassungslos. Eine halbe Minute lang überlegte er, ob er den Anruf wiederholen sollte. Dann entschied er sich dagegen. Aber diesen Schneyder würde er sich vorknöpfen! 

Also dann der nächste Schneyder. Sascha wählte die Nummer, aber jetzt meldete sich überhaupt niemand. Und so gab er die Nummer des dritten Schneyder ein, eine Nummer mit Bonner Vorwahl.

„Dietmar Schneyder!“ tönte es ihm freundlich, fast heiter entgegen.

„Guten Abend, Herr Schneyder. Ich bin Sascha Piel von der Mordkommission Bonn. Sind Sie mit Horst Adolf Schneyder verwandt?“

„Ja, ich bin sein Sohn. Wieso? Ist ihm was zugestoßen?“

„Das kann man so sagen. Würden Sie bitte zu ihm nach Hause kommen?“

Während sie auf den Sohn warteten, sahen sie sich im Haus um. Alle Zimmer waren teuer,  nicht sehr geschmackvoll und irgendwie sehr unpersönlich eingerichtet. Zum Beispiel fiel Sascha  auf, dass weder an den Wänden noch auf Schränken Bilderrahmen mit Fotos von Frau (oder Verlobter) und Kindern vorhanden waren.

In der Regalwand im Arbeitszimmer überwogen Sach- und medizinische Fachbücher. Schneyders CD-Sammlung bestand aus sieben Samplern mit Partymusik und drei James-Last-CDs. War der Mann vielleicht deshalb ermordet worden? 

Andreas beschäftigte sich gerade mit einem Terminkalender, der auf Horst Adolf Schneyders Schreibtisch herumlag, aber vermutlich, nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, nichts Entscheidendes hergab. Auch Manfred und Ulli schienen noch nichts gefunden zu haben, das ihnen weiterhalf. Nirgendwo war etwas demoliert oder durchwühlt worden; was darauf hinwies, dass der Täter tatsächlich nicht auf Geld oder Wertgegenstände aus gewesen war.

Das Bad im ersten Stock sah sauber und aufgeräumt aus (Saschas Bad hatte noch nie so ausgesehen!), nichts lag herum. Im ganzen Haus lag nichts unordentlich herum. Der Chirurg – ein Pedant? Auf jeden Fall kein Sammler. Es gab kaum etwas, das nur zur Verschönerung der Räume gedient hätte, keine Buddhafiguren, Modellautos oder Waffen aus dem 18. Jahrhundert. Nicht einmal Grünpflanzen. Alles nüchtern, kühl, zweckmäßig. Bis auf die Goldtapeten und die Goldlampen, die vielleicht Besucher beeindrucken sollten. Auch ein Zweck.

In den Keller stiegen sie an diesem Abend nicht hinab, dafür gingen sie hinaus in den Garten, der zumindest im vorderen Bereich von zwei Scheinwerfern erhellt wurde. Ein Mann leuchtete zusätzlich mit einer Taschenlampe die Büsche neben der vierstufigen Treppe zur Eingangstür ab.

Für Anfang November war es unheimlich warm, da hatte Sascha schon andere November erlebt. Und trocken war es auch. Richtig angenehm. Aber der Winter würde schon noch kommen.

Sascha entfernte sich ein paar Meter vom Haus und meldete sich per Handy bei Annika, die den Film aufnahm und angab, noch ca. eine Stunde auf ihn warten zu wollen, bevor sie sich auf den Weg in ihre eigene Wohnung machte. Gerade als er anfing, über diese Zeitspanne zu diskutieren, machte erstens der Mann in den Büschen einen wichtigen Fund, und zweitens raste ein silberner Wagen durch die Einfahrt und bremste schwungvoll an der Seite ab. Der Spurensucher hatte zwei Zigarettenkippen gefunden, und dem Wagen entstieg Dietmar Schneyder.

Der Mann mochte Mitte Vierzig sein, war groß und schlank und trug einen schicken, grauschimmernden Anzug mit grauem Hemd und grauer Krawatte. Das Haar war mittelbraun, kurz geschnitten und seitlich gescheitelt. War er Anwalt ... oder Arzt wie sein Vater ... oder Manager einer großen Firma?

Sascha eilte auf ihn zu. „Herr Schneyder? Wir haben vorhin miteinander telefoniert. Ihr Vater ist ziemlich brutal ermordet worden. Sie sollten sich das besser nicht ansehen.“ Er gab dem Sohn einen kurzen, nicht zu detaillierten Bericht dessen, was passiert war, während sie ins Haus gingen. Das heißt, Schneyder ging nicht, er hinkte. Mit dem linken Bein.

Sie fanden Andreas in der Küche, wo er in einer Schublade herumstöberte. Schneyder gab ihm sofort die Hand und stellte sich vor. „Guten Abend, Herr Kommissar. Ich bin Dietmar Schneyder, der Sohn des Ermordeten.“

„Aha ... ja ... mein Beileid, Herr Schneyder, und danke, dass Sie so schnell kommen konnten. Sie wohnen in der Nähe?“

„In Beuel, aber es war nicht viel los auf den Straßen.“

Andreas kam direkt zum Punkt. „Herr Schneyder, können Sie sich vorstellen, wer so einen Hass auf Ihren Vater gehabt haben könnte, dass er ihn auf diese Weise umbringt?“

Schneyder, der schon die ganze Zeit eher gefasst wirkte, als vor Entsetzen und Trauer zu Boden geschmettert, ließ ein leicht gequältes Lächeln sehen. „Fragen Sie mich lieber, wer meinen Vater wirklich gemocht hat, dann wäre ich mit dem Aufzählen bedeutend schneller fertig.“

„Wieso? Was war er für ein Mensch?“ hakte Andreas nach, während Sascha seinen Notizblock zückte.

„Mein Vater besaß ein unerschütterliches Ego und ein großes Mundwerk. Er wusste alles, und er konnte alles.“ Schneyder hatte ein schmales, fein geschnittenes, fast jungenhaftes Gesicht, das selbst zu dieser Tageszeit tadellos glatt rasiert war. In seinen ungeheuer strahlend blauen Augen blitzte es kurz verächtlich auf. „Es wurde gemacht, was er sagte. Nicht nur zu Hause, sondern auch bei seinen Kollegen im Krankenhaus. Er war so ziemlich überall gefürchtet.“

Andreas nickte verständnisvoll. „Haben Sie ihn auch gehasst?“

„Ja, früher, als Kind. Aber irgendwann verwandelte sich der Hass in Verachtung.“ Schneyder sah nachdenklich in die Ferne. „Mir wurde klar, dass dieser Mann nur ein armes Würstchen ist, das andere terrorisieren muss, um sich selbst stark zu fühlen. Erbärmlich.“ Und schon brach er in strahlendes Lächeln aus, wobei er zwei leicht schräg stehende Eckzähne entblößte, und meinte: „Ich freue mich für ihn, dass dieses erbärmliche Leben ein Ende gefunden hat.“

Sascha warf einen Blick zu Andreas hinüber, der nach einem Moment des Schweigens feststellte: „Interessante Sichtweise. Sie erklärt möglicherweise, warum den ganzen Freitag und den ganzen Samstag niemand Ihren Vater vermisst oder das Haus betreten hat.“

„Sie sagen es. Er hatte bestimmt keine Freunde, die mal eben so vorbeischauen ... und falls er sich am Freitag oder Samstag mit Leuten verabredet hatte, waren die am Ende froh, dass er nicht auftauchte“, amüsierte sich Schneyder junior.

Sascha notierte sich das: ein Sohn, der seinem Vater alles Schlechte im Leben wünschte. Feine Familienverhältnisse. „Gibt es noch mehr nahe Verwandte außer Ihnen?“ kam er Andreas zuvor.

„Ja, mein Vater hat einen jüngeren Bruder. Ich selbst auch, und eine jüngere Schwester, dann gibt es natürlich noch Tanten, Onkeln und Cousinen.“

„Die lassen wir erst mal beiseite. Geben Sie mir doch bitte Namen und Adressen von Brüdern und Schwester.“ Sascha schrieb sich alles auf, und dann wollte Schneyder seinen Vater doch sehen.

Sie ließen ihn nach oben gehen. Als er hinkend die Treppe wieder herunterkam, lag ein betont gleichgültiger Ausdruck auf seinem Gesicht, aber darunter arbeitete es. „Sieht aus, als hätte ihn jemand, der sehr wütend auf ihn war, regelrecht abgeschlachtet.“ Schneyders Stimme klang ein ganz klein wenig zittrig. Berührte ihn der Tod seines verhassten Vaters mehr, als er vor sich selbst zugeben wollte?

„Ja, wir vermuten auch, dass es hier um eine sehr persönliche Sache geht“, stimmte Andreas zu und musterte den Mann eingehend. „Und Ihnen fällt immer noch niemand ein, der ein Motiv hätte und zu solch einer Tat fähig wäre?“

Schneyder erwiderte offen und nachdenklich Andreas’ Blick und schüttelte den Kopf.

„Schade“, meinte Andreas. „Woher haben Sie eigentlich dieses Problem mit dem Bein?“

Und schon lächelte Schneyder wieder. Ein bisschen bitter, aber mit diesen strahlend blauen Augen. „Ach, ich hatte in der Kindheit einen kleinen Unfall mit dem Fahrrad. Dabei ist mein Knie zertrümmert worden.“

„Das tut mir leid“, beteuerte Andreas, und so klang es auch. „Wir müssen Ihnen jetzt leider ein paar Routinefragen stellen. Herr Schneyder, wo waren Sie am Freitagabend?“

„Freitags treffe ich mich immer mit meinen Arbeitskollegen zum Bowling, und letzten Freitag ist es besonders spät geworden, weil unsere Frau Waldheim unbedingt in ihren Geburtstag hineinfeiern wollte.“

„Wo arbeiten Sie denn?“

„Im Finanzamt Sankt Augustin.“

„Sind Sie verheiratet?“

„Ja.“ 

„Kinder?“

„Nein.“

„Sie fahren jetzt am besten wieder nach Hause. Wir werden Ihrer Schwester und Ihrem Bruder die schlimme Nachricht persönlich überbringen.“

Dietmar nickte, sie verabschiedeten sich, er stieg in seinen Wagen und brauste davon. Andreas bat Manfred und Ulli, sich bei den Nachbarn umzuhören, und gab Peer Bescheid, dass sie weg seien.  Sascha fuhr zurück über die Südbrücke auf die Autobahn nach Königswinter, wo Dietmar Schneyders Schwester Marlies wohnte, die jetzt `Winkler´ mit Nachnamen hieß.

„Was hältst du von Sunnyboy Dietmar?“ versuchte Sascha unterwegs einen Gedankenaustausch in Gang zu bringen. „Ist der wirklich so gut drauf oder nimmt der Drogen?“

Andreas schien kurz zu überlegen. „Du solltest nicht immer von dir auf andere schließen. Ich bin mir nicht sicher, was ich von ihm halten soll. Gucken wir uns doch erst mal die restliche Verwandtschaft an.“ Er schwieg wieder.

Auf der Autobahn war an diesem warmen Novembersonntagabend erwartungsgemäß wenig los. Derart unterbeschäftigt konnte Sascha nicht lange seinen Mund halten.

„Also in dem Haus .... das war ja eine Atmosphäre fast wie in dem Film `Sieben´.“

„Ja, außer dass es dauernd geregnet hat.“

„Wie bitte?! Du hast den Film gesehen?! Wie konnte denn das passieren?!“

„Sascha, würdest du bitte den Fuß vom Gas nehmen! Man muss hier doch nicht 180 fahren!“

„Warum nicht?“

„Weil ich das nicht möchte!“

Sascha bremste ab, bis er nur noch 160 fuhr, und fragte noch einmal nach. „Wie kam es, dass du dir den Film angesehen hast?“

„Nachdem die ganze Menschheit um mich herum so davon geschwärmt hat, dachte ich mir, den Mist musst du dir auch angucken. Aber siehe da, der Film war gut.“

„Ja, das war er.“ Sascha flitzte unter gelb beleuchteten, tunnelartigen Unterführungen hindurch.

„Weißt du, was ich am Schrecklichsten fand?“ fragte Andreas.

„Den Schluss?“

„Nein, der war gnadenlos konsequent. Ich musste an den Drehbuchautor und den Regisseur denken, denen ein Millionenpublikum bescheinigt hat, dass sie ein Meisterwerk geschaffen haben. Und jetzt werden die beiden für den Rest ihres Lebens versuchen, ein Werk abzuliefern, dass noch besser ist als `Sieben´ - und sie werden es vermutlich nicht schaffen. Das ist  irgendwie tragisch.“

„Was du dir für Gedanken machst!“ Sascha schüttelte den Kopf. „Hast du ein Glück, dass du weder Drehbuchautor noch Regisseur bist! Was ich dich übrigens schon neulich fragen wollte: hast du den Buddhismus nach all den Monaten endlich abgehakt?“

„Vorläufig schon“, antwortete Andreas seufzend. „Der Buddhismus und ich passen nicht so recht zusammen.“

„Und womit beschäftigst du deinen ruhelosen Geist jetzt?“

Andreas rückte nicht sofort mit der Sprache heraus, sondern machte es spannend. „Du wirst nicht glauben, was es ist.“

„Dir traue ich alles zu. Interpretierst du vielleicht das Werk von Hegel?“

„Ach Gott.“

„Entschuldige. Entwickelst du noch nie dagewesene Kochrezepte?“

„Quatsch!“

„Nun sag schon – wir sind gleich da!“

„Es geht um Astrologie.“

„Bitte?!“

„Ja, aber nicht um den Blödsinn, der in den Zeitungen steht, sondern um das hochkomplexe Zusammenspiel von Sonnenzeichen, Aszendenten, Planeten und Häusern. Zum Beispiel waren Kopernikus, Kepler und Galilei nicht nur Astronomen, sondern auch Astrologen, denn das trennte man damals nicht voneinander.“

Sascha nahm die Autobahnausfahrt. „Wie bist du denn bloß auf Astrologie gekommen?“ 

„Meine Mutter hat mich wochenlang genervt, weil sie unbedingt ihren Aszendenten wissen wollte – all ihre Freundinnen kannten ihren, nur sie nicht.“

„Sie wollte also dazugehören ... in ihrem Alter?“ wunderte sich Sascha.

„Das hat doch nichts mit dem Alter zu tun! Na jedenfalls drückte sie mir irgendwann ein geliehenes Buch in die Hand: ich solle ihr endlich diesen blöden Aszendenten ausrechnen. Aber die Anleitung im Buch war mir zu kompliziert – ich hab mir ein PC-Programm gekauft und den Computer rechnen lassen, das ist ja schließlich seine Aufgabe!“

„Und dann, lass mich raten, hast du dir aus reiner Neugier dein eigenes Horoskop angeguckt!“ Sascha kam sich scharfsinnig vor wie Peter Ustinov als Hercule Poirot im Film `Das Böse unter der Sonne´. Und er hatte Recht gehabt.

„Ja, was ich gelesen hab, hat mich neugierig gemacht. Das ist eine interessante Materie!“

Sascha schaffte es gerade noch, seine spöttischen Bemerkungen für sich zu behalten, und kündigte an: „Wir sind gleich da, wo wollen wir parken?“

„Am Bahnhof, die Wilhelmstraße ist nicht allzu weit weg.“

Sascha stellte den Wagen kurz nach 20.30 Uhr am Bahnhof ab, und ein paar Minuten später waren sie in der Wilhelmstraße angelangt, die nur auf einer Seite mit Wohnhäusern bebaut war. Auf der anderen Straßenseite fuhr die Bahn entlang. Die Häuser waren alt, manche renoviert, andere nicht. 

Die Winklers wohnten in einem auf den ersten Blick eher unansehnlichen Gebäude. In den unteren Zimmern brannte Licht, aber durch die im Hochparterre gelegenen Fenster konnte man nicht hineinsehen. Neben der kurzen Treppe zur Haustür war ein Schild an der Hauswand angebracht, dem man entnehmen konnte, dass hier Malermeister Joachim Winkler zu finden war. Und wie zur Eigenwerbung hatte man die Haustür in bunten, schmalen Längsstreifen gestrichen, in allen Farben des Regenbogens. Sascha gefiel das. Er stieg die paar Stufen hinauf und klingelte. 

Ein Mann Mitte Vierzig, kaum mittelgroß, kräftig gebaut, riss die Tür auf. Er sah auf den Polizeiausweis und schimpfte, noch bevor Sascha ein Wort hätte sagen können, los: „Welches Arschloch hat Sie denn gerufen?! Hier ist alles in Ordnung, das sehen Sie doch!“

Andreas stieg neben Sascha die Treppe hoch. „Niemand hat uns gerufen, Herr Winkler. Wir sind von der Mordkommission, und es geht auch ausnahmsweise nicht um Sie, sondern um Ihre Frau. Können wir mal mit ihr sprechen?“ Andreas Ton war bestimmt, aber nicht unhöflich.

Winkler trug Jeans und ein rotes, kurzärmeliges T-Shirt, das seinen ordentlich trainierten Oberkörper figurbetonend umspannte. Sein dunkles Haar war kurz geschoren. Jetzt trat er beiseite und meinte kleinlaut: „Sicher.“

Er führte sie ins Wohnzimmer, das eingerichtet war wie Millionen anderer Wohnzimmer auch: braungemusterte Couchgarnitur, Regalschrankwand aus Kiefer mit Fernseher und Musikanlage, ein paar Pflanzen an den Fenstern. Das einzige, das angenehm hervorstach, war das satte Lindgrün, in dem der Raum inklusive Decke gestrichen war.

Das zweite, das auffiel, war die extrem dünne Frau mit den ängstlichen Augen, die um die Vierzig sein mochte und vor dem Sofa stand. Auch sie trug Jeans und eine rosafarbene, nicht mehr ganz neue, langärmelige Bluse, zugeknöpft bis fast oben hin. 

Andreas übernahm die Gesprächsführung. „Frau Winkler, Sie sind die Tochter von Horst Adolf Schneyder? Es ist vielleicht besser, wenn Sie sich setzen.“

Sofort ließ sie sich auf der vorderen Sofakante nieder, fingerte kurz an ihrer blondierten Pferdeschwanzfrisur herum  und faltete die Hände.

„Ihr Vater, Frau Winkler“, fuhr Andreas mit Mitgefühl in der Stimme fort, „wurde ermordet und zwar vermutlich vorgestern. Heute hat ihn seine Verlobte tot aufgefunden.“

„Ermordet?“ hauchte Marlies Winkler, und ihre Augen, die die interessante Farbe von nachgedunkeltem Pinienholz hatten, weiteten sich ein klein wenig. „Das ist ja furchtbar.“ Sie sah ihren Mann an.

Sascha machte es ihr nach. Andreas auch. Winkler wirkte überrascht. „Was glotzen Sie mich alle so an?! Hab ich vielleicht was damit zu tun?!“

„Hat das jemand gesagt, Herr Winkler?“ beruhigte ihn Andreas. „Wo haben Sie sich am Freitagabend aufgehalten?“

In Winklers eisblauen Augen blitzte Wut auf, aber dann schien er sich zusammenzureißen. „Ich hab am Freitag lange gearbeitet, so bis acht. Dann bin ich nach Hause gefahren und hab mich mit meiner Frau vor den Fernseher gesetzt – die wollte unbedingt diese Sendung mit den dämlichen Dominosteinen sehen. Stimmt’s, Schatz?“ Marlies Winkler nickte bereitwillig, und ihr Mann fuhr fort: „Warum hätte ich meinem Schwiegervater überhaupt was antun sollen? Der war doch nur ein arroganter Schwätzer, der sich für was Besseres hielt, und an allem und jedem was auszusetzen hatte!“ Winkler überlegte einen Moment und grinste plötzlich. „Doch, jetzt fällt mir ein Motiv ein: er hat uns damals nicht zu seinem 65. Geburtstag eingeladen. Das hat meine Frau sehr getroffen.“

Andreas ließ ein verhaltenes Lächeln sehen, ging aber auf diese Bemerkung nicht ein, sondern wandte sich an Marlies Winkler. „Wie haben Sie sich denn mit Ihrem Vater verstanden?“

„Ich –“ begann die Frau, aber Winkler fiel ihr ins Wort. „Sie hatte kaum Kontakt zu ihm.“

„Haben Sie denn Kontakt zu Ihren Brüdern?“

Wieder war Winkler schneller als seine Ehefrau. „Wir sehen sie auch nur sehr selten.“

Andreas versuchte es ein drittes Mal. „Haben Sie Kinder?“

Darauf durfte Marlies Winkler antworten. „Wir haben zwei Töchter, Mandy und Romina. Mandy ist diesen Sommer aufs Gymnasium gekommen.“ Etwas wie ein Lächeln geisterte über ihr mageres, blasses Gesicht.

Andreas rückte seine Brille zurecht. „Ich nehme an, Sie sind Hausfrau?“ Sie nickte. „Und Sie, Herr Winkler, arbeiten als Maler und Anstreicher?“

Wieder funkelte er Andreas verärgert an, aber dann verkündete er mit einem Stolz in der Stimme, als habe er erst neulich den Nobelpreis für Medizin oder Literatur verliehen bekommen: „Ich bin Malermeister, und ich habe mit meinen eigenen Händen eine Firma mit drei Angestellten aufgebaut!“

Sascha notierte sich alles und fragte aus einer Eingebung heraus: „Kennen Sie eigentlich die Verlobte Ihres Schwiegervaters?“

Winklers Reaktion auf diese Frage war ein verächtliches Lachen. „Die alte Schachtel? Die war doch nur hinter seinem Geld her! Und jetzt geht sie leer aus! Das geschieht ihr recht!“

Marlies Winkler guckte derweil die Wand an, als sei ihr dieses Thema peinlich. Sie wirkte immer noch nicht wie die trauernde Tochter. Entweder hatte sie ihre Gefühle extrem gut unter Kontrolle, oder ihr war (wie schon ihrem Bruder Dietmar) jede Träne für ihren Vater zu schade.

„Wir wollen Sie dann nicht länger stören.“ Andreas trat den Rückzug an. Vermutlich hatte er bereits 25 verschiedene Mordtheorien im Hinterkopf.

Als sie aus dem Haus traten, rumpelte gerade mit großem Getöse ein Güterzug vor ihrer Nase vorbei. Als sie wieder im Auto saßen, fuhr Andreas mit beiden Händen durch sein leicht welliges, leicht ergrauendes und reichlich langes Haar und meinte: „Das ist ja mal ein eindeutig geregelter Haushalt: die Frau ist für die Kinder zuständig, der Mann hat das Sagen.“

„Gefällt dir das?“

„Du willst mich heute wohl nur ärgern! Natürlich gefällt mir das nicht! In so einer Beziehung gärt es doch unterschwellig ununterbrochen, es gärt und gärt, bis es allen Beteiligten um die Ohren fliegt.“

„Ja, wie im Film `Genug´ mit der süßen Jenny Lopez“, bestätigte Sascha. „Den Film sollte sich die Winkler unbedingt ansehen, und wenn ihrem Gatten was passiert, wüssten wir sofort, wer die Mörderin ist.“

Sascha fuhr auf die Autobahn. Rechts war der hübsch beleuchtete Petersberg zu bewundern. Während sie Richtung Sankt Augustin rasten, wo der jüngste Schneyder-Bruder wohnte, diskutierten sie noch ein wenig über die Rollen von Mann und Frau in der Gesellschaft. Was Andreas nicht wirklich Spaß zu machen schien. Kein Wunder, fehlten ihm doch seit Jahren  die für Rollenstudien benötigten Frauen.

Sascha schmunzelte vor sich hin. Es war noch kein halbes Jahr her, dass er zu Hause bei Montenars ein Süppchen gegessen und mit Andreas Mutter geplaudert hatte ... die mit kaum zu überbietender Indiskretion darüber gejammert hatte, dass ihr Sohn seit sieben oder acht Jahren keine Frau mehr mit nach Hause gebracht hätte. Seine eigene Mutter hätte Sascha unter solchen Umständen verhaftet.

Am Autobahndreieck St. Augustin fuhren sie ab auf die Hennefer Autobahn, nahmen die Ausfahrt `Siegburg´ und dann die B56, die durch ein um diese Zeit bereits sehr ausgestorbenes St. Augustin führte. Hell beleuchtet und gut besucht war lediglich eine Tankstelle, bei deren Anblick Andreas feststellte, dass sie zu weit gefahren waren.

Sascha wendete und bog in die Wehrfeldstraße ein, die sich kurz darauf Eibenweg nannte und zu einem Geflecht aus Straßen mit wohlklingenden, anheimelnden Busch- und Baumnamen gehörte. Was vermutlich über die Tatsache hinwegtrösten sollte, das in der Gegend fast nur Hochhäuser in den Himmel ragten. Wie im Wacholderweg mit seinen achtzehnstöckigen Wohnblocks.

Sascha fand mit Müh und Not einen Parkplatz und fünf Minuten später hatten sie den Namen `Schneyder´ neben einem der vielen Klingelknöpfe in der sechsten Reihe gefunden. Sascha klingelte, und aus der Gegensprechanlage kam zweimaliges Knattern, das Sascha nicht als Sprache identifizieren konnte und daher ignorierte.

Plötzlich surrte der Türöffner, sie fuhren in den 6. Stock hinauf und landeten in einem unglaublich langen, unglaublich breiten, fensterlosen Flur, von dem eine Menge Türen abgingen. So einen Flur hatte Sascha noch nie gesehen. Ein Alptraumflur. Sascha entdeckte eine Tür, die einen Spalt weit offen stand. Wurden sie erwartet? Andreas, ein höflicher Mensch, klopfte, bevor er eintrat.

„Mann, Günni, komm rein!“ rief jemand von innen.

„Hier ist nicht Günni. Wir sind die Kommissare Piel und Montenar von der Mordkommission Bonn! Dürfen wir trotzdem reinkommen?“ rief Andreas zurück, obwohl er schon in der Diele stand. Die Diele war schlecht beleuchtet, sehr unaufgeräumt und roch nach Alkohol und Zigarettenrauch.

In einer der drei Türen zur Diele tauchte ein großer, dünner Mann Ende Dreißig auf, der eine dunkelgraue Jeans trug, einen grauen Zopfmusterpullover und die Haare so lang, dass dagegen Andreas’ bis über den Kragen fallende Frisur wie ein Kurzhaarschnitt wirkte. Er hatte die gleichen blauen Augen wie sein Bruder, aber sie strahlten nicht, ihr Blick war müde und ein wenig glasig. Was durchaus am Inhalt der Flasche liegen konnte, die er in der linken Hand hielt. In der rechten hielt er eine brennende Zigarette.

„Sind Sie Herr Ludger Schneyder?“ fragte Andreas und schloss die Wohnungstür.

„Ja, und ihr seid von der Mordkommission? Ich hab keinen umgebracht.“ Er zog einmal kräftig an seiner Zigarette.

„Davon gehen wir im Moment auch nicht aus. Aber Ihr Vater, Horst Adolf Schneyder, wurde am Freitag ermordet.“