cover

Mord in Bonn

Klassenmord

Kriminalroman von
Inge Lempke

Impressum

Math. Lempertz GmbH
Hauptstr. 354
53639 Königswinter
Tel.: 02223/ 90 00 36
Fax: 02223/ 90 00 38
info@edition-lempertz.de
www.edition-lempertz.de

Alle Rechte vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das Buch oder Teile daraus zu vervielfältigen oder auf Datenträger aufzuzeichnen.

1. Auflage – Oktober 2015
© 2015 Mathias Lempertz GmbH

Titelbild © Fotolia
Umschlaggestaltung: Ralph Handmann
Lektorat: Philipp Gierenstein, Alina Groß

ISBN: 978-3-945152-58-4
e-ISBN: 978-3-945152-01-0

Die Autorin Inge Lempke wurde 1954 in Bonn-Oberkassel geboren und studierte bis zur Geburt ihrer Tochter Physik an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn.

Im Laufe der Jahre schrieb sie zahlreiche Horrorgeschichten und unheimliche Erzählungen, aber heute hat sie sich auf Kriminalromane, deren Handlungen in Bonn und Umgebung spielen, spezialisiert.

Mord in Bonn

Klassenmord

Kriminalroman von
Inge Lempke

Kapitel 1

Bonn, Rheinpromenade
Samstag, 7. Mai
17.25 Uhr

Die Sonne kam hinter weißen Wolken hervor, und schon wurde es heiß.

Viktoria suchte nach einer Bank im Schatten für eine kleine Pause, denn sie musste sich erholen. Erstens von der vielen Lauferei, und zweitens von Dennis’ Frage. Herrgott, der Mann war immer so direkt!

Gott sei Dank, da vorne, eine Bank, auf der noch niemand saß. Heute war aber auch die halbe Stadt auf den Beinen: Am Abend stand Rhein in Flammen auf dem Programm, und viele Leute schienen sich schon jetzt einen guten Platz zum Zuschauen sichern zu wollen. Viktoria setzte sich.

„Vicky, meinst du nicht, du könntest mir langsam mal eine Antwort geben?“, nörgelte Dennis, der sich nicht zu nah neben sie gesetzt hatte.

Viktoria lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute einem Ausflugsdampfer hinterher.

„Ich finde, du solltest meine Bedürfnisse respektieren!“, verlangte sie mit Nachdruck und schlug die Beine übereinander. Vielleicht hätte sie doch Strümpfe anziehen sollen.

„Himmel noch mal, Vicky!“ Dennis’ Stimme bekam einen ungeduldig aggressiven Unterton. „Ich tu doch schon den ganzen Tag nichts anderes, als mich um deine Bedürfnisse zu kümmern! Wir wollen dieses Jahr heiraten, da kann man doch wohl mal übers Zusammenziehen nachdenken!“

Darauf antwortete Viktoria nicht. In letzter Zeit plagten sie immer öfter Zweifel, ob die Heirat überhaupt eine gute Idee war. Oder der Plan mit der gemeinsamen Praxis. Was, wenn sich nach ein paar Monaten herausstellte, dass sie mit dem Egozentriker neben ihr nicht klarkam?

Viktoria drehte den Kopf und musterte ihn, während er das gegenüberliegende Ufer zu hypnotisieren schien.

Von der Seite sah er noch jünger aus: beinah wie Mitte 20, dazu passend sein längeres Haar, ganz der rebellische Teenager! Dabei war er eher konservativ statt aufgeschlossen, eher steif statt charmant. Gut, er hatte Manieren und trug außerhalb der Klinik immer schicke Anzüge. Gut, er war kompetent und verfügte über eine ausgezeichnete Allgemeinbildung. Aber reichte das?

Viktoria hielt sich selbst für eine schöne, starke Frau, die auf ihrem Fachgebiet schon so einiges geleistet hatte und dafür bewundert werden wollte. Jawohl, sie wollte bewundert, wenn nicht gar angebetet werden! Aber das tat Dennis nicht!

Sie hatte über einen Kompromiss nachgedacht, mit dem sie sich gegen Überraschungen absichern konnte, und jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen, Dennis mit ihren Überlegungen zu konfrontieren!

„Du, hör mal, ich will dir einen Vorschlag machen.“

Dennis wandte ihr das Gesicht zu, und seine grünblauen Augen blickten kühl. Er sagte nichts.

„Also, Folgendes …“ Viktoria räusperte sich und wich seinem Blick aus. „Ich habe einen Drei-Stufen-Plan für unsere Beziehung aufgestellt.“ Er war brillant, dieser Plan. „Erste Stufe, wir eröffnen im Sommer unsere Gemeinschaftspraxis; zweite Stufe, wenn das gut läuft, ziehe ich mit dir zusammen, und wenn auch das, dritte Stufe, gut läuft, heiraten wir.“ Sie sah ihm wieder in die Augen. „Was hältst du davon?“

Mit dem, was dann passierte, hatte Viktoria nicht gerechnet: Dennis wandte sich wortlos ab, griff nach seinem Jackett, stand auf und ging nach links davon. Schnell und ohne sich umzusehen!

Viktoria rührte sich erst einmal nicht. Sein Verhalten war so ungeheuerlich, dass sie es kaum fassen konnte. Das war ja … also, das war … das war die unverschämteste Respektlosigkeit, die ihr je widerfahren war! Hatte sie geträumt? Aber dort hinten, im Schatten einiger großer Bäume, eilte er davon, mit großen Schritten, die Jacke über die Schulter geworfen, kein einziges Mal zurückblickend. So hatte er sie noch nie behandelt!

Viktoria merkte, dass sie zitterte. War es die kühle Bank – oder die Wut, die in ihr hochkochte?

Sie stand auf und ging in die andere Richtung, weg von Dennis. Das herrliche Wetter, die wunderschöne Aussicht, die vielen Menschen um sie herum, das alles nahm sie nicht mehr wahr; in ihrem Kopf gab es nur Tumult sowie die Erkenntnis, dass es völlig richtig gewesen war, nicht mit einem Mann zusammenzuziehen, den sie augenscheinlich gar nicht kannte! Wie gut für alle Beteiligten, dass sie es angesprochen hatte!

Viktorias Schritte wurden schneller und energischer in dem Maß, in dem ihre Wut weiterwuchs, und so marschierte sie schließlich in unerfreulichen Gedanken gefangen am Rhein entlang, bis sie merkte, wo sie war: Du lieber Himmel, wie viele Kilometer war sie gelaufen? Nicht weit entfernt spannte sich die Südbrücke über den Rhein. Viktoria stand praktisch schon mit einem Bein in der Rheinaue! Von dort hörte man Musik; wahrscheinlich waren sämtliche Wiesen voll mit feiernden Menschen. Und jetzt fielen ihr auch noch ein paar andere Dinge auf: schmerzende Füße in Schuhen, die nicht zum Marschieren geeignet waren, ein furchtbarer Durst, der möglichst schnell gelöscht werden musste, und ein Himmel voller sehr dunkler Wolken, der in den nächsten Minuten einen Platzregen befürchten ließ. Und natürlich hatte sie keinen Schirm mitgenommen. Nichts wie nach Hause!

Viktoria eilte, so rasch sie konnte, von der immer noch gut besuchten Uferpromenade fort in Richtung Stadt. Als die ersten dicken Tropfen vom Himmel fielen, tauchte vor ihr das Johanniter-Krankenhaus auf, in dem sie vor acht Jahren als Assistenzärztin gearbeitet hatte. Schnell ins Trockene!

In der Cafeteria holte sie sich etwas zu trinken, bestellte sich schließlich ein Taxi und ließ sich nach Hause bringen. Sie hatte viel Zeit zum Nachdenken gehabt und war mittlerweile zu dem Ergebnis gekommen, dass sie den Plan mit der Gemeinschaftspraxis aufgeben bzw. sich einen anderen Partner suchen würde.

Viktoria bezahlte den Fahrer und stieg in der Poppelsdorfer Allee aus dem Wagen. Der Regen hatte so gut wie aufgehört, trotzdem war kaum etwas los auf der Straße. Viktoria sah auf die Uhr: tatsächlich schon 19.55!

Am Himmel zogen neue Regenwolken auf. Inzwischen war ihr richtig kalt. Sie eilte die vier Stufen zur Haustür empor, hörte, wie das Taxi davonfuhr, steckte den Schlüssel ins Schloss, nahm den Duft von süßlichen Blüten wahr, die neben der Treppe wuchsen, schob die Tür ein Stück auf, während sie den Schlüssel herauszog, und war mit einem Mal felsenfest davon überzeugt, dass jemand hinter ihr stand. Als sie sich umdrehen wollte, traf etwas sehr Massives ihren Kopf.

Ihr tat höllisch der Kopf weh, als sie aufwachte. Schwindlig war ihr auch. Dann merkte sie, dass sie irgendwo auf dem Bauch lag. Sie schaute auf die weißen Eisenschnörkel ihres Bettgestells; ihre Hände waren daran festgebunden. Mit Klebeband. Über ihrem Mund klebte auch etwas. Es war schon dunkel draußen … War sie so lange bewusstlos gewesen? Auch im Zimmer war es dunkel, durch die Dachfenster fiel nur Licht von den Straßenlaternen. Was war hier los? Ein Raubüberfall?

Von draußen war auf einmal ein unregelmäßiges Knallen zu vernehmen. Das Feuerwerk. Plötzlich hörte sie, dass sie nicht allein im Zimmer war. Sie versuchte den Kopf zu drehen, aber das war schwierig. Und dann setzte sich jemand auf ihren Rücken! Wer war das, und was sollte das?! Das begriff sie drei Sekunden später, als jemand beide Hände auf ihren Hinterkopf drückte, so dass ihr Gesicht im Kissen versank und sie keine Luft mehr bekam.

*
Bonn, Polizeipräsidium
Mittwoch, 11. Mai

Kurz nach dem Mittagessen meldete sich die Zentrale bei Andreas.

„Da kam gerade ein Anruf von einer Frau Weich rein, die ist in einem Haus in der Poppelsdorfer Allee und hat ’ne weibliche Leiche gefunden. Ich hab schon ein paar Kollegen hingeschickt, die in der Nähe waren.“

„Danke. Wir sehen uns das mal an.“ Andreas gab die Information an Sascha weiter, der sofort aufsprang und sich das Jeansjäckchen über sein kiwigrünes Poloshirt zog.

Noch auf dem Weg nach unten fragte er scheinheilig: „Nehmen wir Renate mit?“

Andreas tat erst einmal, als habe er Saschas Anspielung nicht verstanden. „Nein, sie fährt wie immer bei Peer, Wilfried und Walter mit.“

„Ach so.“

Draußen war das Wetter, wie es sich eigentlich für den April gehörte: mal Sonne, mal Wolken, mal Platzregen mit Hagel. Andreas war es auf jeden Fall zu kalt.

Sascha warf sich hinters Steuer und fuhr los. Kaum waren sie auf der Südbrücke, als er herausplatzte: „Mensch, nun erzähl doch mal was von dir und Renate! Von euch beiden erfährt man ja kein Sterbenswörtchen!“

Andreas war zufrieden. „Ja, die Frau kann schweigen. Sonst hätte ich mich auch gar nicht auf sie eingelassen.“

„Aha, du hast dich auf sie eingelassen. Wie passt ihr denn so zusammen?“, bohrte Sascha weiter.

Andreas hatte nicht vor, die Frage zu beantworten. Es lief ganz gut. Sie waren noch ein paar Mal spazieren gegangen, ein paar Mal hatte er sie zum Essen eingeladen, sie waren sogar einmal im Kino gewesen, im neuen James Bond-Film. Zu mehr war es bisher nicht gekommen. Nein, diesmal wollte er sich Zeit lassen, und Renate war nicht die Frau, die einen Mann sofort ins nächste Bett zerrte.

„Wie wär’s, Sascha, wenn wir mal über deine Beziehung reden?“

„Da gibt’s nichts Neues“, schmetterte Sascha ihn ab. Zwei Minuten später berichtete er: „Anscheinend hat sich Petra mit einem Kollegen von der Streife verlobt.“

„Ist ja interessant“, behauptete Andreas.

„Finde ich auch.“ Sascha plauderte Details aus, beschäftigte sich auch gleich noch mit dem Privatleben anderer Kollegen und fing dann mit seiner neuerdings üblichen Jammerei über gestiegene Lebenshaltungskosten an.

Andreas hörte eine Weile zu. Als sie in die Reuterstraße abbogen, riss ihm der Geduldsfaden, und er konfrontierte Sascha mit ein paar knallharten Sparvorschlägen, die dieser allerdings komplett ablehnte: „Also, ein bisschen Lebensqualität will ich ja nun doch haben!“

Andreas ärgerte sich. So war die Mentalität heute: Haben-Wollen statt zu verzichten! Und zwar verzichten auf etwas, das man nicht einmal brauchte!

„Soll ich dir mal erklären, was Lebensqualität wirklich heißt?“, entgegnete Andreas und schaute Sascha von der Seite an.

Sascha lächelte gequält. „Nein danke, bloß nicht!“

Daraufhin schwiegen sie beide, bis sie um kurz nach 14 Uhr in der Poppelsdorfer Allee ankamen. Sascha stellte den Wagen in zweiter Reihe zwischen einem Streifen- und einem Notarztwagen ab. Peer und die Spurensicherer waren augenscheinlich noch nicht eingetroffen.

Das Haus, in dem die Leiche gefunden worden war, stand in einer langen Reihe von anderen Jahrhundertwende-Häusern, aber es war das bei weitem ansehnlichste: cremefarben gestrichen, Ornamente und ähnliches braun abgehoben, gepflegter Steinvorgarten mit ein paar Büschen, solide Eichentür mit Glasscheibchen.

Sie stand offen, bewacht von einem Kollegen in Uniform. Noch trieben sich erstaunlich wenig Gaffer herum. Die Leiche, sagte der Kollege, sei oben. Andreas stieg hinter Sascha eine alte, ab und zu knarrende Holztreppe hinauf, das Geländer vermutlich noch handgedrechselt, weiß lackiert ebenso wie die Stufen, auf denen über die ganze Länge bis nach oben ein fliederfarbener Läufer lag.

Das Treppenhaus war ebenfalls in hellem Flieder gestaltet, hier und da hingen Fotos, aber nicht etwa von der Familie oder von Landschaften. Stattdessen konnte man mehrfach eine hübsche lächelnde Frau mit kurzen blonden Locken, blauen Augen und zarten Gesichtszügen sehen. Immer schüttelte sie älteren Männern die Hand und schien so etwas wie Auszeichnungen oder Preise entgegenzunehmen. Handelte es sich um das Opfer?

Im ersten Stock wurde klar, dass Sascha und Andreas noch ein Stockwerk höher mussten. Dort oben, unter dem Dach, wurde alles etwas enger und niedriger.

In einem winzigen Flur, von dem nur zwei Türen abgingen, saß eine Frau um die 50 in Jeans und weißem Shirt auf einem knallroten Sesselchen, bleich im Gesicht, Schrecken im Blick. Neben ihr stand, ganz in Weiß, der Notarzt und maß ihr den Blutdruck.

Nachdem er das Stethoskop aus den Ohren genommen hatte, meinte er: „Ich glaube, es ist besser, wenn Sie mit mir kommen, Frau Dr. Weich. Sie klappen mir hier noch zusammen!“

Andreas mischte sich ein: „Guten Tag. Piel und Montenar von der Kripo Bonn. Können wir erst kurz mit der Dame reden?“

„Ich –“, begann der Arzt, aber Frau Dr. Weich fiel ihm ins Wort: „Ja, sicher doch! Das muss raus! Also, ich hab mit Frau Dr. Thomas zusammen in der ZFK-Privatklinik in Godesberg gearbeitet. Sie ist gestern und vorgestern nicht erschienen und war auch nicht zu erreichen, und heute dachte ich, da muss ich doch mal nachgucken, ob ihr nicht was passiert ist!“

Die Frau, deren braunes Haar von einem Mittelscheitel glatt bis auf die Schultern fiel, ließ sich kaum Zeit zum Luftholen. „Ich hab 20, 30 Mal geklingelt, dann hab ich mir von einer Nachbarin den Schlüssel geholt. Eigentlich wollte sie mitkommen, aber dann rief der Kindergarten an, ihre Tochter hatte wohl einen kleinen Unfall. Jedenfalls bin ich allein ins Haus gegangen, aber das hätte ich wohl besser nicht getan.“ Ein bisschen Farbe kam in ihr Gesicht zurück. „Ich hab ein Stockwerk nach dem anderen abgesucht, und hier oben hab ich sie dann gefunden, auf ihrem Bett … sie lag auf ihrem Bauch … und sie war … nun, sie war festgebunden, und da steckte ein … also in ihrem … was stammele ich hier rum – sehen Sie sich das doch selbst an!“

„Frau Dr. Thomas war schon tot, als Sie sie gefunden haben?“

„Ja doch! Erinnern Sie sich? Ich bin Ärztin! Vicky ist seit mindestens zwei Tagen tot!“ Die Frau wirkte inzwischen nicht mehr so, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen.

Andreas bedankte sich. „Würden Sie vielleicht noch ein paar Minuten hierbleiben? Sie könnten uns helfen.“

„Natürlich. Ich fühle mich schon viel besser.“ Sie wandte sich an den Notarzt. „Fahren Sie ruhig. Ich komme klar.“

Der Arzt war nicht begeistert, gab noch ein paar Anweisungen und verabschiedete sich, während Andreas hinter Sascha das Schlafzimmer von Dr. Viktoria Thomas betrat. Die Dachschrägen waren in kräftigem Fliederton gestrichen, das breite, weiße Bett mit Eisengestell stand frei im Raum auf pinkfarbenem Teppichboden, auf dem ein paar Kleidungsstücke verstreut waren. Es war ziemlich warm hier unter dem Dach, und ein leichter Geruch nach Verwesung hing in der Luft.

Auf dem Bett lag nackt eine Frau auf dem Bauch, die Arme gespreizt ans Eisengitter gefesselt, die Beine nicht, und zwischen ihren Pobacken ragte etwas Metallenes hervor.

Andreas ging näher heran. „Was ist das?“

Sascha folgte ihm und begutachtete das Teil, ohne es anzufassen. „Könnte ein Spekulum sein, das benutzen Frauenärzte zur Untersuchung der –“

Andreas ließ ihn nicht ausreden, sondern rief in den Flur: „Frau Dr. Weich, war Ihre Kollegin zufällig Gynäkologin?“

„Natürlich!“, kam die Antwort. „Wir arbeiten in einer Frauenklinik.“

„Alles klar.“ Andreas bewegte sich vorsichtig weiter auf das Kopfende des Bettes zu und passte auf, dass er nicht auf irgendwelche Beweisstücke trat. Er ging in die Hocke, und Sascha machte auf der anderen Bettseite das Gleiche. Das Gesicht des Opfers war nicht zu sehen, denn es war in ein schmales Kissen gedrückt. Man schaute auf nichts als blonde kurze Locken.

Andreas richtete sich auf und ließ seinen Blick über den Rest des Körpers wandern. Wie alt mochte die Frau sein? Ende zwanzig? Sie hatte kein Gramm Fett zu viel auf den Hüften, straffe, schlanke Beine, einen durchtrainierten Po und keinerlei Stich- oder Schussverletzungen. Nirgendwo waren Blutflecken oder -lachen zu sehen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Andreas eine Hand, die sich auf den Kopf des Opfers zubewegte.

„Bist du völlig wahnsinnig geworden?!“, fuhr er Sascha an. „Wenn Peer das mitkriegt, bist du tot!“

„Übertreib nicht so“, brummte Sascha, zog aber die Hand weg.

„Lass uns mit Dr. Weich reden, solange sie noch hier ist.“ Andreas ging zurück in den winzigen Flur.

„Ihnen ist das Spekulum im … also, im Gesäß der Toten doch auch aufgefallen … Hatte Dr. Thomas Streit mit einem Kollegen in der Klinik?“

Frau Dr. Weich, die jetzt einen pinkfarbenen Plastikbecher mit Wasser in der Hand hielt, nippte daran, guckte in die Ferne und schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste. Sie wollte uns ja sowieso bald verlassen und zusammen mit ihrem Freund eine eigene Praxis aufmachen. Moment mal, apropos Freund – ich hab ihn heute Morgen gebeten, Vicky anzurufen. Da sagt der doch zu mir: ,Nee, die ruf ich nicht an! Die soll sich gefälligst zuerst melden!‘ Und dann rauschte er davon. Er schien ziemlich geladen zu sein.“

„Interessant. Wie heißt der Mann, und wo finden wir ihn?“, wollte Andreas wissen.

„Er heißt Dr. Dennis Sander, und um die Uhrzeit müsste er eigentlich in der Klinik sein.“

Andreas ließ sich die Adresse der Klinik sowie die von Frau Weich geben, schickte sie nach Hause, streifte sich Handschuhe über und begann zusammen mit Sascha die Kommode, den Kleiderschrank und die Nachttische auf brauchbare Informationen zu untersuchen. Kaum fünf Minuten später tauchten Peer, Renate und Wilfried auf, und Andreas war tausendprozentig sicher, dass alle im Zimmer Anwesenden verstohlene Blicke zu ihnen hinüberwarfen, um nur ja nicht zu verpassen, wie Andreas auf Renates Ankunft reagierte. Sie sollten ihre Show bekommen.

Er breitete strahlend die Arme aus, rief „Hallo, Schatz!“ und eilte auf Renate zu, die genau das Gleiche tat und ihm, als sie aufeinandertrafen, einen langen Kuss gab. Peer grinste, Sascha wandte sich mit einem „Ich fühl mich irgendwie verarscht!“ ab, Wilfried schaute staunend zu.

„Haben wir doch gut gemacht, oder?“, flüsterte sie Andreas ins Ohr, berührte noch einmal kurz seine Lippen, drehte sich um und verkündete: „So! Jetzt bin ich zu allem bereit!“

Peer schüttelte den Kopf und kümmerte sich um die Leiche. Zunächst schnitt er das braune Klebeband durch, mit dem die Hände der Frau an die Eisenstäbe des Betts gebunden war, und inspizierte jeden Zentimeter von Vicky Thomas’ Rückseite. Er schob ein paar Haare beiseite, und man sah eine dunkle Stelle am Hinterkopf, auf die sie wohl mit einem schweren Gegenstand geschlagen worden war.

Von allen verdächtigen Hinweisen machte er Fotos, besonders genaue von ihrem Hinterteil. Schließlich zog er das Spekulum heraus. Als Peer sich anschickte, Dr. Thomas auf den Rücken zu wenden, stellte sich Andreas neben ihn und half ihm.

Die Frau wirkte auch auf der Vorderseite sehr durchtrainiert und völlig unverletzt, wenn man von mehreren blutunterlaufenen, großflächigen Stellen am Körper und im Gesicht absah. Leichenflecken. Über ihrem Mund klebte braunes Paketband. Die Augen standen halb offen. Sie hatte schöne Augen, von ungewöhnlich dunklem Blau. Allerdings hatte sie auch in den Augen kleine Einblutungen. Vermutlich war sie erstickt worden.

Auch Peer war dieser Ansicht. „Zuerst wurde sie niedergeschlagen und gefesselt. Am Hals sind keine Würge- oder Drosselspuren. Vermutlich wurde ihr Gesicht so lange ins Kissen gedrückt, bis sie tot war.“

„Das Ganze sieht mir doch sehr nach Beziehungstat im Affekt aus“, meinte Andreas.

„Ist das nicht ein wenig voreilig?“, warf Sascha ein, der wahrscheinlich schon vom nächsten Serienmörder träumte. „Wir haben ja noch nicht mal richtig mit der Durchsuchung angefangen!“

„Dann tun wir das doch.“ Bevor sich Andreas wieder der Kommode widmen konnte, bekam er mit, dass Peer vorsichtig das Klebeband vom Mund der Toten ablöste und kaum fünf Sekunden später murmelte: „Das ist ja interessant, seht euch das mal an.“

Sofort versammelten sich alle um den Kopf der Leiche. Zwischen den Lippen ragte etwas heraus. Etwas Dunkelblaues aus Stoff. Peer zog daran, und zum Vorschein kam ein sehr knapper Herrenslip.

„Der Mörder hat ihr seine Unterhose in den Mund gestopft? Das ist eklig“, befand Sascha.

Peer inspizierte den Slip genauer.

„Also, getragen ist das Ding nicht.“ Jetzt roch er sogar daran. „Nein, riecht nach Waschpulver, oder?“

Er hielt Sascha die Unterhose unter die Nase, doch der wich sofort zurück. „Sag mal, spinnst du?!“

„Stell dich nicht so an!“

„Quatsch nicht! Guck dir lieber mal ihre Ohrläppchen an – ist das Blut oder was?“

Peer beugte sich ganz nah zu Dr. Thomas’ Ohren herunter, dann fasste er sie an. „Du hast Recht, da ist ein bisschen Blut. Jemand hat ihr anscheinend die Ohrringe herausgerissen.“

Renate ging in die Hocke und ließ ihren Blick über den Teppichboden wandern, dann schaute sie unters Bett. „Ich sehe keine Ohrringe. Vielleicht hat der Täter sie mitgenommen.“

Sie erhob sich, sammelte die Kleidungsstücke rund ums Bett ein und steckte sie in Plastiktüten.

„Ein Raubmord?“, fragte sich Andreas. „Das müssten aber sehr kostbare Ohrringe gewesen sein. Außerdem wurde hier oben nichts durchwühlt … Es sei denn, der Mörder hat hinter sich aufgeräumt.“ „Ist alles schon vorgekommen“, behauptete Sascha und schaute sich um.

Während alle noch rätselten, bog Peer den Kopf der Frau nach hinten und leuchtete mit einer Lampe in ihre Nasenlöcher. „Ich hab sie gefunden. Die Nase kam mir gleich so unförmig vor.“ Aus seinem Köfferchen besorgte er sich eine Pinzette und beförderte ein paar Perlenohrstecker ans Tageslicht.

Sascha guckte angewidert. „Also, eins steht fest: Der Täter hat eine Vorliebe dafür, Dinge in Körperöffnungen zu stecken, in die sie nicht hineingehören! Das ist doch pervers!“

„Ja, sicher“, stimmte Andreas zu. „Entweder hatte der Täter eine Mordswut auf die Frau, oder er ist eben doch nur ein perverser Psychopath … Wartet mal, ich hab doch vorhin was gesehen!“ Andreas eilte zur Kommode unter der Dachschräge und zog zum zweiten Mal die unterste Schublade auf. „Ja! Hier drin liegt Männerbekleidung, mehrere dunkelblaue Slips, Socken und ein paar weiße Oberhemden!“

Andreas nahm eine Unterhose heraus und reichte sie Peer als Vergleichsmodell. Dann schickte er Renate nach nebenan ins Bad, wo sie die Zahnbürsten und einen elektrischen Rasierer eintütete.

Er selbst und Sascha streiften derweil durchs Haus und fanden noch mehr Anzeichen dafür, dass Dr. Thomas’ Freund und Kollege Sander sehr oft bei ihr übernachtet haben musste. Sie kehrten noch einmal ins Schlafzimmer zurück.

„Sag mal, Peer, ist die Frau vergewaltigt worden?“, informierte sich Andreas.

„Dazu kann ich dir noch nicht wirklich was sagen … aber nach den Spuren zwischen ihren Oberschenkeln spricht einiges dafür.“

„Hab ich schon befürchtet. Todeszeitpunkt?“

„Kann ich noch nicht genau sagen. Ich schätze mal, am Samstag oder Sonntag.“

„Okay, dann macht mal schön weiter hier, wir knöpfen uns den Sander vor.“

Um kurz nach 16 Uhr saß Andreas wieder auf dem Beifahrersitz und lotste Sascha mit Hilfe des Stadtplans (sie verließen sich ungern auf ihr Navi) in Richtung Plittersdorf/Godesberg. Ein gutes Stück hinter der Südbrücke stießen sie auf ein Schild, das zum Rhein hinunter wies: ZFK-Privatklinik.

Natürlich hatte Sascha längst sein Smartphone befragt: Das Zentrum für Frauenkrankheiten war brandneu, deckte so ziemlich alles ab, was man sich als Frau zuziehen konnte oder an sich neu gestalten wollte, und war natürlich mit einem Überangebot an Ärzten und Personal ausgestattet.

Und schon kam der Neubau in Sicht, zwischen Wiesen und vielen großen Bäumen gelegen, und er sah nicht wie ein nüchterner Neubau aus, sondern eher wie ein Märchenschloss aus dem Orient. Das Gebäude war in einem satten Dunkelrot gestrichen, hatte diverse minarettartige Türmchen und Spitzbogenfenster. Anscheinend kam die Bauart bei Frauen gut an, denn die Parkplätze, gut versteckt hinter Hecken, waren proppenvoll.

Und die Eingangshalle des ZFK fiel noch pompöser aus, als Andreas gedacht hatte: Der Fußboden war ein traumhaftes Mosaik in Erdtönen, überall standen breite Sofas mit roten und golden gemusterten Stoffen, dazwischen Palmen in bauchigen Kübeln. An den Wänden viele Spiegel, von den Decken hingen Messinglampen im orientalischen Stil.

„Wahrscheinlich haben die hier auch goldene Spritzen und Skalpelle“, brummte Sascha, während sie auf die Rezeption zugingen. Dort zeigten sie einer gut gestylten Mitarbeiterin mittleren Alters ihre Ausweise und fragten nach Dennis Sander. Sie rief auf seiner Station an und erfuhr, dass sich der Arzt zurzeit im Labor im Erdgeschoss aufhalte.

*

Zwei Minuten später standen sie im eher nüchtern und zweckmäßig eingerichteten Labor Dr. Dennis Sander gegenüber, einem schmalen, großen Mann mit Blondhaar und Goldrandbrille, der schlecht gelaunt dreinguckte. Er trug eine weiße Hose und ein weißes kurzärmeliges Hemd.

„Guten Tag“, begrüßte ihn Andreas. „Wir sind Piel und Montenar von der Kripo Bonn, und wir haben ein paar Fragen an Sie.“

Im Labor arbeiteten weitere Angestellte: drei Frauen, ein Mann. Als Andreas Kripo Bonn sagte, drehten sich alle Köpfe in Richtung Sander.

„Um was geht es?“, verlangte der Doktor zu wissen, möglicherweise noch schlechter gelaunt als vorher.

Andreas blieb freundlich. „Es geht um Frau Dr. Thomas. Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?“

Sanders Miene hellte sich kein bisschen auf. „Am Samstagnachmittag. Wieso?“

„Dr. Thomas wurde heute Mittag ermordet aufgefunden.“

Sanders Mund öffnete sich, und sein Blick wurde empört-ungläubig, so als erlaube sich Andreas einen üblen Scherz mit ihm.

Und so stellte Andreas sofort klar: „Dr. Sander, wir sind von der Polizei und machen keine grundlosen Scherze! Wir haben gehört, dass Sie einen heftigen Streit mit Viktoria Thomas hatten, und deshalb –“

Sander fiel ihm ins Wort, wobei er die Hände zu einer abwehrenden Geste hob: „Nein, das war kein heftiger Streit! Wir waren uns nur in einer Frage nicht ganz einig!“

Dazu musste sich Sascha äußern – mit Uneinigkeit kannte er sich aus. „So, Sie waren sich nur ein bisschen uneinig … und da rufen Sie die Frau tagelang nicht an? Sie ist in den letzten beiden Tagen nicht zur Arbeit gekommen – und da sind Sie überhaupt nicht besorgt? Machen sich keine Gedanken?!“ Sascha war ziemlich laut geworden, jetzt mäßigte er sich. „Sie müssen verdammt wütend auf die Frau gewesen sein … oder Sie wussten, dass es keinen Sinn hat, sie anzurufen!“

„Nein, das stimmt alles nicht!“, behauptete Sander mit einem Funkeln in seinen grünblauen Augen. „Bitte sagen Sie mir, was ihr zugestoßen ist!“

Andreas kam Sascha zuvor. „Sie ist in ihrem Schlafzimmer erstickt und vergewaltigt worden. In ihrem Mund fanden wir einen Ihrer Slips und –“

„Nein“, hauchte Sander und stützte sich mit der Hand an einem der Labortische ab.

Die vier Angestellten hatten wieder weggesehen und so getan, als konzentrierten sie sich auf ihre Arbeit, aber jetzt wandten zwei der Frauen ihre Köpfe um und guckten entsetzt.

„Ich muss an die frische Luft“, murmelte Sander, ließ den Tisch los und wankte wie auf weichen Knien auf eine Glastür zu, die direkt auf die Wiese draußen zu führen schien. Er schloss sie auf, öffnete sie und trat über die Schwelle.

Sascha war auf der Hut. Dass er den Mann richtig eingeschätzt hatte, wurde klar, als Sander, kaum dass er durch die Tür getreten war, mit langen Schritten über den Rasen davonrannte, auf den Rhein zu. Sascha sprintete sofort hinter ihm her. Verdammt noch mal, mussten die Kerle immer zu Fuß flüchten! Er war schließlich auch nicht mehr der Jüngste!

Sander lief über die kurzgeschnittene Wiese, und kein Zaun hielt ihn auf. Jetzt hatte er eine lockere Reihe von Büschen erreicht, durch die er hindurchstürmte. Ein paar Sekunden später bahnte sich auch Sascha seinen Weg durch Äste und Blätter. Hinter den Büschen Steine und Geröll, dann eine Art Sandstrand, dann das Wasser. Und natürlich Sander, der schon bis zur Hüfte im Rhein stand, und sich gerade nach vorne warf, um loszuschwimmen.

Sascha blieb stehen. Nein, da machte er nicht mit! Zu nass, zu kalt, und überhaupt! Nein, Sascha rief die Kollegen auf der anderen Rheinseite in Königswinter sowie die Wasserschutzpolizei an und informierte sie über die Lage. Man versicherte ihm, sie würden den Kerl schon schnappen, denn bei den Temperaturen und der Strömungsgeschwindigkeit sei eine Rheinüberquerung kein Kinderspiel. Sascha blieb nah am Wasser stehen und schaute Sander zu, wie der sich abmühte, aus den Strömungswirbeln hinter einem Schleppkahn herauszukommen. Gerade mal ein Zehntel der Strecke hatte er hinter sich, und auf einmal schien er selbst zu merken, dass er sich zu viel vorgenommen hatte – er wendete und schwamm zurück ans Ufer!

Als er pitschnass und ein gutes Stück unterhalb der Stelle, an der er losgeschwommen war, dem Rhein entstieg, kam die Sonne hinter den Wolken hervor und wärmte den armen, keuchenden Frauenarzt ein wenig, bevor Sascha ihm Handschellen anlegte und ihn zum Auto brachte.

*
Polizeipräsidium, Bonn

Nachdem Sander mit trockener Kleidung versorgt worden war, führte man ihn in Andreas’ Büro.

Das Einzige, das er sagte, war: „Ich wollte nicht fliehen – ich wollte mich umbringen.“

„Und dann wurde es Ihnen zu nass, oder was?!“, giftete Sascha.

Daraufhin ließ der Doktor den Kopf hängen, verlangte nach einem Anwalt und schwieg sich aus. Nach einer Viertelstunde ließ Andreas ihn fortbringen.

„Glaubst du, dass er’s war?“, fragte Sascha mit verdrossenem Blick.

„Sorry, ich kann nicht in seinen Kopf gucken.“ Andreas malte Muster auf ein Blatt Papier. „Wenn der Anwalt nicht mit der Selbstmordbehauptung ankommt, wird er wahrscheinlich argumentieren, Sander sei im ,Reflex’ geflohen, nicht vor der Polizei, sondern vor der ganzen Situation!“

Sascha nickte. „Im Schock.“

„Genau. Der gute, alte Schock. Was machen wir jetzt?“

„Na was schon! Leute befragen! Aber heute nicht mehr!“, entschied Andreas nach einem Blick auf die Uhr.

Sie verabschiedeten sich, und Andreas ging zu Fuß nach Hause. Er war noch keine zwei Minuten in seiner Küche, um sich einen Kaffee zu machen, als Renate auf seinem Handy anrief.

„Wo bist du?“, wollte sie wissen.

„Zu Hause, wieso?“

„Ich dachte, wir könnten mal wieder ins Kino gehen.“

Andreas dachte nicht lange nach. „Tut mir leid. Ich hab mir Arbeit mitgenommen. Lass uns das doch aufs Wochenende verschieben, okay?“

„Klar, kein Thema. Dann geh ich eben zum Sport“, antwortete sie schnell und ohne einen Hauch von Enttäuschung in der Stimme.

Gut. Andreas wollte keine Frau, die klammerte und alleine nichts mit sich anzufangen wusste. Das schien sie begriffen zu haben.

„Prima. Dann wünsche ich dir einen schönen Abend. Wir sehen uns sicher morgen.“

Andreas setzte sich auf sein Sofa, legte den Kopf an die Rücklehne und ließ den Nachmittag Revue passieren. War der Doktor wirklich der Täter? Jedenfalls konnte man wegen der Sache mit der Unterhose, den Ohrringen und erst recht dem Spekulum vermuten, dass es um etwas sehr Persönliches ging. Was natürlich auch vorgetäuscht sein konnte. Was wiederum alles sehr viel komplizierter machen würde.

Nein, Gynäkologe Dr. Sander hatte ein wunderschönes Mordmotiv: einen richtig massiven Streit!

Die beiden Doktoren hatten gemeinsam eine Praxis aufmachen wollen. Vielleicht hatte die Thomas ihre Meinung geändert oder gar Sander die Freundschaft gekündigt und war nach der Auseinandersetzung am Sonntagnachmittag beleidigt abgerauscht. Sander hatte sicher einen Hausschlüssel, war ihr gefolgt und hatte sie nochmals zur Rede gestellt. Es gab wieder Streit, und Sander hatte die Thomas in einem Wutanfall erstickt.

Klang durchaus logisch.

*
Polizeipräsidium, Bonn
Donnerstag, 12. Mai

Am nächsten Morgen rief Peer im Büro an.

„Ich behaupte mal, die Frau wurde vergewaltigt, sie hat an den Beinen ein paar Blutergüsse und Risse im Vaginalbereich. Sperma oder Schamhaare des Täters hab ich leider nicht gefunden.“

„Schade. Kannst du den Todeszeitpunkt inzwischen näher eingrenzen?“

„Nicht wirklich, die Frau ist immerhin seit fast fünf Tagen tot. Aber ich lege mich jetzt mal auf den Samstagabend fest.“

„Okay. Hat Renate noch was gefunden?“

Und schon kam wieder ein Kommentar mit leicht anzüglichem Unterton: „Willst du sie nicht lieber selbst fragen?“

Andreas ignorierte den Ton. „Nein, jetzt nicht. Also – gibt’s was, das uns weiterhilft?“

„Bisher nicht.“

Ein paar Minuten später befragten Sascha und Andreas Dr. Sander zum zweiten Mal. Er hatte mit seinem Anwalt gesprochen und machte wieder keine Aussage. Er gab nur zu, dass er für den Samstag kein ordentliches Alibi habe. Er sei nach dem Spaziergang mit Viktoria Thomas nach Hause gefahren und habe in Fachbüchern gelesen.

Gegen 9 Uhr machten sich Sascha und Andreas auf den Weg in die Poppelsdorfer Allee, in der Hoffnung, den einen oder anderen Nachbarn von Viktoria Thomas anzutreffen.

Sascha wirkte schlecht gelaunt, wollte aber keine Auskunft über die Hintergründe geben. Also schaute Andreas während der Fahrt aus dem Fenster.

Es dauerte ein wenig, aber schließlich fanden sie einen Parkplatz in der Nähe der Poppelsdorfer Allee. Es war sonnig mit ein paar Wolken, aber noch nicht übermäßig warm.

Sascha klingelte an der Tür von Viktoria Thomas’ Nachbarn zur Linken. Niemand öffnete. Rechts hingegen hatten sie Glück. Ein älterer Mann mit dickem grauem Haar und einer großen Brille mit dunkler Fassung machte ihnen die Tür auf.

Sascha und Andreas wiesen sich aus und baten darum, ins Haus kommen zu dürfen. Der Mann, ein Herr Hahse, führte sie ins Wohnzimmer, das unaufgeräumt wirkte, ließ sich in einem Sessel nieder und schlug ein Bein übers andere. Er trug schwarze Lederhausschuhe.

Andreas blieb stehen. Sascha, der seinen Notizblock zückte, auch.

„Herr Hahse, es geht um Ihre Nachbarin, Frau Dr. Thomas. Sie wissen, was passiert ist?“

„Klar. Ihre Kollegen waren ja gestern nicht zu übersehen. Die Frau wurde also ermordet?“

Die Frau? Das klang distanziert. „Ja, und zwar am Samstagabend. Ist Ihnen an dem Tag was Besonderes aufgefallen?“

„Sie meinen, außer dass ich den Freund von ihr hab ins Haus gehen sehen?“ Hahse lächelte so stolz, als hätte er den Fall soeben gelöst.

„Das ist interessant. Wann war das denn?“

„So um halb oder viertel vor acht. Wissen Sie, wenn man älter ist und allein lebt, dann lässt man sich irgendwann seine Tagesstruktur vom Fernsehprogramm diktieren. Ich seh mir immer um 8 die Tagesschau an. Aber vorher bin ich noch schnell um den Block gegangen, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Und ich hab ab und zu mal auf die Uhr geguckt, damit ich nicht zu spät komme.“

Bevor Hahse von Sander berichtete, machte er noch einen kleinen erzählerischen Umweg über seine an Krebs verstorbene Ehefrau, über seinen Ruhestand nach einem vielbeschäftigten Unternehmerleben und über seine Probleme, eine sinnvolle Tätigkeit als Pensionär zu finden. Schließlich kam er zum Samstagabend zurück.

„Ich war gerade wieder zu Hause und wollte die Haustür schließen, da geht der Sander auf dem Bürgersteig unten an mir vorbei. Der kann ja nur zur Thomas unterwegs gewesen sein. Ich hab schnell die Tür zugemacht.“

Sascha sah von seinen Notizen hoch und hakte nach: „Sie haben Sander also nicht explizit in Dr. Thomas’ Haus gehen sehen?“

„Na, aber doch so gut wie.“ Er strich sich mit der Hand über die vollen, seitengescheitelten Haare.

„Und Sie sind sich 100-prozentig sicher, dass es Dr. Sander war?“

„Auf jeden Fall!“

„Okay“, mischte sich wieder Andreas ein. „Können Sie uns vielleicht was zu Dr. Thomas sagen? Was für ein Mensch war sie?“

Hahse grinste komisch. „Na ja, wir lebten ja bekanntlich nicht zusammen, aber wir haben eine gemeinsame Gartengrenze, da lernt man die Leute auch kennen. Und dann ist da noch der Gärtner, der einem was erzählt, und die Putzfrau und die anderen Nachbarn …“ Hahses Gedanken schienen abzuschweifen, aber Andreas holte sie zurück. „Wie war sie also?“

Hahse dachte noch einmal nach und spuckte drei Wörter aus: „Arrogant, rechthaberisch, kleinlich!“ Dann fügte er etwas hinzu, was er vielleicht besser nicht gesagt hätte: „Aber schön war sie.“

Sascha und Andreas schauten sich kurz an, offenbar mit dem gleichen Gedanken: ein neuer Verdächtiger?

Andreas fragte möglichst harmlos: „Sie hatten also öfter mal Streit mit ihr wegen des Gartenzauns?“

„Nicht wegen des Zauns, sondern wegen dem, was ihrer Meinung nach unberechtigt von hier aus auf ihre Seite wuchs.“

„Waren Sie schon vor Gericht mit ihr?“

„Sicher. Schon vier Mal!“

Sascha schrieb mit, und Andreas meinte: „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Haben Sie vielleicht noch die Namen des Gärtners, der Putzfrau und der gut informierten Nachbarn?“

Die hatte Hahse. Nachdem keiner der anderen Nachbarn zu Hause anzutreffen war, fuhren Sascha und Andreas zurück ins Präsidium, besorgten sich die Telefonnummern aller genannten Personen und riefen sie an.

Der Gärtner, die Putzfrau und einige der Nachbarn bestätigten Hahses Aussagen und fügten das eine oder andere Detail hinzu. So sei Dr. Thomas auch noch geizig und aufbrausend gewesen. Möglicherweise, so spekulierte eine Nachbarin, seien ihr sehr gutes Aussehen und ihr angesehener Beruf ihr zu Kopf gestiegen.

Zum Thema Dr. Sander befragt, hatte ihn außer Hahse niemand am Samstagabend in der Poppelsdorfer Allee gesehen. Immerhin wurden sie von der Putzfrau darüber aufgeklärt, dass Dr. Thomas keine Geschwister hatte und dass ihre Eltern ihren Altersruhesitz auf Hawaii verlegt hatten. Und dann waren da noch zwei beste Freundinnen, mit denen sie sich öfters traf: Mara von Velden und Nicole Prinz. Die eine war Leiterin einer Bank, die andere eine angeblich sehr bekannte Violin-Solistin.

Den beiden Damen würde man nach einem ordentlichen Mittagessen einen Besuch abstatten.

Gegen 14.15 fragten Sascha und Andreas in einer Beueler Bank nach Mara von Velden. Nachdem sie sich ausgewiesen hatten, führte eine blonde, junge, mollige Angestellte sie zu einer Tür im rückwärtigen Bereich. Sie klopften an und traten ein.

Eine Frau Mitte 30, schlank, im dunkelbraunen Hosenanzug mit weißer Bluse, stand an einem Aktenschrank und zog gerade einen Ordner heraus. Sie wandte sich um und meinte mit leichtem Unwillen in der Stimme: „Guten Tag, die Herrn. Normalerweise vergeben wir Termine. Was kann ich für Sie tun?“

Sascha reagierte nicht eben gelassen. „Guten Tag, die Dame. Wir brauchen keine Termine! Wir sind von der Kripo Bonn, Kommissar Montenar und Kommissar Piel!“

Blitzschnell schaltete von Velden um und lächelte zuvorkommend. „Ach so, das ist natürlich was anderes! Um was geht’s denn?“

Andreas übernahm lieber die Gesprächsführung. „Um Ihre Freundin Viktoria Thomas.“ Er machte eine Pause, um ihre Reaktion zu beobachten.

Von Velden strich sich mit beiden Händen die dunkelbraunen kinnlangen Haare hinter die Ohren, und der Blick ihrer ebenso dunkelbraunen Augen wurde geradezu ängstlich.

„Oh mein Gott! Ist ihr wirklich was zugestoßen?!“

„Wie meinen Sie das?“

„Na, ich versuche seit Tagen, sie zu erreichen, aber sie antwortet nicht!“

„Sie sind nicht zu ihr nach Hause gefahren, um nachzusehen?“

„Aber ich war doch gar nicht in Bonn! Was ist denn nun mit ihr?!“, rief sie aus, fast schon panisch.

„Vielleicht setzen Sie sich lieber hin“, empfahl Andreas.

Während sie an seinen Lippen hing, tastete sie mit einer Hand hinter sich nach einem der Stühle, die vor dem einfachen Schreibtisch standen, und setzte sich.

„Viktoria Thomas wurde gestern ermordet in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. Die Tat wurde vermutlich am Samstagabend begangen.“

Mara von Velden sah ihn an, als sei er das Ungeheuer von Loch Ness. „Nein“, hauchte sie auf einmal und schlug eine Hand vor den Mund. Tränen traten in ihre Augen, und sie brachte kein weiteres Wort heraus.

Andreas ließ ihr zwei Minuten Zeit, dann fragte er: „Sie sagten, Sie seien nicht hier gewesen? Wo waren Sie denn?“

Mara von Velden suchte in ihren Hosentaschen nach einem Tempotuch. Sie fand eins und tupfte damit vorsichtig an ihren geschminkten Augen herum. Sie hatte ein zartes, hübsches Gesicht mit einem schmalen Näschen, das allerdings nicht ganz gerade im Gesicht saß.

„Ich war von Montag bis Mittwoch auf einer Fortbildung, in Frankfurt“, antwortete sie. „Ich bin aber schon am Samstagmittag losgefahren, weil ich mir die Stadt ein bisschen ansehen wollte. Mein Gott, ich war nicht da, als es passierte.“

„Glauben Sie etwa, Sie hätten den Mord verhindern können?“, kommentierte Sascha grantig.

Heute war wirklich nicht sein einfühlsamster Tag. Sie schenkte ihm einen verletzten Blick und wandte sich an Andreas: „Können Sie mir sagen, wie sie … wie sie gestorben ist?“

„Sie wurde erstickt.“ Mehr gab er nicht preis. Sie würde schon früh genug aus den Medien erfahren, dass ihre Freundin vermutlich auch vergewaltigt worden war. Die Sache mit der Unterhose, den Ohrringen in der Nase und dem Spekulum würde allerdings vorläufig nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Falls nicht jemand plauderte.

„Frau von Velden, können Sie sich vorstellen, wer das getan hat?“, fuhr Andreas fort.

„Wurde sie ausgeraubt?“

„Nein, es schien mehr ein sehr persönlicher Racheakt gewesen zu sein.“

Mara von Velden überlegte und schüttelte den Kopf. „Im Moment fällt mir niemand ein, der sich an Vicky hätte rächen wollen. Für was denn auch?“

„Kennen Sie ihren Freund, Dr. Sander?“

Ihr Blick wich aus. „Natürlich. Ein arroganter Waschlappen! Keine Ahnung, was Vicky an dem gefunden hat!“

„Die beiden wollten eine Gemeinschaftspraxis aufmachen?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das wirklich ernst gemeint hat!“

„Haben sich die beiden oft gestritten?“

Jetzt schaute sie Andreas in die Augen. „Klar, das hat mir Vicky immer brühwarm erzählt. Sie wusste genau, was sie wollte, und das war nicht immer das, was er wollte!“

„Neigt Sander zum Jähzorn oder zu Gewalttätigkeiten?“

„Für Gewalttätigkeiten ist der zu feige, nein, der neigt mehr zum Beleidigt-Sein!“

„Danke für Ihre Informationen. Sie sind doch auch mit Nicole Prinz befreundet – wissen Sie, wo wir sie jetzt am besten antreffen können?“

„Ja, in England. Sie ist vor etwa einer Woche mit dem Orchester auf Tournee gegangen und kommt, meine ich, erst so um den 26. oder 27. Mai zurück.“

„Haben Sie eine Telefonnummer, unter der ich sie erreichen kann?“ Mara von Velden schrieb eine Handynummer auf, und Sascha und Andreas verabschiedeten sich.

Auf dem Rückweg zum Polizeipräsidium hätte Andreas beinah gefragt, was Sascha denn Schreckliches auf der Seele liege, aber dann ließ er es bleiben. Wahrscheinlich hatte er Krach mit Annika, was ja an sich nichts Ungewöhnliches war. Andreas nahm sich vor, die eigenartige Beziehung zu Renate sofort zu beenden, wenn sich die Frau als streitsüchtig erwies. Darauf hatte er keine Lust!

Im Polizeipräsidium angekommen, rief er Geigerin Nicole Prinz unter der ihm von Frau von Velden mitgeteilten Handynummer an. Sie reagierte noch weit emotionaler als ihre Freundin Mara, brach hörbar in Tränen aus und konnte sich kaum beruhigen. Jetzt müsse sie die Vorstellung am Abend absagen, in dem Zustand könne sie unmöglich spielen!

Andreas fragte sich, ob sie wirklich den Tod der Freundin beklagte oder doch eher ihre eigene Verfassung. Immerhin gelang es ihm, ihr die gleichen Fragen zu stellen wie Frau von Velden. Und sie antwortete auch ähnlich: Sie habe keine Ahnung, wer die Tat begangen haben könnte; sie hielt auch, rein menschlich, nicht viel von Sander; und sie habe seit dem Wochenende mehrmals versucht, Viktoria Thomas zu erreichen und sich „wahnsinnige Sorgen“ gemacht.

Andreas bezweifelte Letzteres, sagte aber nichts dazu und verabschiedete sich.

Kapitel 2

Bonn, Prinz-Albert-Straße
Etwa zwei Wochen später
Samstag, 28. Mai

Nicole war aufgeregt. Vor Freude. Die meisten Leute hatte sie seit 15 Jahren nicht gesehen … wie mochten sie sich entwickelt haben?

Im Moment viel wichtiger aber war: Wie sollte sich Nicole zurechtmachen?

Als ernsthafte Musikerin im „kleinen Schwarzen“ mit strengem Haarknoten im Nacken? Oder als lebensfrohe Künstlerin im bunten Kleid mit lustigem Pferdeschwanz? Oder als Vollweib mit tiefausgeschnittener Bluse und offenen, langen, blonden Locken? Stark geschminkt oder kaum geschminkt? Mit hohen (sehr hohen) Absätzen oder in Pumps, in denen man auch laufen konnte?

Gott, wie schwierig! Dann dachte sie an ihre tote Freundin und entschied sich für ein schwarzes Kleid mit mäßigem Ausschnitt, für die Pumps und für offene Haare. Als sie ihr Spiegelbild sah, konnte sie nichts anderes denken als: Gott, bist du schön! Ja, Gott hatte es gut mit ihr gemeint. Dieser wundervoll weibliche Körper, das herrliche Haar, ein Gesicht wie ein Engel und natürlich ihre begnadeten Finger!

Wie immer, wenn sie sich im Spiegel bewunderte, fragte sie sich, warum sie noch keinen ebenbürtigen Mann gefunden hatte … War sie zu wählerisch? Oder zu vorsichtig und misstrauisch? Gut so, dachte sie plötzlich. Sieh dir an, was mit Vicky passiert ist! Lässt sich vom eigenen Freund umbringen! Hatten sie ihr nicht hundertmal gesagt, sie solle den eingebildeten Kerl in die Wüste schicken?! Und was hatte Vicky geantwortet? Das ist doch nur der pure Neid! Ihr habt ja keine Ahnung! Und dabei hatte sie Nicole so komisch angesehen, so, als wüsste sie Bescheid … als wüsste sie, dass ihre Freundin noch Jungfrau war!

Jetzt aber Schluss! Nicole lächelte sich im Spiegel zu, legte Kette, Armband und Ringe an, packte ein paar Utensilien in ihre schwarze Handtasche und schaute auf die Uhr: 18.55 Uhr. Das Klassentreffen sollte um 19.00 Uhr in einer Oberkasseler Gaststätte beginnen. Es waren nur die besten zehn (jetzt nur noch neun!) der Abiturklasse eingeladen worden.

Ein bisschen snobistisch, aber so hatte Vicky es gewollt. Es sollte eben ein Treffen für die besonderen Leute werden. Und Nicole war nun einmal die Besondere unter den Besonderen – da durfte sie auf keinen Fall zu früh erscheinen!

Sie nahm ihren Autoschlüssel von einer Kommode im Flur und machte sich auf den Weg. Gegen halb acht betrat sie den kleinen Saal und sofort drehten sich alle Köpfe zu ihr hin. Ein paar Leute saßen schon am Tisch und unterhielten sich, ein paar standen noch herum und redeten ebenfalls miteinander. Jetzt wurde es still. Nicole liebte solche Auftritte.

„Hallo“, begrüßte sie die Anwesenden und brach in begeistertes Strahlen aus. „Erinnert ihr euch? Ich bin Nicole.“

Wahrscheinlich kannten einige sie aus den Medien. Ein Mann in Jeans und hellblauem Hemd, mit längerem dunklem Haar, stürmte auf sie zu und umarmte sie.

„Erinnerst du dich auch? Ich bin Pietro, der Junge mit der großen Klappe und den tollen Ideen.“

„Klar, Pietro, der Charmeur und Schürzenjäger! Wer könnte dich vergessen!“

Nicole befreite sich aus seiner Umarmung. Natürlich war er damals auch hinter ihr her gewesen, aber sie hatte ihm die kalte Schulter gezeigt. In den letzten 15 Jahren hatte er sich eindeutig zu einem attraktiven Mann gemausert. Sicher war er bereits fünfmal geschieden und gerade wieder frisch verheiratet.

Jetzt wurde sie auch von den anderen ehemaligen Schulkameraden umringt, begrüßt und ausgefragt. Nur Mara, ihre Freundin, stand abseits und beobachtete die Szene. Ausnahmsweise nicht im Hosenanzug, sondern in Jeans und rosa Spitzenbluse.

Schließlich setzten sich alle an die beiden zusammengeschobenen Tische, bestellten Bier, Wein und nichtalkoholische Getränke, manche ließen sich sogar noch etwas zu essen bringen. Nicole begann die Vorstellungsrunde gleich mit sich selbst, erzählte von ihren Erfolgen als Solo-Violinistin und gab preis, dass sie Single und kinderlos sei. Und dass sie immer noch eng mit Mara befreundet war und natürlich mit der verstorbenen Viktoria, an die man sich nun mit einer Schweigeminute erinnern wolle.

Nachdem die Minute vorüber war, vergaß man Viktoria wieder, und Mara ergriff das Wort und erzählte von ihrer Bankkarriere. Als Nächste meldete sich Stefanie, die sich kaum verändert hatte. Sie war inzwischen eine verheiratete Apothekerin, die sich immer noch nicht richtig schminken konnte.