image

Impressum

© 2013 Mathias Lempertz GmbH

Vorwort

Dantes Göttliche Komödie ist eine der dichterischen Grosstaten, welche die Weltliteratur aufzuweisen hat. Vor 600 Jahren entstanden, übt das gewaltige Werk noch heute seinen berückenden Zauber auf den andächtigen Leser aus, ob nun die Schauer des Jenseits, das zunächst den Stoff des Gedichtes bildet, den religiös Empfindenden rütteln ob die unvergleichliche Gestaltungskraft des Künstlers die Bewunderung des Geniessenden weckt, oder ob die blendende Fülle theologischpolitisch-historischen Wissens und die farben- und figurenreiche Schilderung der damaligen Verhältnisse Italiens und der das Land zerrüttenden Kämpfe den Wissenden in Staunen versetzen.

Zweifellos enthält die Göttliche Komödie zahlreiche Stellen, deren stofflicher und poetischer Reiz ohne weiteres seiner Wirkung gewiss ist. Aber wenn schon unmittelbar nach dem Tode des Dichters die Kommentierung des Werkes begann und öffentliche Erklärer angestellt wurden, so leuchtet es ein, dass eine Ausgabe ohne begleitende

Anmerkungen eine halbe Arbeit wäre.

Die vorliegende Wiedergabe der Göttlichen Komödie ist ein Abdruck der Übersetzung, die der berühmte Danteforscher, Professor Dr. Karl Witte, der Begründer und langjährige Vorsitzende der deutschen Dante-Gesellschaft, herausgegeben hat. Im Jahre 1875 in dritter, vielfach umgearbeiteter Auflage erschienen, ist sie das Werk eines wohl 50jährigen Forschens und Versenkens in die grossartige Dichtung. Die hier wiedergegebenen Erläuterungen des gelehrten Übersetzers ermöglichen das Verständnis der durch ihre Knappheit und Kürze oft dunklen sowie an Beziehungen und Anspielungen unendlich reichen Sprache des Dichters und der zahllosen persönlichen und sachlichen Anführungen. Die vorliegende Ausgabe besitzt daher ihren bleibenden Wert nicht nur für den lediglich den Genuss in der Dichtung suchenden Leser, sondern auch für den Studierenden und den Nichtfachgelehrten, der das im wesentlichen von der immer weiterstrebenden Forschung Anerkannte hier findet, mögen auch über die Deutung und Stellen und Absichten des Dichtwerkes andere Ansichten als die unseres Übersetzers und Erklären vorgetragen werden.

Dante Alighieri ist im Jahre 1265 in Florenz als Spross eines angesehenen, wenn auch wohl nicht adligen Geschlechts geboren. Von seinem Bildungsgang ist uns wenig bekannt. Wiederholt hat er sich an kriegerischen Unternehmungen seiner Vaterstadt beteiligt. Die Parteikämpfe zwischen den Guelfen und den Ghibellinnen, den Päpstlichen und den Kaiserlichen, die ganz Italien zerrissen, zogen auch ihn in ihren Bereich und wurden die Quelle seines Unglücks, eines unruhvollen, unsteten Umherwanderns fern der Heimat. Wir finden Dante als Mitglied des demokratischen Rates der Hundert, von wo aus er in das Kollegium der Prioren gelangte, die, alle zwei Monate wechselnd, die exekutivische Gewalt ausübten.

Von dem benachbarten Pistoja war um jene Zeit ein innerhalb der guelfischen Partei ausgebrochener Hader nach Florenz getragen worden; die feindlichen Gruppen schieden sich in die Weissen (Bianchi) und die Schwarzen (Neri); jene fanden bei der Florentiner Familie der Cerchi, diese bei den Freunden des alteingesessenen Geschlechts der Donati Aufnahme und übertrugen ihre Parteinamen demnächst auf die florentinischen Parteiungen. Die Kämpfe zwischen den beiden Gruppen endeten zunächst mit der Entfernung des Corso Donati und der ihm befreundeten Parteihäupter. Nun aber bewogen die Neri den Papst Bonifaz VIII., den Bruder Philipps des Schönen, Karl von Valois, als „Friedensstifter” nach Florenz zu entsenden. Dieser benutzte seine Sendung zu wüsten Erpressungen und Gewalttätigkeiten. Bald darauf kehrte Corso Donati in die Stadt zurück, die im Amt befindliche Signorie, der gerade Dante angehörte, trat zurück, es folgten zahlreiche Anklagen und Verurteilungen. Auch Dante wurde der Prozess gemacht: Erpressung, Unterschleif, Bestechlichkeit, Agitation gegen den Papst, Karl von Valois, den friedlichen Zustand der Stadt und der guelfischen Partei wurden ihm zur Last gelegt und er zur Zahlung einer grossen Geldsumme, zum Verlust aller seiner Güter und zur Verbannung verurteilt. Im Jahre 1302 wurde er ausserdem noch zum Feuertode verdammt.

Die vertriebenen Bianchi vereinigten sich mit den Ghibellinen und unternahmen bewaffnete Versuche gegen die Stadt. Aber Dante fühlte sich von dem Parteigetriebe abgestossen, er bildete, nach seinem stolzen Wort, seine eigene Partei. Nachdem die Waffen der Verbannten unterlegen waren, ging er im Jahre 1303 nach Oberitalien, wo er am Hofe des Bartolomeo della Scala zu Verona eine Zuflucht fand. Bartolomeo starb im Jahre 1304, sein Nachfolger Alberto scheint dem Dichter weniger günstig gesinnt gewesen zu sein, und wir finden ihn fortan auf der Wanderschaft in Bologna, Padua und Ravenna. Vom Jahre 1306 ab verliert sich seine Spur; es wird angenommen, dass er damals nach Frankreich, bis Paris, gezogen sei.

Der Nachfolger des Papstes Bonifaz VIII., Benedikt XI., hatte inzwischen wiederholt Frieden zwischen den feindlichen Parteien der Stadt Florenz zu stiften versucht, aber immer ohne Erfolg. Im Jahre 1307 war die Hoffnung der Verbannten völlig niedergebrochen; Dante irrte herum, oft von wirklicher Not bedrückt. Seine Irrfahrten führten ihn fast durch alle Länder der italienischen Zunge, unter den Städten, wo er geweilt hat, werden jetzt Padua, Sarzano und Lucca genannt.

Als im September 1310 der 1308 gewählte Kaiser Heinrich mit einem Heer über die Alpen herabstieg, begrüsste Dante ihn als den von Gott gesandten Erlöser. Die langwierigen lombardischen Kämpfe des Kaisers, seine Romfahrt und die Belagerung von Florenz verfolgte er mit leidenschaftlicher Teilnahme, aber der Traum, seine Heimat wiederzusehen, wurde nicht verwirklicht. Im Jahre 1313 starb Kaiser Heinrich. Florenz erneute 1315 das Verbannungsdekret gegen den Verbannten. Eine im folgenden Jahre vom Grafen Guido di Battifolle ihm angebotene Amnestie lehnte er ab, weil die Erlaubnis zur Rückkehr an erniedrigende Bedingungen geknüpft war. Das Ende seines Lebens verbrachte der Dichter in Ravenna, wo er an Guido Novelli, dem Herrn der Stadt und Neffen der berühmten Francesca da Rimini, einen Gönner gefunden hatte. Vorher hatte er kurze Zeit in Verona bei dem Bruder des Bartolomeo della Scala, Cangrande della Scala, verbracht, dem hervorragendsten unter den ghibellinischen Fürsten Italiens, den Kaiser Heinrich zum Reichsvikar von Verona ernannt und auf den Dante die grössten Hoffnungen gesetzt hatte.

In Ravenna vollendete Dante seine Komödie, und hier starb er am 14. September 1321.

Die bitteren Erfahrungen seines Lebens, ein tiefwurzelnder Hass gegen seine Parteigegner und Widersacher, die Empörung über die verrotteten politischen Zustände und den sittlichen Verfall seiner Vaterstadt finden fast in jedem Gesang der Göttlichen Komödie ihren Ausdruck, und gerade diese fortgesetzten Beziehungen auf wirkliches Erleben geben dem Dichtwerk eine ganz ausserordentliche Frische und Lebendigkeit. Aber nicht minder stark wirkte in Dante ein innerliches Erleben, seine Liebe zu dem schönen und reinen Mädchen, dessen verklärtes Abbild die Beatrice seiner Dichtung ist. Als 8jähriges Kind soll er sie bei einer Festlichkeit erblickt haben — dass sie die Nachbarstochter Beatrice Portinari gewesen sei, glaubt die neuere Danteforschung nicht mehr — selbst nur ein Jahr älter als sie, und diese Liebe, die seine Knaben- und Jünglingsjahre beherrschte, erlosch nicht, als das Mädchen die Gattin eines andern wurde, ja nicht einmal, als Dante selbst eine Vernunftehe schloss, welche ihm vier Kinder bescherte. In späteren Jahren ist das Gedenken an seine einzige wahre Liebe vielleicht zeitweilig durch eine oder die andere Frauengestalt verdunkelt, aber niemals völlig verlöscht worden, und in der Göttlichen Komödie ist die Beatrice genannte verklärte Lichtgestalt von solchem Himmelsglanz umflossen, dass wohl niemals Dichterliebe einem Weibe eine ähnliche Huldigung dargebracht hat.

Die Göttliche Komödie schildert zunächst den Zustand der abgeschiedenen Seelen im Jenseits, was im Mittelalter ein beliebtes Thema geistlicher Schauspiele war. Die drei Reiche der jenseitigen Welt, die Hölle, das Fegefeuer und den Himmel, bevölkert Dante mit Gestalten aus dem Altertum und der antiken Mythologie, dem mittelalterlichen Sagenkreise und dem Volksglauben, dem Alten und dem Neuen Testament, der Heiligengeschichte, nicht zum wenigsten aber aus der ihn unmittelbar berührenden Zeitgeschichte. Die Platzanweisung, die er den einzelnen Personen zuteil werden lässt, gibt dem Dichter die Möglichkeit einer alles überragenden Kritik, die nicht nur Freunde und Gegner richtet oder belohnt, sondern auch über politische Anschauungen, wissenschaftliche Probleme, philosophische Streitfragen und die tiefstgründigen theologischen Untersuchungen ein Urteil findet. Dabei fällt dem modernen Leser am meisten einerseits die Leidenschaft des ehrlichen Hasses gegen die Widersacher und anderseits die Lauterkeit der Moral auf, die den Dichter auszeichnen. Vor allem aber steht Dante auf dem Boden der strengsten Katholizität; der Reinheit und Grösse der katholischen Kirche gilt sein frommes Sorgen, und wenn er die der Simonie und anderer Verbrechen schuldigen Kirchenfürsten, seien sie noch so hochgestellt, in der Hölle büssen lässt, so kommt darin sein Kummer über die Vergewaltigung der katholischen Kirche zu ergreifendem Ausdruck.

Die Örtlichkeiten — namentlich Hölle und Fegefeuer, die nach des Dichters Darstellung noch Teile dieser Erde sind — werden mit grösster Deutlichkeit, ja unter Angabe genauer Masse geschildert, so dass manche Herausgeber und Erklärer des Werkes die Stätten der Strafe und der Busse in topographischen Aufnahmen vorzuführen versucht haben. Der Höllentrichter beginnt unter der Erdoberfläche, als deren Mitte Jerusalem gedacht wird, und erstreckt sich in vielfachen Abstufungen, in deren einzelnen Kreisen die verschiedenen Sünden vergolten werden, bis in den Mittelpunkt der Erde, den Satan, der Höllenfürst, innehat. Der Hölle gegenüber, in der Wasserwüste, die dem Mittelalter, für das Amerika noch nicht entdeckt war, auf der westlichen Halbkugel erschien, ragt der Berg der Läuterung empor, auf dessen höchster Spitze das irdische Paradies liegt. Die Reiche des himmlischen Paradieses, zu dem sich die Seele von dem höchsten Kreise des Läuterungsberges emporschwingt, liegen auf den Sternen, alle aber sind sie umschlossen und gekrönt von dem Empyreum, dem Kristallhimmel, in dem der Urgrund aller Dinge und das Sehnsuchtsziel alles Geschaffenen, Gott selbst, thront.

Diese Reiche zu schauen, ward dem Dichter vergönnt, und er berichtet von seiner Fahrt, nicht nur, um Gesehenes zu schildern, sondern um Strafe, Busse und Heiligung für den Christenmenschen wirksam zu machen. Dass ihm die Aufgabe gelingt, ist ein Ausfluss der göttlichen Gnade, die sich ihm infolge der Fürbitte der Beatrice erschliesst. Für das Höllenreich und das Fegefeuer dient ihm als Führer Virgil, der Sänger der Höllenfahrt des Äneas, der dem Mittelalter als der weiseste unter den Dichtern des Altertums galt und dem eine Vorahnung des Christentums zugeschrieben ward. Vor dem irdischen Paradies verabschiedet Virgil sich von dem Dichter, und ein holdes Weib, Matelda geheissen, übernimmt die Führung, die aber im himmlischen Paradiese an Beatrice abgetreten wird. Symbolisch wird diese holde Frau auf die Philosophie, die Weltweisheit gedeutet, der Dante sich eine Zeitlang verschrieben hatte; nur die Religion aber, der Glaube, die Gottesgelehrtheit, die in Beatrice leben, vermag das Werk der Läuterung bis zur Heiligung und zum Anschauen Gottes zu vollenden.

Jedem der drei Reiche sind 33 Gesänge gewidmet; der Einleitung, welche schildert, wie Dante in der Mitte seines Lebens — das Erdenwallen dauert 70 Jahre, er ist also 35 Jahre alt, und man schreibt das Jahr 1300 — in einem dichten Wald vom rechten Wege abgeirrt, drei Untieren, dem Panther, dem Löwen, dem Wolf, d.h. der Wollust, dem Hochmut, der Habgier gegenübersteht und, um ihnen zu entgehen, unter der Führung des Äneas die Fahrt ins Jenseits machen muss, dient 1 Gesang. Das ganze Gedicht umfasst somit 100 Gesänge von annähernd gleicher Länge. Dante wählte für die Darstellung die Terzinen, fünffüssige Jamben, die sich mit dem Reim nach dem Schema a b a b c b c d schmücken. Die Wittesche Übersetzung stellt Treue und Verständlichkeit über die Beibehaltung des kunstreichen Reimbaus. Der Leser wird aber dem genialen Übersetzer die Anerkennung nicht versagen, dass auch der reimlose Jambus, den er gewählt, den „majestätischen Wellenschlag des Danteschen Verses” in unübertroffener Weise wiedergibt.

Dr. Friedrich Ramhorst

Die Hölle

Erster Gesang

Es war in unseres Lebensweges Mitte,

Als ich mich fand in einem dunklen Walde;

Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege,

Wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald, (4)

Der wildverwachsen war und voller Grauen

Und in Erinnrung schon die Furcht erneut:

So schwer, dass Tod zu leiden wenig schlimmer. (7)

Doch um das Heil, das ich dort fand, zu künden,

Will, was ich sonst gesehen, ich berichten. —

Wie ich hineingelangt, kann ich nicht sagen, (10)

So schlafbenommen war ich um die Zeit,

Als ich zuerst den wahren Weg verlassen.

Doch als ich eines Hügels Fuss erreichte, (13)

An welchem jenes Tal zu Ende ging,

Das mir das Herz mit solcher Furcht befangen,

Blickt’ ich empor und sah des Hügels Schultern (16)

Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen,

Der uns den rechten Weg zeigt allerwege.

Beruhigt wurde da die Furcht ein wenig, (19)

Die in des Herzens See mir angedauert

Die Nacht durch, die so angstvoll ich verbrachte.

Wie einer, der mit ganz erschöpftem Atem, (22)

Dem Meer entronnen, das Gestad’ erreicht,

Auf die verräterische Flut zurückblickt,

So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend, (25)

Zurück, um zu beschaun die dunkle Talschlucht,

Die keinen, der drin weilt, lebendig liess. —

Als etwas ich den müden Leib gerastet, (28)

Setzt’ ich den Weg am wüsten Abhang fort,

So dass der ruhnde stets der untre Fuss war.

Doch, siehe, fast bei dem Beginn des Anstiegs, (31)

Ein Panthertier, leichtfüssig und behende,

Das überdeckt war mit geflecktem Haare.

Vor meinen Augen wich das Untier nimmer (34)

Und störte mich so sehr in meinem Wege,

Dass mehrmals schon zur Umkehr ich mich wandte.

Es war die Zeit der ersten Morgenfrühe; (37)

Die Senne stieg empor mit jenen Sternen,

Die sie begleiteten, als Gottes Liebe

Zuerst bewegte diese schönen Dinge, (40)

So dass kein Unheil mich befürchten liess

Von jenem Tier mit buntgeflecktem Felle

Die Stunde, wie die schöne Jahreszeit. (43)

Doch war darum der Schrecken nicht geringer,

Der mich ergriff beim Anblick eines Löwen

(Erhabnen Hauptes und mit grimmem Hunger (46)

Kam dieser dräuend auf mich zugeschritten,

So dass die Luft vor ihm zu fürchten schien)

Und einer Wölfin, die von jeder Gier (49)

Besessen schien in ihrer Magerkeit

Und über viele schon Verderben brachte.

Sie gab mir durch die Furcht, die von ihr ausging, (52)

So grosses Ungemach, dass ich die Höhe

Des Berges zu erreichen nicht mehr hoffte.

Und wie der Mann, der gern Reichtümer sammelt, (55)

Wenn eine Zeit kommt, die Verlust ihm bringet,

In seinem Herzen sich betrübt und wehklagt,

So ward mir ob des friedelosen Tieres, (58)

Das, wie es auf mich zukam, ganz allmählich

Mich dahin drängte, wo die Sonne schweiget.

Und während ich zur Tiefe niederstürzte, (64)

Erschien mir plötzlich eines Manns Gestalt,

Der heiser mir, vor langem Schweigen, deuchte.

Als in der grossen Wüst´ ich den erblickte, (64)

Rief flehend ich ihn an: Erbarm dich meiner,

Seist du ein Lebender, seist du ein Schatten. —

Kein Lebender! Wohl war ich einst ein solcher, (67)

Lombarden waren meine Eltern beide

Und ihre Vaterstadt war Mantova.

Geboren unter Julius, wenn auch spät, (70)

Lebt’ ich in Rom zur Zeit Augusts des Guten,

Als man die falschen Lügengötter ehrte.

Ein Dichter war ich, sang von des Anchises (73)

Gerechtem Sohne, der von Troja kam,

Als Ilion war verbrannt, die stolze Feste.

Doch du, weshalb zu soviel Plage kehrst du? (76)

Weshalb ersteigst du nicht den schönen Berg,

Der Anfang ist und Ursach’ aller Freude? —

So bist du der Virgil und jene Quelle, (79)

Der so gewalt’ger Redestrom entfliesset?

Entgegnet ich mit schamgefärbter Stirne.

0 Licht und Ehre du der andren Dichter, (82)

Mein Eifer, meine Liebe für dein Buch,

Die ich bewährt, sei’n mir bei dir Empfehlung.

Du bist mein Meister, du mein hohes Vorbild, (85)

Und nur von dir hab’ ich die schöne Schreibart

Entnommen, die zur Ehre mir gereichte.

Sieh jenes Tier, das mich zur Umkehr trieb. (88)

Errette mich vor ihm, gepriesner Weiser,

Denn Puls’ und Adern macht es mir erbeben. —

Willst du entgehen diesem argen Orte, (91)

Erwidert’ er, als er mich weinen sah,

So musst zu andrer Reise du dich wenden,

Denn jenes Tier, das deiner Klage Anlass, (94)

Gestattet niemand, diesen Weg zu ziehen.

Es hindert jeden, bis es ihn getötet.

So bösgeartet ist es, so verworfen, (97)

Dass seine schnöde Gier es nimmer sättigt

Und nach dem Frass mehr Hunger als zuvor hat.

Viel Tiere sind, mit denen es sich gattet, (100)

Und mehr noch werden sein, bis dass der Rüde

Erscheinen wird, der unter Qual es tötet.

Nicht Land, nicht Silberblech sind seine Speise, (103)

Wohl aber Weisheit, Christenlieb’ und Tugend.

Daheim ist zwischen Feltro er und Feltro.

Italien wird er retten, das gebeugte, (106)

Für das Camilla einst, die Jungfrau, starb,

Euryalus, Turnus, Nisus sich verblutet.

Von Stadt zu Stadt wird er die Wölfin jagen, (109)

Bis er zurückgetrieben sie zur Hölle,

Von wo der erste Neid sie losgelassen.

Weshalb zu deinem Heil ich denk’ und ordne, (112)

Dass du mir folgst; ich will dein Führer sein.

Geleiten werd’ ich dich durch ew’ge Räume,

Wo der Verzweiflung Schrei du wirst vernehmen (115)

Von jenen alten schmerzgebrochnen Geistern,

Die alle nach dem zweiten Tod begehren.

Dann wirst du jene sehn, die in den Flammen (118)

Zufrieden sind, weil sie, wie spät auch immer,

Zu den Erwählten zu gelangen hoffen.

Willst auch zu diesen du empor dann steigen, (121)

Wird eine Seele, würdiger als ich bin,

Dahin dich führen, wenn ich von dir scheide.

Denn, der dort oben herrscht, des Weltalls Kaiser, (124)

Will, weil ich unbefolgt liess sein Gesetz,

Nicht, dass durch mich in seine Stadt man komme.

Im Weltenall gebeut, doch dort regiert er, (127)

Dort ist die Stadt und dort sein hoher Thron.

Gesegnet ist, wen dort er auserkoren. —

Und ich zu ihm: O Dichter, ich beschwöre (130)

bei jenem Gotte dich, den du nicht kanntest,

Damit ich dies und grösstes Unheil fliehe,

Dass du mich dorthin führest, wo du sagtest, (133)

So dass des heil’gen Petrus Tür ich sehe,

Und jene, die du schilderst als so traurig. —

Dann ging er, und ich folgte seinen Schritten. (136)

Zweiter Gesang

Der Tag entfloh, das abendliche Dunkel

Entnahm die Tiere, die auf Erden weilen,

Allseitig ihrer Müh’; nur ich allein

Bereitete mich vor zum Doppelkampfe (4)

Der Wanderschaft sowohl als auch des Mitleids,

Den die Erinnrung, die nicht irrt, nun melde.

Jetzt, Musen, helft mir, hilf, erhabner Geist, (7)

Gedächtnis, das verzeichnet, was ich schaute,

Hier möge sich dein Adel offenbaren!

O Dichter, hub ich an, der du mich leitest, (10)

Erwäge meine Kraft, ob sie auch hinreicht,

Eh’ du mich wagen lässt die kühne Wandrung.

Zwar sagst du, dass des Silvius frommer Vater (13)

Verweslich noch zur wandellosen Welt

Gepilgert sei mit seinem Erdenleibe;

Doch, wenn der Feind des Bösen, in Erwägung (16)

Der Zukunft, die sich an Äneas knüpfte,

Des wer und was, ihm solche Gunst gewährte,

Kann tiefer Denkende das nicht befremden, (19)

Weil er erkoren war im Empyreum

Zum Vater Roms und seines hohen Weltreichs.

Denn beides war, die Wahrheit zu bekennen, (22)

Vorherbestimmt zum gottgeweihten Orte,

Wo der Nachfolger Petri seinen Sitz hat.

Auf jener Wanderung, die du ihm nachrühmst, (25)

Vernahm er Dinge, die zu seinem Siege

Und zu der Päpste Mantel mitgewirket.

Auch das erwählte Rüstzeug ging hinüber, (28)

Um für den Glauben Kräftigung zu bringen,

Der Anfang ist zum Wege der Erlösung.

Doch welchen Grund hab’ ich und wer gewährt mir’s? (31)

Äneas bin ich nicht und bin nicht Paulus;

Für würdig hält mich niemand und ich selbst nicht.

Drum, wenn dem Wunsch des Gehns ich mich ergebe, (34)

Befürcht’ ich Törichtes zu unternehmen.

Erwäg’ es selbst, der weiser du als ich bist. —

Und wie, wer nicht will, was zuvor er wollte, (37)

Und, Neues sinnend seinen Vorsatz ändert,

So dass sein erstes Ziel er gänzlich aufgibt,

So widerfuhr mir an dem düstren Abhang. (40)

Bedenkenvoll entsagt’ ich dem Beginnen,

Das, als ich es ergriff, bei mir so feststand. -

Wenn richtig deine Meinung ich verstanden, (43)

Erwiderte der Schatten jenes Hohen,

Hat Kleinmut deiner Seele sich bemächtigt,

Der oft in solchem Mass den Mann betöret, (46)

Dass er von ehrenvoller Bahn ihn abzieht,

Wie falsches Sehn die Tiere, wenn sie scheuen.

Damit von solcher Furcht du dich befreiest, (49)

Vernimm, weshalb ich kam und was ich hörte,

Als deiner mich zum erstenmal erbarmte.

Ich weilte da, wo Freude nicht noch Pein ist. (52)

Da rief ein Weib mich, die so schön als selig,

So dass, mir zu gebieten, ich sie ansprach.

Ihr Auge leuchtete so hell als Sterne, (55)

Und leis und langsam hub sie zu mir an

Mit engelgleichem Laut in ihrer Rede:

Du wohlgesinnte Mantuanerseele, (58)

Von deren Ruhm die Welt noch itzt erfüllt ist

Und bleiben wird so lang als die Bewegung,

Mein Freund, der aber nicht des Glückes Freund ist, (61)

Wird an dem wüsten Berghang so behindert

In seinem Weg, dass er vor Furcht zurückweicht.

Nach dem was ich von ihm im Himmel hörte, (64)

Besorg’ ich fast, er sei schon so verirret,

Dass ich zu spät zur Hilfe mich erhoben.

So eile denn, mit kunstgeübter Rede (67)

Und dem, was sonst zu seiner Rettung not tut,

Ihm so zu helfen, dass ich sei getröstet.

Ich bin Beatrix, die zu gehn dir aufträgt. (70)

Dorthin zurück, woher ich kam, verlangt mich.

Die Liebe hiess mich gehn und heisst mich reden.

Bin ich demnächst aufs neu vor meinem Herren, (73)

So werd’ ich oft, was du getan, ihm rühmen. —

Dann schwieg sie; aber ich begann zu reden:

O Frau, so hochbegnadigt, dass die Menschheit (76)

Nur ihretwillen alles überraget,

Was sonst noch in sich schliesst der engste Himmel,

So sehr ist mir, was du befiehlst, willkommen, (79)

Dass, hätt’ ich’s schon getan, zu spät mir’s schiene;

Mir deinen Wunsch mehr zu enthüll’n bedarfs nicht.

Doch, sage mir den Grund, dass du nicht Scheu trägst, (82)

In diesen Mittelpunkt herabzusteigen

Vom weiten Raum, wohin du dich zurücksehnst. —

Verlangst du denn so tief eingelinde Auskunft, (85)

Sprach sie zu mir, will ich dir kurz berichten,

Warum hierherzukommen ich nicht fürchte.

Furcht hegen soll man nur vor solchen Dingen, (88)

Die Schaden uns zu tun die Macht besitzen;

Vor andren nicht, weil nichts an ihnen furchtbar.

Durch seine Gnade schuf der Herr mich also, (91)

Dass all eu’r Elend mich nicht kann berühren,

Und dieses Brandes Flamme mir nichts anhat.

Ein holdes Weib beklagt im Himmel droben (94)

Das Hindernis, zu dem ich dich entsende,

So dass sie harten Richterspruch dort umstösst.

Lucìen trat sie an mit ihrer Bitte, (97)

Und ihre Worte waren: dein Getreuer

Bedarf itzt dein und dir sei er empfohlen. —

Lucìa, die jedweder Härte Feind ist, (100)

Begab sich zu dem Ort, wo ich verweilte,

Wo ich mit Rahel sass, der Tochter Labans.

Beatrix, sprach sie, wahres Lob des Herrn, (103)

Was hilfst du dem nicht, der dich so geliebt hat,

Dass er um dich verliess den grossen Haufen?

Vernimmst du nicht den Schmerzlaut seiner Klage, (106)

Gewahrst du nicht den Tod, der mit ihm streitet

Am Flussgestade, schlimmer als der Meerstrand? —

Don in der Welt war niemand je so eilig, (109)

Ihm Dienliches zu tun, zu fliehn den Schaden,

Als ich, nachdem ich dieses Wort vernommen.

Zu dir kam ich von meinem sel’gen Sitze, (112)

Auf deiner würd’gen Rede Macht vertrauend,

Die dich und alle, die sie hörten, ehret. —

Als diese Wort sie zu mir gesprochen, (115)

Verwandt’ in Tränen sie den Glanz der Augen,

Wodurch sie zu noch grössrer Eil’ mich antrieb.

Wie sie geboten, kam ich her zu dir (118)

Und führte dich hinweg von jenem Tiere,

Das dir zum Berg den graden Weg versperrte.

Was hast du nun, dass du noch länger zauderst, (121)

Was nährest solchen Kleinmut du im Herzen?

Was hegst du Zuversicht und frischen Mut nicht,

Da drei so hoch gebenedeite Frauen (124)

Im Himmelshof fürsorgend dein gedenken

Und meine Rede solches Heil dir zusagt? —

Wie Blümlein, die der Nachthauch schloss und senkte, (127)

Sobald die Morgensonne sie erleuchtet,

Sich auf dem Stiel aufrichten und erschliessen,

So kräftigte sich mein gesunkner Mut, (130)

Und so viel Sicherheit gewann mein Herz,

Dass ich begann, wie wer von Zweifeln frei ist:

Gesegnet sei, die mir zu helfen eilte. (133)

Dir aber dank’ ich, dass du gern bereit warst,

Zu tun, wie wahrheitstreu sie dir gesagt hat.

Den Wunsch, mit dir zu gehn, hast du im Herzen (136)

Mir also angefacht durch deine Worte,

Dass ich zurück zum ersten Vorsatz kehrte.

So geh denn; nur ein Will’ ist in uns beiden. (139)

Sei du mir Herr, mir Meister, sei mir Führer. —

Da wandt’ er sich zum Gehn, und unsre Schritte

Betraten einen Pfad, der rauh hinabstieg. (142)

Dritter Gesang

Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen,

Der Eingang bin ich zu den ew’gen Qualen,

Der Eingang bin ich zum verlornen Volke.

Gerechtigkeit bestimmte meinen Schöpfer, (4)

Geschaffen ward ich durch die Allmacht Gottes,

Durch höchste Weisheit und durch erste Liebe.

Vor mir entstand nichts, als was ewig währet, (7)

Und ew’ge Dauer ward auch mir beschieden;

Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.

In dunkler Farbe sah ich diese Zeilen (10)

Als einer Pforte Inschrift. Drum begann ich:

O teurer Meister, düster ist ihr Sinn mir. —

Er aber sprach, das Rechte wohl erfassend: (13)

Absagen musst du jeglichem Bedenken

Und jeden Kleinmut hier in dir ertöten.

Gelangt sind wir dahin, wo ich dir sagte, (16)

Du würdest sehn die schmerzerfüllten Scharen,

Die der Erkenntnis hohes Gut verloren. —

Als seine Hand er dann gelegt in meine (19)

Mit heitrer Miene, die mir Mut gewährte,

Führt’ er mich ein in die geheimen Dinge.

Hier tönten Seufzer, Schluchzen, laute Klagen (22)

Erschütternd durch die sternenlose Luft,

So dass zu Anfang ich mitweinen musste.

Verschiedne Zungen, grauenvolle Sprachen, (25)

Des Schmerzens Worte, zornentbrannte Töne,

Erstickt’ und laute Rufe, Schlag der Hände,

Sie bildeten ein wildverworrnes Tosen, (28)

Das in der ewig düstren Luft sich umtreibt,

Wie bei des Wirbelwindes Wehn der Sand tut.

Ich aber, dem das Haupt Entsetzen einnahm, (31)

Begann: Was ist das, Meister, was ich höre,

Und was für Volk, das übermannt vom Schmerz scheint?

Und er zu mir: Solch jammervolle Weise (34)

Verführen die unwürd’gen Geister deren,

Die ohne Lob gelebt und ohne Schande.

Der Engel schlechter Schar sind sie verbunden, (37)

Die, ohne gegen Gott sich zu empören,

Ihm treu nicht, sondern unparteiisch waren.

Der Himmel Schönheit hatten sie getrübt, (40)

Auch nimmt die tiefre Hölle sie nicht auf,

Weil etwas Ruhm sie den Verdammten brächten. —

Da sprach ich: Meister, was ist denn so quälend (43)

Für sie, dass solche Klagen es hervorruft? —

Und er: Das will ich kürzlich dir berichten:

Der Tod hat Hoffnung ihnen nicht zu bieten, (46)

Und so verächtlich ist ihr blindes Leben,

Dass sie jedwedes andre Los beneiden.

Die Welt gestattet ihnen keinen Nachruhm; (49)

Erbarmen und Gerechtigkeit verschmäht sie.

Kein Wort von ihnen; schau’ und geh vorüber. —

Ich blickte hin: Da sah ich eine Fahne, (52)

Die so geschwind umkreisend sich bewegte,

Dass zu verschmähn sie mir jedwede Rast schien.

Und hinterdrein lief solch endloser Haufen (55)

Von Volke, dass ich nimmermehr vermutet,

So viele habe schon der Tod vernichtet.

Und als erkannt ich hatte den und jenen, (58)

Erblickt’ und kannte ich den Schatten dessen,

Den Feigheit zum Verzicht, dem grossen, antrieb.

Sofort ward ich bewusst mir und versichert, (61)

Dies sei die Schar der schmachbeladenen Seelen,

Die Gott und seinen Feinden gleich missliebig.

Die Elenden, die nimmer wahrhaft lebten, (64)

Sie waren nackt und wurden schwer gepeinigt

Von Bremsen und von Wespen, die dort waren.

Bei deren Stichen troff von Blut ihr Antlitz, (67)

Das tränenuntermischt zu ihren Füssen

Von ekelhaften Würmern ward verschlungen.

Und als ich weiter noch den Blick entsandte, (70)

Sah Schatten ich am Ufer eines Stromes;

Weshalb ich sprach: Gewähre mir nun, Meister,

Dass, wer sie sind, ich hör’, und welcher Antrieb (73)

Sie scheinbar so zur Überfahrt geneigt macht,

Wie in dem falben Licht ich unterscheide. —

Erfahren wirst du, sagt’ er, was du fragest, (76)

Sobald wir hemmen werden unsre Schritte

Am Uferand des traur’gen Acheron. —

Da senkte schamerfüllt ich meine Blicke (79)

Und, fürchtend, dass ihm lästig sei mein Reden,

Enthielt ich bis zum Flusse mich der Worte.

Und sieh, im Nachen kam herangefahren (82)

Ein Greis, der ob des Haares Alter weiss war,

Und ausrief: Weh euch, ihr verruchten Seelen!

Den Himmel hoffet nimmermehr zu schauen. (85)

Ans andre Ufer komm’ ich euch zu führen

In ew’ge Finsternis, in Frost und Hitze.

Und, die du dort verweilst, lebend’ge Seele, (88)

Entferne dich von diesen, die gestorben. —

Und als er sah, dass ich mich nicht entfernte,

Sprach er: Nicht hier, durch andre Weg’ und Häfen (91)

Wirst du zum Strand der Überfahrt gelangen;

Das Schiff, das einst dich tragen soll, ist leichter. —

Mein Führer aber sprach: Sei ruhig, Charon. (94)

So will man’s droben, wo jedwedes Wollen

Zugleich ein Können ist; nicht frage weiter. —

Da glätteten sich die behaarten Wangen (97)

Des Fährmanns auf dem trübgefärbten Sumpfe,

Der um die Augen Flammenräder hatte.

Doch jene Seelen, nackend und ermattet, (100)

Verfärbten sich und klappten mit den Zähnen,

Sobald die harten Worte sie vernahmen.

Sie fluchten Gott und fluchten ihren Eltern, (103)

Der Menschenbrut, dem Ort, dem Tag, dem Samen,

Durch die gezeugt sie wurden und geboren.

Dann drängten sie sich unter lautem Weinen (106)