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Als Laura die Augen aufschlug, war es dunkel um sie her.

Wo war sie? Sie konnte sich nicht erinnern. Was war passiert? Auch daran konnte sie sich nicht erinnern. Es war nicht nur draußen dunkel, sondern auch in ihr.

Ihr war nicht einmal ganz klar, in welcher Position sie sich befand: Lag sie, stand sie, saß sie? Doch, sie lag, irgendwie zur Hälfte, aber ihre Beine spürte sie kaum.

Einen Moment lauschte sie... es war vollkommen still um sie her. Still und kalt.

War sie allein? Sie hatte das Gefühl, dass etwas auf ihr lag, etwas Warmes, Schweres, das sich nicht bewegte. Sie versuchte den Kopf zu drehen. Das tat weh. Also ließ sie es. Auch ihr linker Arm war irgendwie... eingeklemmt?

Den rechten Arm spürte sie nicht. Aber dann spürte sie etwas anderes. Es war eigenartig... etwas schien zwischen ihren Beinen aus ihr herauszulaufen, es lief immer weiter, hörte nicht auf... und sie wurde immer schläfriger und ruhiger, und ein seltsames Gefühl nahm ganz von ihr Besitz: Alles war gut so, wie es war, alles war friedvoll und sinnvoll, ja, alles war gut so, wie es war...

Kapitel 1

Bonn, Pützchens Markt

Sonntag, 5. September 21.15 Uhr

Angelikas Gondel kam eben am höchsten Punkt des Riesenrads an: Was für ein Ausblick! Überhaupt – was für ein Abend! Sie konnte sich nicht erinnern, dass in den letzten 60 Jahren jemals Anfang September solche Temperaturen geherrscht hatten!

Angelika genoss den Ausblick: Das rechtsrheinische Bonn lag ihr zu Füßen und natürlich die riesige Kirmes, die vor bunten Leuchtreklamen und blitzenden Lichtern nur so funkelte. Fast war auch der Rhein zu sehen, zumindest konnte man seinen Verlauf anhand von Brücken, Post-Tower und Drachenfels erahnen.

Der Abendhimmel färbte sich allmählich von Dunkeltürkis zu Nachtblau. Das Riesenrad drehte sich langsam weiter, wieder hinab auf die Erde zu, hinab und hinein in den schier ohrenbetäubenden Lärmpegel Dutzender Fahrgeschäfte. Gewaltige Menschenmengen schoben sich durch die Gassen zwischen den Buden.

Als das Riesenrad den untersten Punkt passierte, stieg Angelika der herrliche Duft von gebrannten Mandeln in die Nase. Im Gegensatz zu Gudrun, die rechts neben ihr in der Gondel saß, konnte sie es sich leisten, eine ganze Tüte davon zu verdrücken. Gudrun nämlich platzte aus allen Nähten. Gott, wie die Frau wieder aussah: Sie hatte sich in ein schwarzes, ärmelloses Kleid mit kleinen, weißen Blümchen gezwängt und versprühte den Charme der berühmten Leberwurst in der Pelle!

Auf Angelikas linker Seite saß Gisela: dünn, hager, knochig. Natürlich hatte ihr rosa Blüschen Ausschnitt, damit nur jeder ihre hervorstehenden Schlüsselbeine bewundern durfte! Nein, mit diesen beiden Damen konnte man sich wirklich nur auf Pützchens Markt sehen lassen. In der Welt jenseits der Kirmes traf sich Angelika lieber mit einer ganz anderen Sorte von Freundinnen: mit kultivierten Frauen, die ihr fast das Wasser reichen konnten.

Und wieder schwang sich die Gondel hinauf in den Himmel, und für ein paar Sekunden fühlte sich Angelika wie die Herrscherin über ganz Bonn. Ihr Blick wanderte über den großen Platz unter ihr und blieb eine Weile an einer mit Lichtern übersäten Riesenschaukel hängen: Am unteren Ende saßen die Fahrgäste wie in einem Suppenteller. Ihr Blick glitt weiter über die Menge… es gab viele Schaukeln auf der Kirmes, natürlich alle total überdimensioniert. Warum schaukelten die Menschen nur so gerne? Erinnerungen an die Kindheit?

Die zweite, gut vertretene Fahrgeschäftgattung war das Karussell. Es gab solche, die sich, wie es sich gehörte, am Boden drehten, und viele andere, die ihre Gäste in Gondeln an krakenartigen Armen durch die Luft wirbelten, aber die Krönung war ein schlanker Turm, an dem sich ein Kettenkarussell in luftige Höhen schraubte. Du lieber Himmel – da wurde einem ja schon vom Zugucken schwindlig!

Schnell schaute Angelika woanders hin. Direkt auf Gisela, die plötzlich, wie jedes Jahr, mit dem Finger nach unten zeigend ausrief: „Ich seh unser Haus… da!“

Angelika sprach Gisela einen IQ von höchstens 75 zu und bezweifelte gleichzeitig (wobei sie sich ein Grinsen kaum verkneifen konnte), dass Gisela überhaupt wusste, was ein IQ war.

Und auch Gudrun (IQ 85) machte ihr Haus am Rande von Pützchens Markt aus, und Angelika (IQ bei mindestens 130) spielte mit und heuchelte großes Entzücken darüber, ihr Haus entdeckt zu haben.

Ein paar Minuten später war die teure Riesenrad-Fahrt zu Ende, und Angelika und ihre „Freundinnen“ tauchten ein in die Menge der sich vorwärtsschiebenden Männer, Frauen, Kinder, Kinderwagen und sogar Hunden. Das Mitführen der Vierbeiner auf Pützchens Markt war garantiert verboten und fiel definitiv unter Tierquälerei, regte sich Angelika lautstark auf und stieß besonders bei Gisela auf Zustimmung, die hatte nämlich Angst vor Hunden.

Zu dritt drängten sie sich an Kinderkarussells vorbei, an Auto-Scooter und Geisterbahn, an Losbuden, an Schieß- und Wurfbuden und an schwindelerregenden Variationen von Achterbahnen und Rutschen. Nie im Leben würde sich Angelika in eins dieser neumodischen Karussells setzen! Nein, sie blieb bei Riesenrad und gebrannten Mandeln. Und die kaufte sie sich jetzt an einem Stand mit Unmengen von Lebkuchenherzen, glasierten Äpfeln, Zuckerwatte und anderem Süßkram. Die Zahnärzte der Stadt rieben sich sicher schon die Hände.

Ein paar Buden weiter zog sich Gisela zehn Lose, von denen nicht eins gewann. Gudrun bestand wie jedes Jahr darauf, Achterbahn zu fahren, und wie jedes Jahr musste sie allein fahren. Voll wohligen Grauens schauten Angelika und Gisela zu, wie Gudrun durch die Kurven und in schrecklichen Winkeln nach unten raste.

Wie üblich ging es Gudrun nach der Fahrt nicht gut, und so versuchten sie, einen Sitzplatz im Biergarten zu ergattern. Sie genehmigten sich ein Pils, und kontrollierten zum wiederholten Mal ihre um den Bauch geschnallten Taschen, in denen sie Geld, Ausweis und Hausschlüssel bei sich trugen. Angelika hatte noch Papiertaschentücher eingesteckt, Gudrun Hustenbonbons und Gisela ihren Organspendeausweis – für den Fall, dass sie vom Riesenrad fiel oder von der Menge totgetrampelt wurde.

Eine halbe Stunde später brachen sie auf, um sich wenigstens noch den Kleidermarkt zu Gemüte zu führen. Der Menschenandrang war enorm, der Abend warm wie im Hochsommer und der Lärm unglaublich: Von überall her drang Musik herüber, und von den Karussells und den riesigen Schaukeln war das Geschrei und Gejauchze der Fahrgäste zu hören. Manchmal verstand man sein eigenes Wort nicht!

Gegen zehn machten sie sich langsam auf den Rückweg, und als sie an einer weiteren Bratwurstbude vorbeikamen, roch es so lecker, dass Angelika nicht länger widerstehen konnte: Sie kaufte sich eine dünne Rostbratwurst mit viel Senf und einem weichen Brötchen, das nach gar nichts schmeckte. Aber die Wurst war gut.

Gudrun verkniff sich das späte Essen, weil sie angeblich wieder einmal eine Diät machte. Gisela, die Dürre, hatte selbstverständlich um die Uhrzeit keinen Appetit mehr. Angelika stellte sich mit ihrer Wurst neben die Bude, weil sie sich damit unmöglich durch die Menschenmenge quetschen konnte. Plötzlich tropfte ein dicker Klecks Senf von der Wurst. Angelika sah ihm nach und blickte auf ihre Sandalen, in denen ihre fast schwarzen Füße steckten: vom Staub und vom Dreck auf dem Platz. Vielleicht sollte sie am nächsten Tag keine Sandalen anziehen.

Nachdem Angelika die Wurst verschlungen hatte, fühlte sie sich müde: Seit zwei Stunden schlenderte sie nun schon über den Platz, allmählich taten ihr die Füße weh, und sie war sicher, dass es ihren Begleiterinnen nicht besser ging. Sie schaute auf die Uhr: 22.35 Uhr.

„Tja, ich glaube, ich muss mal langsam ins Bettchen… Also dann, meine Lieben, bis morgen Abend, um halb neun!“

Man umarmte und verabschiedete sich, winkte sich zu, und als sich Angelika von der Bratwurstbude entfernt hatte und sich nach ein paar Metern umdrehte, waren die beiden Frauen in der Menge nicht mehr zu entdecken. Stattdessen fiel ihr Blick auf einen jungen Mann im hellen T-Shirt, mit blauer Baseballkappe auf dem Kopf, der kräftig und gar nicht einmal unsympathisch aussah und der ihr irgendwie bekannt vorkam. Er musterte sie eindringlich.

Sie drehte sich um und ging weiter. Sie war körperlich fertig, ganz schön genervt von dem Krach in ihren Ohren, und sie wollte nur noch nach Hause, das keine 100 Meter entfernt war.

Zum Rand der Kirmes hin lichtete sich die Menge ein wenig, aber die Geräuschkulisse nahm kaum ab, denn der warme Wind blies aus Südwest. Sie schaute sich noch einmal um: Der junge Mann war immer noch hinter ihr. Verfolgte er sie? Was wollte er? Sie ausrauben?

Angelika legte beide Hände auf ihre Tasche, blieb stehen und sah ihn an. Sofort wandte er den Blick ab, tat so, als suche er jemanden und winkte dann mit erfreutem Gesicht. Angelika blieb noch stehen – wobei sie von mehreren Leuten angerempelt wurde – und wartete ab, was passierte.

Der junge Mann bog nach rechts zum Kettenkarussell ab, das gut besucht war von Leuten, die hoch oben in der Luft jauchzten und schrien. Angelika wandte sich ab und ging weiter. Jetzt merkte sie, dass sie leichte Halsschmerzen hatte, wahrscheinlich weil sie vorhin bei der Unterhaltung so hatte brüllen müssen.

Nach außen hin unbekümmert, spazierte sie am Kettenkarussell entlang, drehte sich aber im Gehen mehrmals um: Von dem Mann war nichts zu sehen. Sie wollte auf jeden Fall verhindern, dass der Kerl mitbekam, wo sie wohnte! Denn vorhin, kurz bevor er verschwunden war, glaubte sie, einen dunkel drohenden Blick von ihm aufgefangen zu haben. Er hatte ihr Angst gemacht. Vielleicht sollte sie, sobald sie die Kirmes verlassen hatte, einen großen Umweg machen, ihr Handy bereithalten und, falls sie den Mann wieder zu Gesicht bekam, sofort die Polizei rufen.

Inzwischen hatte sie das Ende des Kettenkarussells erreicht, wo ein Lattenzaun das Gelände abschloss. Dahinter gab es einen engen, dunklen Durchgang zwischen dem Zaun und den Rückseiten einiger Wohnmobile der Schausteller.

Urplötzlich tauchte von dort eine Hand auf, packte Angelika am Arm und zerrte sie in die Dunkelheit.

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Bonn, Polizeipräsidium

Montag, 6. September 11.20 Uhr

Sascha und Andreas saßen in ihrem nicht mehr ganz so kühlen Büro und sahen Akten durch, bis Andreas’ Telefon klingelte und die Zentrale durchgab, auf Pützchens Markt sei eine Leiche gefunden worden.

„Haben sich wieder zwei Besoffene geprügelt?“, fragte er wenig begeistert.

„Glaube ich kaum“, erhielt er als Antwort. „Die Tote ist eine 64-jährige Frau, der weder Tasche noch Portemonnaie gestohlen wurden. Also eher ein ungewöhnlicher Fall, ganz nach eurem Geschmack.“

„Soll ich mich jetzt bei euch bedanken?“, nörgelte Andreas, legte auf und informierte Sascha, der froh zu sein schien, endlich seinen Schreibtisch verlassen zu dürfen.

Draußen vor dem Präsidium traf sie mit Wucht die Mittagshitze. Wie lange würde dieses Wetter noch anhalten?!

Im Auto gab es immerhin eine Klimaanlage, deren Einsatz Andreas aufgrund der ungesund kühlen Luft allerdings nicht sonderlich behagte. Er schaltete sie trotzdem ein. Unterwegs unterhielten sie sich über die größte Kirmes weit und breit, und Sascha erzählte, dass er mit Annika und Gabriel bereits am Samstagmittag dort gewesen sei.

„So viele Menschen auf einem Haufen hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Wie voll muss das erst abends gewesen sein!“ Sascha schüttelte den Kopf.

„Und, wie viel hast du ausgegeben?“

„Natürlich, was anderes interessiert dich nicht! Wichtig ist doch, dass wir Spaß hatten, und den hatten wir! Ja, ich weiß, Spaßhaben kommt bei dir erst an 274. Stelle!“

„Du bildest dir ja tatsächlich ein, mich zu kennen!“ Andreas war genervt, zum einen von der Hitze, zum anderen von der Klimaanlage. Außerdem hatte er Hunger. Und schließlich ärgerte er sich über Saschas Bemerkung. Das reichte, er ließ den Mann reden und dachte darüber nach, warum eine 64-jährige Frau gerade auf einer Kirmes ermordet worden sein könnte. Ihm fiel dazu nichts ein.

Nach zehn Minuten erreichten sie die Ausläufer des Markts und schafften es, sich mit dem Auto einen Weg bis ganz nah an den Tatort heran zu bahnen. Sascha meinte, der Andrang sei gar nicht zu vergleichen mit dem vom Wochenende. Trotzdem – es war schon einiges los. Bisher hatten nur ein paar Buden geöffnet, die meisten Karussells und die großen Attraktionen des Markts standen noch still.

Sascha und Andreas stiegen aus und eilten zu einem Streifenwagen hinüber, der am Straßenrand parkte. Ein Kollege führte sie ein paar Meter weit auf den Platz, dann hinter einen Bretterzaun, der mit einigen abgestellten Wohnmobilen einen schmalen Gang bildete. Glücklicherweise fiel kein Sonnenlicht hinein.

Von Kirmesbesuchern fortgeworfener Müll lag am Eingang herum, weiter hinten konnte man auf dem Boden eine schwarze Plastikplane sehen, die wohl über die Leiche gedeckt worden war, jetzt aber neben ihr lag.

Eine zierliche, ältere Frau mit blondgrauen Haaren, mit einer geblümten, ärmellosen Bluse und einem schwarzen Rock bekleidet, die Füße in flachen Sandalen, lag mit leicht verdrehten Gliedmaßen auf dem Rücken. In ihrem Gesicht hing schräg eine rote, verbogene Brille. Eine schwarze Tasche und eine schwarze Jacke schienen achtlos zur Seite geworfen worden zu sein.

Ein zweiter uniformierter Kollege übergab Andreas ein Portemonnaie. „Die Frau heißt Angelika Müschberg und wohnt hier um die Ecke.“

Andreas zog einen Personalausweis heraus und sah sich die Adresse an. „Sie war wohl auf dem Heimweg und – “

„Hallo, Andreas!“, rief jemand von hinten. „Ganz schön heiß heute, was?“

Andreas wandte den Kopf. „Hallo, Peer.“

Peer trug ein himbeerfarbenes Shirt. Eigentlich eine schöne Farbe. Aber nicht für Peer. Er drängte sich mit seinem Köfferchen an Andreas und dem Kollegen vorbei und kniete neben der Leiche nieder.

„Ach du Scheiße“, meinte er plötzlich. „Hast du das schon gesehen? Jemand hat Zigaretten auf dem Arm dieser netten Frau ausgedrückt.“

Andreas beugte sich über die Leiche. „Stimmt, ist mir gar nicht aufgefallen. Wer macht denn so was? Und vor allem, warum?“

Sascha, Experte in Punkto Brandwundenzufügung, meldete sich zu Wort: „Im Film werden damit Aussagen oder Geheimnisse aus den Leuten herausgepresst.“

Peer sah Andreas an, Erstaunen im Blick. „Der hält uns für blöd.“

Andreas nickte. „Ich wollte damit ausdrücken: Welches Geheimnis könnte eine nette, ältere Dame wohl haben, damit jemand zu so brutalen Methoden greift und die Frau dann auch noch umbringt?“

Sascha reagierte entspannt. „Richtig, und die nächste Frage ist doch: Hat der Mörder erfahren, was er wissen wollte? Oder hat er die Müschberg aus Wut umgebracht, weil sie nichts sagen konnte oder wollte?“

„Sehr gute Frage, Sascha.“ Andreas lächelte nachsichtig. „Peer, wie sieht’s mit der Todesursache aus?“

Peer sah sich die Vorder- und auch die Rückseite der Leiche genau an, kratzte sich mit seinen schlanken, behandschuhten Fingern in den akkurat gescheitelten Haaren und ließ verlauten: „Sie könnte erstickt worden sein und zwar mit der – “, er schaute sich suchend um, „mit der Plastikplane da drüben. Hey Leute, packt die Plane vorsichtig ein, da sind vielleicht DNA-Spuren von der Frau und dem Täter drauf!“

Andreas schaute in die gleiche Richtung und bemerkte, dass sich am Eingang der Gasse bereits Schaulustige eingefunden hatten. Allmählich bekam er in diesem engen, heißen, nicht wirklich gut riechenden Durchgang so etwas wie… Platzangst?

„Kannst du auch was über den Todeszeitpunkt sagen?“, fragte er Peer.

Der wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn. „Schätze mal, wenn ich die Temperaturen hier mit berücksichtige, so am späten Abend.“

„Wer hat die Frau gefunden?“

Einer der uniformierten Kollegen zeigte zum Eingang der Gasse. „Das war Herr Zeith, der steht da vorne.“ Er winkte den Mann zu sich heran. Hinter ihm tauchten auch gerade Renate und Wilfried auf, um am Tatort Spuren zu sichern.

Zeith, ein schlanker, sehniger Mann um die Vierzig kam näher. Er trug Bermudas und T-Shirt und seine dunklen Haare waren hinten zu einem Zopf zusammengebunden. In der Hand hielt er eine Zigarette, an der er hin und wieder zog. Er lächelte kaum, als Andreas ihm die Hand gab.

„Guten Tag, Herr Zeith, ich bin Kommissar Montenar von der Kripo Bonn und das hier sind meine Kollegen. Können Sie uns erzählen, wie Sie Frau Müschberg gefunden haben?“

Der Mann schaute mit seinen hellblauen Augen unangenehm berührt nach unten auf die Leiche, hob den Blick wieder und guckte von da an überall hin, nur nicht in Andreas’ Gesicht.

„Ich wohne mit meiner Frau und meinem Sohn in dem Wagen da“, er wies auf das zweite Wohnmobil in der Reihe, „und nach dem Frühstück bin ich raus, um nach den Stromkabeln und so weiter zu gucken. Mache ich jeden Morgen. Wissen Sie, es gibt Besoffene, die pinkeln und kotzen hier hin, und manchmal kommt einer auf die blöde Idee, Kabel durchzuschneiden! Hab ich alles schon erlebt. Ich dachte noch, welcher Blödmann hat denn die Plane hierhin geschmissen, die gehört nämlich eigentlich weiter hinten auf die Spielzeuge von den Kindern. Ich heb sie also auf, und dann liegt da die Frau! Zuerst dachte ich noch, die liegt im Vollrausch da, und ich hab wie blöd an ihr gerüttelt, aber die rührte sich nicht mehr!“

Zeith schien empört über diese Zumutung und saugte heftig an seiner Zigarette.

Andreas nickte verständnisvoll. „Wo waren Sie gestern am späten Abend?“

„Ich arbeite bei der Achterbahn, und gestern war ich da bis… bis weit nach ein Uhr nachts.“

„Haben Ihre Frau und Ihr Sohn denn erwähnt, dass sie gestern Abend was Ungewöhnliches gehört haben?“

Zeith guckte überrascht. „Nee, die haben mir nichts gesagt. Wissen Sie, was hier abends für ein Lärm ist? Da fällt gar nicht auf, wenn mal einer schreit. Hier schreit dauernd jemand.“

„Danke, Herr Zeith.“

Andreas fiel auf, dass der Lärmpegel auch jetzt schon angestiegen war. Die Karussells wurden anscheinend eins nach dem anderen in Betrieb genommen. Sollte man den Markt nach diesem Mord nicht ganz schließen? Er lachte kurz auf (für die Kollegen sicher sehr unmotiviert): Die Stadt würde ihm was anderes erzählen - hier ging es um gutes Geld!

Sascha hatte sich die Aussage von Zeith und ein paar andere Dinge notiert. Andreas wandte sich an ihn: „Schreib mal auf, dass wir einen Zeugenaufruf in den Medien starten, sobald wir die genaue Todeszeit haben. Ich muss jetzt unbedingt was essen!“

„Ich auch“, stimmte Sascha zu.

Und als befände man sich in einer engen Felsschlucht, hörte man wie Echos drei weitere Stimmen: „Ich auch“, „Ich auch, „Ich auch“.

Bald darauf warteten Sascha, Renate, Wilfried, Peer und Andreas vor einer Bratwurstbude ungeduldig darauf, dass die Würste endlich gar und knusprig waren. Dazu gab es Mineralwasser oder Cola und gratis jede Menge Hitze vom Grillrost. Die armen Leute, die in der Bude arbeiten mussten.

Als sie vom Essen zurück waren, wurde gerade Müschbergs Leiche abtransportiert, Peer begleitete sie. Renate und Wilfried suchten weiter den Durchgang hinter dem Lattenzaun ab.

Andreas und Sascha hingegen begaben sich auf die Suche nach Müschbergs Haus. Laut Stadtplan war es nicht weit entfernt. Drei Minuten später standen sie vor einem großzügigen, wenn auch älteren Einfamilienhaus: weiß verputzt, tief gezogenes Dach mit roten Ziegeln, neben dem Haus eine Doppelgarage, alles sehr gepflegt und teuer wirkend.

Andreas sah auf die Uhr: 13.15 Uhr. Die Sonne brannte gnadenlos vom tiefblauen Himmel herab. Die Luftfeuchtigkeit musste bei 95% liegen, so jedenfalls fühlte es sich an. Er eilte durch den Vorgarten, der von immergrünen Bodendeckern überwuchert und mit fein gefiederten Farnen bepflanzt war, die wenigen Stufen bis zur Haustür hinauf. Vor und auf den Stufen gab es ein paar blaue Kübel mit feuerroten Geranien darin. Aus Müschbergs Tasche, die er an sich genommen hatte, holte er einen Schlüsselbund heraus und fand den richtigen Schlüssel.

Da die Frau von niemandem als vermisst gemeldet worden war, ging Andreas davon aus, dass sie allein wohnte. Im Hausflur war es Gott sei dank deutlich kühler. Die Wände waren halbhoch holzgetäfelt, darüber eine schwere, goldweiß gestreifte Tapete. Andreas ging weiter und kam in ein Wohnzimmer, das von herabgelassenen Rollläden verdunkelt war. Er machte Licht: edel aussehende, weiße Möbel mit goldenen Verzierungen und Beschlägen und dünnen geschwungenen Beinchen. Links ein ebensolcher weißer Schrank. Auf dem Sofa viele pastellfarbene Kissen.

„Kann ich die Rollläden hochziehen?“, rief Sascha von irgendwoher.

„Ich denke schon. Wo bist du?“

„Oben.“

Andreas folgte der Stimme. Sascha öffnete eben die Rollläden in einem Schlafzimmer mit breitem Bett, Nachttisch und Schrank. Alles in weißem Schleiflack und irgendwie altmodisch, aber auch hier wirkte alles vom Feinsten. War die Müschberg eine vermögende Witwe? Ging es bei dem Mord doch um Geld?

Oben gab es noch ein Gästezimmer und ein sehr gut ausgestattetes Bad. Aber auf den ersten Blick waren keine aufschlussreichen Dokumente oder ähnliches zu finden. Also wieder nach unten. Sascha zog auch in der Küche den Rollladen hoch und bediente sich in der Spüle an der Wasserleitung.

„Hast du keinen Durst? Der Wurstmensch hat doch garantiert mit Absicht so viel Salz in die Wurst gemischt!“, schimpfte Sascha und wischte sich mit der Hand über den Mund, während sich Andreas einen Moment an den Tisch setzte. Die Hitze draußen machte ihn wirklich fertig!

Er schaute sich um: Die Kücheneinrichtung war hauptsächlich weiß, und alles schien penibel aufgeräumt. Durch ein großes, zweiteiliges Fenster konnte man hinaus in einen sorgfältig angelegten Garten sehen. Plötzlich klingelte es an der Haustür, die er vorhin hinter sich zugeworfen hatte: Wilfried und Renate.

Bevor sich Renate an die Arbeit machte, berichtete sie von den Gegenständen, die sie hinter dem Holzzaun gefunden hatte: weggeworfene Verpackungen und Getränkedosen und etwa zwei Dutzend Zigarettenkippen verschiedener Marken. Vielleicht gehörte ja die eine oder andere Kippe dem Täter. Renate schenkte Andreas ein schüchternes Lächeln.

Andreas lächelte nicht zurück. Natürlich hatte auch sie von der Sache mit Sabine gehört. Rechnete sie sich jetzt Chancen aus? Das mit Sabine war ein gutes halbes Jahr her, er war noch nicht bereit für Neues. Möglicherweise war er nie wieder bereit für Neues!

„Das wär nicht schlecht“, antwortete er. „Also gut… Dann leg mal los. Vielleicht findest du ja hier des Rätsels Lösung.“

Mit Sascha im Gefolge begab er sich ins Wohnzimmer, wo er systematisch Schränke und Schubladen nach Unterlagen und Hinweisen durchsuchen wollte, als es erneut an der Haustür klingelte. Anscheinend machte Renate die Tür auf, denn Andreas hörte sie sagen: „Gut, dann gehen Sie bitte da lang, da finden Sie zwei Kommissare, die Sie über alles informieren werden.“

Keine zehn Sekunden später trat eine Frau durch die Wohnzimmertür, die aussah, als käme sie von den Proben zu einem alten Hollywood-Schinken: um die Sechzig, eher groß und üppig gebaut, in einem wadenlang und weit schwingenden, türkisblauen Kleid mit sehr großzügigem Dekolleté, in hochhackigen, türkisblauen Schuhen, auf dem Kopf einen breitkrempigen, türkisblauen Hut. Ihr Haar fiel in großen, braunen Locken bis über ihre Schultern. Als sie ihren Namen nannte, musste sich Andreas arg beherrschen, um nicht laut aufzulachen.

„Ich bin Lorna Dreesbach und heute mit meiner Freundin Angelika zum Kaffee verabredet“, klärte sie alle Anwesenden auf. „Ist ihr was zugestoßen?“ In ihrem Blick lag echte Besorgnis.

„Ja, das kann man so sagen. Wir sind übrigens die Kommissare Montenar und Piel von der Bonner Kripo“. Andreas wies auf einen Sessel. „Vielleicht setzen Sie sich hin.“

„Oh mein Gott, ist es so schlimm?!“ Ihre braunen, perfekt geschminkten Augen guckten erschrocken. „Wenn das so ist, geh ich lieber gleich in die Küche.“ Sie drehte sich um und marschierte auf ihren hohen Absätzen mit großen und ziemlich undamenhaften Schritten in den Flur.

Andreas verstand erst, was sie meinte, als er die Küche betrat und sah, wie sich Lorna Dreesbach eine Schnapsflasche aus Müschbergs Kühlschrank holte. Sie schien sich hier auszukennen, denn sie öffnete einen Küchenschrank und nahm ein Schnapsgläschen heraus. Sie zögerte kurz, wandte sich um und fragte: „Möchten Sie auch einen?“

„Wir sind im Dienst!“, tadelte Andreas.

Dreesbach setzte sich an den Küchentisch, schenkte sich das Gläschen voll und kippte es in einem Zug herunter. „So, einen Moment noch.“ Sie holte eine Zigarettenschachtel aus ihrer ebenfalls türkisblauen Handtasche hervor und zündete sich eine Zigarette an. Ihre Fingernägel waren lang und rosa lackiert. Sie zog einmal heftig an der Zigarette und fragte: „Ist Angelika… tot?“

„Ja“, antwortete Andreas, der lieber stehen blieb. „Sie wurde vor ein paar Stunden ermordet aufgefunden. In einer dunklen Ecke von Pützchens Markt.“

„Was?!“ Dreesbach schenkte sich mit zitternden Fingern noch ein Schnäpschen nach und trank das Glas wieder in einem Zug leer.

Sascha nickte, setzte sich zu ihr an den Tisch und begann mit der Befragung. „Frau Dreesbach, Sie waren eine gute Freundin von Frau Müschberg?“

„Ja, allerdings.“

„Dann können Sie mir sicher ein paar Angaben zu ihrer Person machen.“

Dreesbachs braune Augen sahen an Sascha vorbei. Ihre Stimme war dunkel. „Wir kannten uns seit über 35 Jahren… seit ich nach Bonn gezogen bin.“ Ein tiefer Zug an der Zigarette. „Ist sie wirklich tot? Ich kann das gar nicht glauben… auf Pützchens Markt… Hat man sie ausgeraubt?“

„Nein, darum ging es anscheinend nicht. Wir vermuten ein anderes Motiv. Frau Dreesbach, sind Sie in der Lage, sich ein klein wenig zu konzentrieren? Wir sind auf Ihre Mithilfe angewiesen.“

„Was? Ja, natürlich. Was wollen Sie wissen?“

„War Frau Müschberg verheiratet?

„Gerhardt ist im August letztes Jahr verstorben. Das hat sie ziemlich mitgenommen.“

„Ist sie etwa allein auf die Kirmes gegangen?“

„Oh nein“, sagte Dreesbach, und Andreas glaubte eine Spur von Verachtung in ihrem Blick bemerkt zu haben. „Nein, sie traf sich da jedes Jahr mit zwei Frauen, die wie Angelika direkt hier am Markt wohnen. Und ich meine, die heißen Gudrun und Gisela.“

„Die Nachnamen kennen Sie nicht?“, fragte Sascha.

„Nein, die beiden waren unter meinem… naja, sie waren nicht meine Kragenweite.“

„Wir werden die Damen schon irgendwie aufstöbern. Und Sie hatten keine Lust auf Pützchens Markt? Auch unter Ihrem Niveau?“

„Nein! Das haben Sie falsch verstanden! Mir ist es da einfach zu voll und zu laut! Und dieses Jahr auch zu heiß!“

„Hatte Frau Müschberg Kinder?“

„Angelika hatte zwei Töchter. Saskia und Viktoria. Die haben beide eine eigene Familie.“

Sascha machte sich Notizen. „Frau Müschberg lebte also ganz allein hier im Haus?“

„Ja.“

„Und Sie trafen sich öfters mit ihr?“

„Ja, meistens montagnachmittags.“

„Wissen Sie, ob in letzter Zeit irgendwas Besonderes passiert ist? Wurde Ihre Freundin vielleicht bedroht?“

Dreesbach schaute in die Luft, überlegte, rauchte, konnte sich aber an Derartiges nicht erinnern.

„Würden Sie mir bitte Namen und Adressen der näheren Verwandtschaft angeben?“, bat Sascha.

Das tat Lorna Dreesbach, soweit sie konnte, und rauchte zwischendurch ihre Zigarette bis zum Filter herunter.

Sascha sah sich die Liste an und fragte: „Gab es kürzlich Streitigkeiten zwischen den Familienmitgliedern?“

Dreesbach drückte die Zigarette in einem Aschenbecher, den sie ebenfalls aus einem Schrank geholt hatte, aus und zündete sich sofort eine neue an. Ihre mit sommersprossenartigen Flecken übersäten Hände zitterten.

„Vor ein paar Wochen hatte Angelika einen hässlichen Streit mit Saskia, die wollte 15.000 Euro von ihrer Mutter haben. Ihrer Tochter hätte Angelika das Geld vielleicht noch gegeben, aber nicht ihrem Schwiegersohn, den konnte sie nicht leiden. Soweit ich weiß, hat Saskia das Geld bis heute nicht bekommen.“

„Und jetzt erbt sie zusammen mit ihrer Schwester viel mehr“, merkte Sascha an, während sein giftgrünes Polohemd eine große farbliche Irritation in die weiße Küche brachte – vor allem im Zusammenspiel mit Dreesbachs türkisblauem Gesamtoutfit.

Lorna Dreesbach senkte ob Saschas Bemerkung den Blick und knöpfte sich schnell ein anderes Familienmitglied vor. „Mit ihrem Schwager, also dem Bruder ihres verstorbenen Mannes, hatte Angelika auch Streit. Er lebt auch hier in der Nähe, in Beuel. Es ging um irgendwelche wertvollen, alten Bücher, die Gerhardt angeblich seinem Bruder versprochen hatte. Nur stand davon eben nichts in seinem Testament. Peter, also der Schwager, der übrigens ziemlich krank ist, hat erst kürzlich wieder mit seinem Anwalt gedroht. Aber wegen solcher Sachen bringt man doch niemanden um!“ Ihr Blick irrte erschrocken ins Leere.

„Ja, da mögen Sie Recht haben“, übernahm Andreas. „Sascha, machst du bitte mal das Fenster auf. Haben Sie irgendeine Idee, wer sonst der Täter gewesen sein könnte?“

Mit abwesendem Blick dachte sie einige Sekunden nach, und ganz kurz schien darin ein unterschwelliges Entsetzen aufzublitzen, dann schüttelte sie den Kopf.

„Eine Frage noch.“ Sie schaute zur Seite. „Frau Dreesbach, sehen Sie mich bitte mal an.“ Andreas wartete, bis sie ihm wieder in die Augen sah. „Frau Müschberg wurde misshandelt, vermutlich, weil ihr Mörder etwas von ihr erfahren wollte. Haben Sie eine Ahnung, um was es da gegangen sein könnte? Überlegen Sie in aller Ruhe.“

Ihr Blick schweifte ab, ihre Hand hob sich, sie nahm einen sehr tiefen Zug aus ihrer Zigarette – und fing furchtbar an zu husten. Sascha, der gerade vom Fensteröffnen zurückkam, klopfte ihr ein bisschen auf dem Rücken herum, sie trank einen Schluck Wasser, und dann ging es wieder.

„Nein, ich hab keine Ahnung“, hauchte sie und räusperte sich. „Man hat sie misshandelt?“ Tränen traten in ihre Augen. „Was hat man mit ihr gemacht?“

„Darüber darf ich vorläufig nicht reden“, behauptete Andreas und hatte plötzlich Zweifel daran, dass die Frau tatsächlich so ahnungslos war, wie sie tat. „Brauchen Sie ein Taschentuch?“, fragte er in sanftem Ton.

„Danke, ich hab selbst welche“, schluchzte Lorna und griff in ihre große, türkisblaue Tasche, die an der Stuhllehne hing. Sie begann darin zu kramen, fand ein Papiertaschentuch, und putzte sich geräuscharm die Nase.

„Frau Dreesbach, würden Sie mir noch ein paar Angaben zu Ihrer Person machen? Sind Sie auch Witwe?“

Dreesbach vergaß fast das Naseputzen. Sie hob den Blick aus ihrem Taschentuch und sah Andreas erstaunt an. „Aber ich war doch nie verheiratet!“

„Nun, dann haben Sie auch keine Kinder?“

„Doch, eine Tochter.“

Sie wirkte nicht mehr so leutselig wie gerade noch – über ihr eigenes Leben schien sie nicht so gerne Auskunft zu geben. Warum auch immer. Andreas setzte sein Speziallächeln auf, das besonders vertrauenerweckend wirken sollte, und bohrte weiter: „Was sind Sie von Beruf?“

Die Frau hob den Kopf noch ein wenig höher und ließ Andreas mit einer Prise Arroganz in der Stimme wissen: „Ich lebe von Mieteinnahmen und Kapitalerträgen… und so was.“

Andreas lächelte weiter. „Sie sind also vermögend, was ja an sich kein Verbrechen ist. Hatten Sie in letzter Zeit Meinungsverschiedenheiten mit Frau Müschberg? Waren Sie vielleicht eifersüchtig auf ihre Freundinnen, mit denen sie jedes Jahr die Kirmes besuchte? Fühlten Sie sich ausgeschlossen? Haben Sie mit Frau Müschberg darüber gestritten und in einem Wutanfall – “

Sie unterbrach ihn. „Also bitte, Herr Kommissar – dann hätte ich mir doch eher die beiden ‚Damen‘ vorgeknöpft!“ Und gleich würde sie behaupten, nie und nimmer auch nur im Entferntesten fähig zu sein, ein Verbrechen begehen zu können. Als hätte sie Andreas’ Gedanken gelesen, fügte sie mit vorwurfsvoller Stimme hinzu: „Angelika und ich haben uns immer bestens verstanden! Und außerdem wäre ich gar nicht in der Lage, irgendeinem Menschen etwas Böses anzutun! Kann ich jetzt gehen?“

Andreas ließ Sascha ihre Adresse und Telefonnummer notieren und schickte die Frau nach Hause. Er sah auf die Uhr. „Es ist kurz nach sechs, statten wir dem Schwager einen Besuch ab. Wo wohnt er?“

„Auch in Beuel“, informierte ihn Sascha, der auf seinem Block nachgesehen hatte.

Andreas wandte sich zum Gehen und brummte: „Gut, dann haben wir’s ja nicht weit. Ich freue mich schon auf unser heißes Auto.“

„Ach komm, du schaffst das schon! Du bist doch furchtlos und mutig, du bist der Mann, der keiner Herausforderung aus dem Weg geht, der Held, der den Kampf gegen die Hitze aufnimmt, der unerschrockene – “

Andreas fiel ihm ins Wort. „Sag mal, ist es jetzt gut?“

Als sie in den Flur traten, rutschte Renate auf den Knien über die Bodenfliesen. Ihr Hintern wirkte in dieser Stellung recht appetitlich. Die glatten, blonden Haare hatte sie im Nacken zusammengefasst, und dieser Zopf hing über ihre Schulter herab.

„Na, schon was gefunden?“, fragte Andreas und ging ganz rechts an der Wand entlang an ihr vorbei.

„Nichts Besonderes“, antwortete sie und schaute nicht hoch.

Spurensucher Wilfried hingegen starrte im Flur durch seine starke Brille einen Spiegel an, als wolle er sich selbst hypnotisieren.

„Hallo, Wilfried. Auch noch nichts gefunden?“

„Nein.“ Er ließ den Spiegel nicht aus den Augen.

„Wir machen mal eben Verwandtenbesuche.“

„Alles klar.“

Kaum saßen sie im Auto, als sich Sascha in seinen kurzgeschorenen, hellblonden Haaren hinter dem Ohr kratzte, den Wagen startete und verlauten ließ: „Na, war das nicht ein bisschen wie in ‚Arsen und Spitzenhäubchen‘? Zwei nette, ältere, harmlose Damen bringen heimlich Leute um. Und jetzt müssen sie dafür zahlen.“

„Natürlich.“

„Wieso nicht? Oder die Müschberg hat ihren Mann ermordet, und die Töchter haben das rausgekriegt und ihren Vater gerächt!“

Andreas seufzte. „Gut, klären wir noch ab, woran Vater Müschberg verstorben ist. Deine Theorie passt übrigens nicht zu den Brandwunden.“

„Doch“, widersprach Sascha. „Das war die Strafe der Töchter.“

Zehn Minuten später kamen sie in der Nähe der Kennedy-Brücke an. Der Rhein hatte einen ziemlich niedrigen Wasserstand. Natürlich fanden sie keinen Parkplatz im Schatten. Andreas fluchte, stieg aus und hielt Ausschau nach dem Haus, in dem Schwager Peter Müschberg wohnte.

Das „Haus“ entpuppte sich als recht exklusive Appartementanlage direkt am Rhein mit Rollstuhlrampe und sehr gepflegten Aufzügen.

Müschberg residierte im dritten Stock, vermutlich mit unverbaubarem Blick auf das andere Rheinufer, und öffnete, auf seinen Rollator gestützt, seine Wohnungstür. Er war ein großer, kräftig gebauter Mann, graue Haare umgaben kranzförmig seinen Hinterkopf, ein grauer Schnurrbart zierte sein Gesicht. Er trug eine silberne Brille und hatte einen leicht leidenden Ausdruck im Gesicht.

„Ja, bitte?“, fragte er.

Sascha und Andreas wiesen sich aus, woraufhin Müschberg sie ins Wohnzimmer bat, wo durch eine breite Fensterfront die Sonne auf eine eher moderne Einrichtung schien. Müschbergs blasse Füße steckten in Gesundheitssandalen, seine Beine in einer dünnen, grauen Jogginghose, darüber hatte er ein unterhemdartiges, blaues Shirt an.

Er ließ sich steifbeinig und ächzend auf einem hellen Sofa nieder. Rechts auf einem Sideboard lief ein Fernseher mit ausgeschaltetem Ton.

„Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Schwägerin Angelika Müschberg gestern Abend ermordet wurde“, begann Andreas und setzte sich, wie Sascha, in einen Sessel.

„Ach was“, murmelte der Mann, und seine Augen, unter denen sich schwere Tränensäcke gebildet hatten, guckten auf einmal neugierig. „Das ist ja ’n Ding! Wer macht denn so was? Und warum?“

„Das wissen wir noch nicht.“

„Wo und wie ist es denn passiert?“

„In einer dunklen Ecke auf Pützchens Markt. Wahrscheinlich ist sie erstickt worden“, antwortete Andreas dem Schwager und beobachtete seine Reaktion.

Aber Müschberg wirkte hauptsächlich interessiert, wenn nicht sogar leicht amüsiert. „Sie geht also immer noch jedes Jahr auf Pützchen? Immer noch mit den zwei Frauen?“

„Ja, genau. Kennen Sie zufällig die Nachnamen der beiden?“

„Warten Sie mal… Die eine hatte einen ganz komischen Nachnamen…“ Müschberg runzelte die Stirn und grübelte. „Irgendwas mit ‚K‘… Kosmos? Nee… Kaos? Jetzt hab ich’s: Anblick! Die eine Frau heißt Gudrun Anblick! Den anderen Namen weiß ich nicht.“

Sascha machte sich Notizen, und Andreas fuhr mit seiner Befragung fort: „Wir haben gehört, dass Sie krank sind?“

„Ja, Rheuma, Arthritis, das volle Programm.“ Er griff nach einem Glas Wasser, das auf dem Couchtisch stand. Seine Hände sahen überhaupt nicht krank aus: keine Verkrümmungen, keine geschwollenen Gelenke. „Möchten Sie auch was trinken?“

„Nein, danke. Wir haben auch gehört, dass Sie sich mit Ihrer Schwägerin nicht besonders gut verstanden haben... Sie hatten Streit wegen irgendwelcher Bücher?“

Müschberg trank ein paar Schlucke und schien die Zeit zum Nachdenken zu nutzen. Bedächtig setzte er das Glas wieder ab und meinte, während er zum Fernseher hinüberschaute: „Ja, es waren sehr alte und kostbare Bücher aus unserem Familienbesitz; hätte ich gerne zurück gehabt, als mein Bruder starb. Angelika hat behauptet, sie könne sie nicht finden – aber ich wette, sie hat sie aus lauter Bosheit und Geldgier verkauft!“

„Sie war boshaft?“, wollte Sascha wissen.

„Ja, dumm, geldgierig und boshaft! Sie hat keinem was gegönnt!“, schimpfte Müschberg, und seine Entrüstung klang echt.

Andreas schaltete sich ein. „Woher kommt das? Ihre Schwägerin hatte doch alles, was man zu einem guten Leben braucht. Woher diese Missgunst?“

Müschbergs Blick wanderte zu Andreas. „Ich weiß nicht, so gut kannte ich die Frau nun auch nicht. Oder ihre Familie. Ich weiß gar nicht so genau, aus welchem Umfeld sie stammt. Es liegt doch immer an der Familie, nicht wahr?“

„Oft“, meinte Andreas und ließ sich auf keine Diskussion ein. „Können Sie uns was zu den Töchtern von Frau Müschberg sagen oder deren Ehemännern… wie hießen die noch?“

Sascha schaute schnell auf seinen Notizblock. „Saskia ist mit Bob Freeman verheiratet und Viktoria mit Ralf Braun.“

„Den Mann von Viktoria kenne ich gar nicht, die sind ja weggezogen. Mit Saskia hatte Angelika dauernd Streit… und ihren Mann konnte sie auf den Tod nicht ausstehen. Dabei ist der ganz in Ordnung. Kommt aus Jamaika, und am Anfang dachte ich, der ist dauernd bekifft.“ Müschberg ließ zum ersten Mal ein kleines Lächeln unter seinem buschigen Schnauzbart sehen. „Aber die sind da irgendwie alle von Natur aus so fröhlich. Allerdings kann der Mann auch anders. Ich meine, der ist ganz schön ehrgeizig.“ Müschberg verfiel in Schweigen und schien zu diesem Thema nichts weiter sagen zu wollen.

„Kennen Sie eine Frau Lorna Dreesbach?“ Andreas wurde es langsam heiß in diesem sonnenbeheizten Raum.

„Vom Namen her. Das ist doch auch so eine reiche Nichtstuerin, die mit ihrem Leben nichts anfangen kann, weil sie nichts im Hirn hat!“, regte sich Müschberg auf.

Andreas stand auf. „Herr Müschberg, waren Sie gestern Abend zu Hause?“

„Ich war gestern überhaupt nicht vor der Tür.“ Er hob erstaunt beide Augenbrauen. „Sie wollen doch wohl nicht andeuten, ich hätte Angelika umgebracht?“

„Natürlich nicht. Ist eine Routinefrage.“ Andreas wies auf einen Schädel aus elfenbeinfarbenem Material, der auf einem Schreibtisch neben einem PC-Monitor lag, und der ihm schon beim Hereinkommen aufgefallen war. „Was haben Sie gemacht, bevor Sie krank wurden?“

„Ich war Arzt, Rheumatologe. Das Schicksal kann echt zynisch sein, finden Sie nicht? Ich hab schon meinen Anwalt gefragt, ob wir nicht dagegen vorgehen können, aber er meint, das Schicksal säße am längeren Hebel.“

„Die Erfahrung hab ich auch gemacht.“ Andreas schaute sich ein letztes Mal im Raum um. „Ich sehe hier keine Fotos. Was ist mit Ihrer Familie?“

„Meine Frau hat sich vor 15 Jahren scheiden lassen und die Kinder mitgenommen. Das Übliche halt: Ich durfte zahlen und am Wochenende die Kinder hüten, damit sich die Gnädigste mit neuen Männern vergnügen konnte.“

„Danke für Ihre Auskünfte. Und gute Besserung!“, wünschte Andreas und hielt ihm die ausgestreckte Hand hin.

Müschberg, der sitzen geblieben war, griff nicht zu. „Sorry, das tut mir zu weh.“

Schade, genau das hatte Andreas testen wollen. Im Hausflur war es angenehm kühl, aber draußen vor dem Haus staute sich die Hitze sogar im Schatten.

„Fahren wir noch zu der Tochter, die hier in Bonn wohnt?“, fragte Sascha.

„Wo denn?“

„In der Nähe vom Endenicher Ei.“

„Ok. Bringen wir’s hinter uns.“ Als Andreas ins Auto stieg, glaubte er fast, keine Luft mehr zu bekommen. „Du darfst die Klimaanlage mal kurz anmachen“, informierte er Sascha.

„Bist du sicher? Nicht, dass du dich verkühlst.“

„Danke für deine Fürsorge. Was hältst du von Müschberg?“

Sascha überlegte einen Moment. „Zwischendurch hab ich ein paar Mal gedacht, der simuliert. Das wär doch der perfekte Mord! Selbst wenn er vor Rheuma kaum laufen kann, könnte er sich als Arzt doch irgendwas spritzen, damit er für zwei, drei Stunden keine Schmerzen hat.“

„Möglich. Und dann hat er also seine Schwägerin mit Zigaretten traktiert, um zu erfahren, wo seine Bücher sind?“

Sascha fuhr auf die Kennedy-Brücke. „Genau. Und als er erfuhr, dass sie sie verkauft hat, hat er sie vor Wut mit der Plane erstickt.“

„Aber wieso auf Pützchens Markt?“

„Also, das war so: Peter Müschberg hatte es satt, immer nur zu Hause rumzuhängen, und wollte sich vergnügen. Er spritzt sich ein starkes Schmerzmittel oder sonst was und fährt zu Pützchens Markt. Dort läuft ihm zufällig seine Schwägerin über den Weg, die gerade allein nach Hause geht, er schnappt sie sich, zerrt sie hinter den Zaun und so weiter.“

Da Andreas dazu nichts sagte, fuhr Sascha fort: „Es kann natürlich auch jeder andere gewesen sein, aber ansonsten hat es sich genau so abgespielt!“

„Meinst du.“

„Natürlich!“ Sascha überholte ein paar Trödler auf der Oxfordstraße.

„Eigentlich keine schlechte Idee“, gab Andreas zu. „Irgendwer ist ihr auf Pützchen über den Weg gelaufen, der ziemlich wütend auf sie war. Nur wird für uns die Sache dadurch nicht einfacher.“

„Einfach wär ja auch langweilig.“

„Du bist wohl nicht ausgelastet.“

„Kein Kommentar.“ Sascha lächelte leicht gequält vor sich hin.

„Wo hast du übrigens dein reizendes, grünes Polohemd gekauft?“

„In einem kleinen Laden bei mir im Gebirge“, erläuterte Sascha. „Was gefällt dir daran nicht?“

„Das Grün.“

„Dachte ich mir. Das ist ein modernes und sehr individuelles Grün! Jemand mit deinem konservativen Geschmack ist damit natürlich überfordert.“

„Natürlich. Außerdem investiere ich mein Geld lieber in sinnvollere Dinge als in individuellfarbene Polohemden.“

„In was denn?“

„In ein neues Astronomie-Buch. Ich möchte mir mal wieder die Sterne ansehen.“

„Klar, du hast ja jetzt auch mehr Freizeit.“

Andreas hielt den Mund, denn auf dieses Thema hatte er nun gar keine Lust! Sie schienen auch gerade im richtigen Teil der Stadt angekommen zu sein, nämlich in Endenich, in einer siedlungsartigen Anlage mit lauter gleichartigen, niedrigen Wohnblocks aus den Siebzigern, in der Saskia Freeman, Angelika Müschbergs Tochter, sowie ihr Ehemann Bob Freeman wohnten.

Die Tochter, 34 Jahre alt, war genauso klein und zart wie ihre Mutter, hatte das gleiche blonde Haar und trug eine hellbraune Brille. Sie arbeitete als Lehrerin an einer Grundschule und zeigte sich zwar überrascht, aber anscheinend nicht wirklich tief getroffen vom Tod ihrer Mutter. Sie bat Sascha und Andreas in die Küche, wo ihr Mann und die beiden Kinder beim Essen saßen.

Bob Freeman, ein freundlicher, dunkelhäutiger Jamaikaner mit schwarzen Rastalocken, trug ein weiß-lila geblümtes Hemd, eine modische, randlose Brille, sprach perfekt Deutsch und studierte laut eigenen Angaben Ingenieurswissenschaften. Allerdings verdiente er sich bei einer Gartenbaufirma etwas dazu.

Andreas fragte nach den Alibis, und Saskia gab an, am Vorabend sei sie mit Mann und Kindern auf Pützchens Markt gewesen, aber kurz nach 19 Uhr nach Hause gefahren. Und ja, natürlich wisse sie, dass ihre Mutter die Kirmes seit vielen Jahren regelmäßig besuche.

„Ich würde gerne mal die Kinder befragen“, verkündete Andreas.

„Bitte, tun Sie das“, erlaubte Saskia Freeman, ohne mit der Wimper zu zucken.

Sascha übernahm diese Aufgabe und erfuhr, dass Eltern und Kinder noch gemeinsam bis 21.15 Uhr ferngesehen hatten, und dass die Kinder anschließend in ihre Zimmer geschickt worden waren. Also hatten die Eltern nicht wirklich ein Alibi.

Doch Saskia Freeman leugnete nicht einmal den seit Jahren schwelenden Streit zwischen ihr und ihrer Mutter, der noch massiver geworden war, seit die Tochter um die 15.000,- € für ein neues Auto gebeten und sie nicht bekommen habe.

„Frau Freeman, hatte sonst noch jemand Streit mit Ihrer Mutter?“, fragte Andreas. „Oder haben Sie eine Idee, wer Ihrer Mutter das angetan haben könnte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte doch in den letzten Jahren kaum Kontakt zu ihr.“

Sascha, der anscheinend unbedingt an seiner Muttermord-Theorie festhalten wollte, stellte die nächste Frage: „Woran ist Ihr Vater eigentlich verstorben?“

Frau Freeman sah ihn irritiert an. „Mein Vater? Der war ein richtiges Arbeitstier. Nicht nur Anwalt, nein, es musste ja auch noch die Politik sein! In den letzten Jahren hatte er drei Herzinfarkte und jede Menge Bypässe. Den vierten Infarkt hat er nicht überlebt.“

Sascha schob ungehalten das Kinn vor. Diese Aussage wollte sich nicht so recht in seine Mordtheorie fügen.

Andreas wechselte das Thema. „Haben Sie Kontakt zu Ihrem Onkel, Peter Müschberg?“

„Ja, ab und zu.“

„Könnte er was mit dem Mord an Ihrer Mutter zu tun haben?“

Saskia sah Andreas an, als hätte er einen schlechten Witz gemacht. „Onkel Peter?!“, rief sie aus. „Der ist krank! Der ist so krank, der könnte nicht mal eine Maus erwürgen!“

„Sie glauben nicht, wozu Menschen fähig sind, wenn man sie nur wütend genug macht!“, klärte Sascha sie auf und verabschiedete sich. Drei Minuten später saßen er und Andreas wieder im heißen Wagen. Sascha bog Richtung Innenstadt ab.

„Na, was hältst du von der Tochter?“, fragte er.

„Weiß ich noch nicht. Die beiden haben jedenfalls keine ordentlichen Alibis. Nachdem die Kinder im Bett waren, hätte sich einer von ihnen noch mal wegschleichen können.“

„Ja, vielleicht hat das ein Nachbar gesehen – hier sitzt man sich ja fast gegenseitig im Wohnzimmer.“

„Jörg und Petra können morgen die Nachbarn ausquetschen. Mir reicht’s für heute.“

Sascha schwieg eine Weile. Doch plötzlich stellte er fest: „Hier laufen ja eine Menge Menschen mit schwarzer Hautfarbe rum.“

„Stimmt, hier in Bonn ging es immer schon international zu. Erst wegen unserer alten Universität und später auch noch wegen der ganzen Botschaften.“ Andreas wies nach rechts. „Wir müssen da abfahren.“

„Ich weiß!“

„Ich kann mich schwach erinnern, dass eine meiner Großtanten in den 50er Jahren Zimmer an Studenten vermietet hat. Da war schon mal ein Afrikaner oder Perser dabei, wie die damals noch hießen.“

Sascha schwieg wieder, und Andreas wechselte das Thema. „Wie geht’s eigentlich Frau und Kind?“

„Wunderbar.“ Schweigen.

„Na komm schon, du hast doch irgendwas!“

Kurzes Nachdenken, dann sprudelte es aus Sascha heraus wie Öl aus einem frischen Bohrloch: „Meine Frau kriegt langsam ’nen Baby-Koller oder so was! Sie jammert nur noch: Mir fällt die Decke auf den Kopf, ich muss unter Menschen, ich brauch noch was anderes als Putzen, Kochen und Windelnwechseln! Ich hab ihr gesagt, sie soll sich nicht anstellen, Gabriel wird so schnell groß, und dann hat sie das Beste verpasst! Wir streiten uns mindestens dreimal am Tag darüber! Jetzt sucht sie schon nach einem Kindergartenplatz, und der Junge ist gerade mal zwei Jahre alt!“ Sascha fuhr immer schneller, während er sich aufregte. „Ich hab ihr gesagt, Gabriel kommt frühestens mit drei Jahren in den Kindergarten! Frühestens! Basta!“

Die im Licht der Abendsonne hellbraun-rötlich leuchtenden Felswände des ehemaligen Steinbruchs kamen in Sicht. In Oberkassel angekommen, hielt sich Sascha überraschenderweise an die vorgeschriebene Geschwindigkeit und fuhr langsam die Königswinterer Straße entlang, die um diese Tageszeit gerne als Großraumparkplatz benutzt wurde.

„Kannst du mich zu Hause absetzen?“, fragte Andreas.

„Klar.“

Als Sascha in die Kalkuhlstraße abbog, meinte Andreas: „Weißt du, worüber ich an deiner Stelle nachdenken würde? Willst du wirklich, dass dein Sohn später mal so mutterfixiert ist wie ich?“