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Andreas Schnurbusch

Mordkommission Köln

Schachtleichen

Impressum

Vorwort

Auch in meinem zweiten Kriminalroman sind die Protagonisten keine unfehlbaren Helden, sondern Menschen mit Charakter, Emotionen und alltäglichen Problemen.

Ich habe mich wieder von wahren Begebenheiten aus meinem Dienstleben oder, wie am Beispiel der Betonleiche, von recherchierten Fällen inspirieren lassen.

Bei dem beschriebenen Buntsandsteinfelsen im Rurtal musste ich allerdings auf meine Phantasie zurückgreifen. Trotz mehrstündiger Wanderungen habe ich diesen Platz, an dem ich vor Jahren einmal gewesen war, nicht wiedergefunden.

Fehler im Buch stammen auch diesmal von mir. Es liegt jetzt an Ihnen, sie großherzig zu überlesen.

Danksagung

Viele Kollegen haben dazu beigetragen, dass ich die kriminalpolizeilichen Ermittlungen in diesem Roman realistisch wiedergeben konnte. Ihnen allen gebührt Dank, zum Beispiel den Mordermittlern vom KK 11, den Brandermittlern vom KK 13, den Sachbearbeitern vom Glücksspiel oder den Kollegen von der Vermisstenstelle.

Meine Recherchen führten mich zwangsläufig in das Kölner Institut für Rechtsmedizin. Hier möchte ich mich bei Herrn Dr. med. K.-H. Schiwy-Bochat für seine freundliche Unterstützung bedanken. Ich wüsste nicht, wer mir sonst hätte sagen können, wie eine einbetonierte Leiche nach acht Monaten aussieht.

Ania, dein Beitrag ist nicht in Worte zu fassen – danke image

Über das Buch

Nach einer Gasexplosion in der Severinstraße stoßen Arbeiter bei der Räumung auf einen unerwarteten Fund: In einem Schacht entdecken sie eine einbetonierte Leiche. Fisch und Kid von der Mordkommission Köln stehen vor einem Rätsel. Die Spur führt in die Eifel, wo sich vor mehr als 15 Jahren ein unfassbares Familiendrama abspielte...

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Andreas Schnurbusch

wurde 1960 in Herzberg am Harz geboren. Nach dem Abitur ließ er sich zum Schutzpolizisten ausbilden und arbeitete bis 1986 im Streifendienst der Kölner Polizei. Nach seinem Fachhochschulstudium mit Schwerpunkt Kriminalistik und Kriminologie wechselte er zur Kriminalpolizei, arbeitete zehn Jahre als Rauschgiftfahnder und sporadisch in Mordkommissionen. Seit 1999 ist er Kommissionsleiter für den Bereich gewerbs- und bandenmäßige Schleusungsdelikte, Falschgeld, Glücksspiel und Urkundsdelikte.

Andreas Schnurbusch

Mordkommission Köln

Schachtleichen

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Jeder von uns hat nur ein Leben.

Marcus Aurelius

Prolog

Das Heulen eines Fuchses ließ sie aufschrecken. Die Laute klangen unheimlich. Nachts erwachte das Leben im Wald und die schauerlichen Schreie der Tiere wirkten beklemmend. Vorsichtig schritten die zwei Jugendlichen im Halbdunkel durch das Gehölz und versuchten, so behutsam wie möglich aufzutreten. Sie wollten die tierischen Waldbewohner nicht unnötig aufbringen; zu groß war ihre Angst vor plötzlich angreifenden Wildschweinen oder anderen gefährlichen Kreaturen des Waldes.

Paul ging zielstrebig vorweg. Er kannte den Weg – er war ihn am Vortag alleine gegangen und würde heute auch in der Dämmerung den Zielort finden. Felix war nicht wohl bei dem Gedanken, was ihnen gleich bevorstand. Sein bester Freund hatte ihn um einen Gefallen gebeten, den er eigentlich hätte ablehnen müssen. Er konnte aber nicht nein sagen. Paul war sein Vorbild, sein Idol. Er liebte ihn wie einen Bruder und hätte ihm niemals eine Bitte abschlagen können.

Sie gingen dicht hintereinander und drangen immer tiefer in den Wald hinein. Das Laub in den Baumkronen ließ das Mondlicht kaum bis auf den Waldboden durchdringen. Felix erschrak jedes Mal, wenn Paul auf herumliegendes Geäst trat.

Mit einem Mal blieb Paul abrupt stehen, drehte sich zu Felix um und legte einen Zeigefinger an seine Lippen. Felix verstand. Er verharrte auf der Stelle und verhielt sich so lautlos wie möglich. Sein Herz schlug vor Aufregung schneller und er hielt instinktiv den Atem an.

Paul drehte sich langsam um seine eigene Achse und sah mit zusammengekniffenen Augen konzentriert in alle Richtungen. Bei diesen diffusen Lichtverhältnissen konnte er höchstens zehn Meter weit sehen. Er lauschte angespannt und hörte nach einer Weile wieder den Laut, der ihn zum Anhalten bewegt hatte. Er atmete erleichtert aus, als er jetzt wieder dieses tiefe, nicht besonders laute „Buhuu“ hörte. Es war ein Uhu – der Ruf eines Männchens. Der Ruf eines Weibchens wäre höher. Paul war sehr naturverbunden. Schon als kleines Kind hatte er im Garten Tiere beobachtet und versucht, sie an ihren Lauten zu erkennen.

„Puh, ich dachte schon, ich hätte jemanden gehört. Es war aber nur ein Uhu. Komm, lass uns weitergehen.“

„Mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, was wir gleich vorhaben. Können wir ihn nicht einfach liegenlassen?“, fragte Felix flehentlich.

„Auf keinen Fall! Wir müssen es diese Nacht machen, morgen sind die Waldarbeiter hier. Die dürfen ihn nicht finden!“

„Wie weit ist es denn noch?“

„Im Dunkeln ist es schwer, die Stelle zu finden. Er liegt hier in der Nähe, pass also auf, wohin du trittst!“

Paul machte eine winzige Taschenlampe von seinem Schlüsselbund ab und sah sich die Markierungen an einigen Bäumen an. Anschließend knickte er einen Ast von einem Baum ab und ging vorausblickend nach links weiter. Nach wenigen Metern stocherte er mit dem Ast in dem Unterholz herum. Felix stand nah bei ihm und schaute sich ständig ängstlich um. Sie mussten dicht an ihrem Ziel sein, denn Paul suchte jetzt Schritt für Schritt den Unterboden ab.

„Felix, klammer dich nicht so an mich! Geh neben mir und such mit, dann finden wir ihn schneller.“

Liebend gerne wäre Felix so schnell er konnte aus dem Wald gelaufen. Aber sie waren jetzt so tief eingedrungen, dass er befürchtete, alleine den Weg nicht mehr zurück zu finden. So tat er, wozu sein Freund ihn aufforderte. Er nahm sich ebenfalls einen herumliegenden Ast und hielt sich an Baumstämmen oder Ästen fest, da er in der Hanglage keinen festen Tritt unter seinen Füßen hatte. Mit der anderen Hand stocherte er am Boden herum. Plötzlich zerbrach sein Ast und Felix geriet ins Straucheln. Er fiel, rutschte einige Meter hinunter und stieß gegen einen mit Laub bedeckten Gegenstand. Beim Aufstützen packte er in eine offene, menschliche Hand. Zu Tode erschrocken rollte er sich zur Seite und schrie seine Angst heraus.

Paul eilte sofort zu ihm und sah den ausgestreckten Arm aus dem Laubhaufen ragen. Er setzte sich neben seinen Freund und beruhigte ihn.

„Der Mann ist doch tot, der kann uns nichts mehr antun. Wir müssen ihn jetzt aber wegschaffen.“

„Ich kann das nicht! Ich will weg von hier!“

„Alles wird gut. Vertrau mir!“

„Ich hab noch nie eine Leiche gesehen, das ist ja Horror in diesem dunklen Wald. Hast du denn gar keine Angst?“

„Mir ist auch mulmig. Ich will es aber jetzt schnell hinter mich bringen.“ Nachdem Felix sich wieder beruhigt hatte, gab Paul ihm ein Zeichen, die Füße zu nehmen, während er selbst den Leichnam an den Armen packte. Gemeinsam trugen sie die Leiche durch den Wald. Alle zwei bis drei Minuten hielten sie an, legten den circa 70 kg schweren Körper ab und verschnauften. Eine halben Stunde später blieben sie an einer riesigen Eiche stehen und sanken zwischen den über der Erdoberfläche liegenden Wurzeln erschöpft zu Boden. Paul hatte sich schnell von dem Kraftakt erholt und ging um den Baumstamm herum. Auf der anderen Seite räumte er Geäst, Moos und Sträucher beiseite und legte eine Öffnung frei. Hier befand sich sein Geheimversteck, ein alter Lichtschacht des Erzbergwerkes, der offensichtlich in Vergessenheit geraten war. Der Durchlass war relativ schmal – ein erwachsener Mann würde gerade so durchpassen.

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Paul hatte diesen Ort vor zwei Jahren entdeckt, als er durch die Wälder zog und zwischen den Baumwurzeln auf eine moosbedeckte Fläche trat, die unter seinem Gewicht zusammenbrach und eine Aushöhlung freilegte. Neugierig hatte er Gehölz, Laub und Steine aus dem Loch geholt und dann den Schacht gefunden. Er warf Steine in die Öffnung und hörte nach kurzer Zeit den Aufprall. Zehn Meter, viel tiefer dürfte der Schacht nicht sein. Er zwängte sich hinein, stützte sich mit Händen und Schuhen an der Wand ab und kletterte langsam hinunter. Nach wenigen Metern verbreiterte sich der Schacht und er konnte sich nur an einer Wandseite am Wurzelwerk der Eiche festhalten. Ungefähr auf der Hälfte des Schachtes erreichte er eine natürliche Aushöhlung, in die er gebückt kriechen konnte. Obwohl es sehr finster war, blieb er hier einen Moment und ließ seine Gedanken schweifen. Er stellte sich vor, wie er in dieser Höhle auf der Flucht vor Menschenjägern Schutz suchte.

Enge Räume wirkten auf ihn beruhigend. Die Dunkelheit schützte ihn davor, entdeckt zu werden. Hier konnte ihn keiner finden – hier wurde er nicht geschlagen und angeschrien.

Anschließend kletterte er die restlichen Meter bis zum felsigen Boden hinab. An dieser Stelle war Schluss. Er kraxelte an den Wurzeln empor, die in der Tiefe zwar dünner, aber immer noch stabil waren, und bedeckte den Eingang wieder sorgfältig mit Geäst, Laub und Moos. Dieses geheime Versteck wollte er für sich behalten.

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Felix staunte, als Paul ihm den Schacht zeigte. Er wurde zwar vorher eingeweiht, hatte aber nicht mit einem so gut getarnten Einstieg gerechnet.

Sie hatten vereinbart, dass Paul zuerst in das Loch steigen und Felix die Leiche dann mit den Füßen vorweg bis auf Pauls Schultern herunter gleiten lassen würde. Paul hatte die Verbreiterung erreicht und hielt sich an den Wurzeln fest. Seine Mini-Taschenlampe klemmte er ins Erdreich, so dass er den Eingang der kleinen Höhle sehen konnte.

„Du kannst ihn runterlassen, ich hab einen festen Halt.“

Felix schob den Körper zur Hälfte in das Loch, nahm dann die Hände und ließ ihn herunter, so weit er konnte. Er spürte keinen Widerstand. Paul musste noch tiefer geklettert sein. Mühsam versuchte Felix, den leblosen Körper weiter zu halten.

„Ich kann nicht mehr lange“, stöhnte er und stemmte sich gegen das Gewicht, damit er nicht mit in die Tiefe gezogen wurde.

Paul sah die Füße der Leiche kurz über seinem Kopf und hangelte sich wieder ein Stück höher.

„Ich habe ihn jetzt auf den Schultern. Verdammt, ist der schwer!“

Da die natürliche Höhle sich noch etwa einen Meter unter ihm befand, hatte er keinen Boden unter seinen Füßen und musste das gesamte Gewicht mit seinen Händen halten.

„Ich schaffe es nicht! Wir müssen versuchen, ihn wieder hochzuziehen.“

Mit vereinten Kräften schafften sie den Leichnam wieder an die Oberfläche. Schweißgebadet saßen sie an der Eiche gelehnt und überlegten, wie sie ihr Problem lösen konnten.

„Ich hab ’ne Idee! Ich werde ein paar dicke Äste mit nach unten nehmen und die vom Boden des Versteckes aus an der gegenüberliegenden Schachtwand befestigen. Wenn die Leiche erstmal dort ist, kann ich sie mühelos in die Höhle ziehen.“

„Okay. Wenn das nicht klappt, hauen wir aber ab!“, entgegnete Felix, dem die Anstrengung immer noch im Gesicht geschrieben stand.

Schnell fanden sie kräftige Äste, die Paul in den Hohlraum brachte. Von dort verkeilte er sie mit den Wurzeln an der gegenüberliegenden Schachtwand. Anschließend ließen beide den toten Körper erneut hinunter – diesmal, ohne ihn festzuhalten. Gebremst durch das Wurzelwerk schlug die Leiche auf Pauls Barriere und blieb dort liegen. Der Rest war ein Kinderspiel. Paul zog die Leiche in die hinterste Ecke seines Versteckes, nahm die dicken Äste ebenfalls hinein und formte daraus ein Kreuz, welches er auf die Leiche legte.

I

Vor vielen Jahren…

Trude hatte gerade die Hauptschule beendet, als ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen. Sie hatten ihr nur Schulden hinterlassen. Trude hatte keine andere Wahl, als ihr Elternhaus zu verkaufen und zu ihrer 83-jährigen Großmutter nach Reifferscheid, einem historischen Burgort im Kreis Hellenthal, zu ziehen. Bis auf eine Tante in Australien hatte sie keine weiteren Verwandten. Von einem Tag auf den anderen musste sie nun ihr Leben selbst meistern. Als sorgfältige Putzfrau in verschiedenen Haushalten verdiente sie sich schnell einen guten Ruf; als 20-jährige wurde sie mit dieser Reputation von dem bereits betagten Herrn Johann von Arnheim-Reifferscheidt eingestellt; ein Nachfahre aus dem Fürstenhaus gleichen Namens, der in einem alten Fachwerkhaus am Ortsrand lebte. Das mittlerweile arg heruntergekommene Gebäude mit dem verwilderten Garten war einst ein repräsentatives Herrenhaus mit zwei Hektar gepflegtem Grundstück gewesen. Trude kümmerte sich gewissenhaft um den Haushalt und umsorgte zudem ihren senilen Arbeitgeber. Als dieser drei Jahre später verstarb, vererbte er seiner Haushälterin das Gebäude nebst Anwesen.

Die Einwohner von Reifferscheid betrachteten diese Hinterlassenschaft mit Neid und Argwohn. Schnell kamen Gerüchte auf, Trude hätte schon lange ein Verhältnis mit ihrem Chef gehabt; manche sprachen ganz offen von einer Erbschleicherin. Es war leeres Gerede, verbreitete sich aber wie ein Lauffeuer. Die alleinstehende Trude zog sich immer mehr zurück und vermied jeglichen Kontakt zu ihren Mitbürgern. Anfangs spielte sie mit dem Gedanken, ihren neuen Besitz zu verkaufen, legte diesen jedoch schnell beiseite. Dafür hatte sie doch zuviel Stolz. Sollten die anderen doch neidisch und gehässig sein – sie würde ihr Ding durchziehen! Da sie jedoch nie eine Ausbildung genossen hatte, standen ihr auf dem Arbeitsmarkt nicht viele Jobs zur Auswahl und im Kreis Hellenthal und Schleiden wollte sie niemand mehr einstellen. Ihren Lebensunterhalt finanzierte sie daher mit ihrem Arbeitslosengeld, später mit dem bescheidenen Hartz IV-Satz.

Im ersten Jahr war sie meist mit Haus- und Gartenarbeit beschäftigt; in ihrer Feizeit las sie oder ging spazieren. Allmählich wurde sie aber zunehmend antriebsloser. Das ständige Nichtstun führte zu einer depressiven Verstimmung, die Trude verstärkt mit Alkohol bekämpfte. Von ihrer Umgebung fühlte sie sich bald noch isolierter als zuvor. Ihre letzten Freunde litten unter ihren extremen Stimmungsschwankungen und wandten sich von ihr ab.

Haus und Grundstück verkamen zusehends. Die hohe Buchenhecke um das Anwesen ließ kaum einen Blick auf das mit Efeu überwachsene Haus zu. Die Kinder im Ort sprachen hinter vorgehaltener Hand von einem verwunschenen Häuschen und bezeichneten Trude, die mit ihren langen schwarzen Locken und dem Höcker am Nasenbein inzwischen sehr verwegen aussah, als Kräuterhexe.

Trude hatte ein Schild mit dem Hinweis „Zimmer frei“ am Eingangstor aufgestellt, doch von diesem Angebot machte spätestens nach dem Anblick der ungepflegten Zimmer keiner Gebrauch. Eines kalten Wintertages klopfte jedoch ein durchreisender Vagabund an ihre Tür, den Trude aus Mitgefühl in ihrem Haus übernachten ließ. Sie konnte den frierenden Mann nicht einfach fortschicken und war zudem für jede Abwechslung dankbar.

Nach einer Dusche und Rasur fand sie ihren Gast noch nicht einmal unattraktiv. Abends tranken sie Wein und unterhielten sich angeregt. Sie genoss seine Nähe und überredete ihn deshalb, länger zu bleiben. Nun hatte sie endlich keine Langeweile mehr und er hatte bei dieser Kälte ein Dach über dem Kopf; aus dieser Zweckgemeinschaft entwickelte sich eine Bettgeschichte.

Der Landstreicher blieb bis zum nächsten Frühjahr und verließ dann sang- und klanglos ihr Haus. Trude blieb schwanger zurück.

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In der Schwangerschaft fasste sie den Entschluss, ihr Leben zu ändern. Wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie, die gerade einmal 26 war, das vom Alkohol gezeichnete Gesicht einer Mittvierzigerin. Entschlossen ging sie in die Küche, fand inmitten der am Boden verbreiteten Schmutzwäsche die letzten vollen Weinflaschen und goss sie wütend in den Ausguss. Der Anfang war gemacht. Beginnend mit der Küche putzte sie Zimmer für Zimmer und merkte, wie ihre alte Routine beim Reinemachen allmählich zurückkehrte. Nach einem Monat konnte sie mit ihrer Arbeit im Haus sehr zufrieden sein. Es war noch nicht das Herrenhaus von einst, dafür fehlten ihr die finanziellen Mittel und handwerklichen Fähigkeiten. Ihr Kind würde nun aber in einem sauberen, ordentlichen Heim aufwachsen.

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Sturzgeburten sind bei Erstgebärenden äußerst selten. Trude war zwar von den plötzlich einsetzenden Presswehen überrascht, nachträglich aber sehr dankbar, dass ihr Kind innerhalb weniger Minuten zur Welt kam. Wie die Schwangerschaft, so hatte Trude auch die Geburt geheim gehalten. Sie schämte sich, dass ihr Sohn die Folge eines Abenteuers mit einem Landstreicher war und dieser sie hatte sitzen lassen. Sie kannte noch nicht einmal seine vollständigen Personalien.

Abgeschottet von der Außenwelt kümmerte sie sich liebevoll um ihren Sohn. Sie war ständig an seiner Seite, beschäftige ihn oder sah ihm einfach nur zu, wie er spielte. Leidenschaftlich spielte er Verstecken, kroch in Kleiderschränke, Kommoden oder in leere Kartons und wartete gespannt, bis seine Mutter ihn fand. Wenn sie ihn aber zu früh entdeckte, reagierte er cholerisch, schrie und warf die nächstbesten Gegenstände nach ihr.

Trotz seines aggressiven Verhaltens blieb Trude eine einfühlsame Mutter. Sie nahm ihre Rolle als Beschützerin so ernst, dass ihr Sohn das Anwesen gar nicht mehr verlassen durfte. Ständig bläute Trude ihm ein, welche Gefahren außerhalb der Buchenhecke auf ihn lauerten. Sie schickte ihn weder in den Kindergarten noch in die Schule und brachte ihm stattdessen selbst schreiben und lesen bei. Körperlich entwickelte ihr Sohn sich prächtig, doch seine kognitiven Fähigkeiten blieben beschränkt. Sein Sozialverhalten war gestört, da ihm der Umgang mit anderen Kindern verwehrt blieb. Er stand im Mittelpunkt und so funktionierte seine Welt. Seine Mutter umsorgte ihn fortwährend und er bekam grundsätzlich alles, was er verlangte.

An seinem achten Geburtstag schenkte Trude ihm einen Fußball. Während sie im Haus Kuchen backte, beschäftigte sich ihr Junge draußen mit seinem neuen Spielzeug. Schnell wurde es ihm jedoch langweilig und er rief laut nach seiner Mutter. Als diese nicht schnell genug kam, schoss Paul den Ball wütend über die Buchenhecke. Gedankenlos rannte er zur Einfahrt, kletterte über das Tor und wollte gerade seinen Ball vom Rande eines Getreidefeldes holen, als ein Bauer mit seinem Trecker um die Ecke gefahren kam. So ein Gefährt hatte Paul sein Lebtag noch nicht gesehen. Wie angewurzelt blieb er stehen und wachte erst durch die Worte des Bauern aus seiner Trance auf.

„Dich hab ich ja noch nie hier gesehen! Wer bist du denn?“

„Paul.“

„Und wo wohnst du?“

„Äh…hier“, stammelte der Junge.

„Aha. Du bist bei Trude zu Besuch?“

„Wieso Besuch? Was meinst du?“

„Na, hör mal, willst du mich auf den Arm nehmen?“

„Wie, auf den Arm nehmen? Ich bin doch noch ein Kind.“

„Hör mal zu, du Rotzlöffel! Ein bisschen Respekt erwarte ich schon. In deinem Alter sollte man Erwachsene auch siezen. Du gehst doch bestimmt schon in die dritte Klasse. Wieso bist du also nicht in der Schule? Sag mir mal, wer deine Mama ist.“

„Trude ist meine Mama.“

Die Geschichte des Bauern hatte sofort die Runden gemacht. Noch am gleichen Tag wurde die Gemeinde Hellenthal über diesen Skandal in Kenntnis gesetzt.

Tags darauf kamen Sachbearbeiter vom Jugendamt und trafen Trude bei der Gartenarbeit an. Sie schnitt gerade die zugewachsene Einfahrt zum Haus frei, als der PKW mit dem städtischen Kennzeichen vor dem Eingangstor parkte. Innerlich bebte sie vor Anspannung, wusste sie doch von ihrem Sohn, was gestern passiert war. Sie rieb sich den gröbsten Dreck von den Händen und ging dann ihren Besuchern entgegen, um sie freundlich zu begrüßen.

Die Sachbearbeiter traten sehr förmlich auf, konnten ihr Entsetzen jedoch nur schwer verbergen, als Trude schluchzend und heulend erzählte, wie sehr sie sich schämte, von einem Landstreicher ein Kind bekommen zu haben. Nach einem langen Vortrag über Fürsorge und Elternpflichten schauten sie sich gründlich im Haus um und stellten erleichtert fest, dass zumindest alle Zimmer sauber und aufgeräumt waren. In den weiteren Gesprächen verhielt sich Trude sehr kooperativ und war mit allen Maßnahmen zum Wohle ihres Kindes einverstanden.

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Nach mehreren psychologischen Tests wurde Paul zur Förderung seiner emotionalen und sozialen Entwicklung in eine Sonderschule geschickt. Am Tage seiner Einschulung hatte Paul zum ersten Mal in seinem Leben Kontakt zu Gleichaltrigen. Verwundert nahm er die tobenden und schreienden Kinder um sich herum wahr. Als sie ihn in ihr wildes Treiben einbeziehen wollten, wandte er sich ab. Mit diesen andersartigen Altersgenossen konnte er absolut nichts anfangen!

Verstandesmäßig war Paul ihnen unterlegen, aber er hatte ein bedeutendes Plus: Er war groß und stark. Schnell lernte Paul, seine körperlichen Vorzüge zu seinem Nutzen einzusetzen. Sein Verhalten gegenüber Mitmenschen änderte sich zusehends: War er anfangs ein zurückhaltender Sonderling, der jedem Gespräch aus dem Weg ging, lernte er jetzt zum ersten Mal, sich auseinanderzusetzen.

Trude sah die Entwicklung ihres geliebten Sohnes mit Missbehagen. Aber sie konnte nichts dagegen tun. Ständig war er in Schlägereien verwickelt; sein Klassenlehrer rief wiederholt an, weil er häufig den Unterricht stören und seine Mitschüler bedrohen würde. Trude spürte, wie das Band zwischen ihr und ihrem Sohn immer weiter riss. Die täglichen Streitgespräche belasteten sie zusehends; Verspannungen, Kopfschmerzen und Erschöpfung waren die Folgen. Hilfesuchend wandte sich Trude schließlich an das Jugendamt. Letztendlich riet man ihr, eine Kur zu beantragen und ihren Sohn vorübergehend in eine Pflegefamilie zu geben.

Trude bekam aufgrund ihrer körperlichen und emotionalen Erschöpfung einen fünfwöchigen Aufenthalt in St. Peter Ording an der Nordseeküste verschrieben. Sie hatte mit ihren 34 Lebensjahren die Eifel noch nie verlassen und war völlig aufgeregt, als die Abreise bevorstand. Einen Tag vorher ging sie nach vielen Jahren mal wieder zum Friseur und gönnte sich eine Kurzhaarfrisur.

Das Kurhaus war neu und modern eingerichtet. So luxuriös hatte Trude noch nie gelebt! Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten, Jeans und weitgeschnittene T-Shirts oder Pullis zu tragen, wollte sie mal wieder Frau sein und zog figurbetonte Kleider oder Hosen an. Schnell vergaß sie ihre Probleme in der Heimat. Sie wurde immer geselliger und lernte nach zweieinhalb Wochen auf dem „Bergfest“ Heinrich kennen.

Heinrich, ein 45-jähriger Junggeselle, wohnte in Düsseldorf und arbeitete im allgemeinen Außendienst der Verkehrsüberwachung des Ordnungsamtes. Trotz des Altersunterschiedes von elf Jahren verstanden Trude und er sich auf Anhieb und verbrachten soviel Zeit wie möglich gemeinsam. Schnell war Trude von seinem ungeheuren Charme und seiner aufgeweckten, freundlichen Art fasziniert. Sie blühte auf an seiner Seite und genoss nach langer Zeit wieder ihre Weiblichkeit in vollen Zügen. Eine Liebesaffäre begann.

Paul war froh, nicht mehr bei der strengen Pflegefamilie wohnen zu müssen. Doch als seine Mutter aus der Kur kam, wunderte er sich über ihre neue Frisur und die komischen Klamotten, die sie jetzt trug. Auch sonst schien sie nach der Kur komplett verändert. Sie führte jeden Tag lange Telefongespräche mit einem Heinrich; schon bald kam dieser Mann am Wochenende regelmäßig zu Besuch.

Paul wollte das nicht. Er reagierte bei allen Gesprächen bockig und aggressiv. Anfangs war Heinrich noch sehr freundlich zu ihm, doch später wies er den Jungen immer schärfer zurecht. Trude ließ ihren neuen Freund walten. Sie war nun überzeugt, dass ihr Sohn eine harte Hand durchaus mal gebrauchen könnte. Paul wiederum hatte das Gefühl, Heinrich würde ihm seine Mutter wegnehmen. Auch, wenn er sie eigentlich nicht mehr benötigte, sie gehörte zu ihm! Er verabscheute Heinrich und ließ nichts unversucht, ihm das zu zeigen.

Doch es nutzte alles nichts. Nach einem Jahr heirateten Trude und Heinrich.

II

Heinrich hatte seinen Job in Düsseldorf gekündigt und einen neuen bei der Kreis-Energie-Versorgung in Kall angetreten. Trude war glücklich, einen fröhlichen und ausgelassenen Ehemann an ihrer Seite zu haben, mit dem sie viele Interessensgebiete teilte.

Paul war anderer Meinung. Er war fest davon überzeugt, dass seine Mutter auf einen arroganten, großspurigen Prahler reingefallen war. Auch Heinrich schien Paul gegenüber nun oft gereizt und aggressiv. Paul distanzierte sich von den beiden, schwänzte häufig die Schule und ließ sich von keinem Erwachsenen mehr etwas vorschreiben. Als sein Stiefvater ihn einmal schlagen wollte, wehrte er dessen Hand kraftvoll ab und warnte ihn mit angriffslustigem Blick davor, das noch einmal zu versuchen.

Mit 16 Jahren wurde Paul wegen Ladendiebstählen und Körperverletzungen angezeigt. Trude gab als Erziehungsberechtigte gegenüber dem Jugendamt an, sie habe keinen Einfluss mehr auf ihren Sohn und fühle sich mit allem überfordert. Die Beamten führten mit Trude, Heinrich und Paul ausführliche Gespräche, stellten aber alsbald fest, dass ein Familienleben unter diesen Umständen nicht möglich war. Zu tief war der Hass von Paul auf seinen Stiefvater, zudem waren beide streitsüchtig und uneinsichtig. Trude wiederum war viel zu schwach, um den beiden etwas entgegenzusetzen.

Daraufhin nahmen die Mühlen der Verwaltung ihren Lauf. Ein sozialpädagogischer Familienhelfer kam nicht in Frage, daher wurden die Möglichkeiten einer Fremdunterbringung geprüft. Trude war bereit, ihr Sorgerecht abzutreten. Paul war alles recht, solange er nicht mehr mit seinem Stiefvater unter einem Dach leben musste.

Er kam in eine Wohngruppe mit neun weiteren Jugendlichen, deren Eltern ebenfalls von ihrem Erziehungsauftrag überfordert waren.

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Abgeschieden in einem Wald zwischen den Ortschaften Reifferscheid und Rescheid lag das alte Forsthaus, das zum „Jugendwohnheim Sankt Nikolaus“ umgebaut worden war. Namensgeber war Nikolaus von Myra, ein Bischof aus dem vierten Jahrhundert, der als Schutzpatron der Kinder verehrt wurde.

In dem Heim wohnten vorwiegend hochaggressive Jugendliche, die zuvor größtenteils erfolglos in psychotherapeutischen Behandlungen waren. Auch im Heim verweigerten sie strikt ihre Mitarbeit. Die meisten Pädagogen versuchten es mit Disziplin. Während die Jüngeren sich durchaus anpassten und gehorchten, ernteten die Pädagogen bei den Älteren noch mehr Aggression.

Fast jeder Jugendliche war schon einmal aus dem Heim geflüchtet. Die meisten kamen mit der Abgeschiedenheit nicht zurecht und versuchten, nach Köln oder Aachen zu trampen. Dort fielen sie aber ohne Erziehungsberechtigte und mit nur wenig Geld schnell auf und wurden zurückgebracht. Nach und nach fanden sich die meisten Bewohner mit ihrem neuen Heim ab.

Paul war nie geflüchtet. Die Eifel war sein Zuhause. Er liebte die Abgeschiedenheit und streifte in seiner Freizeit gerne alleine durch die Wälder. Manchmal beobachtete er die Waldarbeiter aus seinem Versteck, um dann in einem günstigen Moment aus ihren abgestellten Taschen die Geldbörsen zu entwenden.

Auf einem seiner Streifzüge entdeckte er zufällig den alten Lichtschacht des stillgelegten Erzbergwerkes „Grube Wohlfahrt“.

Die Heimbewohner hatten eine schwere Kindheit und viele legten ein gestörtes Sozialverhalten an den Tag. Paul, mit 17 Jahren der Älteste, musste häufig eingreifen und die Jüngeren auseinander reißen, um ein Blutvergießen zu verhindern. Da er der Stärkste war, genoss er bei vielen Jüngeren Respekt. Einen Jugendlichen hatte er im ersten Jahr besonders ins Herz geschlossen, den 14-jährigen Felix. Bald stand Felix unter Pauls persönlichem Schutz. Felix vergötterte Paul und suchte ständig seine Nähe. Sein größter Wunsch war, Paul auf seinen Streifzügen durch die Wälder zu begleiten. Irgendwann wollte er ihn auch mal mitnehmen.

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An einem Samstag war Paul wieder auf Tour, doch diesmal traf er auf keine Waldarbeiter. Enttäuscht schlenderte er durch das Dickicht und hing seinen Gedanken nach. Er überlegte, sein Versteck im alten Lichtschacht aufzusuchen, entschied sich dann aber, in die andere Richtung zu gehen. Überrascht blieb er stehen, als er in der Ferne durch die dicht bewachsenen Fichten einen Mann mit einem Korb entdeckte. Paul pirschte weiter durch das Unterholz, bis er wenige Meter hinter ihm stand und sah, dass der Mann sich nach Pilzen bückte.

Er musste Paul gehört haben, jedenfalls drehte er sich plötzlich um. Beide erschraken, als sie ihr Gegenüber erkannten.

Paul hätte nie gedacht, hier mal auf seinen Stiefvater zu treffen. Heinrich war ebenso überrascht.

„Was machst du denn hier?“, fragte Heinrich betont freundlich. Er hatte seinen Stiefsohn schon einige Wochen nicht mehr gesehen.

„Das geht dich einen Scheißdreck an!“

„Oh, schlechte Laune?“

„Verpiss dich! Geh wieder nach Düsseldorf!“

„Ich lebe mit deiner Mutter zusammen. Finde dich damit endlich ab!“

„Du hast sie mir weggenommen, das wird dir noch leid tun! Sie kannst du mit deiner schmierigen Art täuschen, mich nicht!“

„Deine Mutter liebt mich.“

„Verpiss dich!“

„Jetzt aber mal halblang! Was fällt dir eigentlich ein? Was glaubst du denn, wer du bist? Ein Versager, sonst nichts! Große Klappe und nichts dahinter.“ Heinrich redete sich nun regelrecht in Rage. „Glaubst du eigentlich ernsthaft, dass du jemals einen Ausbildungsplatz kriegst? Schau dich doch mal an! Man sieht dir doch schon im Gesicht an, dass du nicht ganz dicht bist! Du bist das Ebenbild deines Vaters – ein stinkender Penner!“

Das war zuviel! Paul kochte vor Wut und stürzte sich auf seinen Stiefvater.

„Ich werde dich platt machen, du Arschloch!“, rief er und riss ihn zu Boden. Sie rollten den Abhang hinunter bis in den Bereich, wo der Nadel- in einen Laubwald wechselte. Paul lag unten und Heinrich drosch ihm mit der Faust ins Gesicht. Paul drehte sich ein Stück zur Seite, griff nach einem großen Stein und schlug damit zurück. Blutüberströmt sackte Heinrich zur Seite und drückte mit einer Handfläche auf die Platzwunde an seinem Kopf.

„Ich werde dich anzeigen, du Miststück.“

Paul grinste, als er ausholte und noch einmal mit dem Stein zuschlug.

III

16 Jahre später…

Kid hatte nach den acht Jahren beim Kriminalkommissariat 34 eine neue Herausforderung gesucht. Sein Dienststellenleiter Berndt Scheuser gab seinen Experten für banden- und gewerbsmäßige Schleusungsdelikte äußerst ungern an eine andere Dienststelle ab, insbesondere da er aufgrund der Personalknappheit im Polizeipräsidium Köln nicht sofort ersetzt werden konnte. Schweren Herzens akzeptierte er jedoch Kids Entscheidung, zum Kriminalkommissariat 11 zu wechseln. Er wünschte Kid viel Erfolg bei seinen neuen Aufgaben.

Kids richtiger Name lautete André Moritz. Nachdem er aber vor einigen Jahren bei einer Hüftschussübung im Zuge des Schießtrainings eine Trefferquote von 100 Prozent erhalten hatte, wurde er überall Billy the Kid genannt. Bis heute hatte sich Kid als sein Rufname gehalten.

Wahrscheinlich wäre Kid dennoch Kommissionsleiter bei seiner alten Dienststelle geblieben, wenn sein alter Freund Hubert Makele ihn nicht zu dem Wechsel überredet hätte.

Wie in Polizeikreisen üblich, wurde auch Hubert nicht bei seinem richtigen Namen genannt. Seit ihn vor Jahren ein Praktikant bei einer Dienstbesprechung versehentlich mit „Herr Makrele“ ansprach, hieß er nur noch Fisch.

Fisch war 48 Jahre alt und bereits sein halbes Leben lang Todesermittler beim Kriminalkommissariat 11. Kid mochte seine ruhige, besonnene Art und seinen trockenen Humor. Sie kannten sich seit fast zwanzig Jahren und hatten auch schon einmal zusammen auf der Kriminalwache Dienst versehen. Seitdem standen sie regelmäßig in Kontakt.

Nach ihrer Zusammenarbeit bei der letzten gemeinsamen Mordkommission „MK Mama“ hatte Fisch ihn ständig bedrängt, doch in sein Kommissariat zu wechseln. Die Arbeit im Team hatte Kid sehr gefallen und als Fisch ihm jetzt auch noch einen Arbeitsplatz in seinem Büro anbot, stimmte er nach langen Diskussionen mit seiner Ehefrau dem Wechsel zu.

Senna hätte er bei dieser Entscheidung nicht außen vor lassen können. Die vielen Überstunden, die die Arbeit in Mordkommissionen mit sich brachte, waren ohnehin das Reizthema in ihrer Ehe. Senna hatte ihn für verrückt erklärt, als er ihr von seiner Idee erzählte, ins KK 11 zu wechseln. Er sei doch so schon jeden Tag über zwölf Stunden aus dem Haus und habe bereits über tausend Überstunden! In diesen Streitgesprächen drängte sie ihn immer, er solle sich nach Euskirchen versetzen lassen, dann könnte er sich eine Stunde Fahrzeit sparen und entspannter nach Hause kommen. Kid entgegnete jedes Mal, dass ihm die Fahrzeit überhaupt nichts ausmache. Aber sie könnten ja stattdessen einfach nach Köln umziehen? Nein, das kam widerum für Senna überhaupt nicht in Frage.

Letztendlich hatte sie eingelenkt und gesagt, er solle selbst entscheiden. Sie wolle auf keinen Fall einen unzufriedenen Mann.

IV

Montag

Eine Brandleiche nach einer Gasexplosion in der Severinstraße. Die Feuerwehr und ein Brandermittler vom KK 13 sind noch vor Ort“, sagte Fisch, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte.

„Wer ist denn jetzt zuständig, das KK 13 oder wir als Todesermittler?“, fragte Kid.

„Bei den Ermittlungen nach Explosionen oder Bränden ist zuerst einmal das KK 13 federführend. Wenn die aber feststellen, dass durch menschliches Verhalten der Brand initiiert bzw. die Explosion ausgelöst wurde, kommen wir ins Spiel.“

„Und? Hat jemand die Explosion ausgelöst?“

„Weiß man noch nicht, aber unser Chef hatte mich angerufen und gebeten, wir sollten auch hinfahren. Nach dem Einsturz des Stadtarchivs sind die da oben etwas empfindlicher geworden. Der Brandort liegt unmittelbar neben der Baugrube der U-Bahn und manche vermuten schon wieder einen Zusammenhang mit den Baumaßnahmen. Wir sollen die Kollegen vor Ort erstmal unterstützen und wenn es sich doch nur um einen Unfall handeln sollte, wären wir wieder raus aus dem Rennen.“

Die Beamten beim KK 13 im Polizeipräsidium Köln bearbeiten Erpressungen, Waffen- und Branddelikte. Fünf Sachbearbeiter wurden gezielt zu Brandermittlern ausgebildet. Leiter dieser Sachrate war Jens Korschenbroich, der früher mal auf Feiern Heinz Erhard parodierte hatte und infolgedessen von den meisten Kollegen Heinz genannt wurde.

Kid ärgerte sich, weil er wieder den Weg über die Severinsbrücke gewählt hatte, obwohl er wusste, dass sich hier der Verkehr morgens immer staute. Fisch griente nur, als er sah, wie Kid ungeduldig mit den Fingern das Lenkrad bearbeitete.

„Ruhig, die Leiche läuft uns nicht weg.“

„Ich hasse Staus! Wäre ich doch nur über die Deutzer Brücke gefahren.“

„Dann hättest du auch im Stau gestanden. Schau mal nach rechts! Es ist Messe, die ganze Stadt ist dicht. Außerdem sind unsere Fachleute doch längst vor Ort. Wir sehen uns nur mal kurz den Brandort und die Leiche an und fahren zurück.“

Fisch und Kid standen vor der dreigeschossigen Bauruine, während zahlreiche Feuerwehrleute die letzten Brandherde löschten. Heinz kam ihnen entgegen. Seine Anspannung war ihm deutlich anzusehen.

„Wurde die Leiche schon geborgen?“, fragte Fisch.

„Ja. Sie ist total verkohlt. Befindet sich bereits auf dem Weg in die Gerichtsmedizin.“ Heinz wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Anschließend knöpfte er sich die oberen Knöpfe seines Overalls auf.

„Kannst du schon sagen, was passiert ist?“

„Der Brandort ist noch nicht erkaltet, der genaue Brandausgangsort kann daher noch nicht festgestellt werden. Derzeit spricht vieles für eine Gasexplosion im Keller. Durch die Detonation wurden bis in die zweite Etage die Türen aus ihren Verankerungen gerissen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für eine gewaltige Trümmerspur die Druckwelle im gesamten Treppenhaus hinterlassen hat. Verzeiht die Nachfrage, aber warum seid ihr überhaupt hier?“

„Anordnung von oben. Die wollen auf Nummer sicher gehen, wenn wenige Meter vom eingestürzten Stadtarchiv ein Haus explodiert und eine Leiche gefunden wird. Wo lag sie denn eigentlich?“, fragte Fisch. „In dem Kellerraum, wo wir auch den Brandausgangsort vermuten. Ich zeig euch nachher die Bilder.“

„Schon ’ne Ahnung, um wen es sich handelt?“

„Wir müssen warten, bis alle Hausbewohner ermittelt sind. Man kann die Leiche sowieso nur über das Zahnschema oder die Knochen identifizieren und das dauert. Bis jetzt ist noch nicht mal klar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.“

„Gibt es Hinweise auf ein schuldhaftes Verhalten?“

„Der Einsatzleiter der Feuerwehr vermutet ein Unglück, da die Leitungsrohre im gesamten Haus sehr marode sind und sie auch in den Nachbarhäusern schon Einsätze wegen defekten Gasleitungen hatten.“

„Können wir uns mal im Keller umsehen?“

„Nein, das Haus ist einsturzgefährdet – die Feuerwehr installiert gerade Stützpfeiler, damit die Kellerdecke nicht einbricht. Wie es aussieht, muss das Haus komplett abgerissen werden.“

„War sonst noch jemand im Haus?“, fragte Kid.

„Die Feuerwehr hat eine junge Studentin aus der Dachgeschosswohnung mit der Drehleiter gerettet.“

„Und die anderen Bewohner?“

„Waren zum Glück nicht da.“

„Hat die Studentin schon ausgesagt?“

„Wir können auch nicht zaubern!“, entgegnete Heinz ungewohnt gereizt. „Ich habe aber ihre Erreichbarkeit. Sie wollte vorübergehend bei einer Kommilitonin in der Mathiasstrasse wohnen.“

„Gib uns Namen und Adresse, wir gehen mal hin und hören, was sie zu sagen hat.“

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Die Mathiasstraße lag nur wenige Gehminuten vom Unglücksort entfernt. Fisch und Kid standen vor der Klingelleiste und suchten vergeblich den Namen der Kommilitonin. Sie klingelten überall mehrfach, bis ihnen endlich die Tür geöffnet wurde. Im Hausflur war es still.

„Hallo“, rief Kid in der Hoffnung, der Türöffner würde zu erkennen geben, in welcher Etage er sich aufhielt. Es kam jedoch keine Antwort. Ein Einbrecher hätte hier leichtes Spiel, dachte Kid, während sie die Treppen hochgingen und noch einmal an jeder Wohnungstür klingelten. In der Dachgeschosswohnung wurde ihnen schließlich geöffnet. Fisch stellte sich und seinen Kollegen vor.

„Ach, Sie kommen wegen der Explosion in der Severinstraße? Kommen Sie rein, meine Freundin ist hier.“

Das Einzimmerappartement war überwiegend zweckmäßig mit Kiefernmöbeln eingerichtet. Die Freundin saß auf einer Couch und rieb sich mit den Fingerspitzen die Stirn. Sie war noch sichtlich aufgewühlt, als sie von ihrem Erlebnis am frühen Morgen erzählte.

„Sie können sich gar nicht vorstellen, was das für ein Knall war! Ich dachte, das Haus würde einstürzen! Ich hab am ganzen Leib gezittert und eine Zeit lang wie erstarrt im Türrahmen gestanden. Das ganze Treppenhaus war voller Rauch. Bis zur zweiten Etage bin ich dann die Treppe runter, danach wurde der Qualm unerträglich und ich bin voller Panik zurück in meine Wohnung gelaufen. Ich dachte, ich würde ersticken! Auf meinem Balkon konnte ich wieder richtig durchatmen und zum Glück kam dann auch schon die Feuerwehr.“

„War außer Ihnen zu diesem Zeitpunkt noch jemand im Haus?“, fragte Fisch, der auf einem alten Ohrensessel links neben ihr Platz genommen hatte.

„Ich glaube nicht.“

„Sie sind sich aber nicht sicher?“

„Der Postbote klingelt immer bei mir, weil ihm sonst keiner die Haustür öffnet. Wahrscheinlich sind die alle arbeiten.“

„Wer könnte morgens bei Ihnen im Keller gewesen sein?“

„Wieso soll jemand im Keller gewesen sein?“

„Die Feuerwehr hat eine Leiche im Keller gefunden.“

„Oh Gott, das ist ja furchtbar! Wissen Sie, wer das war?“

„Wir hatten gehofft, Sie könnten uns da weiterhelfen.“

„Tut mir leid, ich… Ich habe echt keine Ahnung!“

„Kennen Sie Ihre Nachbarn?“

„Nur flüchtig. Unter mir wohnt Herr Müller, der geht morgens immer sehr früh zum Blaubach, weil er dort beim Finanzamt arbeitet. Daneben wohnen Italiener – die sind, glaube ich, im Urlaub. Im zweiten Obergeschoss wohnen zwei Familien. Auf der ersten Etage steht eine Wohnung leer und in der anderen wohnt eine alleinstehende ältere Frau. Das Ladenlokal im Erdgeschoss wird zurzeit umgebaut, das steht leer. Ich weiß gar nicht, was für ein Gewerbe da reinkommen soll.“

„Gab es im Haus schon mal Probleme mit der Gasleitung?“

„Keine Ahnung, da fragen Sie besser unseren Hausmeister. Ich schreibe Ihnen mal seine Adresse auf.“

„Danke, wenn Ihnen noch etwas einfällt, können Sie uns hier erreichen.“

Fisch reichte der Studentin seine Visitenkarte. Kid musste schmunzeln, als er sah, wie schwerfällig Fisch sich aus dem weichen Sessel erhob.

V

Seine Atmung passte sich seinem Herzschlag an. Es waren schnelle kurze Atemzüge. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er sich hektisch nach allen Seiten umsah.

Wo bin ich? Habe ich ihn abgeschüttelt? In dieser Brühe konnte man kaum seine eigene Hand vor den Augen sehen. Ist es Tag oder Nacht? Der dichte Nebel raubte einem jegliche Orientierung; man fühlte sich wie in einem anderen Universum.

Paul sprang in die Luft und schwebte einige Meter über dem Boden. Der dickflüssige Nebel trug ihn mehrere Minuten, bis die Schwerkraft einsetzte und er langsam nach unten sank. Warum kann ich schweben? Irritiert sprang er noch mal hoch und drückte sich diesmal kräftiger ab. Meter für Meter ging es höher und es schien, als könnte er den Nebelschleier durchdringen, doch als die Trübung um ihn herum nachließ, hatte er den Scheitelpunkt seines Sprunges erreicht und es ging erneut abwärts.

Er versuchte es ein drittes Mal, jetzt aber mit aller Energie, die sein geschundener Körper ihm noch zur Verfügung stellte. Anfangs kam er zügiger voran, doch dann bremste ihn die dicke Brühe. Auch diesmal schaffte er es nicht, den Dunst zu durchstoßen.

Erschöpft setzte er sich und betrachtete die Schnittwunden an seinen Armen und auf der Brust. Wieso war er überhaupt nackt? Da fiel ihm ein, dass ein Mann mit einer Lederpeitsche ihn verfolgte. Er war auf der Flucht! Aber woher kamen diese Verletzungen? Eine Peitsche hätte Striemen hinterlassen, aber auf seiner Haut befanden sich eindeutig tiefe Einschnitte.

Da war es wieder, dieses schallende Gejammer. Es hörte sich an wie eine Gruppe heulender Hyänen. Das Geräusch kam näher. Er musste wegrennen. Wie in Zeitlupe bewegte er sich durch die zähflüssige Suppe. Die Sicht wurde etwas besser – links und rechts konnte man Bäume erkennen. Mit schwebendem Gang durchschritt er eine Allee. Sein Verfolger kam näher. Panik erfüllte ihn und er bemühte sich krampfhaft, schneller zu laufen. Es ging nicht. Vielleicht konnte er sich in dem Wald verstecken? Er versuchte die Allee zu verlassen, doch irgendetwas drückte ihn immer wieder zurück. Er konnte sich nur in eine Richtung bewegen. Als er sich an einem Baum festhalten wollte, riss er ihn mit Wurzelwerk aus der Erde. Dann riss er einen Baum nach dem anderen heraus und warf sie hinter sich. Vielleicht ließe sich sein Verfolger dadurch aufhalten.

Abrupt endeten die Geräusche. Absolute Stille.

Wo bin ich? Er traute dieser Ruhe nicht. Langsam bewegte er sich vorwärts. Seine Gedanken überschlugen sich. Wie bin ich in diesen Nebel gekommen? Wo komme ich her? Wer bin ich überhaupt? Ich kann mich nicht erinnern.

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Der Nebel war verschwunden. Er hatte es gar nicht bemerkt. Plötzlich lag er am helllichten Tag nackt im Wald und hörte das Gezwitscher der Vögel. Die Schnittwunden an seinem Körper waren noch da.

Wo bin ich denn jetzt? Befinde ich mich noch an der gleichen Stelle? Wo ist der Dunst geblieben?

Er schritt den leichten Abhang hinunter und hoffte, sich orientieren zu können. Der Geruch von Moos und frisch geschlagenem Holz stieg ihm in die Nase. Er liebte diesen Duft. Bei jedem Schritt sanken seine nackten Füße tief in den Moosboden ein. Er würde sicher ganz einsinken, wenn er auf einer Stelle stehen blieb. In diesem Wald verspürte er ein unerklärliches Wohlbehagen. Ihm kam alles seltsam vertraut vor.