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Wilfried Esch

Das Geheimnis der Rosenlinie

Die Hexenjäger

Impressum

Math. Lempertz GmbH

© 2013 Mathias Lempertz GmbH

ISBN: 978-3-943883-32-9

Kapitel 1
Interrogatis Ioannis, das geheime Buch der Ketzer

Südfrankreich Anno Domini 1215

Nachdenklich ging der Ketzerrichter einige Schritte hin und her. Sein Blick war starr, sein Gesicht grau, wie in Stein gemeißelt. Unglaublich, was ihm der Bettelmönch eben berichtet hatte, es erschien ihm einfach unfassbar. Dieser bezeichnete die Häresie der Katharer als Spiel des Teufels, ja, als Machwerk des Satans, das er armen Seelen wie süßen Wein einflößte, um sie so zu verführen, zu verhexen.

Hexerei! Bisher war Häresie für den Inquisitor die beharrliche Leugnung der einen, der reinen Lehre Jesus Christus. Nur die Lehre, die Jesus an die Apostel und ihre Nachfolger, die Bischöfe, weitergegeben hatte, war für ihn die reine Wahrheit. Aber vielleicht war es ja gut, dass jener Mönch ihn auf die Hexerei aufmerksam gemacht hatte. Beinahe wäre er geneigt gewesen, den Worten des Häretikers, den er im Raum nebenan verhörte, Glauben zu schenken. Er hatte viele Geistliche und Bischöfe als skrupellose Ausbeuter und Plünderer bezeichnet. Die Klöster bezeichnete er als Lusthäuser, die der Geistlichkeit dienten, um ihre illegitime Kinderschar vor der Welt zu verstecken. Stimmte es denn nicht? Hatte er nicht selbst einem Bruder in Christo die Beichte abgenommen, in der jener ihm ohne Umschweife gestand, der Fleischeslust gefrönt zu haben? Nur langsam löste sich der Inquisitor aus seiner Starre und ging zurück zu seinem Schreibtisch. Rechtgläubigkeit, Rechtgläubigkeit – so ging es ihm ständig durch den Kopf. Häretiker waren einst rechtgläubige Christen, die aber leider von der wahren Lehre abgefallen waren und sie verfälschten. Das ist es, genau das, dachte er nun bei sich. Nicht nur, dass sie der heiligen Schrift widersprechen. Nein, sie produzierten auch unzählige Irrtümer und verbreiteten diese auch noch in Windeseile, schnell wie eine Seuche. Völlig missverstanden hatten sie das Wort des lebendigen Gottes, das da sagt, dass wir alle seine Kinder sind, geschaffen nach seinem Ebenbild. Luzifer gleich wollen sie mit ihren Irrlehren ihre schreckliche Geltungssucht befriedigen und Gott übertrumpfen.

Der Mönch hatte sich auf die Syntagma bezogen, Justins verschollenes Werk, wonach allen voran der Satan und seine Dämonen als Anstifter zur Häresie gelten. Häresie - eine Form der Magie und Zauberei? Justin, der Kirchenvater, ein Philosoph, was wollte er den Menschen mitteilen? Was wusste er vor über tausend Jahren schon von der Hexerei? Hatte Satan Justin zu verführen gesucht, den Heiligen womöglich sogar mit Zauberei belegt?

Kein Recht der Welt gestattet es den Häretikern, sich auf Bibelstellen zu berufen, um damit ihre ketzerischen Behauptungen zu untermauern, aber genau das war die Gefahr! Denn je mehr sich die Ketzer der heiligen Schrift bedienten, umso größer die Gefahr, dass zwischen der reinen, wahren Lehre und den Lügen der Häresie kaum noch zu unterscheiden war.

War das, was jener Mönch berichtete, die Imitatio dei, die von jenem berühmten Prediger Domingo de Gusmán verbreitet wurde, um die abtrünnigen Christen in die Gemeinschaft der heiligen Mutter Kirche zurückzuführen?

Der Inquisitor schüttelte entschieden den Kopf und setzte sich an den Schreibtisch. Da lag es vor ihm, jenes unselige Buch, das man bei dem Mann fand, der nebenan im Verhörraum in Ketten gelegt wartete. Erneut las er die Überschrift:

Interrogatio Ioannis

Ich, Johannes, euer Bruder, euer Leidensgenosse in Drangsal, sagte, um auch des Himmelreiches teilhaftig zu sein, als ich mich an die Brust unseres HERRN Jesus Christus lehnte: »Herr, wer ist es, der dich ausliefern wird?«

Der Herr antwortete: »Der, der seine Hand mit mir in die Schüssel taucht.«

Da fuhr Satan in ihn, und er suchte, mich auszuliefern.

Ich sagte: »Herr, in welcher Herrlichkeit befand sich der Satan bei deinem Vater, bevor er stürzte?«

Er sagte zu mir:

»Er befand sich in einer solchen Herrlichkeit, dass er die himmlischen Streitkräfte befehligte. Aber ich saß bei meinem Vater. Satan führte alle an, die dem Vater ähnlich werden wollten. Er stieg vom Himmel in die Tiefe hinab, stieg von der Tiefe empor bis zum Thron des unsichtbaren Vaters und wachte über die Herrlichkeit, die in allen Bereichen des Himmels war. Er gedachte, seinen Sitz über den Wolken des Himmels zu nehmen, und er wollte dem Höchsten ähnlich sein. Als er in die Luft hinabstieg, sagte er zum Engel der Luft: „Öffne mir die Tore der Luft!“ Und dieser öffnete ihm die Tore der Luft. Als er hinabschwebte, traf er einen Engel, der die Wasser hielt, und sagte zu ihm: „Öffne mir die Tore des Wassers!“ Und dieser öffnete sie ihm. Auf seinem weiteren Weg fand er die gesamte Erdoberfläche von den Wassern bedeckt, und auf seinem weiteren Weg unter der Erde fand er zwei Fische auf den Wassern liegen. Diese waren wie Rinder zum Pflügen miteinander verbunden und hielten die ganze Erde nach der Weisung des unsichtbaren Vaters vom Untergang der Sonne bis zu ihrem Aufgang. Als er hinabgestiegen war, sah er die Wolken hängen, die das Meer hielten. Als er noch weiter hinabgestiegen war, fand er seinen Ossop, was eine Art Feuer ist, und dann konnte er wegen der lodernden Feuerflamme nicht weiter hinabsteigen. Satan kehrte wieder um und wurde völlig böse.«

Die nächsten Zeilen der Schrift waren verblasst und undeutlich, so dass man sie nicht mehr lesen konnte. Erschüttert erhob sich der Ketzerrichter, ging erneut auf und ab. Der Kaiser verlangte ein hartes Vorgehen gegen die Ketzer. Wenn jener Unglückselige nebenan nicht gestand, war er gezwungen, ihn den Kaiserlichen zu lassen. Diese würden die Wahrheit mittels schrecklicher Qualen der Folter aus ihm herauspressen. Doch der Inquisitor hasste eigentlich die Tortur, denn wurde Jesus selbst nicht auch durch die Folter gepeinigt? Der Ketzerrichter unterstand allein dem Papst, er wollte den Unglückseligen nicht der weltlichen Macht überlassen, die nur eines kannte: Ketzerei mit dem Tode zu bestrafen. Er wollte die Wahrheit herausfinden.

Alle Ungerechtigkeit, alle Boshaftigkeit und alles Übel ginge auf das böse Prinzip zurück, hatte ihm der gefangene Ketzer bei der ersten Vernehmung gesagt. Darin stimmte er mit ihm überein. Doch dann fügte der Mann an: Die irdische Schöpfung sei die Hölle auf Erden. Nur das geistig Gute währe ewig. Satan, der Herr der Welt, habe sich gegen Gott, somit gegen das Gute, gestellt. Doch Gott herrsche im Paradies, sei der Herr aller unsichtbaren geistigen Dinge. Doch die Erde sei sichtbar und die Schöpfung somit ein Werk Satans, das Reich der Finsternis, in der die Seelen aller Menschen gefangen gehalten werden. Diese seltsam verschlungenen Gedanken verwirrten den Kirchenmann, doch setzte er sich wieder und las gespannt weiter.

... den HERRN: »Wann stürzte Satan und wo hat er gewohnt?«

Er antwortete mir:

»Mein Vater verwandelte ihn wegen seines Hochmuts in einen Drachen, sein Engelslicht wurde ihm genommen, sein Aussehen wurde wie heißes Eisen und sein Angesicht wurde wie das eines Menschen und er fegte mit seinem Drachenschwanz viele Engel Gottes hinweg. So stürzte er vom Throne Gottes und verlor die Herrschaft der Himmel. Satan stieg vom Paradies zum Firmament hinab. Hier konnte er weder für sich noch für diejenigen, die bei ihm waren, Ruhe schaffen. Er bat den Vater: „Habe Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.“ Der Vater erbarmte sich seiner und schenkte ihm und denen, die bei ihm waren, Ruhe, damit sie alles, was sie wollten, bis zu sieben Tage machen konnten.«

Die nächsten Zeilen waren wieder undeutlich, nur mühsam konnte der Ketzerrichter den Text entziffern.

... Die Krone des Engels, der über dem Wasser war, und machte aus dem mittleren Teil das Licht des Mondes ... Licht der Sterne. ... Dann erdachte er sich den Menschen und schuf ihn, damit er Satan zu Willen sei. Er befahl dem Engel des dritten Himmels, in den Leib aus Lehm hineinzufahren, nahm davon und schuf einen anderen ... und er befahl dem Engel des zweiten ..., in den Leib des Weibes hineinzufahren. Die Engel aber klagten, als sie an sich die sterbliche Gestalt sahen und bemerkten, dass sie verschiedene Gestalten waren. Und er befahl ihnen, mit ihren Leibern aus Lehm das Werk des Fleisches zu tun: Sie aber begriffen nicht, dass sie sündigten. Aber der Urheber des Bösen plante in seinem Sinn, das Paradies zu erschaffen, und er führte die Menschen hinein. Der Teufel führte sie also hinein, pflanzte ein Rohr in der Mitte des Paradieses und erschuf aus seinem Speichel eine Schlange. Ihr befahl er, in dem Rohr zu hausen, und so verbarg der verruchte Teufel seine Absicht, dass sie seinen Betrug nicht erkannten. Und er trat hin und sagte zu ihnen: „Esst von jeder Frucht, die es im Paradies gibt, esst aber nicht von der Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse!“ Der Teufel wiederum fuhr in die verruchte Schlange, verführte den Engel, der in der Gestalt des Weibes war, verströmte darüber die Begierde nach Sünden und weckte seine Begierde mit Eva ...

Voller Entsetzen sprang der Ketzerrichter auf. »Niemals, niemals!«, schrie er und biss sich auf die Unterlippe. Nein, niemals konnte Johannes so etwas gesagt haben. Das Buch vor ihm auf dem Tisch war unzweifelhaft ein Machwerk des Teufels. Doch zwang er sich jetzt wieder zur Ruhe und überflog die nächsten Zeilen, bis eine weitere Stelle seine Aufmerksamkeit erregte.

Wieder fragte ich, Johannes, den HERRN:

»Wie kommt der Mensch dazu, im Geist in einem Leib aus Fleisch zu sein?« Der Herr sagte zu mir: »Von den gefallenen Engeln aus dem Himmel kommen sie in die Leiber der Weiber und nehmen infolge der Begierde des Fleisches Fleisch an. Geist stammt vom Geist, Fleisch vom Fleisch. So vollendet sich das Reich Satans in dieser Welt und bei allen Völkern.«

Hastig überflog der Inquisitor die nächsten Zeilen, bis er erneut fasziniert las:

Dann fragte ich den HERRN nach dem Tag des Gerichts:

»Was wird das Zeichen für deine Ankunft sein?«

Er antwortete mir:

»Wenn die Zahl der Gerechten erfüllt sein wird, entsprechend der Zahl der gekrönten Gerechten, die gefallen sind. Dann wird der Satan aus seinem Gefängnis freigelassen und er wird großen Zorn haben und Krieg gegen die Gerechten führen. Und sie werden mit lauter Stimme zu Gott, dem HERRN, schreien. Sogleich wird der Herr den Engeln befehlen, die Trompeten zu blasen; die Stimmen der Erzengel wird man bis in die Hölle hören. Dann wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen und die Sterne werden herabfallen. Die vier Winde werden sich aus ihren Fundamenten lösen und sie werden die Erde, das Meer, die Berge und die Hügel gleichzeitig erbeben lassen. Und zugleich wird der Himmel erzittern und die Sonne, die bis zur vierten Stunde scheinen wird, wird sich verfinstern. Dann wird das Zeichen des Menschensohnes erscheinen und alle heiligen Engel mit ihm, er wird über den Wolken auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen, zusammen mit den zwölf Aposteln auf den zwölf Thronen ihrer Herrlichkeit.«

Fassungslos schlug der Ketzerrichter das Buch zu, genug gelesen, genug erfahren. Er war fest entschlossen, den Mann im Nebenraum einem scharfen Verhör zu unterziehen und ihn der Ketzerei zu überführen.

Wieder im Nebenraum sah er auf den Mann, der gebunden mit groben Stricken an Händen und Füßen auf einem Schemel saß. Der Inquisitor zögerte noch einen Augenblick, wollte er doch gemäß der ihm übertragenen Aufgabe die Wahrheit erforschen. Aber war er wirklich einer jener Spezialisten, die dafür ausersehen waren, vom Papst mit der Verfolgung der Häretiker beauftragt zu werden? Die Wortgewandtheit jenes Mannes dort machte ihm Angst.

»Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater, und den Sohn und den heiligen Geist?« fragte er mit fester, unnachgiebiger Stimme den Gefesselten. Langsam hob dieser sein Haupt und sah dem Inquisitor offen ins Gesicht.

»Ich glaube, dass es zwei Götter, ohne Anfang und Ende, gibt. Der eine ist gut und der andere abgrundtief böse. Der gute Gott herrscht im Himmelreich und ist allmächtig. Der Böse, den ihr Satan nennt, herrscht auf der ganzen Welt«, brachte er trotz der ihn quälend einschneidenden Stricke an Händen und Füßen gelassen hervor.

»Also glaubst du nicht, dass in dieser Trinität ein einziger Gott ist, nämlich der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der Schöpfer, der Körper und Seelen ist, der sichtbaren wie auch der unsichtbaren Dinge und aller Geschöpfe dieser Welt?«

Und wieder entgegnete der Mann völlig ruhig:

»Ich glaube, dass Luzifer der Sohn des Gottes der Finsternis ist.«

„Ihr habt den Teufel zum Vater“ heißt es im Johannesevangelium, denn er ist ein Lügner und sein Vater ist der Teufel.« »Glaubst du, dass die Seelen der Menschen nicht jene bösen Geister sind, die aus dem Himmel gestürzt sind?«

»Ich glaube, dass Luzifer in den Himmel emporstieg, denn Jesaja sagte: Zum Himmel will ich steigen. Um die Wesen des Himmels zu täuschen, verwandelte er sich in den Engel des Lichts und für sein wundervolles Aussehen wurde er von den anderen Engeln in den Himmel gelassen. Sie traten bei Gott, dem Herrn, für ihn ein und er wurde der Verwalter der Engel. Darum heißt es im Evangelium: „Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Doch dieser Verwalter verführte die Engel und es gab Krieg im Himmel.“ Und in der Apokalypse heißt es: Der Drache aber, jene alte Schlange, wurde hinabgestürzt und mit ihm die verführten Engel, denn sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel«.

»Gibst du zu, dass du ein Ketzer bist?«

»Ich bin ein wahrer Christ«, antwortete der Mann fest.

»Glaubst du an die Taufe, die kleine Kinder zu wirklichen Christen macht?«

»Ich glaube nur an eine Taufe, das Consulamentum. Eine Taufe, die mit Wasser vorgenommen wird, ist nichts wert. Nur jene Taufe führt zum Heil, die aus Gottes Wort stammt.«

»Man wird dich der Ketzerei anklagen. Begreifst du denn nicht, dass es hier um dein Leben geht?«

Der Mann lächelte.

»Der Tod kommt zu einem jeden von uns, doch er wird mich nur von meiner sterblichen Hülle befreien, damit meine Seele endlich frei ist und zu Gott in den Himmel aufsteigen kann.«

Bestürzt über diese Antwort verließ der Ketzerrichter den Raum. Was waren das für Menschen, die selbst die furchtbaren Qualen des Scheiterhaufens nicht zu fürchten schienen? Diese verfluchte Ketzerei musste ein Ende haben. Doch sollte dieses Ende wirklich den Tod von Tausenden, ja Abertausenden Menschen bedeuten? Wenn ja, dann hatte dieser Mann am Ende Recht und der Teufel herrscht tatsächlich über diese Welt. Der Inquisitor eilte in die Hauskapelle und warf sich bäuchlings vor den Altar auf den Boden. Das konnte von Gott nicht gewollt sein.

Kapitel 2
Caravaggio

Italien - Porto Ercole, 18. Juli a.d. 1610

Schnelle Schritte hallten durch die Gassen von Porto Ercole. Schatten huschten an den Wänden der dicht beieinander stehenden Häuser hin und her. Gleich einem gehetzten Tier floh ein dunkelhaariger Mann vor seinen Verfolgern. Immer wieder warf er einen Blick zurück, um zu sehen, ob seine Häscher schon aufgeholt hatten. An einem Hauseingang sank er keuchend in die Hocke, spürte seinen Körper wieder zittern und wie das Fieber ihn erneut packte. Zum Strand musste er, nur dort konnte er seinen Verfolgern entkommen.

»Oh Herr, steh’ mir bei«, dachte er bei sich. »Selbst hierher verfolgen sie mich, die Ausgeburten der Hölle, die Abgesandten Satans«, lugte er vorsichtig nach allen Seiten. Im roten Licht der untergehenden Sonne nahmen die Schatten der Wolken, der Bäume und Häuser bizarre, bedrohlich erscheinende Formen an. Erschienen sie dem Mann anfangs wie ein riesiger Vogel, so glichen sie zunehmend einem feuerroten Drachen.

»Oh Gott, Satan selbst sucht nach mir. Dabei habe ich doch nur einer verlorenen Seele zu helfen versucht. Einmal in meinem Leben, oh Gott, wollte ich Gutes tun, doch was habe ich am Ende getan?« Wieder zitterte sein Körper, stärker als zuvor, so dass er den pochenden Wundschmerz nicht mehr spürte, aber die Bilder der Geschehnisse der letzten Wochen lagen schwer auf seiner gequälten Seele.

Caravaggio, der Maler des Lichts, lag im Dunkel des Hafenviertels von Porto Ercole.

Er fieberte, sein Körper brannte schier; unerträgliche Hitze ließ ihn fantasieren, holte unerbittlich schmerzliche Erinnerungen an Ereignisse von vor einigen Wochen zurück.

Im Hafenviertel von Neapel, in einer Gegend, wo es selbst am Tage gefährlich war, sich herumzutreiben, traf er sie das erste Mal, Melissa. In einer Gasse, in der die Gescheiterten, die Ausgestoßenen der Stadt, lebten: Huren, Räuber, gedungene Mörder und andere Verzweifelte, Verfemte auf der Flucht vor der Obrigkeit. Dort schien ihm der sicherste Ort zu sein, in der Spelunke La Scialuppa. Sie tanzte dort für ein paar Kupfermünzen und beachtete ihn anfangs nicht. Doch er wartete stets, bis sie aufhörte. Endlich, nach mehreren Tagen seiner stillen ausdauernden Verehrung fragte sie ihn nach seinem Namen. Nur kurz zögerte er, was er ihr sagen sollte. Dann entschied er sich, entgegen seinem Vorsatz, ihr seinen richtigen Namen zu nennen, den, auf den er getauft wurde.

»Ich heiße Michelangelo, Michelangelo Merisi. Doch Du darfst mich Michele nennen, Melissa. Ihr schüchternes Lächeln darauf weckte längst vergessen geglaubte Gefühle in dem jähzornigen launischen Mann.

»Ich bin Maler«, erzählte er ihr am nächsten Abend. »Ich möchte, dass du mir Modell sitzt; du gefällst mir sehr. Deine Anmut möchte ich malen.«

Ungläubig schaute sie ihn an.

» «Oh, nein, Ihr treibt Scherze mit mir!«

»So glaube mir, es ist wahr, ich bin sehr wohl Maler«, entgegnete er. Sie rückte näher heran, schien langsam Vertrauen zu fassen.

»Doch muss ich Euch etwas erzählen, bevor es Andere tun, ich verdiene mein Geld nicht nur mit Tanzen. Seht Ihr diesen dicken Mann dort am Tresen?« Michelangelo warf einen Blick zur Theke und nickte. Sie wurde plötzlich sehr leise, fast flüsterte sie: »Er lässt mich in seinem Haus wohnen, umsonst, und versorgt mich auch mit Essen in dieser elenden Herberge.«

»Ich suche noch einen Platz zum Schlafen. Wäre es möglich, dort...«

Energisch unterbrach ihn das Mädchen. »Nein«, antwortete sie. »Dort ist kein Unterkommen für Euch. Dafür, dass ich dort wohnen und essen darf, muss ich seinen Gästen«, sie zögerte einen Augenblick und schaute zu Boden. »Ich muss seinen Gästen zu Diensten sein, um meine Schulden bei ihm abzutragen«, flüsterte sie noch leiser und wagte nicht aufzuschauen.

Michelangelo schwieg bedrückt. Das hatte er nicht erwartet. Doch trotzig wie immer entgegnete er dem staunenden Mädchen: »Trotzdem, ich bleibe dabei, ich will Dich unbedingt malen. Deine Schönheit will ich für immer festhalten! Du wirst unsterblich!

Sie schwieg ratlos.

»Kennt Ihr denn einen besseren Platz, wo ich mein Haupt betten kann und wo es hell genug ist, um eine Staffelei aufstellen zu können und zu malen?« Melissa überlegte einen Augenblick.

»Ja, Signora Lucia hat am Ende der Straße ein Haus, die Gasse hoch. Dahinter ist ein leerer Speicher mit einem großen Fenster. Ich könnte sie ja fragen, ob sie Euch dort gegen ein angemessenes Entgelt wohnen lässt.«

So fand Michelangelo für einige Wochen eine Unterkunft und begann zu malen. Melissa wurde sein Modell und bald auch seine Geliebte. Michelangelo glaubte sich im Himmel, so glücklich und unbeschwert war er, wenn Melissa bei ihm war.

Eines Tages kam Melissa verspätet zu ihm. Ihr Kleid war zerrissen und unter ihrem linken Auge eine blutende Platzwunde.

»Was ist geschehen?«, wollte Michelangelo entsetzt wissen. Melissa weinte bitterlich.

»Das war er«, schluchzte sie. »Er hat herausgefunden, dass ich Euch heimlich besuche. Und deshalb hat er zugeschlagen.«

Michelangelos Zorn kochte augenblicklich hoch, doch drückte er Melissa liebevoll an sich.

»Komm mit mir«, platzte es aus ihm heraus, brennender Zorn und innige Liebe zugleich brodelten in seinem Inneren. »Wir verlassen Neapel, heiraten und fangen zusammen neu an. Meine Liebe zu Dir ist aufrichtig, Melissa, bleib bei mir!«

Energisch schüttelte Melissa den Kopf und löste sich von ihm.

»Ich bin nichts für Dich. Lass ab von mir. Du bist ein Künstler und gehörst nicht in meine Welt, so wie ich nicht in Deine Welt gehöre. Vergiss mich. Verlass Neapel ohne mich. Verbrenne das Bild, das Du von mir gemalt hast und komm nie wieder zurück.«

Entgeistert blickte Michelangelo sie an.

»Aber warum?«

»Er würde es nie zulassen. Eher würde er mich umbringen und Dich auch. Und das könnte ich nicht ertragen.« Melissa weinte leise, war aber seltsam ruhig, lief dann still davon und ließ einen enttäuschten, verwirrten Mann zurück. In der Nacht beschloss Caravaggio, Melissa freizukaufen und betrat in aller Frühe die düstere, noch leere Herberge, um mit dem Wirt zu verhandeln. Der Wirt nahm das ihm angebotene Geld sofort, steckte es hastig in sein Wams und rief dann nach Melissa.

»Ist das wahr, was dieser Kerl dort behauptet, dass du ihn liebst?«, höhnte er durch den noch leeren Schankraum.

»Nein, nein, ich liebe ihn nicht. Meine ganze Liebe gehört Euch!«.

»Da habt Ihr es selbst gehört«, sprach der Wirt zu Michelangelo. »Und nun raus hier, los, verschwinde!«

»Ich gehe nicht ohne Melissa«, entgegnete Michelangelo entschieden. Plötzlich hatte der Wirt einen Dolch in der Hand und stürzte sich damit auf Michelangelo. Geschickt wich dieser dem Stoß aus und konnte dem Angreifer mit einem gezielten Fußtritt die Waffe aus der Hand getreten. Wutentbrannt warf sich der Wirt mit seinem massigen Körper auf Michelangelo, beide zu Boden reißend. Doch schnell kamen sie wieder auf die Beine und stürmten erneut aufeinander zu. Durch eine flinke Drehung konnte der Maler seinen Gegner zu Fall bringen, wobei er unglücklich mit dem Kopf gegen eine Tischkante schlug und reglos liegen blieb. Heftig nach Luft ringend, beugte sich Michelangelo über den Wirt. Da begann Melissa verzweifelt zu schreien:

»Du hast ihn umgebracht! Du hast ihn umgebracht! Du hast mein Leben zerstört!«

Noch ehe Michelangelo auch nur ein Wort sagen konnte, stürzte Melissa mit dem Dolch in der Hand schreiend auf ihn zu. Völlig überrascht und noch immer ungläubig, war es ihm nicht mehr möglich, ihrer rasenden Verzweiflung auszuweichen, so dass die scharfe Klinge des Dolches ihm die Wange zerschnitt.

»Mörder! Mörder!«, schrie sie immer lauter und rannte auf den Hinterhof, offenbar Hilfe suchend. Benommen fasste sich Michelangelo an seine Wange, sah das Blut in seinen Händen und hörte dieses hysterisch schreiende Weib. Entsetzt und voller Panik rappelte er sich zuerst mühsam auf, schwankte noch ein wenig, um dann zur Tür hinaus ins grelle Tageslicht zu fliehen.

Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio, hörte trotz des hohen Fiebers die lauten, schweren Schritte unerbittlich näher kommen. Unbarmherzig holten sie ihn zurück aus seinen Erinnerungen in die Wirklichkeit, in seine verzweifelte Lage im Hafen von Porto Ercole. Immer noch auf der Flucht, von Fieberkrämpfen geschüttelt, von Entsetzen und Enttäuschung über eine verlorene Liebe entkräftet. Melissas Verhalten war ihm noch immer völlig unverständlich. Doch darüber zu sinnen, blieb ihm keine Zeit, er musste weiter, mit letzter Kraft, um den Häschern zu entkommen. Vorsichtig spähte er noch einmal nach allen Seiten und schleppte sich weiter in Richtung Strand, dort in eine kleine, von sumpfigem Hinterland umgebene Bucht. Hier hoffte er, ein sicheres Versteck zu finden. Seine Beine wurden ihm schmerzhaft schwerer, seine Schritte langsamer, bis er mehr stolperte denn lief. Allmählich schwanden ihm die Sinne. Verschwommen schien sich die ganze Welt um ihn zu drehen. Als der Taumel etwas nachließ, sah er eine Hütte und schleppte sich schwer keuchend darauf zu. Mit letzter Kraft erreichte er sie, stieß die hölzerne Tür auf und fiel in bodenlose Dunkelheit.

Am Morgen des nächsten Tages liefen drei Fischerkinder, zwei Jungen und ein Mädchen, über den Strand von Porto Ercole, spielten Fangen, waren fröhlich und ausgelassen.

»Ihr kriegt mich nicht, ihr kriegt mich nicht!«, rief das Mädchen und eilte den Jungen in Richtung Fischerhütte davon. Die beiden Jungen verfolgten sie. Der Abstand zwischen ihnen war so groß, dass das Mädchen ungehindert als Erste die Hütte erreichte. Erschrocken blieb sie stehen, als sie sah, dass die Tür weit offen stand.

»Was ist denn, Guilia?«, wollte der ältere der beiden Jungen wissen, als sie das Mädchen eingeholt hatten. Wortlos deutete sie auf die offen stehende Tür.

»Soll ich mal nachsehen?«, bot der große Junge an, fühlte sich aber sichtlich unwohl dabei. Vorsichtig näherte er sich der Hütte und sah dort im Halbdunkel einen Mann am Boden liegen.

»Geh und hole Vater, Raffaele«, befahl der größere seinem jüngeren Bruder, der auch sofort los rannte. Wenig später erschien der Fischer, erst unwillig, doch dann besah neugierig er sich den am Boden Liegenden.

»Ist er - ist er tot?«, wollte der große Junge wissen. Sein Vater schüttelte den Kopf.

»Nein, Marcus, tot ist er nicht, aber schwer verletzt und wie es aussieht sehr krank.«

Guilia kam nun näher, um den schwerverletzten Mann aus der Nähe zu betrachten und hockte sich neugierig neben den Fremden. Da riss der Totgeglaubte plötzlich die Augen auf und packte das Mädchen am Kleid.

»Einen Priester, hol mir einen Priester«, stöhnte er. Erschrocken blickte das Mädchen zu ihrem Vater, der ihr zunickte und sanft die Hand des Fremden von ihrem Kleid löste.

»Geh, hole Pater Filippo. Sag ihm, dass hier ein sehr kranker Mann liegt.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, lief das verängstigte Mädchen hinaus.

Mit Hilfe seiner Söhne versuchte der Fischer, den Fremden auf einen Stapel Netze zu legen. Dabei bemerkte er, dass der Fremde etwas an seinem Körper festhielt und wollte danach greifen.

»Melissa, meine Melissa«, stammelte Michelangelo Merisi sich aufbäumend, fiel jedoch gleich wieder kraftlos zurück, doch die kleine braune Tasche aus Saffianleder hielt er unentwegt an seine Brust gepresst.

Pater Filippo betrat die Fischerhütte erst nach mehr als zwei Stunden, den Taufgottesdienst hatte Guilia erst abwarten müssen, um ihm die aufregende Neuigkeit und Bitte ihres Vaters überbringen zu können.

Der Anblick des Fremden erschütterte ihn, trotzdem machte er sich sofort daran, diesen genauer zu untersuchen.

»Der Mann ist tot«, stellte er fest. »Wahrscheinlich hatte er das Sumpffieber. Hat er noch irgendetwas gesagt?«, warf er dem Fischer einen strengen Blick zu.

»Nein, doch, nicht viel. Er hielt eine kleine Tasche fest umklammert. Ich wollte sie nehmen, als er sich plötzlich aufbäumte. Dann sagte er nur noch: Melissa, meine Melissa, mehr nicht.« Beide schwiegen eine Zeitlang, dann nahm Pater Filippo dem Fremden die kleine Tasche aus der Umklammerung seiner Hände. Ohne jegliche Erklärung barg er die Ledertasche in seinem Habit.

»Kennt Ihr diesen Mann?«, brach der Fischer die bedrückende Stille in der Hütte.

Pater Filippo konnte nicht widerstehen und antwortete mit wichtiger Miene:

»Ja, ich kenne diesen Mann. Das ist Michelangelo Merisi. Man nennt ihn auch Caravaggio!«

Vier Wochen später in Rom

»Und Ihr seid ganz sicher, dass es Caravaggio war, Pater?«

»Ja, Eminenz«, antwortete Pater Filippo. »Wir haben ihn in der Pfarrkirche Sant’Erasmo bestattet. Das Grab wurde nicht gekennzeichnet.«

Zufrieden nickte der Mann im Ornat eines Kardinals.

»Und Caravaggio hat nur dieses Büchlein hinterlassen?« »Nur das Buch war in seiner Tasche, Eminenz!«

»Das hilft uns nicht wirklich weiter. Habt Ihr sonst noch irgendetwas von ihm gefunden, eine Spur seines letzten Aufenthaltes, seine persönlichen Sachen?«

Der Pater verneinte beflissen.

»Nein, Eminenz, nichts dergleichen.«

»Das ist bedauerlich, Pater Filippo, sehr bedauerlich«, murmelte der Kardinal. »Dann haben wir nichts als dieses kleine Büchlein, wohl sein Skizzenbuch. Auf den ersten Blick kann ich nichts Ungewöhnliches darin finden.«

Warum nur hatte Caravaggio sich so daran geklammert, was war für den Maler an diesen harmlosen Skizzen so bedeutend, dass er es bis zuletzt mit sich führte, dachte der Kardinal bei sich.

»Habt Dank, Bruder in Christo. Ihr dürft jetzt gehen. Und solltet Ihr noch irgendetwas Wichtiges über Caravaggios letzten Aufenthalt in Erfahrung bringen, dann lasst es mich wissen«, verabschiedete er Pater Filippo.

Nachdenklich blieb der Kardinal in seinem Bureau im Heiligen Offizium sitzen, betrachtete wieder und wieder das kleine abgegriffene Skizzenbuch des Malers, das ihm der Pater überbracht hatte. Selbst über den Tod hinaus verstand es dieser verruchte Künstler, seine schmutzigen Geheimnisse zu wahren und die heilige Institution der Kirche zu verhöhnen. Huren dienten ihm als Modelle für die Darstellung heiliger Frauen, desgleichen Lustknaben für die Darstellung von Engeln und heiligen Männern. Immer wieder hatte Caravaggio es verstanden, die Kirche zu verspotten. Doch warum? War er nur ein Narr, ein Taugenichts oder gar ein Häretiker? Einer von denen, die von der Kirche wegen Häresie, Blasphemie und Teufelsanbetung einst scharf verfolgt wurden? Wahrscheinlich verehrte er Maria Magdalena als Heilige noch mehr als die Gottesmutter Maria selbst, so wie diese Ketzer, die diese Hure als wahre Mutter der Kirche Christi bezeichneten. Der Kirchenmann war erfüllt von heiligem Zorn, doch noch mehr war er völlig ratlos. Fragen über Fragen! Wieder eine Akte, die in den geheimen Archiven des Vatikans verschwinden würde? Ohne, dass man der Ketzer und ihrer Unterstützer habhaft werden würde? Nein, er, Pompeio Kardinal Arrigoni, würde dafür sorgen, dass die Feinde der einzigen wahren Lehre Christi eliminiert würden!

Kapitel 3
Nichts als die Wahrheit – Bonn, Mai a.d. 1626

Matthias Liebknecht saß wartend auf einem schlichten, mit Leder bezogenen Stuhl vor dem Audienzzimmer des Churfürsten im Bureau des churfürstlichen Sekretärs Johann Schilling. Schilling war schon vor geraumer Zeit im Audienzzimmer verschwunden, um Matthias anzumelden, der ungeduldig mit den Fingern auf seinem Knie trommelte und sich mehrmals mit der anderen Hand durch die lockigen Haare fuhr. Zwischen den blonden Locken stachen immer mehr silbrig graue Fäden hervor, ein Zeichen dafür, dass der Advocatus, wie ihn viele nannten, den Zenit seiner Jugend längst überschritten hatte und sich in einem reifen Mannesalter befand. Trotz eines leichten Bauchansatzes wirkte er nicht behäbig, nicht wie ein Federfuchser, wie man im Volksmund die pedantischen Bureaukraten am Hofe zu nennen pflegte, sondern aufgrund seiner gut ausgebildeten Muskulatur eher athletisch. Schilling, der Sekretär des Churfürsten, war ein klassisches Beispiel eines Federfuchsers, hoch gewachsen, hager und mehr als penibel, was die Erfüllung seiner ihm übertragenen Aufgaben anbetraf. Aber vielleicht musste er auch als Sekretär des Churfürsten so sein.

»Warum dauert das denn so lange?«, murmelte der Advocatus vor sich hin. Ungeduldig erhob sich Matthias von seinem Stuhl, als sich die Tür öffnete und Schilling heraus kam.

»Ihr dürft jetzt eintreten, Commissarius, seine Durchlaucht erwartet Euch«, sagte der Sekretär mit unbewegter Stimme.

»Danke«, antwortete Matthias und warf Schilling noch einen spöttischen Blick zu, ehe er das Audienzzimmer betrat und die Tür hinter sich schloss.

»Seid mir gegrüßt, ehrenwerter Advocatus, nehmt doch bitte Platz«, bot ihm Churfürst Ferdinand von Wittelsbach einen Platz an, der ihn zu seiner Überraschung im seinem Bischofsgewand empfing. Der Churfürst war hoch gewachsen, wirkte feingliedrig und hatte eine hohe Stirn, die dunkles Haupthaar umrahmte.

»Danke, Durchlaucht, ich meine, Eminenz«, entgegnete Matthias, für einen Augenblick verwirrt. Doch schon war sein Misstrauen geweckt und er fragte sich, was der Churfürst damit wohl bezweckte, ihn im Bischofsgewand zu empfangen.

»Ich habe Euer geheimes Dossier gelesen, Liebknecht, an manchen Stellen sogar mehrfach. Auf den ersten Blick wirkt es fast wie ein Abenteuerroman, wenn ich nicht wüsste, dass es aus der Feder eines meiner besten Juristen stammt, den ich eigentlich eher kühl und sachlich kenne.« Ferdinand machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten. Doch Matthias’ Mimik glich der eines geübten Kartenspielers, denn nicht das leiseste Muskelzucken war zu sehen. Dann fuhr der Churfürst fort: »Euer Bericht hat mir aber auch gezeigt, welch immense Last ich Euch aufgebürdet hatte, die Ihr zu tragen bereit gewesen seid, als ich Euch auf die Jagd nach jenem Mörder und Dieb Ricardo di Piacenza entsandte. Euer Rapport zeigt mir auch, wie sehr Ihr unter Eurer schweren Verwundung und auch dem tragischen Verlust Eures Weibes gelitten haben müsst, Liebknecht! Verwundungen, Fieberkrämpfe, der immense seelische Schmerz durch den Verlust geliebter Personen kann selbst den stärksten Mann verwirren und ihm in seiner Verzweiflung ein Trugbild vorgaukeln, das ihm für einen Augenblick wirklicher als die Wirklichkeit erscheinen mag, denn anders wäre es ihm wohl kaum möglich, die Pein, die ihm seelisch wie auch körperlich angetan wurde, schadlos zu überwinden.«

Matthias zog die Stirn kraus.

Endlich eine Reaktion!

»Entschuldigung, Eminenz, aber ich verstehe nicht so recht, was Ihr mir sagen wollt«, versuchte Matthias Zeit zu gewinnen, verstand er doch sehr wohl, was Churfürst Ferdinand ihm zu suggerieren versuchte. Doch er war keineswegs bereit, dies unwidersprochen zu akzeptieren.

»Ich sehe, Liebknecht, Ihr leidet noch immer«, erwiderte Ferdinand von Wittelsbach mit einem gönnerhaften Unterton in seiner Stimme. »Aber in Eurem Interesse, da Ihr mir sehr am Herzen liegt, bin ich durchaus geneigt und bereit, mit Euch jene Dinge zu besprechen, die Euch verwirrt zu haben scheinen. Es geht ja schließlich um das Wohl meines besten polizeilichen Ermittlers, auf dessen Dienste ich ungern verzichten würde.«

»Ich danke Euch für Eure löblichen Worte, Eminenz. Darum bitte ich Euch untertänigst, mir zu erklären, worin sich mein Leiden, wie Ihr sagt, begründet.«

Der Churfürst machte mit der Hand eine wohlwollende Geste und kam um den großen Eichenschreibtisch herum, der das einzige auffällige Mobiliar in seinem Audienzzimmer war.

»Beginnen wir mit Eurem Bericht über diesen englischen Doktor namens Robert Fludd«, sprach der Churfürst und Erzbischof leise, aber eindringlich. »Ihr seid ihm in Paris begegnet, nicht wahr? Nach einer anstrengenden Reise und Jagd nach einem Mörder hattet Ihr diese Metropole erreicht und suchtet dort einen Betort auf, die Kathedrale Notre Dame. So steht es jedenfalls in Eurem Bericht. Erscheint es Euch nicht auch merkwürdig, dass dieser angebliche Arzt Euch dort auflauerte, denn anders kann man sein Erscheinen, sein Wissen um Eure Ankunft, nicht interpretieren. Vermutlich hatte er seine Informationen von di Piacenza und anderen Spitzeln, die Euch auf Schritt und Tritt beobachteten. Ich denke auch, seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft war mehr ein geschicktes Manöver, Euch in Sicherheit zu wiegen und von seinen wahren Absichten abzulenken. Darum, einzig und allein darum verwickelte er Euch in ein verwirrendes Gespräch, um Euren klaren Geist, Eure klare Sicht der Dinge zu vernebeln, um Euch schließlich bewusst auf eine falsche Fährte zu locken, indem er Euch Geschichten vom Heiligen Gral suggerierte und schließlich auch noch alchemistische Unwahrheiten über so genannte kosmische Gesetze als Wahrheit zu verkaufen suchte. Das Rätsel jener so genannten Smaragdtafel, der Tabula Smaragdina, ist gar kein solch großes Geheimnis. Viele der dort erwähnten Dinge sind aus der heiligen Schrift entnommen und dienen nichts anderem als der Verbreitung eines Irrglaubens. Häresie, Liebknecht, reine Häresie.«

Der Churfürst machte eine Pause, um damit für den nötigen Nachhall seiner Worte Sorge zu tragen. Er fixierte Liebknecht, der nach wie vor einem Kartenspieler gleich reglos auf dem Stuhl vor dem großen Schreibtisch saß.

Zufrieden nickte Ferdinand, da kein Widerspruch kam.

»Habt Ihr schon einmal etwas von Splendor Solis gehört, Liebknecht?«, holte der Churfürst zum nächsten Schlag aus. Dabei stand er in Liebknechts Rücken, der nun leicht den Kopf nach hinten drehte.

»Nein, Eminenz.«

»Es ist ein bunt illustriertes alchemistisches Manuskript in deutscher Sprache. Ein alchemistisches Machwerk, das eine gewisse alchemistische Grundlehre enthält. Es beschäftigt sich in der Hauptsache mit der Herstellung und Wirkungsweise des so genannten Steins der Weisen. Die Urheberschaft dieser Schrift ist leider nicht geklärt, obgleich sich mir die Vermutung aufdrängt, dass es sich auch um das Machwerk einer häretischen Gesellschaft handelt, der auch Euer englischer Freund angehört. Denn ausgerechnet in Paris tauchte vor einigen Jahren eine französische Übersetzung dieses Werkes auf, La Toison d’Or, und ebenso wurde dieses Werk ins Englische übersetzt. Man gab dem Urheber dieses Machwerkes den Namen Salomon Trismosin! Bezeichnend, Liebknecht, nicht wahr?!«

»In der Tat, Eminenz. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es hier durchaus einen Bezug zur Hermes Trismegistos geben kann – Trismosin klingt ähnlich wie Trismegistos«, gab Matthias zu. Triumphierend schritt der Churfürst um den Stuhl herum, um Matthias besser ins Gesicht schauen zu können.

»Ihr fragt Euch sicher, warum ich Euch das alles erzähle, Liebknecht. Ich möchte Euch beweisen, dass man versucht hat, Euch Hirngespinste zu suggerieren. Kennt Ihr Isaac Casaubon?«

»Ich weiß nur, dass er ein protestantischer Humanist war.«

»Immerhin, Liebknecht. Aber wenn er auch nur ein Protestant war, hat er dennoch etwas sehr Wichtiges bewiesen! Kurz vor seinem Tode 1614 schrieb er das Werk De Rebus Sacris Ecclesiaticis Exercitationes XVI. Er erbrachte damit den Nachweis, dass der Corpus Hermeticum, dem auch zweifelsohne die Tabula Smaragdina angehört, keinesfalls älter sein kann als zirka 1.500 Jahre. Somit ist die Legende um die Tabula Smaragdina, dass sie einst von Sarah, der Frau Abrahams, gefunden wurde, hinreichend widerlegt. Ich will damit sagen, Liebknecht: Es gibt keine uralte außerbiblische Weisheit und göttliche Wahrheit! Blanker Unsinn! Allenfalls das Machwerk häretisch denkender Esoteriker, die uns mit ihren Irrlehren verblenden und vom rechten Weg abbringen wollen. Wahrscheinlich ist die Tabula sogar eine Erfindung der Katharer, Waldenser oder Manichäer, die vor fünfhundert Jahren ihr Unwesen trieben. Ein ketzerisches Blendwerk!«

Ferdinand hatte sich vorgebeugt und Matthias in die Augen gestarrt. Jetzt richtete er sich entspannt auf.

»Es gibt nur eine reine und wahre Lehre, die für die gesamte Menschheit gilt! Die Lehre unseres HERRN Jesus Christus!«

»Eure Ausführungen entbehren nicht einer gewissen Logik, Durchlaucht, Eminenz. Dennoch vermag ich nicht zu erkennen, worauf Ihr hinaus wollt. Was hat das alles mit meiner Begegnung mit Robert Fludd zu tun?«

»Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass jener Fludd, den Ihr, so entnehme ich es Eurem Rapport, beinahe als Freund bezeichnet, ein überaus listiger und durchtriebener Häretiker ist und zu jener schrecklichen Gesellschaft der Rosencreutzer gehört.«

»Aber Eminenz, es gibt weder einen realen Beweis für die Existenz dieser geheimen Bruderschaft noch einen wirklichen Beweis dafür, dass Fludd ihr angehört. Ohne Fludds Mithilfe wäre ich Ricardo di Piacenza niemals auf die Spur gekommen!«

»Was zweifelsohne zu seinem Plan gehörte, um Euch in Sicherheit zu wiegen. Benutzt Euren Verstand, Liebknecht! Fludd schickte Euch nach Chartre, wo Euch dieser Ricardo di Piacenza auflauerte. War es nicht eher so, dass Fludd Euch geschickt in die Falle lockte? Er hat diesen Ricardo als sein Werkzeug benutzt, um Euch vom rechten Weg abzubringen. Man will so die Bewahrer der wahren, reinen Lehre infiltrieren, um die Menschen vom rechten Glauben abzubringen.«

Für einen Augenblick herrschte eisiges Schweigen im Raum und Matthias spürte, wie die Worte des Churfürsten seinen Körper wie Gift durchströmten und seinen Verstand langsam lähmten. Sollte Churfürst Ferdinand Recht haben? Aber was war dann mit Carmen und all den Anderen, die ihn bei seiner Hetzjagd durch halb Europa begleitet hatten? Was war mit dem Buch der Abstammung, dem Buch Walerans, das er am Pech de Bugarach im Süden Frankreichs gefunden hatte?

»Ich weiß, was Ihr jetzt denkt, Liebknecht. Ihr denkt an Eure spanische Mätresse.«

Das war zuviel. Matthias sprang auf und starrte Churfürst Ferdinand finster ins Gesicht.

»Eminenz, ich glaube, Ihr geht zu weit. Gräfin de Silva ist in keiner Weise meine Mätresse. Sie ist eine liebe Freundin, die ich sehr schätze.«

»Ja, ja, ja«, winkte der Churfürst beschwichtigend ab. »Und sie hat Euch befreit und das Leben gerettet und so weiter, und so weiter. Man wird auch sie einfach nur benutzt haben, will ich mal annehmen. Sie ist eben nur eine Frau, ein Weibsbild, leicht zu beeinflussen! Nicht mehr und nicht weniger. Und jetzt setzt Euch gefälligst wieder hin, Liebknecht!«

Ferdinands Ton war ungewöhnlich scharf. Unmerklich ballte Matthias eine Faust, doch dann setzte er sich, um Ferdinands Zorn nicht heraufzubeschwören.

»Na schön, Liebknecht. Kommen wir zu Euren Ausführungen den Gral betreffend. Sind Euch die Geschichten Wolfram von Eschenbachs und Chretien de Troyes ein Begriff?«

»Selbstverständlich, Eminenz.«

»Wunderschöne Lyrik. Epische Abhandlungen von Helden, ein Heldentum, das so niemals existiert hat. Erfindungen des Geistes, die der Unterhaltung der Menschen dienen sollten. In Zeiten der Not, in Zeiten auf der Suche, die zurück zur reinen wahren Lehre, zum Glauben an Gott führen sollten. Geschichten, die man gerne Kindern erzählt, aber keinesfalls Geschichten, die auch nur in irgendeiner Weise etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben beziehungsweise zu tun hatten.«

»Aber was ist mit der Bibliothek in San Juan de la Peña?«, warf Matthias ein.

»In der Tat ein Problem, Liebknecht. Darum habe ich einen Brief nach Rom geschrieben und um eine Untersuchung der Abtei gebeten. Der Abt, Juan Briz Martinez ist jedoch ein einflussreicher, angesehener Mann. Er lehrt Theologie an der Universität in Madrid. Es wird nicht leicht werden, eine Untersuchung gegen ihn einzuleiten.«

»Eminenz, ich protestiere auf das energischste! Ich habe mein Dossier als geheim und vertraulich bezeichnet und glaubte es in guten Händen, weil ich Euch vertraue. Doch jetzt habe ich den Eindruck, dass Ihr mein Vertrauen missbraucht, um aus meinem Bericht heraus eine Hexenjagd zu initiieren.«

Der Churfürst kam jetzt wieder näher heran, zog eine Augenbraue hoch und fixierte Matthias.

»Ich wäre ein schlechter Hirte und Vertreter der Mutter Kirche, wenn ich nicht versuchen würde, abtrünnige Schafe in die Herde zurückzuführen. Ihr vergesst offenbar, dass ich als Bischof die heilige Pflicht habe, über die mir anvertraute Gemeinde und über den Glauben zu wachen. Wenn mir also Dinge zu Ohren kommen, die zur Vermutung Anlass geben, ein Vertreter der heiligen Mutter Kirche gar selbst könnte vom rechten Pfad abgekommen sein, so kann ich gar nicht anders handeln als so, wie es sich der pflichtgemäßen Erfüllung meines Auftrages geziemt und ich zur Bewahrung des Glaubens getan habe.«

Fassungslos schüttelte Matthias den Kopf. Er konnte kaum glauben, was er eben gehört hatte. Düster starrte er Churfürst Ferdinand zunächst an, doch dann besann er sich und senkte seinen Blick.

»Mir scheint, Eure Abenteuer und Euer schmerzhafter Verlust Eures Weibes waren allesamt etwas viel für Euch. Darum bin ich geneigt, Milde walten zu lassen. Wacht auf, Liebknecht! Lasst diesen Albtraum Euch nicht für immer und ewig einfangen! Wir leben in schwierigsten Zeiten. Der Antichrist ist allgegenwärtig und bedient sich immer häufiger armer, leicht beeinflussbarer Seelen, um sie zur Hexerei zu verführen, damit Satan sein schreckliches Werk vollenden kann. Konzentriert Euch wieder auf das Wesentliche, geht Euren Aufgaben nach und findet heraus, ob jenes unselige Vermächtnis der seligen Gräfin Sophie von Limburg der Wahrheit entspricht oder aber das Blendwerk geschickter esoterischer Aufrührer ist, eine Fälschung also.«

Matthias hob wieder die Augen.

»Ich habe stets versucht, meinen Pflichten nach bestem Wissen und Gewissen nachzukommen, Eminenz. Natürlich werde ich auch dieses merkwürdige Vermächtnis untersuchen. Dennoch ...«

»Dennoch bleibt Euch ein wenig Zeit, um Euch zu erholen, Euren Geist zu erneuern«, unterbrach ihn der Churfürst.

Verwundert sah Matthias den Erzbischof von Cölln an, der jetzt zu einem der drei Fenster wandelte, durch die die Sonne das schmucklose Audienzzimmer erhellte.

»Wie habe ich das zu verstehen, Eminenz?«

»Heute scheint mal wieder die Sonne, Liebknecht. Der Winter war lang und hart. Mir scheint es, als wolle sich der Frühling gar nicht richtig durchsetzen gegen seinen kalten Widersacher. Kein gutes Klima, um zu genesen. Das stete Grau des Himmels, der ständige Regen, der einem die feuchte Kälte in die Knochen treibt. Ein Wetter so kalt und unfreundlich wie das Volk hier. Nun, ich habe mich entschlossen, Euch Gelegenheit«, Ferdinand von Wittelsbach hielt kurz inne als suche er nach den richtigen Worten, »sagen wir, zu einer Kur zu geben. Der apostolische Nuntius Pierluigi Carafa weilt zurzeit wieder in Rom. Ich habe eine wichtige Nachricht für ihn, die Ihr ihm überbringen sollt.«

»Aber Durchlaucht, das kann doch jeder Botenreiter besser als ich. Was Ihr da verlangt…«, protestierte Matthias lautstark.

»Schweigt!«, gebot ihm der Churfürst und Erzbischof. »Eure Reise geht völlig in Ordnung. Außerdem war es Carafas Wunsch, Euch bald wiederzusehen. Im warmen Klima Roms, im geistigen Zentrum der heiligen Mutter Kirche, wird es Euch auch alsbald besser gehen. Glaubt mir, die Leichtigkeit mit der die Menschen dort das Leben meistern, ist bemerkenswert und wird Euch gefallen. Zudem wird Euch am Heiligen Stuhl Besinnung und geistige Erneuerung zuteil werden, dessen bin ich mir sicher.«

»Ich werde mich Euren Wünschen selbstverständlich fügen, Eminenz.«

»Das ist sehr weise von Euch entschieden, Liebknecht, zumal Ihr auch aus anderen Gründen eine Zeit lang nicht in Bonn weilen solltet.«

»Warum?«

»Lasst es mich so ausdrücken: De facto gibt es hartnäckige Gerüchte de audito - vom Hörensagen -, nach denen Euer seliges Weib eine Hexe war. Man sagt, dass Ihr nur so dem Teufel entkommen und seinen Dämon töten konntet. Aber de mortuis nil nisi bene - über die Toten nur Gutes! - Ich werde mich dafür einsetzen, dass diese Gerüchte verschwinden.«

»Von wem habt Ihr das gehört, Eminenz?«

In Matthias’ Stimme lagen plötzlich wieder Spannung und Kampfbereitschaft.

»Das tut nichts zur Sache, Liebknecht. Bereitet alles für Eure Abreise vor. Ich denke, zehn Tage sollten Euch genügen, um zusammen mit van Leuven alles Notwendige zu besprechen, damit er sich weiter darum kümmern kann herauszufinden, ob dieses Vermächtnis echt ist. Engelbert von Berg war seinerzeit ein guter Landesherr, ein vorbildlicher Bischof und ein überaus gottesfürchtiger Hirte in den Augen des HERRN. Er hat es meiner Meinung nach mehr als verdient, endlich heilig gesprochen zu werden. Qui honorem, honorem – Ehre, wem Ehre gebührt! Liebknecht, ich bin einfach nicht gewillt zu glauben, dass dieses Vermächtnis der Wahrheit entspricht. Enttäuscht mich nicht.«