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Körperteile

von

Dirk Breitenbach

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Dirk Breitenbach wurde 1967 in Hünfeld geboren und ist seit 1985 Polizeibeamter.

Nach zehn Jahren bei der Bundespolizei wechselte er 1995 zur Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen. Nach seinem Studium für die Laufbahn im gehobenen Dienst hat er in Köln und dem Rhein-Sieg-Kreis gearbeitet.

Seit 2013 befindet er sich in Folge eines Dienstunfalls als Polizeihauptkommissar im Ruhestand. Er hat schon in mehreren Anthologien veröffentlicht.

Dies ist sein erster Krimi.

„Dirk Breitenbach gibt in seinem Episoden-Krimi einen Einblick in den Alltag der Polizeiarbeit. Seine Geschichten, getragen von einer sympathischen Crew, sind kenntnisreich und pointiert, oft hart, nie kalt. Kaum zu glauben: So fesselnd kann die Realität sein.“

Iris Schürmann-Mock (Autorin, Journalistin)

„Packender als ein ‚Tatort’! Dirk Breitenbachs wahre Geschichten erzählen – literarisch verdichtet – von den Herausforderungen des Polizeialltags.

Es muss nicht immer Mord und Totschlag sein: Diese Storys gehen unter die Haut.“

Dr. phil. Georg Schwikart (Autor, Herausgeber, Theologe)

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Dirk Breitenbach

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Inhalt

Vorwort

Kapitel 01 „Alltag“ (Spätdienst)

Kapitel 02 „Glück“ (Frühdienst)

Kapitel 03 „Bong“ (Frühdienst)

Kapitel 04 „Alles, was geht“ (Nachtdienst)

Kapitel 5 „Allein“ (Nachtdienst)

Kapitel 6 „Pizzataxi“ (Freischicht)

Kapitel 7 „Horst – Null positiv“ (Spätdienst)

Kapitel 8 „Funken“ (Spätdienst)

Kapitel 9 „Wo?“ (Frühdienst)

Kapitel 10 „Aufklärung“ (Frühdienst)

Kapitel 11 „Kindermund“ (Nachtdienst)

Kapitel 12 „Schrei“ (Nachtdienst)

Nachwort

Danksagung

Vorwort

Dieser Episoden-Roman basiert auf Tatsachen und orientiert sich an der Wirklichkeit.

Die handelnden Personen sind nicht frei erfunden, aber soweit verfremdet, dass ihre Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben.

Wer sich wiedererkennen möchte, ist dazu herzlich eingeladen.

Die spannenden, vergnüglichen oder auch schockierenden Einsätze, über die Sie in der Folge lesen werden, haben sich tatsächlich, bis auf einen, im Rhein-Sieg-Kreis und Umgebung ereignet.

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung!

Dirk Breitenbach

P.S.: Sollten Sie trotz intensiven Lektorats noch Fehler in dem Buch finden, dürfen Sie diese gerne behalten.

Kapitel 01

„Alltag“ (Spätdienst)

Mein Spiegelbild zeigt mir einen Morgenmuffel. Es blickt mich zwischen verschlafenen Lidern an, als wolle es sagen: Schau mal auf die Uhr!

„Ach, lass mich in Ruhe!“

Vier Uhr dreißig. Halogenstrahler beleuchten die kleine Uhr gleich neben dem Waschtisch.

Missmutig stecke ich mir meine elektrische Zahnbürste in den Mund. Der Timer passt den Takt pro Zahnreihe für mich ab. Ohne seine periodischen Vibrationen würde ich im Stehen wieder einschlafen. Wenn die Dienstwoche schon so losgeht!

Meine Hände reiben prüfend über meine Bartstoppeln und befinden sie für diese Uhrzeit für angemessen kurz. Mit wenigen Schritten überbrücke ich den kalten Fliesenteil zwischen dem kuscheligen Badvorleger und der Dusche. Dabei spüre ich kurz den Wärmekegel des anlaufenden Heizkörpers. Heißes Wasser klärt meine Gedanken und spült mir den Schlaf aus den Augen.

Das Handtuch um die Schultern, fahre ich mit den Fingern durch meine kurzen blonden Haare. In meinem Gesicht haben mehr als vierzig Jahre ihre Spuren hinterlassen. Erst das verlöschende Licht lässt die Linien verblassen, kurz bevor ich die Badtür zuziehe, damit es meine Familie in einigen Stunden schön warm hat.

Während ich mich im Schlafzimmer leise anziehe, dreht sich Anja behaglich im Bett um. Das Mondlicht fällt hell auf ihre Schulter, die von langen schwarzen Haaren eingerahmt wird. Ihr Körper wiegt leicht im Wellenschlag des Wasserbetts, dann liegt sie wieder still. Sanft küsse ich sie auf die Stirn und ernte dafür ein gemurmeltes: „Pass auf dich auf!“

„Ich liebe dich. Bis heute Nachmittag.“ Während ich meine Worte in ihren Halbschlaf flüstere, schließen sich ihre Lider bereits wieder.

Im unbeleuchteten oberen Flur unserer Doppelhaushälfte gehe ich an der Zimmertüre unserer fast erwachsenen Tochter Katharina vorbei. Ihre Nacht ist auch bald zu Ende und die Vorbereitungen auf das Abitur werden auch heute wieder ihre ganze Aufmerksamkeit erfordern.

Unten am Absatz der Treppe drängen sich die Bilder des gestrigen Tages zurück in meine Erinnerung. Ein Unfall. Ein ganz alltäglicher Unfall war schuld an meinem verlängerten Dienst. Nun liegt eine junge Frau im Krankenhaus und bangt um ihre Gesundheit, weil ein Unbelehrbarer unter Alkoholeinfluss die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hat. Anschließend ist er von der Unfallstelle geflohen. Das ist beinahe die Regel. Kaum jemand ist heute noch bereit, die Konsequenzen für seine Taten zu tragen, insbesondere, wenn man gesoffen oder Drogen genommen hat.

Krachend spuckt der Toaster meine Brote aus. Ich beginne sie in unserer kleinen Küche zu schmieren, während sich der Spätdienst von gestern endgültig in meine Gedanken schleicht.

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Kurz vor Schichtende – solche Dinge passieren immer kurz vor Schichtende – war der Unfallverursacher, ein betrunkener Mittfünfziger, ein wenig zu weit auf die Gegenfahrspur geraten. Er hatte sich mit seinem Mercedes frontal in den kleinen Corsa der jungen Frau gebohrt. Ziemliches Pech, da die L333 in Richtung Eitorf zu so später Stunde kaum noch befahren wird. Zum Glück fuhr direkt hinter dem Corsa ein weiteres Fahrzeug, das uns und die Rettungsdienste sofort alarmiert hat. Der betrunkene Mercedes-Fahrer sah dazu offensichtlich keine Veranlassung und machte sich sofort aus dem Staub.

Jasmin und Aramis, der eigentlich Michael heißt, waren als erste Streife vor Ort. Ihnen bot sich kein sehr angenehmer Anblick. Nach der hässlichen Kaltverformung lackierten Metalls hatten sich Teile beider Fahrzeuge über die Landstraße verteilt. Der stark in Mitleidenschaft gezogene Kleinwagen war so deformiert, dass die bereits eingetroffene Feuerwehr sofort Rüstwagen mit schwerem Bergegerät nachbestellt hatte. An ein Befahren der L333 war nicht mehr zu denken.

Die Rettungssanitäter bemühten sich um die Fahrerin des Corsa und der Notarzt war zusätzlich alarmiert worden. Jasmin informierte mich auf der Wache telefonisch über den Sachverhalt: „Der Zusammenstoß war ziemlich heftig. Die Fahrerin des Corsa ist schwer verletzt. Der mutmaßliche Verursacher ist flüchtig. Wir haben zwar im Moment nicht viel Verkehr, brauchen aber trotzdem Verstärkung zur Sperrung bzw. Um- und Ableitung. Am besten relativ weit voraus, damit wir an der Unfallstelle keine Behinderungen durch wendende Fahrzeuge bekommen. Kannst du das für uns organisieren?“

Wenn es etwas zu regeln gibt, dann ist das mein Job als Dienstgruppenleiter. Einteilen, organisieren, vor Ort leiten, motivieren und versuchen, die Übersicht zu behalten.

Da der Zeuge und Melder den Fahrzeugtyp und das Kennzeichen des Flüchtigen mitteilen konnte, war es für Kai, meinen Wachdienstführer und Vertreter für den Fall, dass ich nicht im Dienst bin, ein Leichtes, über die Leitstelle eine Fahndung herauszugeben. Solche Fahndungen gehen regelmäßig an alle Wachen im eigenen Bereich, an die benachbarten Polizeibehörden – wenn davon auszugehen ist, dass sich der Flüchtige in deren Bereich bewegen könnte –, je nach Lage an die öffentlichen Verkehrsbetriebe und natürlich an die Taxidienste.

Ich schickte von der Wache einen zweiten Wagen mit Lukas und Nicole zur Unterstützung an den Unfallort. Wir sind selten stark genug besetzt, um uns den Luxus eines zusätzlichen Beamten zur Unterstützung und Sicherung des Dienstgruppenleiters erlauben zu können, und so machte ich mich allein in meinem Einsatzwagen auf den Weg zur Unfallstelle.

Die Wohnanschrift des flüchtigen Fahrers teilte mir die Leitstelle gleich nach dem Einsteigen in meinen Streifenwagen über Funk mit.

Ich gab der Leitstelle mit Hilfe meines Statusgebers im Fahrzeug bekannt, dass ich auf dem Weg in meinen Einsatz war, und schaltete das Blaulicht ein. Ich liebe es, mit blauem Blinklicht schnell durch die Dunkelheit zu brausen. Abends, wenn das Flackern gut zu sehen und auf den Straßen nicht mehr so viel los ist, verzichten die meisten von uns gerne auf das Einsatzhorn, um die Anwohner nicht zu stören. Davon abgesehen ist es selbst innerhalb des Fahrzeuges zu laut, um es ohne Not einzuschalten. Für diese Fahrt brauchte ich weder ein Navigationsgerät noch eine Landkarte. Über die Jahre findet man fast jeden Einsatzort ohne Hilfe, sodass meine zerschlissene Karte des Rhein-Sieg-Kreises ihren angestammten Platz zwischen den Sitzen behalten konnte.

Die Halteranschrift des Verursachers lag nicht weit von meinem Weg zur Unfallstelle. Ein kleiner Abstecher führte mich auf Straßen, die auf beiden Seiten von schönen, zum Teil mittelalterlichen Häusern gesäumt wurden. Enge, von Bepflanzungen eingerahmte Gassen versuchten meine Fahrt zu verlangsamen. An meinem Ziel erwartete mich eine schicke Villa in der hübschen Stadt Blankenberg. Vor der Tür, in der Einfahrt – nichts. Kein Unfallfahrzeug, keine verschlossene Garage, nur ein riesiger Carport, in dem einsam ein roter Porsche stand. In der näheren Umgebung fielen mir vereinzelt Schemen von Gesichtern hinter Gardinen auf, aber kein Mercedes mit Frontschaden. Auch auf meinem weiteren Weg zur Unfallstelle, teilweise entlang einsamer Straßen und kleiner Ortsdurchfahrten, dann wieder auf der L333, hielt ich die Augen offen. So wie die Kollegen die Unfallfolgen beschrieben hatten, konnte der flüchtige Unfallbeteiligte mit seinem beschädigten Wagen nicht mehr sehr weit gekommen sein. Die Straße führte weg von den Lichtern der Häuser, hin zur Dunkelheit der dichten Wälder. Die Scheinwerfer meines Passats zerteilten die Nacht. Eine helle, blaublinkende Spur entlang der gewundenen Landstraße. Einige Kilometer schwarzen Asphalts später waren die flackernden Lichtkaskaden der Einsatzkräfte am Horizont zu erkennen.

Beinahe hätte ich das Wrack des Mercedes übersehen.

Es stand wenige Meter in einen Waldweg hinein und der Fahrer häufte gerade Äste über sein Fahrzeug. Zum Glück hatten sich die großen verchromten Felgen in meinem Scheinwerferlicht gespiegelt. Ich bremste hart und schleuderte. Mir war der spiegelnde Ölfilm auf der Straße nicht aufgefallen. Mein Wagen drehte sich um die eigene Achse, bevor ich nach schier endlosen Sekunden mit durchgetretener Bremse mitten auf der Fahrbahn zum Stehen kam.

Mir schlug mein Herz bis zum Hals, als ich mich wieder in meinem Sitz zurechtsetzte, meine verstreuten Utensilien dem Fußraum überließ, in den sie sich geflüchtet hatten, und langsam wieder Gas gab, um an der Ölspur entlang das kurze Stück Weg zurückzufahren.

Den Einsatzwagen platzierte ich so auf der Straße, dass eventuell nachfolgender Verkehr gezwungen war, langsam an ihm und der nachfolgenden Ölspur vorbeizufahren. Das Blaulicht musste erstmal zur Absicherung ausreichen. Per Funk informierte ich meine Kollegen vor Ort und die Leitstelle über die Ölspur, bestellte die Feuerwehr zum Abstreuen, teilte mit, dass ich Fahrzeug und Fahrer des anderen Unfallbeteiligten gefunden hätte, atmete kurz durch und stieg vorsichtig aus. Die Ölspur zog sich von der Straße auf den Feldweg in Richtung des versteckten Mercedes. Kein Zweifel, dass sie von ihm verursacht worden war. Ich folgte ihr auf dem festgefahrenen, jetzt zusätzlich mit Öl verschmutzten Waldweg.

Am Mercedes stand ein Mann, dessen kleine wutentbrannte Augen in das helle Licht meiner Einsatzlampe blinzelten. Er schwankte leicht hin und her, wie der Ast, den er in den Händen hielt.

„Was willst du von mir, Bulle?“, schrie er mich an. „Ich habe nichts getan!“

Ich blieb stehen und versuchte, die Situation einzuschätzen. Einer gegen einen – das war fair.

„Na, dann ist ja alles gut! Aber jetzt legen Sie erst einmal den Ast weg und dann unterhalten wir uns.“ Meine Stimme trug gut durch den Wald. Der kleine Birkenast in seiner Hand war verzweigt und hing voller Blätter. Im Schein meiner Lampe sah mein Gegenüber nicht sehr bedrohlich aus. Er war zwar groß, wirkte aber mit seinem stattlichen Bauch eher unbeweglich. Aber warum ein Risiko eingehen. Meine Hand tastete nach dem Pfefferspray.

Er hob drohend den Ast und rief: „Ich lege nichts weg und es gibt auch nichts zu reden! Hör auf, mir mit der verdammten Taschenlampe ins Gesicht zu leuchten!“

Ihn weiterhin blendend näherte ich mich um einige Meter und konnte ihm in die Augen sehen. Sie waren gerötet und blutunterlaufen, die Pupillen riesig. Langsam wich er vor mir zurück, bis ihm sein eigener Wagen den Weg versperrte. Den Ast schwenkte er weiter unkoordiniert in meine Richtung. Sein schicker schwarzer Anzug korrespondierte mit seinem in ordentlichen Wellen nach hinten gekämmten grauen Haar. Die dreckverschmierten italienischen Schuhe wirkten dagegen wie der Fehler in einem Suchbild einer Managerzeitung.

Als ich ihm mit einer schnellen Bewegung den Ast entriss, fiel er, durch meinen Schwung aus dem Gleichgewicht gebracht, der Länge nach hin. Seinen Versuch, wieder auf die Beine zu kommen, verhinderte ich bereits im Ansatz mit einem leichten Schubser und schon saß er wieder auf seinem bügelfreien Hosenboden im Dreck.

„Polizeiwillkür! Du hast mich angegriffen!“ Mit seinen Worten wehte ein intensiver Schwall Alkoholatem zu mir herüber. Mit bemüht ruhiger Stimme antwortete ich: „Nun mal ganz langsam. Erst einmal möchte ich nicht, dass Sie mich duzen. Wir haben nicht zusammen im Sandkasten gespielt.“

Er setzte zu einer Erwiderung an: „Ich duze, wen …“

„Und zum Zweiten bleiben Sie jetzt auf Ihrem Allerwertesten sitzen und hören mir zu!“, unterbrach ich ihn in scharfem Ton.

„Ich bin Anwalt!“ Seine Stimme bekam einen schrillen Klang.

„Und ich bin einer, den das nicht stört! Sie stehen mitten im Wald auf einem Waldweg und versuchen Ihr offensichtlich unfallbeschädigtes Fahrzeug zu tarnen. Was soll das? Sie waren doch an dem Unfall beteiligt, von dem aus sich eine Ölspur bis hierher zieht.“

„Ich sage nichts! Ich kenne meine Rechte!“

„Das steht Ihnen als Betroffener natürlich frei. Haben Sie Alkohol getrunken?“

Keine Antwort.

Ich leuchtete zu seinem Fahrzeug hinüber. Trotz der begonnenen Tarnung konnte man den Schaden gut erkennen. Die gesamte Fahrzeugfront war zertrümmert, die Windschutzscheibe von einem Spinnennetz aus Glasbruch durchzogen und ein Rad stand leicht schief vom Rest des Kotflügels ab.

„Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“ Er wirkte indigniert.

„Ich denke, Sie sind Herr Seefeld, der Halter dieses Wagens, stimmt das?“

„Genau. Mein Name ist Seefeld. Fachanwalt für Verkehrsstrafsachen.“

Ich stutzte, ging aber nicht weiter darauf ein. „Haben Sie sich verletzt?“

„Was?“, ätzte er seine Antwort.

„Haben Sie sich verletzt? Schließlich hatten Sie vor wenigen Minuten einen schweren Verkehrsunfall. Also, haben Sie sich verletzt?“ Meine Stimme wurde drängend.

„Nein … ich habe mich nicht verletzt. Ich fahre einen Mercedes – übrigens seit über 30 Jahren unfallfrei. Der muss so einen kleinen Zusammenstoß aushalten können.“ Seine Antwort nahm ich verwundert zur Kenntnis und rechnete das schnelle Geständnis seinem Alkoholzustand zu.

„Wie ist der Unfall genau passiert?“

„Keine Ahnung! Jetzt hören Sie endlich auf, mich zu belästigen! Ich habe es nun wirklich nicht nötig, Ihnen zu antworten.“

Langsam und stöhnend richtete er sich auf und klopfte sich den Schmutz von den Kleidern. „Ich will, dass Sie mich in Ruhe lassen!“ Er starrte mich an, als wollte er mich mit seinen riesigen Pupillen hypnotisieren.

„So funktioniert das nicht, Herr Seefeld“, antwortete ich. „Hier machen nicht Sie die Regeln.“

Auf die Motorhaube gestützt, kramte er nach seinem Handy: „Das werden wir sehen. Ich kenne den Polizeipräsidenten und werde dafür sorgen, dass Sie entlassen werden. Ich rufe ihn jetzt an.“

Mit einem schnellen Griff änderte ich die Besitzverhältnisse seines Telefons zu meinen Gunsten. „Daraus wird leider vorerst nichts, das müssen Sie auf nachher verschieben. Bitte legen Sie jetzt alles, was Sie in Ihren Taschen mit sich führen, neben das Handy auf die Motorhaube Ihres Fahrzeuges. Ich werde Sie nun zu meiner Sicherheit durchsuchen.“

Tatsächlich fand sich unter seinen Besitztümern ein Ausweis der Rechtsanwaltskammer Köln und ein Führerschein, den ich direkt einbehielt. Meine Erklärung über die Sicherstellung wartete er gar nicht erst ab und beschimpfte mich wortreich: „Sie dürfen mir meinen Führerschein nicht wegnehmen. Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie sich anlegen. Ich werde Dienstaufsichtsbeschwerde einlegen. Das wird Sie den Job kosten. Ich schleife Sie vor Gericht!“

Bemerkenswert fand ich, dass er „Dienstaufsichtsbeschwerde“, was schon nüchtern schwierig auszusprechen ist, völlig unfallfrei artikulieren konnte. Wenn man stark alkoholisierten Menschen ihren Alkoholkonsum kaum anmerkt, spricht das für starke Alkoholgewöhnung.

Vorn an der Straße hielt ein weiterer Einsatzwagen einer anderen Wache, der mir zur Unterstützung geschickt worden war. Ich wies die Kollegen kurz in den Sachverhalt ein, stellte ihnen Herrn Rechtsanwalt Seefeld vor und bat sie, bei ihm eine Blutprobe und eine ärztliche Untersuchung durchführen zu lassen. Der bei der Polizei unter Vertrag stehende Blutprobenarzt würde bei der Gelegenheit auch mögliche Verletzungen an ihm diagnostizieren können.

Nachdem Herr Seefeld seine Tatbeteiligung zwar unfreiwillig, aber dennoch eindeutig gestanden hatte und auch das verunfallte Auto als Sachbeweis zur Verfügung stand, konnte ich nun endlich zur eigentlichen Unfallstelle fahren und war diesen unangenehmen Zeitgenossen los.

Um die Sicherstellung des Fahrzeuges und Information der Spurensicherung würden sich die beiden Kollegen ebenfalls kümmern. Ich bedankte mich bei ihnen und setzte mich, nachdem ich einige Fotos von der Örtlichkeit gemacht hatte, wieder in meinen Wagen.

Unter der Sonnenblende zog ich das Klemmbrett mit meinen Notizen hervor und vermerkte darauf die Fakten, bevor ich meine Fahrt vorsichtig, nun entlang der Ölspur, fortsetzte.

Auf meinem Weg zur Unfallstelle passierte ich Lukas, der sich um unsere neue Auszubildende Nicole kümmerte. Gemeinsam leiteten sie den spärlichen Verkehr ab. Lukas sah aufgrund seiner über ein Meter neunzig in der gelb reflektierenden Warnweste – selbstverständlich niemals ohne Dienstmütze und Anhaltestab – wie eine übergroße mobile Warnbarke aus. In seiner Freizeit fährt er als Lokomotivführer auf der Drachenfelsbahn. Ob er seine besondere Leidenschaft der Augsburger Puppenkiste zu verdanken hat, weiß er heute nicht mehr zu sagen. Nicole dagegen hat eine eher schmale Gestalt. Sie ist der Typ Langstreckenläuferin. In ihrer zu großen Weste wirkte sie ein wenig verloren. Wir nennen sie gerne auch liebevoll „olize“, da man auf der Rückenpartie ihrer Jacken wegen der schmalen Schultern das „P“ und das „i“ von Polizei nicht lesen kann.

Noch immer blinkten mehrere Blaulichter an der Unfallstelle. In der Zwischenzeit hatte die Feuerwehr Lichtmasten aufgestellt. In deren Schein konnte man den zerstörten Kleinwagen erkennen. Scherben und abgerissene Karosserieteile, so weit das Auge reichte. Dazwischen Rettungsdienst und Feuerwehr. Das Kreischen von Trennschleifern und das Knallen der Hydraulikscheren durchbrach das organisierte Gewusel aus gerufenen Anweisungen. Schritte knirschten auf dem mit Bindemittel abgestreuten Kühlwasser und Öl. Mein Blick wanderte über die Reste des Corsa und suchte nach dem blonden Schopf von Jasmin. Ich fand sie kniend neben dem Fahrzeug, wo sie die Spurenlage mit Sprühkreide auf dem Asphalt markierte. Aramis vermaß die Spuren, skizzierte sie und fertigte Lichtbilder an. Die beiden sind ein gutes Team. Aramis ist im Einsatz der Fels in der Brandung und Jasmin extrem empathisch.

Während sich die Rettungskräfte um die Befreiung der Verletzten kümmerten, saß diese eingeklemmt zwischen den Resten der Fahrzeugholme und wimmerte. Ihr Kopf war blutverschmiert und wurde von einer Halskrause gestützt. Türen und Dach des Wagens waren bereits entfernt. Nun versuchte die Feuerwehr, das Auto hydraulisch so weit zu strecken, dass man sie befreien konnte, ohne ihr weitere Verletzungen zuzufügen. Der Arzt sprach in sehr ruhigem Ton mit ihr, während er ihre Vitalfunktionen kontrollierte. Ich wandte mich nach einem Blick in ihr blutverschmiertes Gesicht ab und ging zu den Kollegen.

„Hey! Wie sieht’s bei euch aus? Wie weit seid ihr?“, rief ich Aramis zu.

„Hallo, Frank. Die Personalien des Opfers haben wir, und mit der Unfallstelle sind wir fast fertig.“ Aramis blickte kurz von seinem Skizzenblock auf. „Was ist mit dem anderen Fahrer?“

„Dem wird gleich eine Blutprobe entnommen. Wurden bereits die Angehörigen der Frau benachrichtigt?“

Er machte weiter Notizen in seiner Unfallskizze, während er mir zuhörte. „Das übernimmt die Feuerwehr. Ich glaube, die Mutter ist bereits auf dem Weg hierhin.“

Jasmin stand auf und reckte ihren schlanken Körper. Ich sah zu ihr herüber. Ich war nicht der Einzige. Auch einige der Feuerwehrmänner reckten ihre Hälse. So schöne Frauen sieht man sonst nur bei „Germany’s Next Topmodel“.

„Einen Abschlepper haben wir auch bestellt.“ Ihre blauen Augen blickten müde. „Die Frau hat es übel erwischt. Hast du ihre Beine gesehen? Sprichst du bitte mit der Mutter? Ich kann das nicht.“

Unwillkürlich nickte ich. „Mach ich, dann bleibt doch noch etwas für mich zu tun übrig. Schön, dass ihr schon alles so gut geregelt habt.“

„Das ist ja wohl das Mindeste!“ Aramis stand jetzt dicht neben Jasmin und schien ihr durch seine bloße Anwesenheit Kraft zu geben. Oder schützte er sie vor den verstohlenen Blicken der anwesenden Männer?

Ich wandte mich ab, froh über den bisher so reibungslosen Verlauf. Danach nahm ich Kontakt mit den Rettungskräften auf. Der Löschgruppenführer kam gleich zum Wesentlichen: „Wir haben sie in ein paar Minuten draußen. Der Doc hält sie für stabil. Sie wird jetzt auf dem schnellsten Weg ins Krankenhaus gebracht. Die Beinverletzungen sind nicht unerheblich; die werden kaum ohne Folgeschäden verheilen. Braucht ihr noch was von uns?“

Ich musste meine Stimme gegen den Lärm eines anspringenden Diesel-generators erheben: „Wenn ihr die Unfallstelle und den Auffindeort abgestreut habt und der Schrott von der Straße ist, können wir die Straße wieder freigeben. Hattet ihr Kontakt zur Mutter?“

„Ja, die ist auf dem Weg ins Krankenhaus und wartet dort auf ihre Tochter. Wir dachten, so wäre es euch vielleicht am liebsten.“

Er drückte mir einen Zettel mit den Personalien und der Telefonnummer der Mutter in die Hand.

„Danke. Das ist nett! Ich wundere mich, warum noch keine Presse da ist. So ein Unfall ist doch für die ein gefundenes Fressen.“

„Lass es uns nicht beschreien. Da kommt schon noch einer.“ Grüßend ging er in Richtung Wrack davon. Ich folgte ihm zögernd mit einigem Abstand.

Das helle Licht der Halogenscheinwerfer warf harte Schatten in das Gesicht der Verletzten. Trotz der lauten Aktivität um sie herum schienen sie und der Arzt eine Oase der Stille um sich geschaffen zu haben. Fast wie bei einem alten Liebespaar lehnten ihre Oberkörper eng aneinander. Ihr Versuch, ihren Kopf gegen seine Schulter zu lehnen, wurde von der Halskrause vereitelt. Sein Arm stützte sie, während er mit der anderen Hand ihren Puls fühlte und leise weiter beruhigend auf sie einsprach. Fragend blickte ich den Arzt an und vermied es, in das bleiche Gesicht der jungen Frau zu sehen. Er nickte mir freundlich zu und sprach weiter mit ihr: „Haben Sie jetzt nach der Spritze noch Schmerzen, Simone?“

Sie schüttelte leicht den Kopf.

„Nicht bewegen! Nur sprechen. Wir bringen Sie gleich ins Krankenhaus. Dort wartet Ihre Mutter bereits auf Sie. Sie wollen Ihre Mutter doch bestimmt sehen.“

Diesmal nickte sie, während ihr schweißnasser Pony weiter an der Stirn klebte und ihr Tränen über das getrocknete Blut in ihrem Gesicht liefen. „Nicht bewegen! Sie müssen sprechen! Das hilft Ihnen, wach zu bleiben.“

Die Stimme des Arztes klang jetzt schärfer.

„Kann ich sie befragen?“, wandte ich mich an den Arzt.

„Versuchen Sie es, dann schläft sie mir wenigstens nicht ein. Es wird ihr nicht schaden. Zumindest, wenn sie aufhört, ihren Kopf ständig zu bewegen.“

Seine Worte richteten sich mehr an sie als an mich. Ich nahm mir vor, ausschließlich offene Fragen zu stellen, die sie nicht mit Ja oder Nein beantworten konnte.

„Simone – ich hoffe, ich darf Sie Simone nennen? – können Sie sich an den Unfall erinnern? Was genau ist passiert?“

„Ich weiß es nicht. Es ging alles so schnell. Auf einmal stachen mir Scheinwerfer in die Augen und blendeten mich. Danach gab es diesen fürchterlichen Knall und ich weiß nichts mehr.“ Ihre Antwort kam stockend und sehr leise.

„Wissen Sie noch, ob Sie auf Ihrer eigenen Fahrspur waren?“

Ich beugte mich näher zu ihr, um ihre geflüsterte Antwort zu verstehen.

„Ja, ich war auf meiner Fahrbahn und, weil ich Angst vor Wildwechsel hatte, auch ganz langsam.“

Ihre Zunge wischte einen Tropfen Blut aus ihrem Mundwinkel, der sich einen Weg von der Stirn gebahnt hatte. Ich beließ es erst einmal dabei. Wozu hätte ich sie noch mehr quälen sollen? Zum Reden würde hoffentlich auch später Zeit sein.

Die gesamte Spurenlage, die den Ort des Zusammenstoßes genau bezeichnete, und die Endlage des Corsa gaben dem Gutachter und uns genügend Aufschluss über den Unfallhergang. Ein Feuerwehrmann trat neben mich an den Wagen, legte zum Schutz eine schwere Decke über Simone und gab ein Handzeichen nach hinten. „Bitte zur Seite treten!“

Das Kreischen von Metall und der aufheulende Dieselmotor begleiteten das Strecken des Wracks. Nun barst auch die letzte Scheibe, aber Simone lag frei auf ihrem Sitz. Erfahrene Hände hoben sie langsam und vorsichtig aus dem Wrack.

Die bereitstehende Liege mit der Vakuummatratze wurde zum Rettungswagen geschoben. Als dieser unter blinkendem Blaulicht abfuhr, vibrierte das Handy in meiner Jackentasche. Es war die Leitstelle, die eine kurze Lagemeldung für die Presse haben wollte. Ich fasste zusammen und fragte dann: „Warum ist keiner von der Meute hier vor Ort? Habe ich etwas verpasst?“

„Ja, Frank, hast du!“, tönte es aus dem Lautsprecher. „Wir haben zeitgleich einen schweren Raub auf eine Tankstelle in Troisdorf mit bewaffnetem Täter. Offensichtlich haben sie sich auf den gestürzt. Ich brauche auch deine Einsatzkräfte so schnell wie möglich. Wann kannst du sie freigeben?“

Ich ächzte: „Gar nicht! Das sind alles Kollegen, die aus dem Spätdienst übrig geblieben sind. Die schreiben nach Einsatzende ihre Anzeigen und Berichte und danach fahren sie heim. Es bleibt bis zum Frühdienst so schon kaum noch Zeit zum Schlafen.“

„Gut, dann wissen wir Bescheid. Das konnte ich auf dem Einsatzmonitor nicht sehen. Melde uns aber bitte, wenn ihr Schluss macht.“

„Mach ich.“ Ich streckte meinen Rücken, verstaute das Handy in der Jacke und sah mich um. Als wäre die Abfahrt des Rettungswagens gleichzeitig das Signal für den gemeinschaftlichen Aufbruch gewesen, lichtete sich die Unfallstelle schnell.

Das Wrack des Corsa wurde, samt der abgeschnittenen Teile, auf den Abschlepper geladen und befestigt. Die Feuerwehr kehrte die letzten Überbleibsel des Unfalls weg und baute ihre Lichtmasten ab.

„Alles soweit fertig?“ Ich trat zu Aramis und schrubbte mit dem Fuß prüfend über eine abgestreute Ölspur.

„Wir haben alles. Sollen wir die Unfallanzeige heute noch schreiben? Wir haben beinahe Mitternacht!“

Er blickte mich fragend an. Ich überlegte kurz. Unfälle mit Personenschaden müssen direkt gefertigt werden, insbesondere wenn Nachfragen zu erwarten sind. Andererseits hatten wir jetzt alle schon mächtig viele Stunden auf dem Buckel und gleich morgen wieder Frühdienst.

„Lass uns auf die Wache fahren und sehen, wie weit die beiden Kollegen mit der Blutprobe sind. Wenn der ganze Papierkram so weit zusammen ist, reicht es wahrscheinlich, wenn wir den Unfall zumindest im System anlegen. Fahrt doch schon vor, ich mache den Rest.“

Jasmin saß bereits auf dem Fahrersitz und ich winkte ihr zu, als sie mit Aramis in die Nacht davonfuhr.

Nach den letzten Absprachen mit der Feuerwehr und den abrückenden Einsatzwagen sah ich mich nach dem Notarzt um, aber der war schon wieder unterwegs. In den Feierabend oder zu seinem nächsten Einsatz – wer weiß.

Auf der Rückfahrt zur Wache überprüfte ich die Ungefährlichkeit der Ölspur, meldete unseren Einsatz bei der Leitstelle ab und entließ Lukas, den Lokomotivführer, und die kleine Olize in den Feierabend. Die Straße konnte wieder für den Verkehr freigegeben werden. Gleich im ersten Wagen des entgegenkommenden Verkehrs, gut erkennbar im Licht meiner Scheinwerfer, zeigte mir ein offensichtlich von der Sperrung genervter Mitbürger den Vogel. Dabei hätte mir ein einfaches Dankeschön völlig gereicht.

Während der Rückfahrt kam ich langsam wieder zur Ruhe und überließ mich meinen Gedanken. Seit Dienstbeginn hatte ein Einsatz den nächsten gejagt. Keine großen Sachen: ein paar kleine Sachschadenunfälle, eine hilflose Person hinter verschlossener Tür, Ladendiebstähle, Unterstützung eines Gerichtsvollziehers, unartige Verkehrsteilnehmer und eine Festnahme aufgrund eines Haftbefehls – viel Schreibarbeit.

Und jetzt dieser Unfall.

Ein einziger Augenblick kann das ganze Leben verändern. Allzu bald würde auch meine Tochter alleine mit dem Auto unterwegs sein und nichts würde sie vor solchen Gefahren bewahren können. Anja kam mir in den Sinn. Ich hatte vergessen, sie anzurufen, um Bescheid zu sagen, dass ich später kommen würde. Ich hielt an, holte das Handy wieder aus der Jacke und wählte unsere Nummer. Noch vor dem ersten Klingeln legte ich wieder auf. Sicher war sie bereits ins Bett gegangen. Sie wusste ja, dass es später werden konnte, manchmal viele Stunden.

Noch bevor ich es wieder weglegen konnte, vibrierte es in meiner Hand. Auf dem Display stand „RvK“.

Also doch, ging es mir durch den Kopf, bevor ich das Gespräch annahm. „Es hätte mich auch gewundert, wenn du Buchstabenverbieger nicht angerufen hättest“, begrüßte ich „Rolf vom Kurier“. „Wo bist du? Bei dem Raub?“

„Ja, bei dem Raub. Und dass ich dich anrufen muss, ist deine eigene Schuld. Hättest du dich nicht zu dem Unfall abgeseilt, wärest du jetzt hier und wir könnten ohne Hilfsmittel reden. Aber genug geflachst. Störe ich dich?“

„Nicht mehr als sonst!“ Das Lächeln, das sich in mein Gesicht schlich, entspannte mich. Ich mochte diesen Kerl. Er war immer freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit und loyal. Informationen wurden bei ihm nicht missbraucht. Ich hatte noch nie ein einziges Wort in seiner Zeitung gelesen, das man ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte. „Was kann ich gegen dich tun?“

„Was ist bei euch los gewesen? Kannst du mir ein paar Infos geben?“

„Rolf, du weißt doch, dass das alles nachher als Pressemitteilung kommt. Gedulde dich einfach noch ein bisschen.“

„Komm, lass dich nicht bitten. Du weißt selbst, dass wir Redaktionsschluss haben, ehe der Pressebericht raus ist.“

„Okay, aber nur die groben Fakten. Bist du schreibbereit?“

„Du bist der Beste. Leg los!“

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„Hey, Frank. Noch da?“, begrüßte mich Hans, der Dienstgruppenleiter des Nachtdienstes auf der Wache. „Kann ich den Wagen von dir übernehmen?“

Hans ist ein älterer Kollege, der irgendwie zum Inventar gehört. Bei der Polizei ist in den Führungsebenen Fluktuation angesagt. Offiziell heißt das „Verwendungsbreite zeigen“, tatsächlich bedeutet es aber auch, dass Dienstgruppen nicht zu lange mit einem Vorgesetzten zusammenarbeiten sollen, um Verbrüderungen zu vermeiden. Er jedoch scheint sich bislang an seinem Stuhl erfolgreich festgehalten zu haben.

„Klar, ich brauche den Wagen nicht mehr. Aber du musst tanken, das habe ich nicht mehr geschafft. Ich nehme nur noch meine Tasche raus.“

Bei meinen letzten Worten war ich schon auf dem Weg zu meinem Schreibtisch. An seinem Tisch bemerkte ich Kai, meinen Wachdienstführer, der seine Nase in einen Stapel Papiere vergraben hatte. „Kai, was machst du denn noch hier? Bist du zu Hause rausgeflogen?“

Grinsend ging ich auf ihn zu. Kai blickte auf und hielt mir einen Stapel Papier entgegen. Eigentlich hätte er, nachdem er seinen Wachtisch mit allen Infos an den Nachtdienst übergeben hatte, nach Hause gehen können. Kai ist unser Hans im Glück. Immer einen frechen Spruch auf den Lippen, immer gut drauf und für jeden Spaß zu haben. Er ist der ideale zweite Mann. Er ist so gut, dass er auch meinen Job sicher hervorragend bewältigen könnte, hat aber keine Lust darauf. Verantwortung vermiest ihm die Laune und die ist ihm heilig.

„Setz keine Gerüchte in die Welt. Zeichne lieber die Anzeigen des heutigen Tages ab.“ Er grinste zurück. „Ich dachte, ich helfe ein bisschen und habe die Vorgänge bereits zur Kontrolle gelesen. Sind soweit in Ordnung. Wir wollen doch alle irgendwann nach Hause. Und jetzt, wo du wieder da bist, kann ich los. Ach übrigens – die Kollegen haben die Blutprobe von dem großen Zampano freundlicherweise bei uns durchführen lassen. Der Vorgang liegt bei dem dicken Stapel dabei.“

„Zampano?“ Ich konnte mir vorstellen, wen er meinte.

„Genau – Zampano! Du hättest erleben sollen, was der für eine Show abgezogen hat. Ab morgen arbeitet hier niemand mehr von uns. Insbesondere ich nicht.“ Er machte eine kleine Pause und deutete theatralisch auf seinen langen Pferdeschwanz. „Meine Frisur hat ihn schon mächtig gestört, aber als er auch noch meinen Ohrring entdeckt hat, war es um ihn geschehen!“ Gespielt betroffen wandte er sich amüsiert dem Ausgang zu. „An meiner nicht ganz vorschriftsmäßigen Uniform hat er auch rumgemäkelt. In diesem ‚Univil‘ dürfe ich keinerlei polizeiliche Maßnahmen treffen!“

Lächelnd erwiderte ich: „Ich hatte schon das Vergnügen mit ihm. Wobei ich ihm nicht ganz Unrecht geben kann; deine Turnschuhe und die Strickjacke sehen schon irgendwie speziell aus.“

„Jetzt fang du auch noch damit an. Abends kommt doch kaum noch einer, den das interessieren könnte. Ich möchte es behaglich haben.“ Er umschlang seine Schultern mit den Armen und setzte bibbernd seinen Weg in Richtung Ausgang fort.

„Gute Nacht und sieh zu, dass du nach Hause kommst!“

Was für eine Marke, aber man kann ihm nicht böse sein. Ich sah ihm nach, während er in seinen alten Porsche Targa stieg und röhrend davonfuhr.

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Während ich zu den Schreibräumen ging, wo sich Jasmin und Aramis wahrscheinlich gerade die Finger wundtippten, blätterte ich einige der Vorgänge des heutigen Tages durch und zeichnete sie ab. Aus dem Schreibraum kam mir der Duft von frischem Kaffee und belegten Broten entgegen. Die beiden aßen, tranken und tippten gleichzeitig. Der kleine Raum, kalt erleuchtet von Leuchtstoffröhren an der Decke, bot Platz für zwei PCs, an denen sich zwei Kollegen gegenübersitzen. Ein durchhängender Aktenschrank, ein Beistelltisch und ein ungepolsterter Holzstuhl bilden das restliche Mobiliar. Jasmin blickte von ihrem Bericht auf und lächelte mir zu. „Magst du auch ein Brot?“

Hatte sie vielleicht meinen Magen gehört? „Nein, ich habe keinen rechten Hunger mehr.“

Ich goss mir einen Kaffee ein, setzte mich auf den freien Holzstuhl unter den Gewerkschaftskalender mit dem Datumsblatt der letzten Woche und sichtete die restlichen Vorgänge, sortierte und kontrollierte den größer werdenden Papierstapel der beiden.

„Fertig!“ Jasmin lehnte sich im Stuhl zurück. Die dunklen Ränder um ihre tiefblauen Augen, eingerahmt von dem Wust an blondem Haar, machten ihr Gesicht in diesem Moment viel älter, als sie mit ihren 25 Jahren tatsächlich war.

„Dann gib mal her. Du hast schon den gesamten Vorgang geschrieben. Vorbildlich!“ Ich lächelte ihr zu, während sie aufstand und sich streckte. Sichtlich erschöpft ging sie zur Tür und drehte sich zu uns um. „Ich ziehe mich um“, sagte sie.

„Warte, wir helfen dir!“, tönte es vom Nachtdienst aus dem Aufenthaltsraum, gefolgt von kurzem Gelächter.

„Es traut sich ja doch keiner von euch!“ Jasmin wartete keine Antwort ab, sondern entschwand in Richtung der Umkleiden.

Aramis schob mir den letzten Packen Papier rüber. „Die Skizze mache ich nachher im Frühdienst.“

„Geht klar. Ich muss meinen Bericht auch noch schreiben. Schau nur, dass du sie bis zur Frühbesprechung fertig hast.“

Aramis nickte und machte sich auch gähnend auf den Weg zur Umkleide. Ich blickte ihm nach und las dann die gesammelten Werke. Gute Arbeit. Trotz der Dunkelheit tolle Fotos, akribische Spurensicherung, vollständiger Unfallbericht. Keiner hatte geschludert, obwohl wir alle müde waren.

Den Atemalkoholtest hatte unser betrunkener Fachanwalt für Verkehrsstrafsachen nicht mehr geschafft oder wollte ihn nicht schaffen. Spielte auch keine Rolle. Aus dem Vorgang ging hervor, dass der Arzt ihn auf mehr als vier Promille schätzte. Der hatte nicht zum ersten Mal getrunken. Wer so hohe Werte erreichte, ohne bewusstlos zu werden, war Alkohol gewöhnt. Normalerweise führen solche Werte direkt ins Krankenhaus oder zum Tod. Der Bluttest würde uns Gewissheit verschaffen. Ich betrat den Wachraum, warf die Anzeigen des Tages in das Fach für Sachbearbeitung und legte Lars, dem Wachdienstführer des Nachtdienstes, den Unfall auf den Tisch. „Kannst du bitte heute Nacht über den Vorgang schauen?“ Ich denke, er ist soweit komplett, aber ich bin müde und unkonzentriert. Die Skizze und mein Bericht fehlen noch, die kommen nachher im Frühdienst dazu.“ Beim Sprechen konnte ich mein Gähnen nicht unterdrücken.

Lars nickte mir zu. „Klar, mach ich. Und jetzt tschüss, du musst um sechs, wenn ihr uns wieder ablöst, ausgeschlafen sein.“

Nun konnte auch ich gehen, um mich umzuziehen. Hinter mir blieb das Summen der Rechner und das Geplärre des Funks zurück, während ich den gebohnerten Gang in Richtung Umkleide ging. Meine 9-mm-Automatik verschwand samt Holster mit einem satten Scheppern im Waffenfach.

Auf dem Weg zum Parkplatz kamen mir Jasmin und Aramis gemeinsam auf dem Flur entgegen. Ich nickte ihnen müde zu: „Tschüss!“

„Bis gleich“, antworteten sie wie aus einem Munde.

Als ich dann einige Minuten später die Wache verlassen wollte, rief mir Hans zu: „Deine betrunkene Festnahme will sich übrigens beschweren.“

„Was hat er gesagt?“ Ich konnte es mir vorstellen.

„Er hat große Reden geschwungen, es war aber außer etwa zwanzig ‚Dienstaufsichtsbeschwerden‘ nichts Wesentliches dabei. Bevor wir ihn entlassen haben, wollte er eure Namen wissen.“

Interessiert drehte ich mich zu ihm um. „Und?“

„Ich habe ihm eure Dienstausweisnummern aufgesagt. Vielleicht kann er sie sich merken.“

Sein fröhliches Lachen folgte mir durch die Türe auf den Parkplatz.

Auf der Heimfahrt wehte die frische Nachtluft kühl durch die geöffneten Scheiben in unseren Familienkombi. Mein Blick fiel auf die Digitalziffern der Instrumententafel – beinahe zwei Uhr.

Zu Hause angekommen drückte ich die Wagentüre leise zu und öffnete die Haustüre, an der das Eingangslicht brannte. Das ist Anjas Art zu sagen: „Ich liebe und erwarte dich!“