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Friedrich von Schiller

Friedrich von Schiller

GESAMMELTE

GEDICHTE

Lieder – Balladen – Sonette
Epigramme – Elegien – Xenien

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© 2004 Edition Lempertz GmbH

Umschlagentwurf:

Grafikbüro Schumacher, Königswinter

Epub ISBN: 978-3-939284-20-8

Print ISBN: 978-3-933070-45-7

Vorwort

Friedrich von Schiller wurde am 10. 11. 1759 in

Marnach, im absolutistischen Herzogtum

Württemberg, geboren. Nach der Lateinschule sollte

er Theologie studieren, doch der Landesfürst

entschied, daß er 1773, also mit vierzehn Jahren, die

Militärakademie, die Karlsschule, zu besuchen und

dort Jura zu studieren hätte. Später konnte er das

verhaßte Fach mit Medizin tauschen. In dieser

„Sklavenplantage“, wie liberale Zeitgenossen die

Karlsschule nannten, lernte der junge Schiller

Unterwerfung und Intrige kennen, Erfahrungen, die

sein Leben entscheidend prägten.

Schon während des Studiums hatte Schiller an dem

Drama „Die Räuber“ gearbeitet. 1782, er war

Regimentsarzt, kam es in Mannheim zur

Aufführung: ein überwältigender Erfolg! Als Schiller

zur zweiten Aufführung nach Mannheim ging, ließ

ihn sein Fürst einsperren, verbot ihm jegliche Reisen

ins „Ausland“ und vor allem das Schreiben. Schiller

floh nach Frankfurt, schlug sich mühsam durch und

fand schließlich 1783/84 Arbeit am Theater in

Mannheim. Dort wurden auch die Dramen „Kabale

und Liebe“ und „Die Verschwörung des Fiesko“

aufgeführt. Von Anfang an verfocht er vehement die

Idee der Freiheit, wie in den „Räubern“, in denen

Karl Moor um die Welt zu verbessern, zum

idealistischen Verbrecher wird, und in „Kabale und

Liebe“, einem Drama, das die schärfste Kritik am

Absolutismus und dessen Intrigantentum darstellt.

Der Vertrag in Mannheim wurde nicht verlängert,

und Schiller, von großem Geldmangel geplagt, nahm

die Einladung von Freunden an, und ging zwei Jahre

nach Leipzig und Dresden. Hier entstanden 1787

„Don Carlos, Infant von Spanien“, eine Tragödie

der Freiheit: Philip II von Spanien handelt nach

den Maximen der Inquisition: Lieber die Ruhe des

Grabes als die Freiheit der Untertanen.

1789 ging Schiller nach Weimar, wo auch Goethe

weilte. Bald darauf erhielt er aufgrund seiner

historischen Veröffentlichungen eine unbezahlte

Professur für Geschichte in Jena. Hier verfaßte er

auch die „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“,

die später die Grundlage für seine Wallenstein-

Trilogie bildete.

Schiller erkrankte schwer, Geld für Ärzte war nicht

vorhanden, doch die Nachricht von seinem baldigen

Tod löste neue Hilfe aus: Seine Anhänger, unter

ihnen der Erbprinz Christian Friedrich von

Dänemark, ermöglichten ihm ein sorgenfreies Leben

für die nächsten drei Jahre. Nach seiner Genesung

vertiefte sich Schiller in das Studium der Kantschen

Philosophie. Davon inspiriert, veröffentlichte er

mehrere kulturphilosophische Schriften. Ab 1794

entwickelte sich eine tiefe geistige Freundschaft mit

Goethe, die bis zu Schillers Tod anhielt, und die

sich in den „Xenien“ und den Balladen

niederschlug. 1797 entstanden „Der Taucher“, „Die

Kraniche des Ibykus“, „Die Bürgschaft“, „Das Lied

von der Glocke“ und andre.

1799 kehrte Schiller wieder nach Weimar zurück.

Nach Abschluß der Wallenstein-Trilogie

(„Wallensteins Lager“, „Die Piccolomini“,

„Wallensteins Tod“), der ersten großen

Geschichtstragödie der deutschen Literatur,

vollendete er seine späten Dramen: „Maria Stuart“

(1800), „Die Jungfrau von Orleans“ (1801), „Die

Braut von Messina“ (1803). Das letzte vollständige

Drama sollte „Wilhelm Tell“ werden (1804), das

Freiheitsdrama unterdrückter Völker schlechthin.

Schiller, von schwerer Krankheit gezeichnet, begann

1805 noch „Demetrius oder die Bluthochzeit von

Moskau“, doch am 5. Mai 1805 starb er über seiner

Arbeit.

Schillers Dramen, vorwiegend geprägt vom

Idealismus der Freiheit, übten starken Einfluß

sowohl auf die weitere Entwicklung des deutschen

Dramas aus als auch auf die Befürworter der

politischen Freiheitsbestrebungen (1815 brachen die

Freiheitskriege aus). Das liberale Bürgertum des

19. Jahrhunderts sah in diesen Dramen den

dichterischen Ausdruck seiner politischen Ansichten.

Noch mehr aber wirkte Schillers gesamtes Werk in

Frankreich, England und vor allem in Rußland.

DER TAUCHER

Ballade

»Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,

Zu tauchen in diesen Schlund?

Einen goldnen Becher werf ich hinab,

Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.

Wer mir den Becher kann wieder zeigen,

Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.«

Der König sprach es, und wirft von der Höh

Der Klippe, die schroff und steil

Hinaushängt in die unendliche See,

Den Becher in der Charybde Geheul.

»Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,

Zu tauchen in diese Tiefe nieder?«

Und die Ritter, die Knappen um ihn her,

Vernehmen’s und schweigen still,

Sehen hinab in das wilde Meer,

Und keiner den Becher gewinnen will.

Und der König zum drittenmal wieder fraget:

»Ist keiner, der sich hinunterwaget?«

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,

Und ein Edelknecht, sanft und keck,

Tritt aus der Knappen zagendem Chor,

Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,

Und alle die Männer umher und Frauen

Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang,

Und blickt in den Schlund hinab,

Die Wasser, die sie hinunterschlang,

Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,

Und wie mit des fernen Donners Getose

Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,

Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,

Bis zum Himmel sprützet der dampfende Gischt,

Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,

Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,

Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,

Und schwarz aus dem weißen Schaum

Klafft hinunter ein gähnender Spalt,

Grundlos, als ging’s in den Höllenraum,

Und reißend sieht man die brandenden Wogen

Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung zurücke kehrt,

Der Jüngling Gott befiehlt,

Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,

Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,

Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer

Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

Und stille wird’s über dem Wasserschlund,

In der Tiefe nur brauset es hohl,

Und bebend hört man von Mund zu Mund:

»Hochherziger Jüngling, fahre wohl!«

Und hohler und hohler hört man’s heulen,

Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein,

Und sprächst: Wer mir bringet die Kron,

Er soll sie tragen und König sein,

Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn,

Was die heulende Tiefe da unten verhehle,

Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefaßt,

Schoß gäh die Tiefe hinab,

Doch zerschmettert nur rängen sich Kiel und Mast

Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.

Und heller und heller wie Sturmes Sausen

Hört man’s näher und immer näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,

Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,

Bis zum Himmel sprützet der dampfende Gischt,

Und Well auf Well sich ohn Ende drägt,

Und wie mit des fernen Donners Getose

Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß

Da hebet sich’s schwanenweiß,

Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,

Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,

Und er ist’s, und hoch in seiner Linken

Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lang und atmete tief,

Und begrüßte das himmlische Licht.

Mit Frohlocken es einer dem andern rief:

»Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht.

Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle

Hat der Brave gerettet die lebende Seele.«

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,

Zu des Königs Füßen er sinkt,

Den Becher reicht er ihm knieend dar,

Und der König der lieblichen Tochter winkt,

Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,

Und der Jüngling sich also zum König wandte:

»Lang lebe der König! Es freue sich,

Wer da atmet im rosichten Licht.

Da unten aber ist’s fürchterlich,

Und der Mensch versuche die Götter nicht,

Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

Es riß mich hinunter blitzesschnell,

Da stürzt’ mir aus felsichtem Schacht

Wildflutend entgegen ein reißender Quell,

Mich packte des Doppelstroms wütende Macht,

Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen

Trieb mich’s um, ich konnte nicht widerstehen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief,

In der höchsten schrecklichen Not,

Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,

Das erfaßt ich behend und entrann dem Tod,

Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,

Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,

In purpurner Finsternis da,

Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,

Das Auge mit Schaudern hinuntersah,

Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen

Sich regte in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch

Zu scheußlichen Klumpen geballt,

Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,

Des Hammers greuliche Ungestalt,

Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne

Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing und war mir’s mit Grausen bewußt,

Von der menschlichen Hülfe so weit,

Unter Larven die einzige fühlende Brust,

Allein in der gräßlichen Einsamkeit,

Tief unter dem Schall der menschlichen Rede

Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht ich’s, da kroch’s heran,

Regte hundert Gelenke zugleich,

Will schnappen nach mir, in des Schreckens Wahn

Laß ich los der Koralle umklammerten Zweig,

Gleich faßt mich der Strudel mit rasendem Toben,

Doch es war mir zum Heil, er riß mich nach oben.

Der König darob sich verwundert schier,

Und spricht: »Der Becher ist dein,

Und diesen Ring noch bestimm ich dir,

Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,

Versuchst du’s noch einmal und bringst mir Kunde,

Was du sahst auf des Meers tiefunterstem Grunde?«

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,

Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:

»Laßt, Vater, genug sein das grausame Spiel,

Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,

Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,

So mögen die Ritter den Knappen beschämen.«

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,

In den Strudel ihn schleudert hinein:

»Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,

So sollst du der trefflichste Ritter mir sein,

Und sollst sie als Ehgemahl heut noch umarmen,

Die jezt für dich bittet mit zartem Erbarmen.«

Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt,

Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,

Und er siehet erröten die schöne Gestalt,

Und sieht sie erbleichen und sinken hin,

Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,

Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,

Sie verkündigt der donnernde Schall,

Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick,

Es kommen, es kommen die Wasser all,

Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,

Den Jüngling bringt keines wieder.

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DER HANDSCHUH

Erzählung

Vor seinen Löwengarten,

Das Kampfspiel zu erwarten,

Saß König Franz,

Und um ihn die Großen der Krone,

Und rings auf hohen Balkone

Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,

Auf tut sich der weite Zwinger,

Und hinein mit bedächtigem Schritt

Ein Löwe tritt,

Und sieht sich stumm

Rings um,

Mit langem Gähnen,

Und schüttelt die Mähnen,

Und streckt die Glieder,

Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,

Da öffnet sich behend

Ein zweites Tor,

Daraus rennt

Mit wildem Sprunge

Ein Tiger hervor,

Wie der den Löwen erschaut,

Brüllt er laut,

Schlägt mit dem Schweif

Einen furchtbaren Reif,

Und recket die Zunge,

Und im Kreise scheu

Umgeht er den Leu

Grimmig schnurrend,

Drauf streckt er sich murrend

Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder,

Da speit das doppelt geöffnete Haus

Zwei Leoparden auf einmal aus,

Die stürzen mit mutiger Kampfbegier

Auf das Tigertier,

Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,

Und der Leu mit Gebrüll

Richtet sich auf, da wird’s still,

Und herum im Kreis,

Von Mordsucht heiß,

Lagern sich die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand

Ein Handschuh von schöner Hand

Zwischen den Tiger und den Leun

Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottenderweis

Wendet sich Fräulein Kunigund:

»Herr Ritter, ist Eure Lieb so heiß,

Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund,

Ei so hebt mir den Handschuh auf.«

Und der Ritter in schnellem Lauf

Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger

Mit festem Schritte,

Und aus der Ungeheuer Mitte

Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen

Sehen’s die Ritter und Edelfrauen,

Und gelassen bringt er den Handschuh zurück,

Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,

Aber mit zärtlichem Liebesblick –

Er verheißt ihm sein nahes Glück –

Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.

Und der Ritter, sich tief verbeugend, spricht:

»Den Dank, Dame, begehr ich nicht«,

Und verläßt sie zur selben Stunde.

DER RING DES POLYKRATES

Ballade

Er stand auf seines Daches Zinnen,

Er schaute mit vergnügten Sinnen

Auf das beherrschte Samos hin.

»Dies alles ist mir untertänig«,

Begann er zu Ägyptens König,

»Gestehe, daß ich glücklich bin.«

»Du hast der Götter Gunst erfahren!

Die vormals deinesgleichen waren,

Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.

Doch einer lebt noch, sie zu rächen,

Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,

Solang des Feindes Auge wacht.«

Und eh der König noch geendet,

Da stellt sich, von Milet gesendet,

Ein Bote dem Tyrannen dar:

»Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,

Und mit des Lorbeers muntern Zweigen

Bekränze dir dein festlich Haar.

Getroffen sank dein Feind vom Speere,

Mich sendet mit der frohen Märe

Dein treuer Feldherr Polydor.«

Und nimmt aus einem schwarzen Becken,

Noch blutig, zu der beiden Schrecken,

Ein wohlbekanntes Haupt hervor.

Der König tritt zurück mit Grauen:

»Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen«,

Versetzt er mit besorgtem Blick.

»Bedenk, auf ungetreuen Wellen,

Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen,

Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.«

Und eh er noch das Wort gesprochen,

Hat ihn der Jubel unterbrochen,

Der von der Reede jauchzend schallt.

Mit fremden Schätzen reich beladen,

Kehrt zu den heimischen Gestaden

Der Schiffe mastenreicher Wald.

Der königliche Gast erstaunet:

»Dein Glück ist heute gut gelaunet,

Doch fürchte seinen Unbestand.

Der Sparter nie besiegte Scharen

Bedräuen dich mit Kriegsgefahren,

Schon nahe sind sie diesem Strand.«

Und eh ihm noch das Wort entfallen,

Da sieht man’s von den Schiffen wallen,

Und tausend Stimmen rufen: »Sieg!

Von Feindesnot sind wir befreiet,

Die Sparter hat der Sturm zerstreuet,

Vorbei, geendet ist der Krieg.«

Das hört der Gastfreund mit Entsetzen:

»Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen,

Doch«, spricht er, »zittr ich für dein Heil!

Mir grauet vor der Götter Neide,

Des Lebens ungemischte Freude

Ward keinem Irdischen zuteil.

Auch mir ist alles wohlgeraten,

Bei allen meinen Herrschertaten

Begleitet mich des Himmels Huld,

Doch hatt ich einen teuren Erben,

Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,

Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.

Drum, willst du dich vor Leid bewahren,

So flehe zu den Unsichtbaren,

Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.

Noch keinen sah ich fröhlich enden,

Auf den mit immer vollen Händen

Die Götter ihre Gaben streun.

Und wenn’s die Götter nicht gewähren,

So acht auf eines Freundes Lehren,

Und rufe selbst das Unglück her,

Und was von allen deinen Schätzen

Dein Herz am höchsten mag ergetzen,

Das nimm und wirf’s in dieses Meer.«

Und jener spricht, von Furcht beweget:

»Von allem, was die Insel heget,

Ist dieser Ring mein höchstes Gut.

Ihn will ich den Erinnen weihen,

Ob sie mein Glück mir dann verzeihen«,

Und wirft das Kleinod in die Flut.

Und bei des nächsten Morgens Lichte,

Da tritt mit fröhlichem Gesichte

Ein Fischer vor den Fürsten hin:

»Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,

Wie keiner noch ins Netz gegangen,

Dir zum Geschenke bring ich ihn.«

Und als der Koch den Fisch zerteilet,

Herbei der Koch erschrocken eilet,

Und ruft mit hocherstauntem Blick:

»Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,

Ihn fand ich in des Fisches Magen,

O ohne Grenzen ist dein Glück!«

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:

»So kann ich hier nicht ferner hausen,

Mein Freund kannst du nicht weiter sein,

Die Götter wollen dein Verderben,

Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.«

Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.

DIE KRANICHE DES IBYKUS

Ballade

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,

Der auf Korinthus’ Landesenge

Der Griechen Stämme froh vereint,

Zog Ibykus, der Götterfreund.

Ihm schenkte des Gesanges Gabe,

Der Lieder süßen Mund Apoll,

So wandert er, an leichtem Stabe,

Aus Rhegium, des Gottes voll.

Schon winkt auf hohen Bergesrücken

Akrokorinth des Wandrers Blicken,

Und in Poseidons Fichtenhain

Tritt er mit frommem Schauder ein.

Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme

Von Kranichen begleiten ihn,

Die fernhin nach des Südens Wärme

In graulichtem Geschwader ziehn.

»Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!

Die mir zur See Begleiter waren.

Zum guten Zeichen nehm ich euch,

Mein Los, es ist dem euren gleich.

Von fernher kommen wir gezogen,

Und flehen um ein wirtlich Dach.

Sei uns der Gastliche gewogen,

Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!«

Und munter fördert er die Schritte,

Und sieht sich in des Waldes Mitte,

Da sperren, auf gedrangem Steg,

Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.

Zum Kampfe muß er sich bereiten,

Doch bald ermattet sinkt die Hand,

Sie hat der Leier zarte Saiten,

Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

Er ruft die Menschen an, die Götter,

Sein Flehen dringt zu keinem Retter,

Wie weit er auch die Stimme schickt,

Nichts Lebendes wird hier erblickt.

»So muß ich hier verlassen sterben,

Auf fremdem Boden, unbeweint,

Durch böser Buben Hand verderben,

Wo auch kein Rächer mir erscheint!«

Und schwer getroffen sinkt er nieder,

Da rauscht der Kraniche Gefieder,

Er hört, schon kann er nich mehr sehn,

Die nahen Stimmen furchtbar krähn.

»Von euch, ihr Kraniche dort oben!

Wenn keine andre Stimme spricht,

Sei meines Mordes Klag erhoben!«

Er ruft es, und sein Auge bricht.

Der nackte Leichnam wird gefunden,

Und bald, obgleich entstellt von Wunden,

Erkennt der Gastfreund in Korinth

Die Züge, die ihm teuer sind.

»Und muß ich so dich wiederfinden,

Und hoffte mit der Fichte Kranz

Des Sängers Schläfe zu umwinden,

Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!«

Und jammernd hören’s alle Gäste,

Versammelt bei Neptunus’ Feste,

Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,

Verloren hat ihn jedes Herz,

Und stürmend drängt sich zum Prytanen

Das Volk, es fodert seine Wut,

Zu rächen des Erschlagnen Manen,

Zu sühnen mit des Mörders Blut.

Doch wo die Spur, die aus der Menge,

Der Völker flutendem Gedränge,

Gelocket von der Spiele Pracht,

Den schwarzen Täter kenntlich macht?

Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?

Tat’s neidisch ein verborgner Feind?

Nur Helios vermag’s zu sagen,

Der alles Irdische bescheint!

Er geht vielleicht, mit frechem Schritte,

Jetzt eben durch der Griechen Mitte,

Und während ihn die Rache sucht,

Genießt er seines Frevels Frucht.

Auf ihres eignen Tempels Schwelle

Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt

Sich dreist in jene Menschenwelle,

Die dort sich zum Theater drängt.

Denn Bank an Bank gedränget sitzen,

Es brechen fast der Bühne Stützen,

Herbeigeströmt von fern und nah,

Der Griechen Völker wartend da,

Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen,

Von Menschen wimmelnd wächst der Bau,

In weiter stets geschweiftem Bogen

Hinauf bis in des Himmels Blau.

Wer zählt die Völker, nennt die Namen,

Die gastlich hier zusammenkamen?

Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand,

Von Phokis, vom Spartanerland,

Von Asiens entlegner Küste,

Von allen Inseln kamen sie,

Und horchen von dem Schaugerüste

Des Chores grauser Melodie –

Der streng und ernst, nach alter Sitte,

Mit langsam abgemeßnem Schritte,

Hervortritt aus dem Hintergrund,

Umwandelnd des Theaters Rund.

So schreiten keine ird’schen Weiber,

Die zeugete kein sterblich Haus!

Es steigt das Riesenmaß der Leiber

Hoch über menschliches hinaus.

Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,

Sie schwingen in entfleischten Händen

Der Fackel düsterrote Glut,

In ihren Wangen fließt kein Blut.

Und wo die Haare lieblich flattern,

Um Menschenstirnen freundlich wehn,

Da sieht man Schlangen hier und Nattern

Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

Und schauerlich gedreht im Kreise,

Beginnen sie des Hymnus Weise,

Der durch das Herz zerreißend dringt,

Die Bande um den Sünder schlingt.

Besinnungraubend, herzbetörend

Schallt der Erinnyen Gesang,

Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,

Und duldet nicht der Leier Klang.

»Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle

Bewahrt die kindlich reine Seele!

Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,

Er wandelt frei des Lebens Bahn.

Doch wehe, wehe, wer verstohlen

Des Mordes schwere Tat vollbracht,

Wir heften uns an seine Sohlen,

Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

Und glaubt er fliehend zu entspringen,

Geflügelt sind wir da, die Schlingen

Ihm werfend um den flücht’gen Fuß,

Daß er zu Boden fallen muß.

So jagen wir ihn, ohn Ermatten,

Versöhnen kann uns keine Reu,

Ihn fort und fort bis zu den Schatten,

Und geben ihn auch dort nicht frei.«

So singend tanzen sie den Reigen,

Und Stille wie des Todes Schweigen

Liegt überm ganzen Hause schwer,

Als ob die Gottheit nahe wär.

Und feierlich, nach alter Sitte

Umwandelnd des Theaters Rund,

Mit langsam abgemeßnem Schritte,

Verschwinden sie im Hintergrund.

Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet

Noch zweifelnd jede Brust und bebet,

Und huldiget der furchtbarn Macht,

Die richtend im Verborgnen wacht,

Die unerforschlich, unergründet,

Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,

Dem tiefen Herzen sich verkündet,

Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

Da hört man auf den höchsten Stufen

Auf einmal cine Stimme rufen:

»Sieh da! Sieh da, Timotheus,

Die Kraniche des Ibykus!« –

Und finster plötzlich wird der Himmel,

Und über dem Theater hin

Sieht man, in schwärzlichtem Gewimmel,

Ein Kranichheer vorüberziehn.

»Des Ibykus!« Der teure Name

Rührt jede Brust mit neuem Grame,

Und, wie im Meere Well auf Well,

So läuft’s von Mund zu Munde schnell:

»Des Ibykus, den wir beweinen,

Den eine Mörderhand erschlug!

Was ist’s mit dem? Was kann er meinen?

Was ist’s mit diesem Kranichzug?« –

Und lauter immer wird die Frage,

Und ahnend fliegt’s, mit Blitzesschlage,

Durch alle Herzen. »Gebet acht!

Das ist der Eumeniden Macht!

Der fromme Dichter wird gerochen,

Der Mörder bieter selbst sich dar.

Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,

Und ihn, an den’s gerichtet war.«

Doch dem war kaum das Wort entfahren,

Möcht er’s im Busen gern bewahren;

Umsonst, der schreckenbleiche Mund

Macht schnell die Schuldbewußten kund.

Man reißt und schleppt sie vor den Richter;

Die Szene wird zum Tribunal,

Und es gestehn die Bösewichter,

Getroffen von der Rache Strahl.

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DER GANG NACH DEM EISENHAMMER

Ballade

Ein frommer Knecht war Fridolin,

Und in der Furcht des Herrn

Ergeben der Gebieterin,

Der Gräfin von Saverne.

Sie war so sanft, sie war so gut,

Doch auch der Launen Übermut

Hätt er geeifert zu erfüllen,

Mit Freudigkeit, um Gottes Willen,

Früh von des Tages erstem Schein,

Bis spät die Vesper schlug,

Lebt’ er nur ihrem Dienst allein,

Tat nimmer sich genug.

Und sprach die Dame: »Mach dir’s leicht!«

Da wurd ihm gleich das Auge feucht,

Und meinte, seiner Pflieht zu fehlen,

Durft er sich nicht im Dienste quälen.

Drum vor dem ganzen Dienertroß

Die Gräfin ihn erhob,

Aus ihrem schönen Munde floß

Sein unerschöpftes Lob.

Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht,

Es gab sein Herz ihm Kindesrecht,

Ihr klares Auge mit Vergnügen

Hing an den anmutsvollen Zügen.

Darob entbrennt in Roberts Brust,

Des Jägers, gift’ger Groll,

Ihm längst von böser Schadenlust

Die schwarze Seele schwoll.

Und trat zum Grafen, rasch zur Tat,

Und offen des Verführers Rat,

Als einst vom Jagen heim sie kamen,

Streut’ ihm ins Herz des Argwohns Samen.

Wie seid Ihr glücklich, edler Graf«,

Hub er voll Arglist an,

»Euch raubet nicht den goldnen Schlaf

Des Zweifels gift’ger Zahn.

Denn ihr besitzt ein edles Weib,

Es gürtet Scham den keuschen Leib,

Die fromme Treue zu berücken

Wird nimmer dem Versucher glücken.«

Da rollt der Graf die finstern Braun:

»Was redst du mir, Gesell?

Werd ich auf Weibestugend baun,

Beweglich wie die Well?

Leicht locket sie des Schmeichlers Mund,

Mein Glaube steht auf festerm Grund,

Vom Weib des Grafen von Saverne

Bleibt, hoff ich, der Versucher ferne.«

Der andre spricht: »So denkt Ihr recht.

Nur Euren Spott verdient

Der Tor, der, ein geborner Knecht,

Ein solches sich erkühnt,

Und zu der Frau, die ihm gebeut,

Erhebt der Wünsche Lüsternheit.« –

»Was?« fällt ihm jener ein und bebet,

»Redst du von einem, der da lebet?«

Ja doch, was aller Mund erfüllt,

Das bärg sich meinem Herrn!

Doch, weil Ihr’s denn mit Fleiß verhüllt,

So unterdrück ich’s gern.« –

»Du bist des Todes, Bube, sprich!«

Ruft jener streng und fürchterlich.

»Wer hebt das Aug zu Kunigonden?«

»Nun ja, ich spreche von dem Blonden.

Er ist nicht häßlich von Gestalt«,

Fährt er mit Arglist fort,

Indem’s den Grafen heiß und kalt

Durchrieselt bei dem Wort.

»Ist’s möglich, Herr? Ihr saht es nie,

Wie er nur Augen hat für sie?

Bei Tafel Eurer selbst nicht achtet,

An ihren Stuhl gefesselt schmachtet?

Seht da die Verse, die er schrieb,

Und seine Glut gesteht.« –

»Gesteht!« – »Und sie um Gegenlieb,

Der freche Bube! fleht.

Die gnäd’ge Gräfin, sanft und weich,

Aus Mitleid wohl verbarg sie’s Euch,

Mich reuet jetzt, daß mir’s entfahren,

Denn, Herr, was habt Ihr zu befahren?«

Da ritt in seines Zornes Wut

Der Graf ins nahe Holz,

Wo ihm im hoher Öfen Glut

Die Eisenstufe schmolz.

Hier nährten früh und spat den Brand

Die Knechte mit geschäft’ger Hand,

Der Funke sprüht, die Bälge blasen,

Als gält es, Felsen zu verglasen.

Des Wassers und des Feuers Kraft

Verbündet sieht man hier,

Das Mühlrad, von der Flut gerafft,

Umwälzt sich für und für.

Die Werke klappern Nacht und Tag,

Im Takte pocht der Hämmer Schlag,

Und bildsam von den mächt’gen Streichen

Muß selbst das Eisen sich erweichen.

Und zwoen Knechten winket er,

Bedeutet sie und sagt:

»Den ersten, den ich sende her,

Und der euch also fragt:

»Habt ihr befolgt des Herren Wort?«

Den werft mir in die Hölle dort,

Daß er zu Asche gleich vergehe,

Und ihn mein Aug nicht weiter sehe.«

Des freut sich das entmenschte Paar

Mit roher Henkerslust,

Denn fühllos wie das Eisen war

Das Herz in ihrer Brust.

Und frischer mit der Bälge Hauch

Erhitzen sie des Ofens Bauch,

Und schicken sich, mit Mordverlangen

Das Todesopfer zu empfangen.

Drauf Robert zum Gesellen spricht

Mit falschem Heuchelschein:

»Frisch auf, Gesell, und säume nicht,

Der Herr begehret dein.«

Der Herr, der spricht zu Fridolin:

»Mußt gleich zum Eisenhammer hin,

Und frage mir die Knechte dorten,

Ob sie getan nach meinen Worten?«

Und jener spricht: »Es soll geschehn«,

Und macht sich flugs bereit.

Doch sinnend bleibt er plötzlich stehn:

»Ob sie mir nichts gebeut?«

Und vor die Gräfin stellt er sich:

»Hinaus zum Hammer schickt man mich

So sag, was kann ich dir verrichten?

Denn dir gehören meine Pflichten.«

Darauf die Dame von Saverne

Versetzt mit sanftem Ton:

»Die heil’ge Messe hört ich gern,

Doch liegt mir krank der Sohn.

So gehe denn, mein Kind, und sprich

In Andacht ein Gebet für mich,

Und denkst du reuig deiner Sünden,

So laß auch mich die Gnade finden.«

Und froh der vielwillkommnen Pflicht,

Macht er im Flug sich auf,

Hat noch des Dorfes Ende nicht

Erreicht in schnellem Lauf,

Da tönt ihm von dem Glockenstrang

Hellschlagend des Geläutes Klang,

Das alle Sünder, hochbegnadet,

Zum Sakramente festlich ladet.

»Dem lieben Gotte weich nicht aus,

Findst du ihn auf dem Weg!« –

Er spricht’s und tritt ins Gotteshaus,

Kein Laut ist hier noch reg.

Denn um die Ernte wars’, und heiß

Im Felde glüht’ der Schnitter Fleiß,

Kein Chorgehilfe war erschienen,

Die Messe kundig zu bedienen.

Entschlossen ist er alsobald

Und macht den Sakristan.

»Das«, spricht er, »ist kein Aufenthalt,

Was fördert himmelan.«

Die Stola und das Cingulum

Hängt er dem Priester dienend um,

Bereitet hurtig die Gefäße,

Geheiliget zum Dienst der Messe.

Und als er dies mit Fleiß getan,

Tritt er als Ministrant

Dem Priester zum Altar voran,

Das Meßbuch in der Hand,

Und knieet rechts und knieet links,

Und ist gewärtig jedes Winks,

Und als des Sanctus Worte kamen,

Da schellt er dreimal bei dem Namen.

Drauf als der Priester fromm sich neigt

Und, zum Altar gewandt,

Den Gott, den gegenwärt’gen, zeigt,

In hocherhabner Hand,

Da kündet es der Sakristan

Mit hellem Glöcklein klingend an,

Und alles kniet und schlägt die Brüste,

Sich fromm bekreuzend vor dem Christe.

So übt er jedes pünktlich aus,

Mit schnell gewandtem Sinn,

Was Brauch ist in dem Gotteshaus,

Er hat es alles inn,

Und wird nicht müde bis zum Schluß,

Bis beim Vobiscum Dominus

Der Priester zur Gemein sich wendet,

Die heil’ge Handlung segnend endet.

Da stellt er jedes wiederum

In Ordnung säuberlich,

Erst reinigt er das Heiligtum,

Und dann entfernt er sich,

Und eilt in des Gewissens Ruh

Den Eisenhütten heiter zu,

Spricht unterwegs, die Zahl zu füllen,

Zwölf Paternoster noch im stillen.

Und als er rauchen sieht den Schlot,

Und sieht die Knechte stehn,

Da ruft er: »Was der Graf gebot,

Ihr Knechte, ist’s geschehn?«

Und grinsend zerren sie den Mund,

Und deuten in des Ofens Schlund:

»Der ist besorgt und aufgehoben,

Der Graf wird seine Diener loben.«

Die Antwort bringt er seinem Herrn

In schnellem Lauf zurück.

Als der ihn kommen sieht von fern,

Kaum traut er seinem Blick.

»Unglücklicher! wo kommst du her?«

»Vom Eisenhammer.« – »Nimmermehr!

So hast du dich im Lauf verspätet?«

»Herr, nur so lang, bis ich gebetet.

Denn als von Eurem Angesicht

Ich heute ging, verzeiht,

Da fragt ich erst, nach meiner Pflicht,

Bei der, die mir gebeut.

Die Messe, Herr, befahl sie mir

Zu hören, gern gehorcht ich ihr,

Und sprach der Rosenkränze viere

Für Euer Heil und für das ihre.«

In tiefes Staunen sinket hier

Der Graf, entsetzet sich.

»Und welche Antwort wurde dir

Am Eisenhammer? Sprich!«

»Herr, dunkel war der Rede Sinn,

Zum Ofen wies man lachend hin:

»Der ist besorgt und aufgehoben,

Der Graf wird seine Diener loben.«

»Und Robert?« fällt der Graf ihm ein,

Wird glühend und wird blaß.

»Sollt er dir nicht begegnet sein,

Ich sandt ihn doch die Straß!«

»Herr, nicht im Wald, nicht in der Flur

Fand ich von Robert eine Spur –«

»Nun«, ruft der Graf und steht vernichtet,

»Gott selbst im Himmel hat gerichtet!«

Und gütig, wie er nie gepflegt,

Nimmt er des Dieners Hand,

Bringt ihn der Gattin, tiefbewegt,

Die nichts davon verstand.

»Dies Kind, kein Engel ist so rein,

Laßt’s Eurer Huld empfohlen sein,

Wie schlimm wir auch beraten waren,

Mit dem ist Gott und seine Scharen.«

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DIE BÜRGSCHAFT

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich

Möros, den Dolch im Gewande,

Ihn schlugen die Häscher in Bande.

»Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!«

Entgegnet ihm finster der Wüterich.

»Die Stadt vom Tyrannen befreien!«

»Das sollst du am Kreuze bereuen.«

»Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit,

Und bitte nicht um mein Leben,

Doch willst du Gnade mir geben,

Ich flehe dich um drei Tage Zeit,

Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,

Ich lasse den Freund dir als Bürgen,

Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen.«

Da lächelt der König mit arger List,

Und spricht nach kurzem Bedenken:

»Drei Tage will ich dir schenken.

Doch wisse! Wenn sie verstrichen, die Frist,

Eh du zurück mir gegeben bist,

So muß er statt deiner erblassen,

Doch dir ist die Strafe erlassen.«

Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,

Daß ich am Kreuz mit dem Leben

Bezahle das frevelnde Streben,

Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,

Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit,

So bleib du dem König zum Pfande,

Bis ich komme, zu lösen die Bande.«

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund,

Und liefert sich aus dem Tyrannen,

Der andere ziehet von dannen.

Und ehe das dritte Morgenrot scheint,

Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,

Eilt heim mit sorgender Seele,

Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,.

Von den Bergen stürzen die Quellen,

Und die Bäche, die Ströme schwellen.

Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,

Da reißet die Brücke der Strudel hinab,

Und donnernd sprengen die Wogen

Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand,

Wie weit er auch spähet und blicket

Und die Stimme, die rufende, schicket;

Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,

Der ihn setze an das gewünschte Land,

Kein Schiffer lenket die Fähre,

Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,

Die Hände zum Zeus erhoben:

»O hemme des Stromes Toben!

Es eilen die Stunden, im Mittag steht

Die Sonne, und wenn sie niedergeht,

Und ich kann die Stadt nicht erreichen,

So muß der Freund mir erbleichen.«

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,

Und Welle auf Welle zerrinnet,

Und Stunde an Stunde entrinnet,

Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich Mut

Und wirft sich hinein in die brausende Flut,

Und teilt mit gewaltigen Armen

Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort,

Und danket dem rettenden Gotte,

Da stürzet die raubende Rotte

Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,

Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord

Und hemmet des Wanderers Eile

Mit drohend geschwungener Keule.

»Was wollt ihr?« ruft er, für Schrecken bleich,

»Ich habe nichts als mein Leben,

Das muß ich dem Könige geben!«

Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:

»Um des Freundes willen erbarmet euch!«

Und drei, mit gewaltigen Streichen,

Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand,

Und von der unendlichen Mühe

Ermattet sinken die Kniee:

»O hast du mich gnädig aus Räubershand,

Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,

Und soll hier verschmachtend verderben,

Und der Freund mir, der liebende, sterben!«

Und horch! da sprudelt es silberhell

Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,

Und stille hält er, zu lauschen,

Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,

Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,

Und freudig bückt er sich nieder,

Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün,

Und malt auf den glänzenden Matten

Der Bäume gigantische Schatten,

Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,

Will eilenden Laufes vorüberfliehn,

Da hört er die Worte sie sagen:

»Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,

Ihn jagen der Sorge Qualen,

Da schimmern in Abendrots Strahlen

Von ferne die Zinnen von Syrakus,

Und entgegen kommt ihm Philostratus,

Des Hauses redlicher Hüter,

Der erkennet entsetzt den Gebieter:

»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,

So rette das eigene Leben!

Den Tod erleidet er eben.

Von Stunde zu Stunde gewartet’ er

Mit hoffender Seele der Wiederkehr,

Ihm konnte den mutigen Glauben

Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«

»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht

Ein Retter willkommen erscheinen,

So soll mich der Tod ihm vereinen.

Des rühme der blut’ge Tyrann sich nicht,

Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,

Er schlachte der Opfer zweie,

Und glaube an Liebe und Treue.«

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor

Und sieht das Kreuz schon erhöhet,

Das die Menge gaffend umstehet,

An dem Seile schon zieht man den Freund empor,

Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:

»Mich, Henker!« ruft er, »erwürget,

Da bin ich, für den er gebürget!«

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,

In den Armen liegen sich beide,

Und weinen für Schmerzen und Freude.

Da sieht man kein Auge tränenleer,

Und zum Könige bringt man die Wundermär,

Der fühlt ein menschliches Rühren,

Läßt schnell vor den Thron sie führen.

Und blicket sie lange verwundert an,

Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,

Ihr habt das Herz mir bezwungen,

Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,

So nehmet auch mich zum Genossen an,

Ich sei, gewährt mir die Bitte,

In eurem Bunde der Dritte.«

DAS LIED VON DER GLOCKE

Vivos voco

Mortuos plango

Fulgura frango

Fest gemauert in der Erden

Steht die Form, aus Lehm gebrannt.

Heute muß die Glocke werden,

Frisch, Gesellen! seid zur Hand.

Von der Stirne heiß

Rinnen muß der Schweiß,

Soll das Werk den Meister loben,

Doch der Segen kommt von oben.

Zum Werke, das wir ernst bereiten,

Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;

Wenn gute Reden sie begleiten,

Dann fließt die Arbeit munter fort.

So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,

Was durch die schwache Kraft entspringt,

Den schlechten Mann muß man verachten,

Der nie bedacht, was er vollbringt.

Das ist’s ja, was den Menschen zieret,

Und dazu ward ihm der Verstand,

Daß er im innern Herzen spüret,

Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,

Doch recht trocken laßt es sein,

Daß die eingepreßte Flamme

Schlage zu dem Schwalch hinein.

Kocht des Kupfers Brei,

Schnell das Zinn herbei,

Daß die zähe Glockenspeise

Fließe nach der rechten Weise.

Was in des Dammes tiefer Grube

Die Hand mit Feuers Hilfe baut,

Hoch auf des Turmes Glockenstube,

Da wird es von uns zeugen laut.

Noch dauern wird’s in späten Tagen

Und rühren vieler Menschen Ohr,

Und wird mit dem Betrübten klagen,

Und stimmen zu der Andacht Chor.

Was unten tief dem Erdensohne

Das wechselnde Verhängnis bringt,

Das schlägt an die metallne Krone,

Die es erbaulich weiterklingt.

Weiße Blasen seh ich springen,

Wohl! die Massen sind im Fluß.

Laßt’s mit Aschensalz durchdringen,

Das befördert schnell den Guß.

Auch von Schaume rein

Muß die Mischung sein,

Daß vom reinlichen Metalle

Rein und voll die Stimme schalle.

Denn mit der Freude Feierklange

Begrüßt sie das geliebte Kind

Auf seines Lebens erstem Gange,

Den es in Schlafes Arm beginnt;

Ihm ruhen noch im Zeitenschoße

Die schwarzen und die heitern Lose,

Der Mutterliebe zarte Sorgen

Bewachen seinen goldnen Morgen –

Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.

Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,

Er stürmt ins Leben wild hinaus,

Durchmißt die Welt am Wanderstabe,

Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,

Und herrlich, in der Jugend Prangen,

Wie ein Gebild aus Himmels Höhn,

Mit züchtigen, verschämten Wangen

Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.

Da faßt ein namenloses Sehnen

Des Jünglings Herz, er irrt allein,

Aus seinen Augen brechen Tränen,

Er flieht der Brüder wilden Reihn.

Errötend folgt er ihren Spuren,

Und ist von ihrem Gruß beglückt;

Das Schönste sucht er auf den Fluren,

Womit er seine Liebe schmückt.

Oh! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,

Der ersten Liebe goldne Zeit,

Das Auge sieht den Himmel offen,

Es schwelgt das Herz in Seligkeit,

Oh! daß sie ewig grünen bliebe,

Die schöne Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen bräunen!

Dieses Stäbchen tauch ich ein,

Sehn wir’s überglast erscheinen,

Wird’s zum Gusse zeitig sein.

Jetzt, Gesellen, frisch!

Prüft mir das Gemisch,

Ob das Spröde mit dem Weichen

Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,

Wo Starkes sich und Mildes paarten,

Da gibt es einen guten Klang.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,

Ob sich das Herz zum Herzen findet!

Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

Lieblich in der Bräute Locken

Spielt der jungfräuliche Kranz,

Wenn die hellen Kirchenglocken

Laden zu des Festes Glanz.

Ach! des Lebens schönste Feier

Endigt auch den Lebens-Mai,

Mit dem Gürtel, mit dem Schleier

Reißt der schöne Wahn entzwei.

Die Leidenschaft flieht,

Die Liebe muß bleiben,

Die Blume verblüht,

Die Frucht muß treiben.

Der Mann muß hinaus

Ins feindliche Leben,

Muß wirken und streben,

Und pflanzen und schaffen,

Erlisten, erraffen,

Muß wetten und wagen,

Das Glück zu erjagen.

Da strömet herbei die unendliche Gabe,

Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,

Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.

Und drinen waltet

Die züchtige Hausfrau,

Die Mutter der Kinder,

Und herrschet weise

Im Häuslichen Kreise,

Und lehret die Mädchen

Und wehret den Knaben,

Und reget ohn Ende

Die fleißigen Hände,

Und mehrt den Gewinn

Mit ordnendem Sinn,

Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden

Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,

Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein

Die schimmernde Wolle, den schneeichten Lein,

Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,

Und ruhet nimmer.

Und der Vater mit frohem Blick

Von des Hauses weitschauendem Giebel

Überzählet sein blühend Glück,

Siehet der Pfosten ragende Bäume,

Und die Speicher, vom Segen gebogen,

Und des Kornes bewegte Wogen,

Rühmt sich mit stolzem Mund:

Fest wie der Erde Grund

Gegen des Unglücks Macht

Steht mir des Hauses Pracht!

Doch mit des Geschickes Mächten

Ist kein ew’ger Bund zu flechten,

Und das Unglück schreitet schnell.

Wohl! Nun kann der Guß beginnen,

Schön gezacket ist der Bruch.

Doch, bevor wir’s lassen rinnen,

Betet einen frommen Spruch!

Stoßt den Zapfen aus!

Gott bewahr das Haus.

Rauchend in des Henkels Bogen

Schießt’s mit feuerbraunen Wogen.

Wohltätig ist des Feuers Macht,

Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,

Und was er bildet, was er schafft,

Das dankt er dieser Himmelskraft;

Doch furchtbar wird die Himmelskraft,

Wenn sie der Fessel sich entrafft,

Einhertritt auf der eignen Spur

Die freie Tochter der Natur.

Wehe, wenn sie losgelassen

Wachsend ohne Widerstand

Durch die volkbelebten Gassen

Wälzt den ungeheuren Brand!

Denn die Elemente hassen

Das Gebild der Menschenhand.

Aus der Wolke

Quillt der Segen,

Strömt der Regen,

Aus der Wolke, ohne Wahl,

Zuckt der Strahl!

Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm!

Das ist Sturm!

Rot wie Blut

Ist der Himmel.

Das ist nicht des Tages Glut!

Welch Getümmel

Straßen auf!

Dampf wallt auf!

Flackernd steigt die Feuersäule,

Durch der Straße lange Zeile

Wächst es fort mit Windeseile,

Kochend wie aus Ofens Rachen

Glühn die Lüfte, Balken krachen,

Pfosten stürzen, Fenster klirren,

Kinder jammern, Mütter irren,

Tiere wimmern

Unter Trümmern,

Alles rennet, rettet, flüchtet,

Taghell ist die Nacht gelichtet,

Durch der Hände lange Kette

Um die Wette

Fliegt der Eimer, hoch im Bogen

Sprützen Quellen, Wasserwogen.

Heulend kommt der Sturm geflogen,

Der die Flamme brausend sucht,

Prasselnd in die dürre Frucht

Fällt sie, in des Speichers Räume,

In der Sparren dürre Bäume,

Und als wollte sie im Wehen

Mit sich fort der Erde Wucht

Reißen, in gewalt’ger Flucht,

Wächst sie in des Himmels Höhen

Riesengroß!

Hoffnungslos

Weicht der Mensch der Götterstärke,

Müßig sieht er seine Werke

Und bewundernd untergehen.

Leergebrannt

Ist die Stätte,

Wilder Stürme rauhes Bette,

In den öden Fensterhöhlen

Wohnt das Grauen,

Und des Himmels Wolken schauen

Hoch hinein.

Einen Blick

Nach dem Grabe

Seiner Habe

Sendet noch der Mensch zurück –

Greift fröhlich dann zum Wanderstabe.

Was Feuers Wut ihm auch geraubt,

Ein süßer Trost ist ihm geblieben,

Er zählt die Häupter seiner Lieben,

Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.

In die Erd ist’s aufgenommen,

Glücklich ist die Form gefüllt,

Wird’s auch schön zutage kommen,

Daß es Fleiß und Kunst vergilt?

Wenn der Guß mißlang?

Wenn die Form zersprang?

Ach! vielleicht, indem wir hoffen,

Hat uns Unheil schon getroffen.

Dem dunkeln Schoß der heil’gen Erde

Vertrauen wir der Hände Tat,

Vertraut der Sämann seine Saat

Und hofft, daß sie entkeimen werde

Zum Segen, nach des Himmels Rat.

Noch köstlicheren Samen bergen

Wir trauernd in der Erde Schoß,

Und hoffen, daß er aus den Särgen

Erblühen soll zu schönerm Los.

Von dem Dome,

Schwer und bang,

Tönt die Glocke

Grabgesang.

Ernst begleiten ihre Trauerschläge

Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

Ach! die Gattin ist’s, die teure,

Ach! es ist die treue Mutter,

Die der schwarze Fürst der Schatten

Wegführt aus dem Arm des Gatten,

Aus der zarten Kinder Schar,

Die sie blühend ihm gebar,

Die sie an der treuen Brust

Wachsen sah mit Mutterlust –

Ach! des Hauses zarte Bande

Sind gelöst auf immerdar,

Denn sie wohnt im Schattenlande,

Die des Hauses Mutter war,

Denn es fehlt ihr treues Walten,

Ihre Sorge wacht nicht mehr,

An verwaister Stätte schalten

Wird die Fremde, liebeleer.

Bis die Glocke sich verkühlet,

Laßt die strenge Arbeit ruhn,

Wie im Laub der Vogel spielet,

Mag sich jeder gütlich tun.

Winkt der Sterne Licht,

Ledig aller Pflicht

Hört der Pursch die Vesper schlagen,

Meister muß sich immer plagen.

Munter fördert

Seine Schritte

Fern im wilden Forst der Wandrer

Nach der lieben Heimathütte.

Blökend ziehen

Heim die Schafe,

Und der Rinder

Breitgestirnte

Glatte Scharen kommen brüllend,

Die gewohnten Ställe füllend.

Schwer herein

Schwankt der Wagen,

Kornbeladen,

Bunt von Farben

Auf den Garben

Liegt der Kranz,

Und das junge

Volk der Schnitter

Fliegt zum Tanz.

Markt und Straße

Werden stiller,

Um des Lichts gesell’ge Flamme

Sammeln sich die Hausbewohner,

Und das Stadttor

Schließt sich knarrend.

Schwarz bedecket

Sich die Erde,

Doch den sichern Bürger schrecket

Nicht die Nacht,

Die den Bösen gräßlich wecket,

Denn das Auge des Gesetzes wacht.

Heil’ge Ordnung, segenreiche

Himmelstochter, die das Gleiche

Frei und leicht und freudig bindet,

Die der Städte Bau gegründet,

Die herein von den Gefilden

Rief den ungesell’gen Wilden,

Eintrat in der Menschen Hütten,

Sie gewöhnt zu sanften Sitten

Und das teuerste der Bande

Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleiß’ge Hände regen,

Helfen sich in munterm Bund,

Und in feurigem Bewegen

Werden alle Kräfte kund.

Meister rührt sich und Geselle

In der Freiheit heil’gem Schutz,

Jeder freut sich seiner Stelle,

Bietet dem Verächter Trutz,

Arbeit ist des Bürgers Zierde,

Segen ist der Mühe Preis,

Ehrt den König seine Würde,

Ehret uns der Hände Fleiß.

Holder Friede,

Süße Eintracht,

Weilet, weilet

Freundlich über dieser Stadt!

Möge nie der Tag erscheinen,

Wo des rauhen Krieges Horden

Dieses stille Tal durchtoben,

Wo der Himmel,

Den des Abends sanfte Röte

Lieblich malt,

Von der Dörfer, von der Städte

Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das Gebäude,

Seine Absicht hat’s erfüllt,

Daß sich Herz und Auge weide

An dem wohlgelungnen Bild.

Schwingt den Hammer, schwingt,

Bis der Mantel springt,

Wenn die Glock soll auferstehen,

Muß die Form in Stücken gehen.

Der Meister kann die Form zerbrechen

Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,

Doch wehe, wenn in Flammenbächen

Das glühnde Erz sich selbst befreit!

Blind wütend mit des Donners Krachen

Zersprengt es das geborstne Haus,

Und wie aus offnem Höllenrachen

Speit es Verderben zündend aus;

Wo rohe Kräfte sinnlos walten,

Da kann sich kein Gebild gestalten,

Wenn sich die Völker selbst befrein,

Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte

Der Feuerzunder still gehäuft,

Das Volk, zerreißend seine Kette,

Zur Eigenhilfe schrecklich greift!

Da zerret an der Glocke Strängen

Der Aufruhr, daß sie heulend schallt,

Und, nur geweiht zu Friedensklängen,

Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,

Der ruh’ge Bürger greift zur Wehr,

Die Straßen füllen sich, die Hallen,

Und Würgerbanden ziehn umher,

Da werden Weiber zu Hyänen

Und treiben mit Entsetzen Scherz,

Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,

Zerreißen sie des Feindes Herz.

Nichts Heiliges ist mehr, es lösen

Sich alle Bande frommer Scheu,

Der Gute räumt den Platz dem Bösen,

Und alle Laster walten frei.

Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,

Und grimmig ist des Tigers Zahn,

Jedoch der schrecklichste der Schrecken,

Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Weh denen, die dem Ewigblinden

Des Lichtes Himmelsfackel leihn!

Sie leuchtet nicht, sie kann nur zünden

Und äschert Städt und Länder ein.

Freude hat mir Gott gegeben!

Sehet! wie ein goldner Stern

Aus der Hülse, blank und eben,

Schält sich der metallne Kern.

Von dem Helm zum Kranz

Spielt’s wie Sonnenglanz,

Auch des Wappens nette Schilder

Loben den erfahrnen Bilder.

Herein! herein!

Gesellen alle, schließt den Reihen,

Daß wir die Glocke taufend weihen,

Concordia soll ihr Name sein,

Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine

Versammle sie die liebende Gemeine.

Und dies sei fortan ihr Beruf,

Wozu der Meister sie erschuf:

Hoch überm niedern Erdenleben

Soll sie in blauem Himmelszelt

Die Nachbarin des Donners schweben

Und grenzen an die Sternenwelt,

Soll eine Stimme sein von oben,

Wie der Gestirne helle Schar,

Die ihren Schöpfer wandelnd loben

Und führen das bekränzte Jahr.

Nur ewigen und ernsten Dingen

Sei ihr metallner Mund geweiht,

Und stündlich mit den schnellen Schwingen

Berühr im Fluge sie die Zeit,

Dem Schicksal leihe sie die Zunge,

Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,

Begleite sie mit ihrem Schwunge

Des Lebens wechselvolles Spiel.

Und wie der Klang im Ohr vergehet,

Der mächtig tönend ihr entschallt,

So lehre sie, daß nichts bestehet,

Daß alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges

Wiegt die Glock mir aus der Gruft,

Daß sie in das Reich des Klanges

Steige, in die Himmelsluft.

Ziehet, ziehet, hebt!

Sie bewegt sich, schwebt.

Freude dieser Stadt bedeute,

Friede sei ihr erst Geläute.

HERO UND LEANDER

Ballade

Seht ihr dort die altergrauen

Schlösser sich entgegen schauen,

Leuchtend in der Sonne Gold,

Wo der Hellespont die Wellen

Brausend durch der Dardanellen

Hohe Felsenpforte rollt?

Hört ihr jene Brandung stürmen,

Die sich an den Felsen bricht?

Asien riß sie von Europen,

Doch die Liebe schreckt sie nicht.

Heros und Leanders Herzen

Rührte mit dem Pfeil der Schmerzen

Amors heil’ge Göttermacht.

Hero, schön wie Hebe blühend,

Er, durch die Gebirge ziehend

Rüstig, im Geräusch der Jagd.

Doch der Väter feindlich Zürnen