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„Wenn der Wolf beim Lamme liegt“
(Jes 65,25 LUT).

Inhalt

Vorwort

Kapitel 01

WOLFi

Kapitel 02

WOLF

Kapitel 03

WOLFsLIEBE

Kapitel 04

WOLFsMASKE

Kapitel 05

WOLFsKIND

Kapitel 06

WOLFsELTERN

Kapitel 07

Kapitel 08

WOLFsGEBÄRDEN

Kapitel 09

WOLFsRACHE

Kapitel 10

Nachwort

Danksagung

Vorwort

„Dieser Episoden-Krimi basiert auf Tatsachen und orientiert sich an der Wirklichkeit.“

Mit diesen Worten habe ich mein Vorwort für „Körperteile“ begonnen und sie treffen für die Fortsetzung ebenso zu.

Auch meinen Worten von damals über die handelnden Personen kann ich nur erneut Nachdruck verleihen. Sie sind nicht frei erfunden, aber soweit verfremdet, dass ihre Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben.

Den Episodenstil habe ich beibehalten, jedoch wird die tragende Rahmenhandlung diesmal etwas anders in das Buch eingebunden.

Es mussten seit „Körperteile“ einige Kalenderblätter abgerissen werden. WOLFsMORD spielt etwa ein Jahr später.

In diesem Jahr hat sich einiges ereignet.

„Olize“ hat die Ausbildung beendet und ist jetzt fest in Frank Heiders Dienstgruppe aufgenommen.

„Mutti“ ist schwanger geworden und sieht täglich der Geburt ihrer Zwillinge entgegen.

Ihre Lücke muss ersetzt werden. Wer ist der Neue im Team?

Auch dieses Mal gilt: Die Realität schreibt die besten Geschichten.

Die spannenden, vergnüglichen oder auch schockierenden Einsätze, über die Sie in diesem Buch lesen werden, haben sich tatsächlich so, oder so ähnlich, im Rhein-Sieg-Kreis und der Umgebung ereignet.

Und wieder sind Sie mittendrin, statt nur dabei!

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung!

Dirk Breitenbach

P.S. Sollten Sie trotz intensiven Lektorats noch Fehler in dem Buch finden, gilt der gleiche Grundsatz wie beim letzten Mal: Sie dürfen sie gerne behalten.

Kapitel 01

„Zeit“ (Spätdienst)

„Pass auf dich auf!“ Meine Frau Anja winkt mir noch kurz, bevor sie die Haustür hinter mir schließt. In ein paar Minuten wird sie ihren ersten Nachmittags-Mandanten empfangen und ich bin, nach drei freien Tagen, wieder bei meinem Team.

Während ich die wenigen Kilometer bis zu meiner Dienststelle fahre, schweifen meine Gedanken von den letzten Tagen, an denen ich mit Anja und unserer Tochter Kathi das schöne Wetter genossen habe, zu dem anstehenden Dienst.

Auf den letzten Metern vor dem Parkplatz der Dienststelle greife ich nach meiner neuen Tasche, einem Geburtstagsgeschenk meiner Frau.

Wie immer werde ich darin nicht nur meine Dienst-Utensilien, sondern auch noch drei Weingummiherzen finden. Ich freue mich jeden Tag über diese kleine Liebesbotschaft Anjas.

Summend öffnet sich die codegesicherte Tür zur Wache und ich blicke in den gebohnerten Flur mit den fleckig weißen Wänden. Die Zargen rechter und linker Hand waren vor einigen Jahren sicher noch strahlend weiß. Heute ist ihr Lack angegraut und von den vielen, wenig rücksichtsvollen Berührungen völlig verkratzt.

Pistolenholster haben zusammen mit Möbelstücken, die verschoben wurden, und Asservaten, die ihren Weg auf die Wache gefunden haben, für Streifen, Striemen und abgeplatzte Stellen gesorgt.

Erst neulich ist bei einer Rangelei mit einem Festgenommenen Blut auf einer von ihnen verschmiert worden. Nicht viel, aber der Kollege hat ziemlich geflucht, als sein Fingernagel aus dem Nagelbett gerissen wurde. Kaum hatten wir dem Ladendieb, der bereits gegen den Kaufhausdetektiv sehr aggressiv vorgegangen war, die Handschellen abgenommen, hatte er auch schon losgelegt.

Ein Straßenschläger, der sich nicht an Regeln hält. Am Ende waren wir zu viele und seine Schmerzen zu groß, sodass er irgendwann Ruhe gab.

„Hallo Frank!“ Unsere ehemalige Azubine Nicole umarmt mich überschwänglich. „Ich bin so froh, dass es geklappt hat!“

„Ich auch. Vorausgesetzt, du lässt mich am Leben.“ Grinsend drücke ich sie ebenfalls und schiebe sie dann langsam auf Armeslänge von mir weg. „Lass dich ansehen. Unsere kleine ‚Olize‘. Groß bist du geworden. Wie lange ist dein Praktikum bei uns her? Ziemlich genau ein Jahr, stimmt’s?“

Nicole schubst mich scherzhaft. „Ich will nicht mehr ‚Olize‘ genannt werden. Ich bin in dem Jahr groß und stark geworden – quasi erwachsen.“

„Sind deine Schultern breiter geworden? Kann man das ‚P‘ und das ‚i’ von ‚Polizei‘ bei dir auf der Rückenpartie deiner Dienstjacke mittlerweile lesen?“

Nicole schüttelt den Kopf. „Aber …“

„Dann wird es wohl bei ‚Olize‘ bleiben. Komm, das passt zu dir und du hättest es schlechter treffen können. Weißt du, wie sie mich manchmal nennen?“

Olize zieht die Augenbrauen belustigt zusammen. „Klar weiß ich das – ‚Giotto‘. Ich weiß aber nicht, warum man dich so nennt.“

„Ach, komm, tu nicht so … na ja, vielleicht bist du tatsächlich noch zu jung mit deinen einundzwanzig Jahren. Es gab früher eine Fernsehwerbung für ‚Giottos’. Du weißt schon, die kleinen Gebäckkugeln.“

Sie sieht mich gespannt an. „Ja, klar kenne ich die. Die sind lecker.“

„Genau, das fand Mike, der Kollege der Leitstelle, offensichtlich auch. Er gab über Funk im ganzen Rhein-Sieg-Kreis bekannt: Ich wäre total süß, so wie die Giottos. Aber – kleiner dürfte ich nun wirklich nicht sein. Ganz so, wie sie es in der Werbung damals gesagt haben.“

„Das ist doch ein Kompliment.“ Das breite Grinsen in ihrem Gesicht macht es mir schwer zu erkennen, ob sie es ironisch meint oder nicht.

„Na ja, schon irgendwie. Allerdings passt Mike nicht in mein Beuteschema. Ich bevorzuge das andere Geschlecht, dass wir Männer kennen, und mal ehrlich – kennst du einen Mann, der süß sein will?“ Ich setze mein enttäuschtestes Gesicht auf. „Groß, stark, heldenhaft – so will man als Mann beschrieben werden!“

„Du bist süß.“ Noch bevor ich antworten kann, ist sie in der Damenumkleide verschwunden und ich stehe allein im Flur.

Schön, dass sie wieder da ist. Sie hat allen im letzten Jahr gefehlt. Bin gespannt, ob sie sich gut eingliedert, jetzt wo sie fest in meine Dienstgruppe versetzt wurde.

Hinter mir wird es zum Schichtwechsel voller. „Hallo“ und „Tschüss“ klingt überall mit leichtem Nachhall durch den kahlen Flur.

Schau’n wir mal, wo der andere „Neue“ bleibt.

Kein Teppich schluckt den Schall; nur eine schief hängende Magnetwand mit den aktuellen Dienstplänen und Gewerkschaftsinfos ziert die eine Wandseite, ein paar Bilder der ehemaligen Bundespräsidenten hängen auf der anderen.

Irgendwann scheint jemand damit aufgehört zu haben, von seinem eigenen Geld Rahmen zu kaufen, um die fehlenden Präsidenten aufzuhängen. Vielleicht wurde der Kollege auch einfach nur versetzt. So sieht es jedenfalls auf der Wand aus, als hätten wir seit mindestens fünfzehn Jahren kein politisches Oberhaupt mehr gehabt.

„Frank, was stehst du da so unmotiviert rum? Ich möchte dir den Dienst übergeben und ab nach Hause.“ Hans, der Dienstgruppenleiter des Frühdienstes steht in der Tür zu unserem Büro und wedelt aufgeregt mit der Hand.

„Was gibt es?“ Ich folge ihm in sein Büro.

„Die mittlerweile üblichen Wohnungs- und Geschäftseinbrüche, zwei kleine Verkehrsunfälle mit Sachschaden und wir haben einen Fahrraddieb auf frischer Tat gefasst.“

„Super! Wieder einer weniger auf der Straße. Bleiben bloß noch die Einbrecher. Kaum hast du einen geschnappt, kommen zwei Neue nach. Die scheinen irgendwo nachzuwachsen.“

Hans nickt. „Irgendwo muss es ein Nest geben. Ich habe auch eine Idee wo.“

Mein Nicken fällt etwas grimmiger aus als gewollt. „Lass uns das Thema wechseln. Müssen wir wegen des Fahrraddiebes noch etwas erledigen?“

„Nein, das übernimmt die Kripo. Die werden heute noch bei ihm durchsuchen.“

„Wenn es weiter nichts gibt, wünsche ich dir einen schönen Nachmittag.“ Ich schließe hinter Hans die Tür, nachdem er seine große Hand kurz zum Gruß gehoben hat.

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Es sieht nicht besonders gut aus, wenn man einen neuen Mitarbeiter nicht gleich zu Beginn begrüßt. Ich sortiere noch schnell die Einsatzbefehle, Faxe, Infos, Erlasse und einen riesigen Haufen Post-its auf meinem Schreibtisch, bevor ich mich auf den Weg mache.

Mein Magen drückt. Ich wollte zwar eine Verstärkung für mein Team, aber nicht ausgerechnet Karl. So einen will man eher loswerden. Zumindest ist das der Ruf, der ihm vorauseilt.

Ich brauchte aber dringend Nachersatz für Susi, die jetzt im Geschäftszimmer beim Verkehrsdienst arbeitet, da sie aufgrund ihrer Schwangerschaft keinen Außendienst mehr machen darf. Und es kam, wie es immer kommt, à la „plötzlich und überraschend ist wieder Weihnachten“. In meinem Fall hieß das, dass trotz intensivem Schriftwechsel kein Nachersatz für Susi vorgeplant wurde. Dann musste plötzlich alles ganz schnell gehen und für mich blieb nur Karl übrig. Wenn das mal keine Absicht war; es gibt sicher einen Grund, warum er nur „das Mufflon“ genannt wird.

Das Mufflon wurde mir von der Führungsstelle aufs Auge gedrückt. Sein alter Chef war heilfroh, nichts mehr mit ihm zu tun haben zu müssen, und als ich nachfragte, warum ausgerechnet ich mich mit Karl rumärgern soll, bekam ich zur Antwort: „Das wirst du doch hinbekommen, oder etwa nicht? Nicht dass wir uns Gedanken machen müssen, ob du der Richtige bist für deinen Job.“

Wütend und ungläubig starrte ich ihn an. „Sagt der, der selbst an Karl gescheitert ist?“

Er hielt mir die Tür auf. „Ich habe noch Termine. Du kannst das!“

Und schon stand ich draußen.

Meinen Wachleiter wollte ich nicht bitten zu intervenieren. Das hätte sehr nach Bequemlichkeit oder Unvermögen ausgesehen. Der „Chef“, wie wir ihn wegen seiner charismatischen Ausstrahlung nennen, hätte sicher etwas erreichen können, aber das fühlte sich falsch an. Wahrscheinlich würde es sowieso sein, wie es meistens war – allen Gerüchten zum Trotz war Karl bestimmt ein super Typ, der missverstanden wurde.

Ich finde ihn etwas abseits vorne im Wachraum. „Hallo, Karl! Schön, dich begrüßen zu dürfen. Entschuldige bitte meine Verspätung, aber Hans musste mir noch ein paar Einsätze aus dem Frühdienst übergeben.“ Wir reichen uns die Hand.

Karl ist ein großer beleibter Mann, der etwas bärbeißig wirkt. Er lächelt selten, raucht dafür viel, was man unschwer an der Asche erkennen kann, die sich oben auf seinem Bauch sammelt. Ich habe ihn vor vielen Jahren kennengelernt, aber selten mit ihm zu tun gehabt.

„Konntest du dich mit den anderen bereits bekannt machen?“

„Warum hätte ich das machen sollen? Ich habe doch alle schon mal gesehen. Irgendwann läuft sich in diesem Job jeder über den Weg! Außerdem habt ihr euch wahrscheinlich in den letzten Tagen genug das Maul über mich zerrissen.“

Damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Tatsächlich haben wir in der Dienstgruppe sehr kontrovers über das „Mufflon“ gesprochen. Ich habe zwar versucht, ihn in Schutz zu nehmen, aber aufgrund meiner eigenen Vorbehalte bin ich sicher nicht sehr überzeugend gewesen.

„Klar kennst du die meisten, aber eben nicht alle. Komm, ich stelle dich kurz vor. Kai, unser Wachdienstführer und mein Stellvertreter, steht neben mir.“

Die beiden Männer nicken sich zu.

Ich schiebe Karl sachte in Richtung Tür zum Flur. An Kai gewendet fahre ich fort: „Kannst du bitte Karl mit in den Aufenthaltsraum nehmen? Ich trommle in der Zeit die anderen zusammen.“

„Klar, mache ich.“

Ich muss unwillkürlich grinsen. Armer Karl – jetzt wird er zu seinem Glück gezwungen.

Nachdem ich aus den Schreibräumen und den Umkleiden alle Kollegen zusammengesammelt habe, sitzen wir um den Tisch im Aufenthaltsraum.

Unterschiedlich große Tische stehen dort lieblos zusammengestellt. Kaffeetassen haben verkrustete Ränder auf ihnen hinterlassen. Der eine oder andere Brandfleck zeugt von Zigarettenkonsum und fehlenden Untersetzern für Töpfe und Pfannen.

Seit Susi nicht mehr da ist, geht es bei uns mit der Reinlichkeit ziemlich bergab. Nicht mal mehr eine Tischdecke haben wir mehr. Da werde ich über kurz oder lang intervenieren müssen, aber jetzt gilt es, Karl vorzustellen.

„So, ihr Lieben, die meisten kennen ihn bereits, aber ich möchte unseren neuen Kollegen trotzdem vorstellen.“ Ich sehe in Gesichter, die ihr Desinteresse kaum verbergen können. Aber ich will mich nicht davon beeindrucken lassen und mache im gleichen Tonfall weiter. „Karl ist ein alter Hase mit über dreißig Jahren Diensterfahrung. Das stimmt so, oder?“

Karl nickt ohne besonderes Interesse an meinen Ausführungen.

„Er hat bereits in fast jeder Dienststelle gearbeitet.“

Ich kann beinahe sehen, was die Kollegen denken. Klar hat er das, weil er überall rausgeflogen ist. Jetzt haben wir ihn an der Backe.

„Als Letztes hat Karl in der Führungsstelle gearbeitet und sich mit den organisatorischen Aufgaben der Polizei beschäftigt. Ich denke, er kann uns allen noch wertvolle Tipps geben und wird uns als Dienstgruppe bereichern. Ich habe auf jeden Fall vor, dich, lieber Karl, und dein Fachwissen gnadenlos auszunutzen.“ Ich grinse ihn an. „Von mir noch mal ein herzliches Willkommen!“

Karl nickt.

„Aber jetzt stelle ich dir die Kollegen vor. Ich beginne bei dem jungen Mann mit Pferdeschwanz neben dir. Ich bekomme Kai zu keiner vernünftigen Frisur überredet und auf seine Ohrringe verzichtet er auf keinen Fall. Nachts wirst du ihn selten in Uniform zu sehen bekommen, aber sei dir gewiss – du kannst dich auf ihn verlassen und ihn immer um Rat fragen.“

Kai legt Karl die Hand auf die Schulter: „So ist das! Hier werden Sie geholfen!“

„Kommen wir zum nächsten in der Reihe, zu Michael.“

Der unterbricht mich geziert: „Aramis, bitte, so viel Zeit muss sein!“

„So ist er, unser Aramis, immer das letzte Wort. Unser Musketier fährt extra einen schwarzen Mustang, um das Klischee des reitenden Edelmanns zu erfüllen. Er und unser schönes Aushängeschild Jasmin, die rechts neben ihm sitzt, sind heimlich zusammen und denken, wir wüssten das nicht.“

Jasmin hebt ruckartig den Kopf und ihre Augen werden eine Schrecksekunde größer; anders lässt sie sich ihr Erstaunen nicht anmerken. Aramis dagegen bleibt völlig gelassen – die anderen grinsen.

Überraschend meldet sich Karl zu Wort, der meine Vorstellungsrunde bisher stoisch hat über sich ergehen lassen: „Ist das nicht verboten?“

Ich beeile mich zu antworten: „Klar ist das nicht gerne gesehen, aber bei uns ist die Fünf auch schon mal gerade, und solange es keine Probleme gibt, nehme ich das gerne auf meine Kappe. Man hört so auf den Fluren, dass du mit der ‚geraden Fünf‘ auch gut umzugehen verstehst …“

Karl nickt. „Das haben mir über fünfunddreißig Dienstjahre beigebracht. Sonst reibst du dich auf. Und am Ende sagt niemand ‚Danke‘!“ Offensichtlich habe ich ihn ein bisschen angepikst.

„Ich habe gewusst, dass du uns mit deiner Erfahrung eine Bereicherung sein wirst.“

Das Mufflon sieht mir direkt in die Augen und versucht abzuschätzen, ob ich das eben ironisch gemeint habe. Habe ich nicht, allenfalls ein bisschen opportunistisch.

„Und“, fahre ich ohne Pause fort, „wer weiß, vielleicht bekommst du bei uns sogar irgendwann ein ehrliches ‚Danke‘. Wir sind immer für Überraschungen gut.“

Jetzt lächle ich ihn offen an, um ihm die Möglichkeit zu nehmen, mich falsch zu verstehen.

„Kommen wir zu Lukas, unserem Lokomotivführer.“

„Die Fahrscheine, bitte!“, unterbricht er mich und alle lachen.

„Lukas fährt in seiner Freizeit auf der Drachenfelsbahn, und bevor du fragst, mein lieber Karl, ja, das ist genehmigt.“

Karl kneift die Augen zusammen und mustert mich.

„ Und neben Lukas sitzt unser heutiger zweiter Neuzugang. Nicole bzw. ‚Olize‘, wie wir sie gerne nennen.“

„Von deinem Spitznamen habe ich gehört“, mischt sich Karl erneut ein. „Du bist echt ganz schön schmal in den Schultern.“

Alle blicken zu Karl. So ganz genau scheint niemand zu wissen, wie er das gemeint hat. Das dürfte für die Zukunft spannend werden.

Nicole jedenfalls blickt Karl zornig an und meldet sich zu Wort: „Seht ihr, deshalb möchte ich einen neuen Spitznamen!“

„Geht klar, Olize!“, meldet sich Kai und Nicole blickt enttäuscht in ein Meer grinsender Gesichter.

Bevor jetzt alle durcheinanderreden, mache ich mit meiner Vorstellungsrunde weiter. „Nicole war bereits im letzten Jahr bei uns, aber damals noch als Auszubildende. Jetzt ist sie fest zu uns versetzt worden. Sie hat ihre Ausbildung mit einem sehr guten Ergebnis abgeschlossen. Herzlichen Glückwunsch dazu noch einmal!“

Alle klopfen auf den Tisch, ein paar schütteln ihr die Hand. Kein Zweifel: Olize scheint allgemein akzeptiert zu werden.

Ich zeige auf den Nächsten in der Runde. „Das ist Peter, oder Pit, oder, wenn du Ärger mit ihm haben möchtest, auch ‚Pumuckl‘. Woher der Name kommt, kannst du dir sicher aufgrund seiner Haarfarbe erschließen.“

Pit wendet sich an Karl. „‚Pumuckl‘ ist reserviert für richtig gute Freunde. Du kannst mich aber gerne Pit nennen.“ Dabei streckt er ihm die Hand quer über den Tisch entgegen, die Karl nach kurzem Zögern ergreift.

Alle schließen sich Peters Geste an und so kann ich nur noch abschließend anmerken, dass wir damit alle aus der Dienstgruppe vorgestellt haben. An Karl gewendet fahre ich fort: „Bei der Dienstplanung werden Kai und ich darauf achten, dass Talente verknüpft werden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass du, Karl, dir die Schichten mit Olize abwechselnd mit Lukas, ihrem alten Ausbilder, teilen könntest. Davon würden alle profitieren.“

Ich blicke alle drei der Reihe nach an und sehe zwar keine echte Begeisterung, aber auch keine strikte Ablehnung. „Das wird schon. Mal sehen, wie wir das anpacken“, füge ich noch schnell hinzu. „Und jetzt haben wir genug gequatscht. Raus mit euch an die Arbeit!“

Mit einem Wink scheuche ich alle aus dem Aufenthaltsraum, allerdings ist Nicole die Einzige, die tatsächlich aufsteht. Der Rest bleibt sitzen und schenkt sich eine weitere Tasse Kaffee aus dem neuen Vollautomaten ein, den wir seit diesem Monat geleast haben.

Kopfschüttelnd mache ich meinen Strich auf der Kaffeeliste, schenke mir ebenfalls nach und mache mich auf in mein Büro.

Kaum aber habe ich die Tür hinter mir geschlossen, höre ich auf dem Flur das Getrappel von Schritten.

Kurz darauf sehe ich auch den ersten Einsatzwagen von der Wache abfahren.

Karl steckt den Kopf in mein Büro. „Was soll ich machen?“

Ich sehe auf. „Im Prinzip ist mir das heute egal. Richte dich ein, organisiere deinen Spind, schau, ob schon etwas in deinem Fach liegt. Vielleicht hast du auch noch Arbeiten aus deiner alten Dienststelle mitgebracht. Sieh dich einfach um. Hinten sind die Zellen, aber das kennst du ja alles. Auf jeden Fall bist du heute meine Unterstützung. Mal sehen, ob ich es überhaupt schaffe, vor die Tür zu kommen. Wahrscheinlich habe ich noch zu viel Organisatorisches zu tun. Vielleicht können wir nachher auch noch kurz quatschen.“

„Alles klar!“

Kaum hat er die Tür zum Flur hinter sich geschlossen, als Kai die vom Wachraum aufreißt. „Wir müssen den Dienstplan machen!“ Er schiebt den Besucherstuhl neben meinen kaputten Bürostuhl und legt die Vorplanungswünsche vor uns aus. Ich schaue auf die Planung und schüttele entnervt den Kopf. „Ach du lieber Gott. Offensichtlich hat keiner Lust zu arbeiten. Haben wir eine kurze Feiertagswoche?“

„Nicht dass ich wüsste“, antwortet Kai und schaut auf den dreiteiligen Kalender an der Wand des Dienstgruppenleiterbüros.

„Kannst du die Kalenderblätter auf den neuesten Stand bringen?“, bitte ich ihn. „Das Ding hinkt zwei Monate hinter her. Müssen wir noch etwas für den Großeinsatz in der übernächsten Woche planen?“

„Ja, da sind noch ein paar Fragen offen.“

„Na dann …“

Wir stecken unsere Köpfe zusammen und machen uns an die Planung. Kai wird durch den Funk und das Telefon immer wieder weggerufen, sodass die meiste Arbeit an mir hängen bleibt. Gut, dass heute die Gewahrsamszelle nicht belegt ist, sonst wäre noch mehr los.

Erfahrungsgemäß kommen die meisten Bürger nach der Arbeit auf der Wache vorbei, um Anzeigen zu erstatten. Das verschafft Kai zusätzliche Arbeit, da spätestens um 16 Uhr das Kriminalkommissariat Feierabend macht.

Und so arbeitet Kai ab sechzehn Uhr die Schlange unglücklicher Bürger ab, die im Flur und Vorraum warten, während ich seine Aufgaben übernommen habe. Zwischendurch unterhalte ich mich mit dem Mufflon, das sich mittlerweile auch fertig organisiert hat.

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Kai holt gerade eine eben aufgenommene Anzeige aus dem Drucker, als das Telefon zum gefühlten zweitausendsten Mal an diesem Nachmittag klingelt. Er hebt im Vorbeigehen ab und meldet sich.

Abrupt bleibt er stehen, winkt mir zu, um meine Aufmerksamkeit zu gewinnen, geht weiter zum Wachtresen, bedeutet dem Bürger, an welchen Stellen er auf den Formularen zu unterschreiben hat, und nickt ihm zum Abschied freundlich zu.

Dann kommt er, noch immer den Hörer mit dem Spiralkabel am Ohr, zurück zum Wachtisch. Er hört weiter gespannt zu, während er einen Einsatzort in den Rechner mit seinen drei Monitoren eingibt.

Niederkassel sehe ich, dann Mondorf, Garagenhof, Nachbarschaftsfest, vierzig bis fünfzig Teilnehmer, Schusswaffe

„Ach du Scheiße!“, entfährt es mir. „Das darf doch nicht wahr sein.“ Ich greife zum Funkgerät. „Leitstelle! Lest bitte den Einsatz mit, den wir aktuell ins System stellen. Ich fahre mit allen Kräften, benötige aber wahrscheinlich weitere Unterstützung. Ich melde mich gleich aus dem Auto wieder.“ Dann reiße ich die Tür zum Flur auf. „Alle raus! Einsatz!“ An Kai gerichtet frage ich: „Was ist mit Aramis und Jasmin? Sind die frei?“

Kai blickt auf den Einsatzstatusmonitor. „Ja, haben sich eben frei gemeldet.“

„Ruf sie an und gib den Einsatzort bekannt. Ich bin gleich am Funk und koordiniere. Frag den Melder, oder schau selbst auf der Karte nach, ob es verschiedene Zugänge zu dem Garagenhof gibt. Außerdem brauchen wir eine Beschreibung des Täters. Karl, wuchte deinen Astralkörper samt deinen Klamotten in mein Auto!“

Er wartet auf dem Flur. „Wie heißt das Zauberwort mit zwei ‚t‘?“, fragt er mich.

„‚Flott‘, und jetzt sieh zu, dass du Meter machst!“

Die anderen sind schon draußen. Es wäre zu peinlich, wenn ich als Letzter zu meinem eigenen Einsatz käme.

Pit, Lukas und Nicole sind an uns vorbeigesprintet und draußen kann man bereits das sich entfernende „zu spät, zu spät“ der Streifenwagensirene hören. Pit ist heute mit dem Motorrad unterwegs. Seine Sirene klingt bei der Abfahrt so trostlos, als läge das altersschwache Krad bereits in den letzten Zügen.

Nachdem ich mir meine Schutzweste übergezogen habe, wuchtet Karl seinen massigen Körper neben mich auf den Beifahrersitz. Obwohl der Passat sehr geräumig ist, bleibt mir fast die Luft weg und ein spontanes Gefühl von Platzangst packt mich. Wie soll denn dieser Brecher jemals in den mikroskopisch kleinen 3er-BMW passen, den man uns angekündigt hat?

Ächzend tippt Karl auf das Display des Navis. „Wohin?“

Ich gebe ihm die Adressdaten. „Irgendwo hinter den Häusern muss ein gemeinsamer Garagenhof sein, in dem die Nachbarn eine Grillfeier abhalten. Unter den Gästen gibt es einen Zeugen, der gesehen hat, dass einer der Teilnehmer unter seinem T-Shirt einen Revolver trägt. Er wird als Mitte Vierzig, Einsachtzig groß, mit kurzen dunklen Haaren, Jeans und grauem T-Shirt beschrieben.“

Als ich in den ersten Kreisel einbiege, hat Karl die Adresse eingegeben; eine rote Linie zeigt mir auf dem Display die Fahrtstrecke.

„Karl, organisier für mich den Funk und trag die entsendeten Einsatzmittel auf meinem Klemmbrett ein.“

„Wie heißt das Zauberwort?“

Ich glaube kurz, mich verhört zu haben. „Was?“

„Wie heißt das Zauberwort mit zwei ‚t‘?“, wiederholt er humorlos.

„Hast du einen Knall? Wir sind im Einsatz! Es bleibt bei ‚flott‘. Ein ‚bitte‘ gibt es, wenn wir Zeit haben. Und jetzt frag die Eintreffzeiten ab!“

Murrend und mit zusammengekniffenen Augen macht sich das Mufflon an die Arbeit. „Lukas, Nicole und Pit brauchen noch etwa sechs Minuten, Aramis und Jasmin liegen knapp dahinter, wir sind die Letzten.“

Das werden wir noch sehen, füge ich in Gedanken hinzu.

Nach dem dritten Kreisel, in dem ich gegen die Fahrtrichtung einfach links abbiege, schnauzt Karl mich an: „Ras doch nicht so! Die kommen auch ohne dich klar. So spannend ist der Einsatz jetzt auch nicht.“

„Meinst du das ernst?!“ Ich sehe kurz entgeistert zu ihm rüber.

„Klar, was soll groß passieren? Der hat bestimmt nur eine Schreckschusspistole. Hat doch heute jeder so ein Ding, seit wir die vielen Flüchtlinge haben.“

Ich muss gegensteuern – nicht nur bei meinem Wagen, der nach dem Kreisel ausbrechen will, sondern auch bei Karl. „Pass auf, Karl, hier bei uns läuft das anders! Wir gehen vom Schlimmsten aus und freuen uns am Ende, wenn es nicht so gravierend war. Und jetzt geben wir erstmal Gas und unser Bestes. Das gilt für alle, somit ab jetzt auch für dich! Ich werde dir nachher Anordnungen geben, die du befolgen wirst, und zwar sofort und kommentarlos. Sollten mir taktische Fehler unterlaufen, die du erkennst, möchte ich, dass du mich darauf aufmerksam machst. Ich regele dann nach. Aber ansonsten will ich von dir nichts anderes hören, außer: ‚Ja, sofort!‘ Hast du das verstanden?“

„Ja, sofort!“ Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt hinter meinem Steuer zusammengesunken.

Ich schnappe mir den Funk. „An alle Kräfte im Einsatz ‚Garagenhof‘. Hat einer von euch einen Vorschlag für einen Treffpunkt? Ich bin kurz hinter euch.“

„Ich kann dich im Spiegel sehen!“, ruft Pit.

Kai mischt sich über Funk ein: „Ich habe einen Treffpunkt für euch. Fahrt alle in die Parallelstraße. Höhe Hausnummer Dreißig. Dort ist eine große Bushaltestelle und in der Nähe ein Durchgang zum Garagenhof.“

„So machen wir es. Also macht euer ‚LaLüLaLa‘ aus und fahrt gedeckt an. Wir sehen uns am Treffpunkt!“

Alle Einsatzmittel senden mir eine kurze Bestätigung.

„Also, Karl. Mach bitte das Horn aus.“

„Ja, sofort!“ Seine Hand dreht den Schalter und das Getöse verstummt. Ich warte ein paar hoffnungsvolle Sekunden, dann spreche ich ihn erneut an: „Meinst du, bei einer gedeckten Anfahrt ist das Blaulicht hilfreich?“

„Wahrscheinlich nicht.“

„Dann mach es bitte aus!“

„Ja, sofort!“

Ich kann sehen, wie schwer es ihm fällt, seinen Zorn hinunterzuschlucken.

Vor mir warten die anderen Einsatzfahrzeuge bereits an der Bushaltestelle. Ich bin tatsächlich Letzter – nicht mal Pit auf seinem altersschwachen Krad konnte ich einholen. Ich werde doch nicht etwa alt?

Bevor ich den Wagen anhalte, frage ich Kai über Funk: „Bekomme ich zusätzliche Kräfte?“

„Nein, sind keine frei. Ich hätte dir Bescheid gegeben. Der Melder ist auf dem Hof. Er trägt ein blaues Hemd und eine helle Hose. Er wird versuchen, sich bei dir bemerkbar zu machen. Ich hab ihm gesagt, er soll einfach zum kleinsten Polizisten gehen. War doch richtig, oder?“ Man kann sein Grinsen förmlich hören. Ohne eine Antwort abzuwarten, funkt er weiter: „Geh zu ihm, er zeigt dir den mit der Waffe. Bisher hat er sie nicht gezogen, aber sie ist noch anderen Besuchern aufgefallen. Die Leitstelle und ich wurden schon von mehreren Meldern angerufen. Der Hof ist auch nicht mehr so voll wie eben. Es sind höchstens noch etwa zwei Dutzend Personen dort.“

„Das sind leider immer noch mehr als genug! Danke! Gibt es mittlerweile eine genauere Beschreibung des Täters?“

„Nein! Zum Teil widersprechen sich die Melder. Arbeite mit meiner Beschreibung vom Anfang.“

An die Leitstelle gerichtet frage ich: „Habt ihr noch weitere Infos? Ansonsten gehen wir jetzt auf Handfunk und melden uns erst wieder bei Bedarf.“

„Alles Gute!“, kommt lediglich als Antwort aus dem Äther.

Bemüht, die Reifen nicht quietschen zu lassen, haben nacheinander alle Einsatzfahrzeuge den Sammelpunkt erreicht. Den fußläufigen Zugang zum Garagenhof können wir etwa 20 Meter weiter sehen.

Gut gemacht, Kai, das ist ein super Treffpunkt, denke ich, während ich aus dem Auto springe. Die Mannschaft versammelt sich vor meinem Wagen. Ich lege mein Klemmbrett auf die Motorhaube, verbrenne mir an dem von Sonne und Motorhitze erhitzten Blech die Ballen beider Hände und fluche.

Mit dem Kuli zeichne ich einen skizzenhaften Plan des Garagenhofes, wie ich ihn in Erinnerung habe. Karl trudelt auch langsam ein und bleibt ostentativ desinteressiert hinter uns stehen.

„Du, Karl, auch wenn man dir keine Motivation ansieht, darfst du gerne bei uns mitmachen. Kennst du die Örtlichkeit?“

Karl verschränkt die Arme vor der Brust, sodass ein paar Aschekrümel zu Boden fallen. „Nein!“

„Okay, dann arbeiten wir mit dem, was wir haben. Jedes Team nimmt einen anderen Zugang. Pit, du kommst von da!“ Mein Finger zeigt auf einen Zugang zwischen zwei Garagenblöcken, den er mit seinem Krad durchfahren kann.

„Wir kommen von dort“, mischt sich Karl ein. „Das scheint mir der kürzeste Weg zu sein.“

Alle schauen mich an, rechnen mit einer harschen Zurückweisung.

„Ja, ihr kommt von dort, aber vor allem, da ich bei diesem Zugang ein paar Sekunden länger Zeit habe, mir ein Bild von der Situation zu machen.“

Alle nicken.

„Aramis, ihr fahrt um den Block und kommt von da.“

Aramis folgt meinem Finger auf der Skizze. „Geht klar!“

„Lukas, ihr kommt von der Hauptzufahrt. Schau, ob ihr dort gedeckt einen Parkplatz bekommt, ansonsten startet ihr den Zugriff aus dem Auto heraus. Alle gleichzeitig auf mein Kommando!“ Ich sehe mich um. „Noch Fragen?“

Niemand sagt etwas.

„Einen dezidierten Plan habe ich noch nicht. Wir müssen abwarten, was wir vorfinden und wie es sich entwickelt. Haben alle ihre Westen an? Die Waffen durchgeladen? Funk dabei?“

Allgemeines Nicken, wohingegen Karl zurück in Richtung Streifenwagen trottet. Ich schüttle den Kopf und blicke ihm nach. Da kommt viel Arbeit auf uns zu.

Meine Faust klopft zweimal auf die Motorhaube, diesmal ohne mir Verbrennungen zuzuziehen. „Auf geht’s! Gebt mir über Funk Bescheid, wenn alle bereit sind.“

Kurze Zeit später trudeln die Klar-Meldungen zusammen mit Karl, der nun auch in seine Schutzweste gehüllt ist, bei mir ein. Ich werfe einen weiteren letzten Blick um die Mauer herum auf den Hof. Es ist auffallend wenig Bewegung zu erkennen. Den Melder habe ich bereits ausgemacht, allerdings steht er relativ weit von mir entfernt in einer der Ecken. Den vermeintlichen Täter konnte und kann ich auch jetzt nicht entdecken.

„Dann los! Achtet auf mich und meinen Funk.“

Von allen Zugängen stürmen meine Teams mit ihren Pistolen in der Hand auf den Garagenhof. Ich orientiere mich in Richtung des Melders. Der erkennt mich und kommt langsam, fast bedächtig auf mich zu. Meine Augen scannen den Hof, achten auf Bewegungen und suchen nach Besonderheiten. Nichts! Alle Personen verhalten sich unauffällig. Drei kleine Kinder spielen in der Nähe des Grills.

Ich blicke zum Melder, der mir mit seinen Augen Zeichen gibt. Seine Pupillen stoßen nach rechts, dann zeigt sein Daumen vor dem Körper mehrfach kurz in Richtung seiner rechten Seite. Worauf verdammt weist er mich hin? Nichts zu erkennen – oder doch? Da, etwa 20 Meter rechts von ihm steht eine Person, die der ersten Beschreibung sehr nahekommt. Sie steht mit dem Rücken zu mir. Eventuell kann Pit sie von der Seite sehen, aber der sieht in eine andere Richtung. Mit der Hand gebe ich lautlos Zeichen.

Die Zielperson dreht sich nicht um.

Meine Augen fliegen. Ist jemand bei ihm? Gehört jemand zu ihm? Gibt es einen oder mehrere Komplizen?

Die Pistole liegt beim Gehen ruhig in meiner Hand. Ich schwinge den Arm, wie ein Passgänger, entlang meines rechten Beins, um sie möglichst lange zu verbergen.

Der Melder hat mich erreicht und raunt mir im Vorbeigehen zu: „Er hat die Pistole vorne im Hosenbund!“

Ich nicke. „Bringen Sie sich in Sicherheit, aber bleiben Sie in der Nähe. Ich muss gleich noch mit Ihnen sprechen.“ Ob er etwas geantwortet oder zustimmend genickt hat, nehme ich nicht mehr wahr.

Ein kurzer Blick zurück zu meiner Crew zeigt mir, dass sie meinen Blicken und Zeichen gefolgt sind und nun ebenfalls auf die Person zustreben.

Dann konzentriere ich mich ganz auf den Mann, von dem ich bisher allein seinen Rücken in einem grauen T-Shirt sehen kann.

Mit einem Ruck dehnt sich die Zeit. Kaum zu glauben, wie viele Details das Gehirn in wenigen Augenblicken aufzunehmen vermag – als wäre ich in einer Zeitlupe gefangen.

Seine Hände sind nicht auszumachen. Ein Teil seiner Haare hat bereits ins Grau gewechselt – beinahe das gleiche Grau wie sein verwaschenes T-Shirt. An seinem Hals, direkt unter den kurzen, im Nacken ausgeschnittenen Haaren, trägt er eine Goldkette mit auffällig großen Gliedern. Die Haut darunter ist etwas heller, weniger gebräunt. Offenbar hält er sich häufig an der frischen Luft auf.

Seine rechte Schulter steht höher als die linke. Der Hals des T-Shirts ist weit ausgeschnitten, der Stoff wirkt eher dünn und ungebügelt. Das Shirt steckt nicht in der Hose, ich nehme dennoch wahr, dass er einen Gürtel trägt. Dieser sitzt so eng, dass sich rechts und links darüber kleine Fettpolster ihren Weg bahnen und unter dem Shirt spannen. Rechts ist es ein wenig hochgezogen, wahrscheinlich durch die Schulter. Hat er etwa mit der rechten Hand bereits nach der Pistole in seinem Hosenbund gegriffen?

Noch immer kann ich seine Hände nicht sehen. Der linke Fuß beginnt sich jedoch, in meine Richtung zu drehen. Das Bein folgt, dann die Hüfte. Er steht noch nicht im Profil, aber der Körper dreht sich weiter nach links um seine eigene Achse.

Sein Gesicht liegt jetzt schräg im Schein der späten Nachmittagssonne. Seitlich des linken Auges sind die kleinen Fältchen zusammengepresst. Lacht er etwa? Ich kann nichts hören. Mit jedem Zentimeter, den er sich bewegt, kann ich etwas mehr von seinem Profil erkennen. Nein, kein Lachen – er kneift seine Augen gegen die Sonne zusammen. Eine schmale Nase und auffällig lange tiefschwarze Wimpern schieben sich in meinen Blick. Noch immer ist keine Waffe zu sehen.

Ich hebe meine 9-mm Automatik um einige wenige Zentimeter, bereite mich innerlich vor. Schweiß läuft an meiner Wirbelsäule entlang in meinen Hosenbund.

„Halt, Polizei! Nehmen Sie die Hände hoch!“, rufe ich, sicherlich viel lauter als notwendig. Er steht höchstens noch 10 Meter von mir weg. Ich sehe seine linke Hand vor dem Schloss seines Gürtels.

Keine Waffe in der linken Hand – aber sie verdeckt etwas.

Sein Körper dreht sich weiter, ohne auf die Worte zu achten, die ich jetzt mindestens genauso laut wiederhole: „Nehmen Sie sofort die Hände hoch, damit ich sie sehen kann! Bleiben Sie stehen!“ Diesmal muss er mich verstanden haben.

Mein Finger, der bis jetzt lediglich entlang des Abzugs lag, wandert nach vorn, umspannt ihn. Das kühle Metall in der Beuge zwischen dem ersten und zweiten Glied meines Zeigefingers beruhigt mich. Noch immer halte ich die Waffe nach unten gerichtet. Ich bin stehengeblieben, ohne es bemerkt zu haben.

Sein Körper dreht sich weiter in meine Richtung.

Jetzt dröhnt auch Pits mächtiger Bariton über den Platz. „Haben Sie nicht gehört? Stehenbleiben und die Hände hoch! Ich will sofort Ihre Hände sehen!“

„Wenn Sie nicht sofort jede Bewegung einstellen, werden wir schießen!“

Keine Reaktion. Er dreht sich einfach weiter.

Hat er uns nicht verstanden? Spricht er eine andere Sprache? Dauert es so lange, bis er das Gehörte umsetzen kann? Millionen möglicher Ausreden, scheinbarer Probleme und falscher Möglichkeiten für sein Verhalten fluten meinen Kopf.

Ich schließe für einen kurzen Moment die Augen, verscheuche die Gedanken. Ich muss mir selber trauen können. Erneut sehe ich zu ihm, im Zeitlupentunnel gefangen – fokussiert und klar.

Jetzt steht er im Profil. Es sieht grotesk aus, wie er sich dreht. Der linke Fuß zeigt fast komplett zu mir, das Knie ist gebeugt, während der Oberkörper zurückbleibt. Sein Kopf ist etwas vorgeeilt, als wäre der neugieriger als der Rest seines Körpers. Nur seine Hüfte hat noch immer nicht den Viertelkreis beschrieben, den ich bräuchte, um die vermeintliche Waffe erkennen zu können, sollte er sie in der rechten Hand halten.

Hinter seiner linken Hand blitzt es im Sonnenlicht silbern. Nur einen kurzen Augenblick. Ich hebe meine Waffe weiter und beobachte das Geschehen jetzt wie mit einem zweiten Augenpaar.

Der Lauf meiner Automatik zielt jetzt auf seinen linken Oberschenkel, den habe ich im Blick. Aber gleichzeitig sehe ich ihm auch in die Augen, die er nun beide auf mich gerichtet hat. Sein Oberkörper verdeckt noch immer die rechte Hand.

Müsste Pit von seiner Position aus nicht erkennen können, ob er eine Waffe trägt? Was machen die anderen? Hoffentlich schießt niemand zu früh, oder – im schlimmsten Fall – aus Versehen!

„Hand von der Waffe – sofort!“ Wieder Pit.

Ok – dem entnehme ich, dass er tatsächlich bewaffnet ist.

Seine Augen wirken aus meiner Perspektive wie schwarze Löcher, zu schmalen Schlitzen verengt. Nichtssagende Augen, die mir nicht weiterhelfen.

Sein Körper dreht sich weiter. Jetzt kommt ein großer, silberner Revolver zum Vorschein.

Meine Waffe wandert instinktiv weiter hoch zu seinem Oberkörper. Was wäre, wenn ich das Bein verfehle? Gezielt einen Arm zu treffen ist mit so viel Adrenalin, wie es jetzt durch meine Adern fließt, utopisch. Eine Doublette in den Oberkörper wäre sicherer.

Gut, dass wir die neue Munition mit Mannstoppwirkung haben. Unnütze Gedanken.

Seine Wendung ist fast komplett, als er seinen Revolver aus dem Hosenbund zieht. Mein Abzugsfinger verkrampft.

Habe ich auch wirklich durchgeladen? Sind der Schlitten oder die Auszieherkralle meiner Automatik verkantet? Die Munition – könnte es sein, dass sie überlagert ist und nicht zündet? Ich könnte einen Warnschuss abfeuern, dann wüsste ich es. Bliebe mir danach genug Zeit wieder auf ihn zu zielen?

Ich will ihn erneut anschreien, den Druck aus mir entweichen lassen, aber mein Mund bleibt verschlossen. Mein Schrei brandet von innen in meinen Mund, füllt ihn aus und bleibt dort ungehört stecken. Es hilft nichts, ich muss jetzt schießen, um mich und die anderen zu schützen. Oder? Nein, zu früh!

Seine große Hand hat den Griff des Revolvers umschlossen, sein Finger ruht auf dem Abzug, der Hahn ist vorgespannt, die Mündung zeigt um etwa 45° nach vorne unten.

Ich nehme diese Details wahr, als müsste ich eine Pro- und Kontraliste erstellen.

Komm, nimm die Waffe etwas höher, damit ich in die Kammern sehen kann. Ich muss mir ganz sicher sein. Das alles würde ich am liebsten schreien, aber mein Mund bleibt versiegelt.

Vielleicht 55° oder 60°. In der einen Kammer kann ich silbernes Blitzen erkennen. Eine Patrone? Müsste es nicht heller sein? Oder dunkler, wenn sich keine Patrone in der Kammer befindet? Wie zum Teufel sehen eigentlich Platzpatronen in einer Revolverkammer aus?

Irgendjemand schreit etwas. Ich blicke in seine Augen, auf seinen Mund. Beides scheint ruhig und unbewegt.

Will er, dass wir schießen? Möchte er hier und jetzt von der Polizei erschossen werden? Ein erweiterter Suizid?

Salziger Schweiß verklebt meine Augen. Jeder Wimpernschlag dehnt sich in Richtung Ewigkeit, jedes mikroskopische Detail an ihm drängt sich mir auf. Der kleine Fleck auf seinem T-Shirt – bestimmt hat er sich mit Ketchup bekleckert. Der verschrammte Gürtel, in dem mehrere Lochösen gedehnt sind – hatte er in letzter Zeit Gewichtsveränderungen? Die Jeans ist ausgefasert und schmuddelig.

Hat er möglicherweise vergessen, alle Kammern seines Revolvers zu laden? Aber was hilft mir das? Welche Kammer ist die ohne Patrone? Russisch-Roulette für Fortgeschrittene …

Die Mündung seines Revolvers wandert Zentimeter für Zentimeter weiter in meine Richtung. Bald würde er mein Bein treffen können.

Meine Beine und der Unterleib sind ungeschützt. Sein Waffenarm schwenkt weiter nach oben. Wie stark wäre wohl der Schmerz, wenn sich sein Schuss in meiner Weste fängt? Würde die Weste halten, was der Innenminister versprochen hat?

Mein Magen krampft sich zusammen. Ich ziele jetzt genau auf seine Brust, korrigiere meine Waffenhaltung, dann wende ich meinen Blick wieder in Richtung seiner Hand. Das würde genau genug sein. Ich würde ihn treffen. Nur keinen Fehler machen.

Noch immer kann ich nicht sprechen, stöhne innerlich.

Mein Zeigefinger beginnt sich zu krümmen. Mit jedem Stück, den sich die Mündung seiner Waffe mir nähert, ein wenig weiter. Millimeter für Millimeter ziehe ich den Abzug weiter auf mich zu. Jeden Moment könnte der Schuss brechen. Der Zeitpunkt würde auch für mich eine Überraschung sein; ebenso wie die Tatsache, dass der Weg des Abzugs gefühlt bereits jetzt viel länger ist, als er es jemals unter normalen Bedingungen in der Schießanlage war.

Dann soll es so sein! Er hat seine Chance gehabt. Einer von uns beiden geht heute gesund zurück zu seiner Familie. Und das würde ich sein!

Weiter bewegt sich mein Abzug, weiter hebt er die Waffe. Ich erwarte den Knall, sehe sein Blut vor meinem geistigen Auge.

Oder würde es am Ende das meine sein?

Immer weiter ziehe ich den Abzug, immer näher kommt mir der Lauf seines Revolvers.

Alle Kammern seines Revolvers sind gefüllt, da bin ich mir jetzt ganz sicher. Wo bleibt der Knall aus meiner Waffe, wo der Schuss?

Plötzlich löst sich seine Hand von der Waffe. Erst baumelt der Revolver sekundenlang an seinem Zeigefinger, dann lässt er ihn fallen.

Unendlich langsam begreife ich, was da eben passiert ist. Vorsichtig löse ich meinen Finger vom Abzug.

Quälend entlässt mein Körper die Anspannung. Mein Nervensystem gibt meinen Mund wieder frei und so kann ich meinen ganzen Druck stöhnend ausatmen.

Noch während ich die Waffe senke, sehe ich zwei große Schatten an mir vorbeifliegen. Sie reißen den Mann in Jeans um.

Nachdem ich meine Dienstwaffe entspannt und zurück ins Holster geschoben habe, bücke ich mich und hebe den silbernen Revolver auf. Ich drehe und wende die Waffe in meiner Hand – unfähig, an etwas anderes zu denken, als dass beinahe eine oder mehrere dieser Patronen blutig in Körper eingeschlagen wären. Wie viel Unheil so ein kleines Stückchen Metall anrichten kann.

Ein Zucken durchläuft meinen Körper, als wollte er das eben Erlebte abschütteln.

Ich stehe wieder auf und sehe mich um.

Pit zwingt den großen Mann mit einem Armhebel unter sich, während Lukas ihm Handschellen anlegt. Nicole zielt auch weiterhin auf seinen Kopf. Ich lege meine Hand auf ihre Schulter. „Nicki, ich glaube das war’s. Die beiden haben ihn im Griff.“

Kurz schießen mir Tränen in die Augen. Was für einen Druck muss Nicole gehabt haben? Ich mache den Job schon ein paar Jahre; für sie war heute der erste Tag in ihrem neuen Beruf, in ihrem neuen Leben.

Beruhigend drücke ich ihren Arm, aber im Grunde habe ich keine Ahnung, wer wem Halt gibt.

Aramis und Jasmin stehen mit dem Rücken zu uns und beobachten die Situation auf dem Hof. Die Passanten stehen zum größten Teil am Rand der Szenerie. Einige haben an den Garagen Deckung gesucht, andere stehen da und sehen schockiert zu. Eine Frau mit einem geblümten Kleid steht mitten auf dem Platz und hält sich die Hände vor den Mund. Ein junger Kerl, etwa Mitte Zwanzig, steht da und filmt mit seinem Smartphone. Die Kinder haben hinter dem Grill Deckung gesucht. Ein Mann – der Vater? – hat sich schützend über sie gelegt.

Einzig Karl steht unbeteiligt am Rand der Szenerie und raucht. Als er meinen Blick sieht, ruft er mir mit Fluppe im Mund zu: „Ich habe die Verstärkung abbestellt. Wir haben doch alles im Griff!“

Asche fällt auf sein Hemd.

Der Bann ist gebrochen und ganz bedächtig erwacht das Stillleben um mich herum.

In mir erwacht Zorn. „Sieh zu, dass du die Kippe ausdrückst und dir ein paar Zeugen schnappst. Und zwar flott!“

Er zieht ein letztes Mal, lässt die Zigarette einfach aus dem Mund fallen und tritt sie aus. Dann wendet er sich an die Person, die ihm am nächsten steht.

Ich gehe zu Aramis und Jasmin. „Könnt ihr bitte Karl unterstützen? Ich brauche ein paar brauchbare Zeugenaussagen, wie sich die Situation abgespielt hat, bevor wir eingetroffen sind. Besorgt mir bitte auch das Handy-Video. Wo ist eigentlich der Melder?“ Ich sehe mich um und entdecke den Mann kaum ein paar Meter rechts von mir am Grill. „Fangt am besten mit ihm an.“