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Meinen Eltern und meinen Kindern

B. Hatterscheidt

Für Lea

L. Kroner

Über das Buch:

Tadeusz Piontek ist Hausmeister und „Mädchen für alles“. Bei Umbauarbeiten im Keller des Hauses in der Viersener Straße findet er eine eingemauerte Tiefkühltruhe. Als er sie öffnet, blickt in das vereiste Gesicht eines Toten: tiefgekühlt seit Jahren. Deutlich ist eine schwere Schädelverletzung zu erkennen.

Eiskalt in Nippes ist ein neuer Fall für Hauptkommissar Westhoven und sein Ermittlungsteam.

Auf dem Fahndungsplakat erkennt die Bewohnerin eines Seniorenstifts den Toten. Doch noch bevor Sie eine Aussage bei den Beamten der Mordkommission 6 machen kann, wird sie Opfer eines Verkehrsunfalls. Doch war es wirklich ein Verkehrsunfall? Die Kölner Taxifahrerin Katharina Oehmchen, die Zeugin des Unfalls war, behauptet: Es war Mord!

Kriminalhauptkommissar Westhoven und sein Team stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Die Identität des Toten steht nicht und die Jahrzehnte alten Hinweise führen augenscheinlich immer wieder ins Leere. Doch der Täter ist verunsichert und beginnt Fehler zu machen…

Vorwort:

Dieser Roman beruht auf Tatsachen. Die Ermittlungen und Vernehmungen orientieren sich an der Wirklichkeit des kriminalpolizeilichen Alltags. Auf vielköpfige Kommissionen wurde zu Gunsten der Verständlichkeit und des Handlungsfadens verzichtet. Keine der genannten Personen ist so existent. Namensähnlichkeiten sind daher zufällig. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen sowie mit lebenden oder verstorbenen Personen ist aber nicht immer rein zufällig. Der Roman soll vor allem ein Kriminalistenroman sein, der sich nah an der kriminalpolizeilichen Wirklichkeit orientiert. Deshalb sind einige Textpassagen bewusst streckenweise protokollartig.

Bernhard Hatterscheidt

Ludwig Kroner

Eiskalt

in Nippes

Kriminalistenroman

Impressum

Math. Lempertz GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das Buch oder Teile daraus zu vervielfältigen oder auf Datenträger aufzuzeichnen.

1. Auflage – August 2011

Text: Bernhard Hatterscheidt und Ludwig Kroner

Titelbild: Ralph Handmann, Collage unter Verwendung von Motiven von: © Francisco Romero, fotolia.de (Kühlschrank), © vlntn, fotolia.de (Kellerraum)

Printed in Germany

Prolog

Es war einer der ersten warmen Frühlingstage in Köln. Auf dem Wilhelmplatz in Köln-Nippes herrschte lebhaftes Markttreiben. Die letzten alteingesessenen „Kölsche Maatwiever“ priesen lautstark ihr Gemüse an. „Ädäppel, et Kilo für nen Euro oder e Pund für en Mark, Murre, de Bund für nen Euro fuffzisch! Kappes, Kühl und Schawur hück zom Sonderpreis! Lückscher luurt un kauft, billiger wet et nit mieh!“ Türkische Marktbeschicker, wie es offiziell hieß, setzten mehr auf Tomaten, Avocados und andere beliebte südliche Gemüse. Der Kurzwarenhandel und die Angebote von billigen Textilien aus Osteuropa waren fest in polnischer Hand. Hier auf dem Nippeser Markt mischte sich Kölsches Urgestein mit Multikulti. Hier brauchte über Integration nicht geredet zu werden. Hier wurde sie gelebt. Es war einfach so. In den letzten Jahrzehnten war aus der alten Eisenbahnersiedlung westlich der Neusser Straße, deren Herzstück das RAW (Reichsausbesserungswerk) der Bahn in der Werkstattstraße gewesen war, ein Kölner Arbeiterviertel geworden, wo der Friseur Ibrahim Özdemir sich selbstverständlich als „Kölsche Jung“ bezeichnete und einen Mitgliedsantrag bei der KG Nippeser Bürgerwehr gestellt hatte, und „Toni“ Sanyo aus Zentralafrika im „Goldenen Kappes“ in perfektem Kölsch „E Früh un en Portion Himmel un Äd met Flönz“ bestellte.

Kölner Marktfrauen

Kartoffeln, das Kilo für einen Euro oder ein Pfund für eine Mark, Möhren, der Bund 1,50 €! Weißkohl, Grünkohl, und Wirsing heute zum Sonderpreis! Leute, schaut und kauft, es wird nicht mehr billiger!

Nippeser Karnevalsverein

Ein obergäriges Bier der Marke Früh und eine Portion Stampfkartoffeln mit Apfelmus und gebratener Blutwurst

EINS

Tadeusz Piontek hatte schon zweimal mit seinem alten VW Caddy den Wilhelmplatz umrundet. Jeder Parkplatz, jede freie Fläche war schon zugeparkt. Er hatte schon damit ge-rechnet. Er wohnte hier in Nippes und kannte die Situation an Markttagen. Kurz entschlossen parkte er seinen Caddy Pickup, der schon bessere Tage gesehen hatte, in der Vierse-ner Straße halb auf dem Bürgersteig unmittelbar vor dem Haus. Er hoffte, die Aufschrift „Piontek Hausmeister-service“ auf seinem Fahrzeug würde die Politesse, die regelmäßig an Markttagen am Wilhelmplatz kontrollierte, gnädig stimmen. Die Aufschrift hatte er beibehalten, als er vor einem Jahr seine Selbstständigkeit aufgab und als „Mädchen für alles“ für Armin Rasch anfing. Rasch kaufte in Nippes Altbauten, setzte die zum großen Teil langjährigen Mieter vor die Tür und verkaufte dann die sanierten Wohnungen zu horrenden Preisen an Yuppies, die Nippes einfach nur schick fanden.

Tadeusz Piontek öffnete die auf der Ladefläche festgeschraubte Alukiste mit der Aufschrift des ursprünglichen Eigentümers „Balfinger & Burger“, bevor sie von einer Baustelle in Ehrenfeld verschwand. Er nahm die abgewetzte Werkzeugtasche und den schweren Bohrhammer heraus. Dieser war vor Zeiten einmal ein begehrtes Sonderangebot bei Aldi gewesen.

Während er mit der linken Hand den Hausschlüssel in seiner Hosentasche suchte, fischte er mit der Rechten eine Zigarette aus der Tasche seiner grauen Jacke und zündete sie an. Die seit Monaten nicht benutzte Haustür öffnete sich knarrend.

Der braun-beige geflieste Boden des Hausflurs war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Die Treppe zum Keller lag im Dunkeln. Piontek betätigte den Lichtschalter. Im Keller flammten zwei von der Decke hängende Glühbirnen auf und verbreiteten ein spärliches Licht. Da er mit einer solchen Beleuchtung gerechnet hatte, nahm er aus seiner Werkzeugtasche zwei 100-Watt-Glühbirnen und wechselte sie gegen die beiden 40er aus.

Der schwere Bohrhammer machte einen ohrenbetäubenden Lärm in dem schmalen Kellergang, als Piontek auftragsgemäß die Mauer unter der Kellertreppe einriss. Steinteile fielen zu Boden, seine sehnigen, kräftigen Arme zitterten durch die Vibrationen des pneumatischen Bohr-hammers. Feiner Staub bedeckte den tätowierten Frauenkopf auf seinem rechten Oberarm. Nach wenigen Minuten hatte er ein 40 cm großes Loch in die Wand gehämmert. Er ließ kurz die Maschine nach unten sinken. Hinter der Mauer hörte er ein leises Surren. Piontek machte eine kleine Pause, rauchte eine Zigarette und goss sich aus der Thermoskanne den dampfenden Kaffee in die Deckeltasse.

Nach weiteren 20 Minuten hatte er bereits so viel von der Mauer eingerissen, dass er in den Hohlraum unter der Kellertreppe blicken konnte. Das Surren war nun wesentlich deutlicher zu hören. Er suchte die Quelle dieses Geräusches. Es kam offensichtlich von der verstaubten Truhe, die unter der Treppe in der hinteren Ecke stand. Nach einer weiteren Stunde, es war jetzt kurz nach 08.00 Uhr, hatte er die Mauer so weit eingerissen, dass man den abgemauerten Hohlraum betreten konnte.

Mit dem Ärmel seiner Jacke wischte er über den Deckel der Truhe. Es kam die graue Lackierung zum Vorschein. An der Kopfseite konnte er im Halbdunkel den Schriftzug „Privileg“ lesen. Neben dem Schriftzug waren vier **** erhaben aufgedruckt. Wozu steht hier eine Gefriertruhe?, ging es ihm durch den Kopf.

Mit beiden Händen erfasste er den Griff vorne links am Deckel der Truhe und hob ihn an. Die Glühbirne im Innern der Truhe war intakt, und mit einem Mal wurde ihm schwindelig. Um sicher zu gehen, dass ihm nicht Schatten einen Streich spielten, öffnete er ein weiteres Mal die Truhe und war nun sicher. Er blickte in das Gesicht eines Mannes. Die Augen waren weit aufgerissen, und der gesamte Körper war mit einer feinen Eisschicht überzogen. Er ließ den Deckel nach unten knallen. Staub wirbelte auf. Piontek suchte Halt und stützte sich am Mauerrest ab. Seine Nerven spielten nicht mehr mit. Sein Magen revoltierte. Mit einem heftigen Schwall schoss der eben getrunkene Kaffee aus seinem Mund und landete auf dem staubigen Boden.

Piontek rannte die Treppe hinaus nach oben, nur raus aus diesem Keller. An seinem Auto angekommen, setzte er sich erst einmal auf die Kofferhaube seines Caddys. Seine Knie zitterten.

Das Handy in seiner Hand kam ihm wie ein Fremdkörper vor, als er die Rufnummer „110“ wählte. „Tadeusz Piontek hier, ich habe Leiche gefunden.“ „Was haben Sie gefunden?“, fragte der Beamte der Leitstelle im Polizeipräsidium Köln-Kalk, der den Notruf angenommen hatte.

„Einen toten Mann in einer Truhe. Sie müssen kommen!“ Seine Stimme überschlug sich fast. Ihr Klang ließ den Beamten aufhorchen, das hier war Ernst. Der Mann am anderen Ende der Leitung war psychisch am Ende.

„Beruhigen Sie sich bitte. Wo sind Sie?“ Der Beamte war darauf geschult, so viele Informationen wie möglich zu bekommen.

„Ich bin in Nippes, Viersener Straße, direkt am Markt“, stammelte Piontek und drückte hierbei das Gespräch vor lauter Anspannung weg.

Der Beamte der Leitstelle aktivierte die Nummer des Anrufers aus dem Speicher und wählte die Nummer von Piontek.

„Ja, hallo?“

„Herr Piontek, hier ist noch mal die Polizei. Stehen Sie am Wilhelmplatz?“, der Beamte hatte im Hintergrund die Geräusche des Marktplatzes gehört.

„Ja, genau, ich warte am Auto, ein roter VW Caddy.“

„Okay, ich schicke Ihnen einen Streifenwagen. Machen Sie sich meinen Kollegen bemerkbar, winken Sie, damit die Sie direkt finden.“ Der Beamte notierte die bisherigen Informationen ins Einsatzprotokoll und speicherte diese. Für weitere Maßnahmen sah er noch keinen Anlass. Dafür waren die Informationen bislang viel zu dürftig. Es könnte sich genauso gut um eine ganz normale Leiche handeln.

Wenige Minuten später erreichten Polizeikommissarin (PKin) Pesch und Kommissarsanwärterin (KAin) Grüner die Viersener Straße am Wilhelmplatz. Als sie von der Christinastraße in die Viersener Straße einbogen, sprang Tadeusz Piontek mit hochgerissenen Armen auf die Fahrbahn. PKin Pesch betätigte die Lichthupe und hielt neben dem roten Caddy an.

“Wir parken nur eben den Streifenwagen dort vorne und kommen dann sofort“, rief sie ihm durch das halb geöffnete Fenster zu. Beim Aussteigen griff sie routinemäßig noch nach ihrer großen Maglite und verschloss dann den Wagen.

„Guten Morgen, Herr …?“, begrüßte PKin Pesch ihn.

„Piontek, Tadeusz Piontek. Kommen Sie, ich muss Ihnen etwas zeigen“, sprudelte er sofort los, „ich zeige Ihnen Weg“, und ging sofort schnurstracks Richtung Haustür. Die beiden Beamtinnen folgten ihm. Die Haustür stand sperrangelweit offen. Piontek hatte sie mit einem Holzkeil fixiert. Die Flurwände waren gelb gefliest. Der obere Rand schloss mit einer schwarzen Bordüre ab. Der Rest der Wand und die Decke waren einmal weiß gestrichen. Auf der rechten Wand hingen drei Briefkästen, deren Türen verbogen in den Angeln hingen, sie waren vielfach mit Namen überklebt.

Sie gingen durch den Hausflur zum Kellerabgang. Die Kellerbeleuchtung war noch eingeschaltet. die dunkelrot gestrichene Holztreppe war in die Jahre gekommen und schien jeden Moment einzustürzen. Unter dem Gewicht der drei ächzten die Stufen.

Piontek hielt einen Moment inne und zeigte dann in Richtung Mauer. „Da, da ist die Truhe“, sagte er mit in der Aufregung nach oben kippender Stimme. Diese Stimme passte so gar nicht zu dem drahtigen Typen mit den vielen Tätowierungen, ging es PKin Pesch durch den Kopf.

Sie drückte den Knopf der Maglite, und ein heller Lichtschein erhellte den staubigen, spinnwebenverklebten Raum unter der Kellertreppe.

Sechs Augen starrten auf die verstaubte Truhe, von der ein unüberhörbares Surren ausging. Piontek blieb zurück, während sich PKin Pesch ihre Lederhandschuhe anzog und sich zusammen mit KAin Grüner durch die Mauerlücke der Truhe näherte. Sie gab ihrer Kollegin die Taschenlampe.

Vorsichtig hob sie den Deckel der Truhe an und öffnete sie dann entschlossen. Kälteschwaden entwichen, die 5-Watt-Glühbirne der Innenbeleuchtung flackerte.

Die Blicke der jungen Beamtinnen fielen auf die vereiste Leiche in der Truhe. KAin Grüner, die heute ihren ersten Toten sah, fiel vor Schreck die Taschenlampe auf den Boden. PKin Pesch schloss ruckartig den Deckel. Mit einem dumpfen Geräusch knallte dieser auf den Rand der Truhe, die dicke Staubschicht wirbelte auf. An Atmen war hier nicht mehr zu denken.

Die Beamtinnen traten hustend zurück in den Kellerraum und gingen zum Treppenaufgang. PKin Pesch legte die Handschuhe auf die Kellertreppe, zog ihr Diensthandy aus der Hemdtasche und rief die Leitstelle an.

ZWEI

24 Stunden vorher in der Toskana:

„Paul. Paul, wach auf“, rief Anne Westhoven, geb. Stern, und rüttelte an seiner Schulter. Anne wusste nicht, was Paul geträumt hatte, aber sie sah, dass er sich im Schlaf wälzte und um sich schlug. Sein flehendes „Nein, bitte. Bitte nicht“, hatte sie aus ihrem Schlaf gerissen.

Als Paul Westhoven die Augen aufschlug, wirkte er orientierungslos und erleichtert zugleich. Er nahm Anne in den Arm und flüsterte ihr „Ich liebe dich so sehr“ ins Ohr.

„Was hast du geträumt?“

„Ach nichts, irgendeinen Scheiß.“ Anne sollte nicht wissen, dass sie in seinem Albtraum soeben ein weiteres Opfer eines Serienmörders geworden war. Die von diesem Psycho begangenen bestialischen Morde hatten sein Unterbewusstsein mehr beschäftigt, als er sich selbst, geschweige jemand anderem, jemals eingestehen würde.

Immer wieder musste Paul Westhoven daran denken, dass seine Anne nur durch Zufall dem Tod entronnen war und Lisa Düster anstatt ihrer sterben musste. Zum Glück war es nur ein Traum, denn der Mörder saß gut verwahrt in einer psychiatrischen Klinik, weit weg von der Toskana.

Paul Westhoven rieb sich die Augen und griff nach seiner Armbanduhr. „Halb fünf. Lass uns noch versuchen, ein paar Stunden zu schlafen“, schlug er vor, gab Anne einen Kuss und nahm sie zärtlich in den Arm. „Wir fliegen doch erst um 12.00 Uhr.“ Anne legte ihren Kopf auf seine Brust und streichelte sein bartstoppeliges Gesicht. „Schlaf noch gut.“

Beim Frühstück im Hotelrestaurant schaute Anne ihn an. „Jetzt sag schon, Paul. Was hast du so Schlimmes geträumt, dass du sogar um dich schlägst und um Hilfe rufst?“ Es ließ ihr keine Ruhe.

Paul Westhoven schluckte seinen Bissen Croissant herunter und trank einen Schluck seines Caffè Latte. „Ach, das war so wirr, ich weiß es nicht mehr genau“, versuchte er sich der Frage zu entziehen. „Sternchen, wann müssen wir am Flughafen sein?“, lenkte er vom Thema ab.

„Spätestens um 10.30 Uhr sollten wir eingecheckt haben. Außerdem möchte ich noch im Duty-Free-Shop einkaufen.“

Um kurz nach Zwölf schaute Paul Westhoven aus dem kleinen Bordfenster der Maschine von Germanwings. Zusammen mit Anne saß er in Reihe 7 auf dem Flug nach Köln. Er sah den immer kleiner werdenden Flughafen von Florenz, benannt nach dem italienischen Kaufmann und Kartographen Amerigo Vespucci.

„Wenn ich daran denke, dass ich ab morgen wieder zurück ins Büro der Debeka muss, dreht sich mir echt der Magen um. Bestimmt habe ich wieder so viele Akten auf meinem Tisch, dass dieser sich fast durchbiegt“, mutmaßte Anne.

„Das wird schon nicht so schlimm werden, deine Kolleginnen haben dich bestimmt gut vertreten“, versuchte Paul Westhoven Anne zu trösten.

„Hoffentlich hast du recht. Ich wünschte, ich hätte es so gut wie du und müsste erst am Dienstag ins Büro“, seufzte sie.

DREI

Das übliche Procedere lief jetzt an. Der Leitstellenbeamte informierte den Leiter des Kriminalkommissariates 11 (KK 11) und die Pressestelle. Arndt Siebert, Leiter des KK 11, entsandte Jochen Gerber und Heinz Dember zum Einsatzort.

Paul Westhoven, Leiter der Mordkommission 6 (MK 6), hatte an sich seinen letzten Urlaubstag, aber Arndt Siebert wusste, dass er schon gestern aus der Toskana zurückgekommen war. Er würde ihn gleich nach dem Anruf beim Erkennungsdienst und dem Kriminalinspektionsleiter (KIL) alarmieren und ihn ins Büro beordern. Auf den Urlaubstag konnte jetzt keine Rücksicht genommen werde. Der Leiter der MK 6 wurde auf der Dienststelle gebraucht.

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Paul Westhoven hatte ausgiebig mit seiner Frau Anne gefrühstückt. Sie hatte das Haus schon verlassen. Auf sie wartete eine Menge Arbeit als Sachbearbeiterin für Lebensversicherungen in Köln am Neumarkt.

Westhovens Handy klingelte und brummte. Anonymer Anrufer stand im Display. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es um diese Uhrzeit nur die Dienststelle sein konnte. Und zu 99% lag er damit immer richtig. Deshalb meldete er sich süffisant mit: „Sie haben richtig gewählt, guten Morgen KK 11, was kann ich für Sie tun?“

„Hallo Paul, Arndt hier. Ich mache es kurz: Wir brauchen dich hier – dringend und sofort“, sagte er in freundlichem, aber bestimmtem Ton.

„Danke der Nachfrage. Ja, mein Urlaub war gut“, erwiderte Paul Westhoven genervt. Eine gewisse Diplomatie hatte er schon von seinem Chef erwartet.

„Paul, tut mir leid. Erzähl mir später bei einem Kölsch von eurem Urlaub, jetzt ist keine Zeit dafür. Ab heute hat die MK 6 Bereitschaft. Ihr habt einen neuen Fall, er kam eben rein. Eine tiefgekühlte Leiche in einem Nippeser Keller. Die Kollegen der Polizeiwache Nippes sind dort und sichern den Fundort. Jochen und Heinz sind auch schon unterwegs.“

„Na, das fängt ja gut an“, sagte er leicht genervt.

„Paul, du weißt doch: Vor dem Urlaub ist nach dem Urlaub.“

„Ja, sicher. Bis gleich“, verabschiedete er sich und drückte die Taste mit dem roten Hörer. Seine Gedanken kreisten um die letzte Nacht in der Toskana.

Schon wieder klingelte Westhovens Mobiltelefon. Auf dem Display blinkte die dienstliche Rufnummer von Staatsanwalt Asmus.

„Hallo, Herr Asmus. Sie wissen also auch schon Bescheid?“ „Klar, aufgrund der wohl ungeklärten Identität bin ich ja zuständig.“ „U für Unbekannt, kann sich ja hoffentlich gleich ändern. Was können Sie mir denn schon sagen?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich bin noch zu Hause und fahre jetzt erst los. Mehr Informationen als Sie habe ich derzeit auch nicht.“

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Als Paul Westhoven gegen 09.00 Uhr ins neue Parkhaus des Polizeipräsidiums fuhr, war es schon fast komplett belegt, so dass er mit seinem alten Golf bis auf Ebene 13 hochkurven musste, um eine freie Parktasche zu finden. Er ging zum Hintereingang des neuen Gebäudeteils C und nutzte die schmale Drehkreuztür, welche er mit seiner Codekarte öffnete. Solche Tore gab es in seiner Kindheit nur an den Ausgängen der Freibäder. Er erinnerte sich, wie er als kleiner Junge solch schmale Tore passierte. Schmunzelnd stand ihm jedoch auch noch das Bild vor Augen, wie sich der XXL-Polizeiseelsorger mit seinen 128 Kilogramm und einem Aktenkoffer im Drehkreuz verklemmte und stecken blieb. Bin gespannt, wann das dem nächsten passiert, dachte er sich. An der zweiten Tür des erst vor zwei Wochen bezogenen Gebäudes hielt er wieder seine Codekarte vor das Lesegerät und zog am Griff. Die Tür hakte. Er riss noch einmal mit aller Kraft am Türgriff. Plötzlich hörte er ein kurzes Summen. Mit einem Piepton löste sich die Verriegelung, und die Tür ließ sich öffnen.

Während seines Urlaubs war das KK 11 von der ehemals vierten Etage im Block B in die erste Etage des neuen Gebäudeteils C umgezogen. Westhoven wusste aus vorher veröffentlichten Umzugsplänen, dass er ein Eckbüro mit Blick auf die Lanxess-Arena und dem viel befahrenen Walter-Pauli-Ring hatte. Seinen neuen Büroschlüssel hatte er schon vor dem Urlaub bekommen und längst an seinem Schlüsselbund. Das Büro, welches sich Jochen Gerber und Heinz Dember teilten, lag gleich neben seinem.

Die Tür zu ihrem Zimmer stand offen, sie selbst aber waren ja schon zum Tatort nach Nippes gefahren. Als er die Tür zu seinem neuen Büro öffnete, bot sich ihm ein chaotisches Bild. An der Wand gestapelt standen seine Umzugskartons, die das Umzugsunternehmen dorthin gestellt hatte. Es sah aus wie in einem Lagerraum, und es stank. Die Kartons verströmten einen muffigen Geruch, der sich mit den Lösungsmitteldämpfen des frisch verlegten Teppichbodens mischte. Paul Westhoven riss beide Fenster auf. „Da riechen ja selbst Annes Räucherstäbchen besser“, sagte er zu sich selbst, um am nächsten Tag welche mitzubringen.

Als er das Büro verließ, stellte er die Fenster auf Kipp und schloss dann die Bürotür ab. Auf der Fahrwache im Erdgeschoss ließ er sich die Schlüssel und die Fahrzeugpapiere für einen Dienstwagen geben. Mit dem Aufzug fuhr er in die Tiefgarage. Bevor Westhoven zum Auto ging, holte er noch seine Dienstpistole aus seinem Schließfach in der Waffenkammer. Den Wagen musste er in der Tiefgarage erst einmal suchen. Auf der Mappe, die die Kfz-Papiere, das Fahrtenbuch und den Schlüssel beinhaltete, stand: Opel Corsa grau und das Kennzeichen. Nachdem er schon drei graue Corsas gefunden hatte, bemerkte er an der Wand ein weißes Schild mit der Aufschrift „KK 11“. Genau darunter stand der richtige Corsa. Als er einstieg, war da schon wieder ein anderer Geruch. Auch der Pkw war neu.

Auf der Zoobrücke hielt er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Er wollte nicht geblitzt werden und in den nächsten Tagen ein Foto von sich auf seinem Schreibtisch vorfinden, denn auch Polizeibeamte mussten ihre Knöllchen bezahlen, wenn sie keine Sonderrechte in Anspruch nehmen durften. So erreichte er nach gut 15 Minuten den Wilhelmplatz.

Sein Ziel am Wilhelmplatz konnte er nicht verfehlen. Es war trotz des Markttreibens nicht zu übersehen. Ein Streifenwagen, ein Rettungswagen und das Fahrzeug des Notarztes standen vor dem Haus in der Viersener Straße. Zahlreiche Schaulustige standen in einer Traube an der polizeilichen Absperrung zusammen. In erster Reihe stand auch sein „spezieller Freund“, der Lokalreporter Dirk Holm. Westhoven merkte, wie sein Blutdruck langsam stieg. Holm war der typische Sensationsreporter. Ihm war vollständig gleichgültig, was an seinen Berichten der Wahrheit entsprach und wem er damit schadete. Für ihn galt nur eine Maxime: Sensationen um jeden Preis.

Die Schaulustigen unbeachtet lassend, parkte er seinen Corsa neben dem Streifenwagen auf dem Bürgersteig.

Dirk Holm versuchte, sich ihm in den Weg zu stellen, kam aber nicht dazu, ihm in seiner provozierenden Art eine Aussage zu entlocken. Westhoven schob sich einfach an ihm vorbei, ohne zu reagieren, und ging schnellen Schrittes ins Haus. Den beiden Beamtinnen der Wache Nippes, die im Hausflur standen, hielt er seinen Dienstausweis entgegen und begrüßte sie mit: „Westhoven, Mordkommission“, als die ihn wohl gerade aufhalten wollten.

„Hallo Paul, das fängt ja gut für dich an. Hast du nicht noch Urlaub“, kam Gerber durch den Flurgang auf ihn zu. „War es wenigstens schön in der Toskana?“

„Danke, Jochen. Es war toll, aber wie immer zu kurz“, entgegnete Westhoven knapp. „Klär mich mal bitte auf. Was haben wir hier?“

„Eine Kühltruhe mit einer tiefgefrorenen Leiche, mehr weiß ich auch noch nicht.“

„Männlich oder weiblich?“, wollte Westhoven wissen.

„Eindeutig männlich“, nickte Gerber.

Unten im Keller angekommen bat Westhoven einen Moment um Ruhe. Wie immer wollte er kurz die Augen schließen und die Umgebung auf sich wirken lassen. Er hörte das leise Surren der Gefriertruhe.

„Jochen, leuchte mal mit der Taschenlampe.“

Gerber drückte den Knopf seiner LED-Lenser. Sie hatte die unhandliche Maglite ersetzt, nachdem er sie bei der Tombola auf dem IPA-Frühlingsball (International Police Association) in Köln gewonnen hatte. Sie war außerdem heller und hielt länger durch.

Von der Truhe führte ein weißes, jetzt grau scheinendes Elektrokabel zur Leitung der Deckenbeleuchtung unterhalb der Treppe.

„Privileg?“, fragte er, als er an die Truhe herangetreten war.

Gerber nickte abermals.

„Clever gemacht, einfach das Kabel an den Hausstrom angeklemmt“, sagte Westhoven. „Das konnte natürlich keiner auf seiner Stromrechnung merken.“

Paul Westhoven streifte ein Paar Latexhandschuhe über und hob dann den Deckel der Truhe an. Das Licht flackerte in der Truhe und für einen Moment schien es ihm deshalb so, als bewege sich die Leiche. Westhoven schüttelte sich, denn eine tiefgefrorene Leiche hatte er bislang auch noch nicht gesehen.

„Da, schau mal!“

Er zeigte auf den Kopf des Toten. „Wieso hat keiner von euch den eingeschlagenen Schädel erwähnt?“ Der ärgerliche Unterton in seiner Stimme war deutlich zu bemerken, als er die Truhe schloss.

„Paul, so genau habe ich nicht reingeschaut. Ich wollte erst mal auf dich und den Erkennungsdienst warten. Außerdem ist ja wohl sowieso nicht davon auszugehen, dass er sich in Ruhe eingemauert hat und freiwillig in die Truhe gestiegen ist“, rechtfertigte sich Gerber.

„Schon gut, hast ja recht, spielt im Moment sowieso keine Rolle. Wo bleibt eigentlich die Rechtsmedizinerin?“, fragte Westhoven in Dembers Richtung blickend.

Dember zuckte mit beiden Schultern und machte dabei ein fragendes Gesicht, was er mit einem mürrischen „Was weiß ich?“ bekräftigte.

Westhoven konnte nicht wissen, dass sich Dember und die Rechtsmedizinerin Dr. Doris Weber wieder mal getrennt hatten.

Einen Moment später hörte er, wie jemand die Treppe herunterkam und freundlich grüßte.

„Hallo, Frau Dr. Weber. Schön, dass Sie jetzt auch da sind.“

„Ja, bin ich auch. Der Straßenverkehr ist um diese Uhrzeit einfach ätzend“, konterte sie kühl.

Westhoven zeigte ihr die Gefriertruhe, und nachdem sie sich ebenfalls Latexhandschuhe übergezogen hatte, öffneten sie sie gemeinsam. Gerber leuchtete wieder mit seiner Taschenlampe hinein.

„Tja, der ist wohl tot, würde ich sagen“, sagte sie trocken. „Mehr kann ich hier nicht sagen, das muss …“

„…eine Obduktion klären, die ich hiermit anordne“, beendete Staatsanwalt Asmus, der unbeachtet die Treppe heruntergekommen war, den Satz:

„Herr Westhoven, könnten Sie bitte den Transport veranlassen? Eine Spuren schonende Leichenschau ist hier ja überhaupt nicht möglich.“

Westhoven überlegte, wer denn die Truhe samt Inhalt transportieren könnte und vor allem auch dürfte. Nach Absatz 1 des gültigen Bestattungsgesetzes NRW dürfen Tote auf öffentlichen Straßen und Wegen nämlich nur in einem für diesen Transport geeigneten, dicht verschlossenen Behältnis in einem dafür zugelassenen Fahrzeug befördert werden.

Er war sich aber sicher, dass diese klobige Truhe nicht in die üblichen Leichenwagen hineinpassen würde. Über die Leitstelle der Polizei ließ er deswegen dem von Amts wegen bestellten Bestattungsunternehmen ausrichten, dass dessen Mitarbeiter mit einem Transporter anrücken müssten.

„Ach, Frau Dr. Weber“, sprach Westhoven sie an: „Meinen Sie, das ist ein Problem, wenn wir gleich die Gefriertruhe vom Netz nehmen?“

Sie schüttelte den Kopf: „Nein, es ist ja nicht weit von hier bis zum Melatengürtel. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen tiefgefrorenes Fleisch im Supermarkt. Das transportieren Sie doch auch so, maximal in einer mit Aluminium beschichteten Tasche. Und auftauen müssen wir den Toten sowieso, sonst können wir keine Obduktion durchführen“, grinste Doris Weber ihn an.

„Wie lange wird das dauern?“

„Also, vor morgen Nachmittag wird das auf keinen Fall was. Wir müssen den Leichnam schonend auftauen lassen, mindestens aber 30 Stunden. Ansonsten können wir histologische Untersuchungen nahezu vergessen, weil sämtliche Zellwände zerstört werden. Dann wäre zwar die Haut weich, aber die inneren Organe immer noch steinhart. Wir können jedoch schon eine äußere Leichenschau durchführen und auch röntgen. Ich rufe Sie nachher an, dann legen wir eine Uhrzeit für die Untersuchung fest.“

Das Gespräch wurde durch das Klingeln von Westhovens Mobiltelefon unterbrochen. Die Einsatzleitstelle teilte ihm kurz mit, dass der Leichenwagen unterwegs sei.

„Heinz“, wandte Westhoven sich an ihn: „Stell Du bitte schon mal fest, wer hier aktuell wohnt und wie lange, und wer hier von wann bis wann gewohnt hat. Und dann vergleich die Daten schon mal mit den Vermisstenanzeigen. Vielleicht wissen die Kollegen von der Vermisstenstelle etwas.“

„Alles klar, Chef“, antwortete Dember und machte sich an die Arbeit.

„Jochen, Du nimmst hier zusammen mit dem Erkennungsdienst den Tat- bzw. Fundort zu Ende auf und kommst dann zum Präsidium. Ich fahre schon mal vor und räume meine Umzugskisten im Büro aus. In dem Chaos kann ich mich nämlich nicht konzentrieren und vernünftig arbeiten.“

„Okay, Paul. Bis später, ich wollte dir gleich sowieso noch was in eigener Sache erzählen.“

Paul Westhoven verabschiedete sich. Vor dem Haus standen zahlreiche Pressefotografen und Reporter, die wohl auf ein Bild und einige Informationen hofften. Auch Dirk Holm vom Express war noch immer dabei und fotografierte ihn. Ohne einen Kommentar zu geben, stieg Westhoven in den Opel Corsa und fuhr zurück zum Präsidium. In seinem neuen Büro angekommen, telefonierte er mit Anne und erzählte ihr von dem neuen Fall. Sie war enttäuscht, dass er an seinem letzten Urlaubstag alarmiert worden war und es schon wieder später werden würde. Westhoven war niedergeschlagen. Hatte er mit Anne doch schon so oft über seinen Dienst und seine Aufgaben als Leiter der MK 6 gesprochen und stundenlang mit ihr darüber diskutiert.

VIER

Mittlerweile war es kurz nach 12.00 Uhr. „Hallo Paul“, hörte Westhoven Gerbers Stimme. Er war gerade dabei, den letzten Karton auszuräumen. Er ärgerte sich, denn er musste immer an Anne denken, die nun wieder auf ihn sauer sein würde. Und außerdem wäre er sowieso jetzt lieber bei ihr.

„Und? Hat das Leichenfuhrwesen die Gefriertruhe samt Leiche mitgenommen und zur Rechtsmedizin gebracht?“

„Ja, zwischendurch war noch die Diskussion, ob die Feuerwehr das machen soll. Das war aber schnell vom Tisch. Jedenfalls war es schon recht beeindruckend, als die beiden Bestatter mit aller Kraft die Truhe über die schmale Kellertreppe nach oben gewuchtet haben. Trotz der Sackkarre hatten die ein echtes Problem damit. Und wenn ich nicht geistesgegenwärtig die Truhe im letzten Moment mit abgestützt hätte, wäre die mitsamt der Sackkarre die Treppe hinuntergerutscht und hätte womöglich den einen Bestatter unter sich begraben“, grinste Gerber.

Gerber weiter: „Außerdem hat der Erkennungsdienst unterhalb der Gefriertruhe dunkle eingetrocknete Flüssigkeit festgestellt und diese mit Steriltupfern gesichert. Die dunkle Pfütze war mit toten Insekten durchsetzt. Es ist also zu vermuten, dass der Tote zumindest teilweise zersetzt sein dürfte. Bestimmt gab es mal einen längeren Stromausfall“, mutmaßte er.

„Die Weber wird uns bestimmt bald was sagen können“, antwortete Westhoven. „Was war das eigentlich genau für eine Truhe?“, wollte er noch wissen.

Gerber nahm seine Notizen und las vor: „Privileg, vier Sterne, weiß mit grauem Deckel, an dem ein Griff vorne fehlt, 90 cm breit, 86 cm hoch, 68 cm tief, 300 Liter. Scheint ein älteres Modell zu sein“, fügte er seine eigene Meinung hinzu.

„Aber hör mal, Paul, bevor die anderen kommen, muss ich dir noch dringend was in eigener Sache sagen“, wechselte Gerber abrupt das Thema und wurde plötzlich ganz ernst.

Paul Westhoven schüttelte fragend seinen Kopf und deutete mit den Händen, dass Gerber doch endlich mit der Sprache rausrücken sollte.

„Ich muss bald nach Hamburg“, sagte er zögerlich und schaute nun fragend in Paul Westhovens Gesicht.

„Ja, und? Willst du jetzt Urlaub einreichen oder was?“

„Schön wäre es, aber so ist es leider nicht“, machte Gerber eine kurze Pause. „Bei meinem Vater haben die Ärzte Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert und es wird immer schlimmer. Mal erkennt er meine Mutter noch, mal fragt er, wer die Frau sei und was sie in seinem Zimmer zu suchen habe. Meine Mutter ist völlig fertig und mit den Nerven am Ende. Sie schafft es allein nicht mehr. Ich will und muss jetzt meinen Eltern helfen. Sie bedeuten mir alles. Jetzt ahnst du schon, worum es geht oder?“, verstummte er und wartete auf die Reaktion von Westhoven.

Dieser schluckte: „Klar verstehe ich das, tut mir echt leid“, sagte er mit bedrückter Stimme. Hatte er doch über Jahre mit Gerber Seite an Seite „gekämpft“.

„Ich habe mich natürlich sofort darum bemüht, ob ich einen Tauschpartner in Hamburg finde“, unterbrach Gerber das Stimmungstief.

„Wie es aussieht, hattest du Erfolg.“

„Ja, zum nächsten Ersten sogar schon. Und zum Glück hat mein Tauschpartner den gleichen Dienstgrad, sonst wäre es echt ein Problem geworden.“

„Wieso, reicht nicht einfach ein Tauschpartner?“

„Nee, so einfach ist es nicht. Ohne identische Besoldungsstufe ist ein Tausch nahezu unmöglich. Unser Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personal der Polizei (LAFP) stimmt sonst einem Antrag gar nicht erst zu“, erklärte Jochen Gerber. „In meinem Fall aber hat alles gepasst, Glück gehabt“, machte er eine Faust und streckte den Daumen nach oben. „Aber unser KIL hat dennoch interveniert und will dem Gesuch nur zustimmen, wenn Hamburg mich umgehend hierhin zurück abordnet. Ich soll den neuen Kollegen einarbeiten, außerdem beklagte er den akuten Personalmangel. Das Übliche halt.“

„Was soll denn der Quatsch?“, reagierte Westhoven sauer. „Du bist doch nicht der einzige KK 11er, der das kann. Soll ich mal mit ihm reden? Auch wenn ich dich nur ungern ziehen lasse, aber der nächste Erste ist schon am kommenden Freitag. Dann wärst du ja nur noch vier Tage hier?“

„Lass gut sein, Paul, ist nicht nötig, das passt zeitlich immer noch“, hoffte Jochen Gerber. Sicher war er sich aber nicht. Jederzeit konnte ihn der Hilferuf seiner Mutter ereilen. Und wenn es hart auf hart kam, würde er es schon durchziehen.

„Okay, deine Entscheidung, dann warten wir ab. Die Personalstelle wird sich schon melden, wenn es akut wird.“

„Soweit ich weiß, heißt der Kollege aus Hamburg Toni Krogmann“, beendete Gerber das Thema.

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Nachdem die Gefriertruhe gegen 12.00 Uhr in die Rechtsmedizin Köln gebracht worden war, wurde sie zum kontrollierten Auftauen der Leiche im Vorraum des Kühlkellers abgestellt. Wie sich bald zeigte, hatte die Truhe die Zeit unter der Treppe nicht heil überstanden. Sie hatte im Boden ein Leck. Die auftauende Fäulnisflüssigkeit verteilte sich tropfend auf dem Fliesenboden. Schon bald schwängerte faulig penetranter Gestank die Luft.

Doris Weber atmete unter ihrem Atemschutz tief durch, trat an die Truhe heran und hob den Deckel. Kälteschwaden stiegen aus ihrem Innern auf. Als der Deckel in der senkrechten Position stand, schaltete sie ihr digitales Diktiergerät ein und fing mit der äußeren Beschreibung des Leichnams an:

„Die männliche Leiche befindet sich in Hockstellung in einer Tiefkühltruhe der Marke Privileg, Typ unbekannt, Maße der Truhe 90 cm breit, 86 cm hoch, 68 cm tief, Inhalt ca. 300 Liter. Der Kopf des Toten ist leicht nach vorne geneigt. Die Beine sind angewinkelt. Die Arme sind nach vorne gestreckt und liegen auf den Beinen auf. Der gesamte Körper ist mit einer zum Teil kristallinen Eisschicht bedeckt, die langsam schmilzt. Da die Kerntemperatur noch unter 0°C liegt, kann nicht von einer klassischen Leichenstarre gesprochen werden.

Im Nasen- und Mundbereich sind schwärzliche Antragungen und Verfärbungen zu erkennen. Der dichte Vollbart ist gepflegt. Der Kopf des etwa 35-jährigen Mannes ist schütter behaart und mit relativ langem braunem Haar bestanden. Die Scheitelglatze ist ausgeprägt.

Im Bereich des Hinterkopfes ist eine Zertrümmerung des Schädeldachs deutlich zu erkennen, die angrenzende Haut zeigt zahlreiche Verletzungen.

Anmerkung: Diese Stelle wird später noch rasiert werden müssen, um den Befund fotografisch zu sichern.

Die Verletzungen sind streifenförmige Risse von unterschiedlicher Länge. Eine der Verletzungen liegt im hinteren Drittel der Scheitelschuppe und reicht mit seinen Ausläufern bei einer Länge von 8 cm weit nach vorn. Hier ist auch eine Wundhöhle erkennbar, der tiefer liegende Schädelknochen ist in multiple Bruchstücke zerlegt.

Am linken Auge ist eine intensive violettfarbene Schwellung, über der Augenbraue findet sich eine Rissverletzung mit unregelmäßiger Wundrandkonturierung.

Weitere Verletzungsspuren sind zurzeit nicht erkennbar, da aufgrund des gefrorenen Zustandes eine Entkleidung der Leiche nicht möglich ist“, beendete sie die erste Befundaufnahme und ging zum Telefon.

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Paul Westhoven räumte gerade ältere Handakten, die er eventuell noch für ausstehende Gerichtstermine benötigen würde, in den Wandschrank seines Büros, als das Telefon läutete. Er blickte auf das Display und sah, dass der Anruf direkt aus dem Sektionsbereich der Gerichtsmedizin kam.

„Hallo, Frau Dr. Weber“, meldete sich Westhoven.

„Hallo, Herr Westhoven. Nur eine kurze Info. Soweit ich das bis jetzt beurteilen kann, wurde dem ca. 35-40-jährigen Mann der Schädel eingeschlagen, bevor er als Tiefkühlprodukt ohne Angabe der Haltbarkeit in der Truhe landete“, sagte sie kühl.

„Danke. Wann können Sie die Leiche aus der Truhe nehmen und frühestens den Termin für die Obduktion ansetzen?“

„Sagen wir morgen um 15.00 Uhr, aber ich kann nichts versprechen, vielleicht müssen wir weiter verschieben.“

„Hervorragend. Ich gebe Herrn Staatsanwalt Asmus Bescheid, wir sind dann morgen um 15.00 Uhr bei Ihnen.“

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Paul Westhoven hatte gerade das Telefonat mit Staatsanwaltschaft Asmus beendet, als Heinz Dember hereinkam.

„Hallo, Heinz. Gut, dass du schon zurück bist. Ich gehe davon aus, dass du nichts dagegen hast, morgen um 15.00 Uhr zur Obduktion mitzukommen?“, grinste Westhoven ihn an.