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BONNER
GESCHICHTE(N)

Paul Zurnieden

Impressum

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Alle Rechte vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das Buch oder Teile daraus zu vervielfältigen oder auf Datenträger aufzuzeichnen.

© 2014 Mathias Lempertz GmbH

Autor: Paul Zurnieden
Herausgeber: Hans-Dieter Weber
Covergestaltung, Satz und Layout: Ralph Handmann

Printed in the Czech Republic

ISBN: 978-3-945152-98-0

Bildnachweis:

© fotolia.de: S. 140 Tiggra, S. 210 Mathess, S. 68 Juulijs, S. 22, 64 Jörg Hackemann S. 201, 202 Europhotos, S.4,5, 214,215 Kniveset, S. 16 WilliK, S. 14,15, 200 BRASCHI, S. 209 pixs:sell

BONNER
GESCHICHTE(N)

Paul Zurnieden

Begebenheiten • Anekdoten • Lebensbilder
aus Bonn und dem Rheinland

Von 1984 bis 1993
zu Gedenktagen geschrieben
und im General-Anzeiger veröffentlicht
von Paul Zurnieden

Neu herausgegeben von Hans-Dieter Weber

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image VORWORT

image Sie kennen Beethoven. Kennen Sie auch seine Eltern?

image Umspülte der Rhein wirklich das Bonner Münster?

image Weshalb baumelte ein Bonner am Straßburger Galgen?

image Wie war das noch, als Bonn Bundeshauptstadt wurde?

image Welche Königin schrieb Gedichte über Bonn?

image Wann grasten Kühe im Hofgarten?

image Weshalb endete Liszts Festmahl im Chaos?

Antworten auf diese und andere Fragen finden sich in Paul Zurniedens „Bonner Geschichte(n)“, die jetzt in einer überarbeiteten, ergänzten und völlig neu gestalteten Auflage vor Ihnen liegen.

Es gab also schon einmal ein gleichnamiges Büchlein, 1994 vom „General-Anzeiger“ (Bonn) herausgegeben – eine eher schlicht gehaltene Zusammenfassung von Artikeln, die Paul Zurnieden, langjähriger Pressechef der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, im Laufe der Jahre zumeist anlässlich bestimmter Gedenktage für die Zeitung verfasst hatte.

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Knapp 200 Seiten, Schwarz-Weiß-Fotos im Anhang, keine ISBN-Nummer, daher Verkauf nur über die wenigen Zweigstellen der Zeitung – und dann geschah das Unerwartete: Noch im gleichen Jahr musste die Broschüre dreimal nachgedruckt werden – bis schließlich zu einer 7. und letzten Auflage im Jahr 2000. Bis dahin hatten mehr als 10 000 Exemplare eine Käuferin, einen Käufer gefunden. Die „Bonner Geschichte(n)“ waren ein lokaler Bestseller par excellence.

Dieser doch eher unerwartete Erfolg beweist vor allem Eines: Das Interesse von Alt- wie von Neubürgern, mehr über die Geschichte ihres Wohnortes, ihrer Region, ihrer Heimat zu erfahren, ist ungebrochen groß. Vor allem dann, wenn Historie und Histörchen – wie hier – in Form von kurzen, verständlich verfassten Episoden und Anekdoten angeboten werden.

Schon in der Erstauflage waren naturgemäß viele der im Buch zusammengefassten Jubiläen und sonstigen Stichtage längst wieder „gealtert“, nicht veraltet war und ist jedoch die eigentliche „Geschichte“, auf die sich die einzelnen Beiträge beziehen. Also blieben alle Texte so, wie sie waren – einschließlich des damaligen Vorwortes.

Der Herausgeber hat allerdings dort, wo es ihm angebracht erschien, in kurzen Anmerkungen die „Geschichte(n)“ quasi fortgeschrieben – zum besseren Verständnis und mit Blick auf die heutigen Gegebenheiten.

Wer weiß – vielleicht ereilt ja diese Neuausgabe das gleiche erstaunliche Schicksal wie ihre Vorgängerin…

Hans-Dieter Weber

image VORWORT

Paul Zurniedens „Bonner Geschichte(n)“ gehören für mich seit Jahren zu den Artikeln im General-Anzeiger, die ich mir ausschneide, weil ich sie lesen oder noch einmal nachlesen, also auf sie zurückgreifen will. Mit der Lektüre seiner vielfältigen Themen kommt man der Stadt und ihrer historischen Entwicklung näher. Er setzt damit eine Arbeit fort, die er schon vor vielen Jahren als Pressechef der Stadt begonnen hatte, als er gerade auch für uns Bundesbonner ein sympathischer und begabter Kommunikator war. Er verstand es, das Lokale mit dem Rheinischen und das Rheinische mit der Nation in Verbindung zu bringen. Paul Zurnieden ist für mich ein Historiker mit dem Gespür für Wesentliches und ein Journalist mit dem Sensus für Interessantes, das er kurzweilig zu beschreiben versteht.

Das Kästchen mit den ausgeschnittenen Artikeln von Paul Zurnieden ist nach dem vorliegenden Band über Begebenheiten, Anekdoten und Lebensbilder entbehrlich geworden. Ich kann nun nachschlagen, weshalb vor über 400 Jahren bayerische Truppen die Godesburg sprengten, welche Rolle die Habsburger spielten und warum Bonn und das Rheinland preußisch wurden. Paul Zurnieden verfolgt die Bonner Wege von Schumann und Beethovens Mutter, registriert das Bonner Wirken von Kinkel und Schinkel; man kann bei ihm nachlesen, wie Bonn zur Hauptstadt gewählt wurde, wer früher im Palais Schaumburg, dem alten Kanzleramt, lebte und vieles mehr.

Bravo und Dank an Autor und Verleger.

Reinhard Appel (Bonn, 1994)

Reinhard Appel gehörte zu Bonns Hauptstadtzeiten zu den bekanntesten Journalisten. Er arbeitete für die Stuttgarter Zeitung als Korrespondent, war drei Jahre lang Intendant des Deutschlandfunks und von 1976 bis 1988 Chefredakteur des ZDF. Der gebürtige Schlesier wurde mit der Zeit ein leidenschaftlicher Bonner – präziser gesagt: Kessenicher. Appel ist im Jahr 2011 im Alter von 84 Jahren verstorben.

image SELBST DAS BONNER MÜNSTER STAND DAMALS UNTER WASSER

Rheinfluten brachten am 27. Februar 1784
„gräuliche Verwüstungen und äußerste Armut“

Dass der Bundestag mit einer gewissen Regelmäßigkeit nasse Füße bekommt, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Gerade vor ein paar Tagen noch zeigten Fernsehen und Zeitungen Bilder, wie das Wasser des Rheins die Straße vor dem Bundeshaus überflutet hatte und die Wellen des Flusses schon gefährlich bis zu den rheinwärts gelegenen Türen des „Hohen Hauses“ schwappten. Im vergangenen Jahr meldete das Bonner Parlamentsgebäude gleich zweimal Land unter. Noch aber hat es Deutschlands Strom in der 35-jährigen Geschichte der Bundesrepublik nicht fertiggebracht, das Parlament lahmzulegen. Bisher blieb es dabei, dass fast jedes Jahr einmal die Eingänge vom Rhein aus gesperrt werden mussten und der Bundestagspräsident seine Diensträume nur auf Umwegen erreichen konnte.

Noch haben die Experten nicht ermittelt, was denn aus dem Bundestag geworden wäre, wenn ein Hochwasser wie vor 200 Jahren Bonn überflutet hätte. Im Jahre 1784, am 27. Februar, kam es in Bonn, wie am ganzen Mittel-und Unterrhein mit seinen Nebenflüssen, zu einer Hochwasserkatastrophe, von der Zeitgenossen berichtet haben, niemand, der sie erlebt habe, könne an sie ohne Schrecken denken. „Greuliche Verwüstungen, äußerste Armut, schierer Hunger, gewaltsamer Tod“ zeichneten, so der Zeitgenosse Professor Johann Leonhard Thelen aus Köln in einer ausführlichen Nachricht „von dem erschrecklichen Eisgange und den Überschwemmungen des Rheins im Jahr 1784“, den Winter dieses Jahres aus. Das Wasser des größten Stromes Deutschlands erreichte damals den Pegelstand von 14,30 Metern und schwappte im Bonner Münster. Als Zeuge befindet sich eine Hochwassermarke an der Treppe im Kreuzgang des Münsters.

Die Chronisten dieses jetzt genau 200 Jahre zurückliegenden Naturereignisses berichten dazu folgendes: Im Dezember des Jahres 1783 wechselten scharfer Frost und Tauwetter. Diese Witterung brachte das Eisschollentreiben mit sich. Die Mosel und auch Teile des Rheines bei St. Goar waren zeitweise mit einer festen Eisdecke überzogen, die bei „gelinder Witterung“ wieder brach und die Flüsse hinabtrieb. „Der Wetterwechsel führte uns also das Eis aus dem Oberrheine und Nebenflüssen von Tage zu Tage in solcher Menge zu, dass die Schollen sich gleichsam wie Berge aufhäuften; die durch ihre eigene Last gedrücket, vielerorts niedersanken und den gewöhnlichen Lauf des Stromes hemmeten.“ Von Ende Januar bis zum 25. Februar war der Rhein bei Bonn so fest zugefroren, dass man mit schwerbeladenen Karren darüberfahren konnte. Auf dem Eis wurde Markt abgehalten. Bei einer Messung der Eisdecke am 22. Januar wurde eine Stärke von drei bis vier Metern festgestellt.

Als dann am 22. Februar große Regengüsse niedergingen, bahnte sich die Katastrophe an. Das Wasser stieg, und am Aschermittwoch, dem 25. Februar, brach der Rhein los. Die Wassermassen konnten wegen des Eises nicht abfließen. In der Nacht auf den 27. Februar erreichte die Flut ihren höchsten Stand. Die Rheinschiffmühle wurde vom Wasser und Eis gegen die Stadtmauer getrieben. Diese stürzte samt drei an sie angebauten Häusern ein.

Besonders schwer getroffen wurde Beuel. Über hundert Häuser zerstörte das Wasser, teilweise wurden sie völlig hinweggetrieben. In den zum Rhein gelegenen Straßen der Stadt trieben große Eisschollen, „die man dann später durch die Arrestanten aus dem Zuchthaus hat müssen zerschlagen lassen“. Ein Flügel eines Stadttors war weggeschwommen, das städtische Schlachthaus und die Rheinwerft waren beschädigt.

Die Schäden und die Not waren so groß, dass die Obrigkeit eingreifen musste. Der Stadtrat stellte im Arbeitshaus und in Kasernen Notunterkünfte für 50 Menschen bereit. Der Kurfürst Friedrich ließ durch eine Sonderkommission insgesamt 150 Kronentaler, die zu einem Drittel bei den Mitgliedern des Rates und des Zwölferkollegiums gesammelt worden waren, an Geschädigte verteilen. Neben dieser Sonderkommission für Bonn setzte der Kurfürst für das Erzstift eine Entschädigungskommission ein, die im Mai die ihr zur Verfügung stehenden Mittel auf die Stadt Bonn, das Amt Bonn, Königswinter, Unkel, Erpel, Stadt und Amt Linz, Andernach und Beuel verteilte. Die größte Summe erhielt das Köln gegenüberliegende Deutz, nämlich 13146 Reichstaler. Beuel lag mit 11234 Reichstalern knapp dahinter. Für Bonn wurden 1935 Reichstaler Entschädigung gezahlt. Soweit die Katastrophen-Geschichte von 1784.

Im Zusammenhang mit dem zweimaligen Hochwasser des Rheines im vergangenen Jahr haben jetzt die Wissenschaftler Ulrich Schröder und Heinz Engel von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz eine Untersuchung angestellt. Im Ergebnisbericht heißt es unter anderem, allgemein liege die Wiederkehrzeit von Hochwassern, die bereits als katastrophal gelten, teilweise unter 20 Jahren. Und weiter: „Trotzdem ergibt sich die merkwürdige Tatsache, dass die Betroffenen vielfach durch neue Ereignisse überrumpelt werden und das als ungewöhnliche Katastrophe empfinden, was eigentlich eine mit Daten belegte ‚Normalität‘ darstellt“. – Der Bundestag liegt seit 35 Jahren mit der „Normalität“ gelegentlich nasser Füße am Rhein.

image DER RHEIN UND DER „SCHÜRMANN-BAU

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es gleich zwei der sogenannten „Jahrhundert-Hochwasser“ – 1993 und 1995. Beide Male war der Pegel (Köln) bis auf 10,63 bzw. 10.69 Meter angestiegen. Auch weite Teile von Bonn waren betroffen, vor allem das rechtsrheinische Beuel und das linksrheinische Graurheindorf. Die Schäden gingen in die Millionen – vor allem das zweite Hochwasser vernichtete vieles von dem, was nach dem ersten mühsam wieder hergerichtet oder neu gebaut worden war.

Doch vor allem das Hochwasser von 1993 bleibt den Bonnern besonders im Gedächtnis, sorgte es doch für ein weiteres Kapitel in der an Pleiten, Pech und Pannen nicht gerade armen Bau-Geschichte der Bundestadt. Das Stichwort heißt: „Schürmann-Bau“, so genannt nach dem Kölner Architekten Joachim Schürmann. Der Name steht für ein Gebäude, das in der Gronau in unmittelbarer Nähe zum damaligen Bundestag zusätzlich zum „Langen Eugen“ neue Büroräume für die Abgeordneten bereit stellen sollte.

Sollte. Denn dazu kam es nie. 1989 wurde mit dem Bau begonnen, dessen Fertigstellung für 1995 geplant war. Doch dann kam einiges dazwischen: Zum einen die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 und damit zusammenhängend der Beschluss von 1991, die Bundeshauptstadt nach Berlin zu verlegen – womit die angedachte Nutzung eigentlich schon mehr oder weniger obsolet geworden war. Und dann kam das Hochwasser vom Dezember 1993.

Der Rhein stieg und stieg – und brachte schließlich den schon weit fortgeschrittenen Rohbau des Schürmann-Baus ins Schwimmen. Die Baustelle-Verantwortlichen hatten es (angeblich wegen Kompetenzgerangels) unterlassen, die Keller des etwa 300 Meter langen Komplexes rechtzeitig zu fluten. Als der Rhein wieder in sein Bett zurückkehrte, stand der Rohbau noch an seinem Platz, doch leider krumm und schief und ziemlich geknickt. Ein Millionenschaden.

Schließlich wurde nach vielen Jahren voller Klagen und Gegenklagen und Prozesse 1997 die Sanierung und der Weiterbau des Gebäudes beschlossen. Im Jahr 2000 feierte man Richtfest, 2002 die Fertigstellung. 2003 zog dann der deutsche Auslandssender „Deutsche Welle“, bis dahin in Köln beheimatet, in den Schürmann-Bau ein – für Bonn sicherlich nicht die schlechteste Lösung.

Bei Wikipedia steht zu lesen: „Der Schürmann-Bau gilt mit geschätzten 700 Millionen Euro als eines der teuersten Gebäude der deutschen Nachkriegsgeschichte.“

Nach diesen beiden „Jahrhundertfluten“ in schneller Folge sagten etliche Klimaforscher voraus, solche Ereignisse würden in Zukunft weniger die Ausnahme, eher die Regel sein. Doch in den fast 20 Jahren seither hat es nie wieder ein Hochwasser dieser Dimension gegeben. Und so darf es auch gerne bleiben. Dennoch hat die Stadt Bonn, auch gefördert durch Landes- und Bundesmittel, in den letzten Jahren den Hochwasserschutz vorangetrieben, vor allem mit dem Ausbau der Dämme und Deiche im Stadtbezirk Beuel.

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image In den Schürmann-Bau ist 2003 die Deutsche Welle (DW) eingezogen

image ANFANG VOM ENDE DES BUNDESDORFES

Beethovenhalle wurde am 8. September 1984
ein Vierteljahrhundert alt

Fast wäre die Beethovenhalle in Bonn, die am 8. September 1959, vor genau 25 Jahren also, eröffnet worden ist und im vergangenen Jahr durch Feuer schwer beschädigt wurde, schon vor Baubeginn, einer Überhitzung zum Opfer gefallen. Der Regierungspräsident in Köln als kommunale Aufsichtsbehörde ließ die Stadt Bonn, die am 2. Juni 1956 mit den Ausschachtungsarbeiten für die Halle begonnen hatte, mit Verfügung vom 8. Juni 1956 wissen: „Ich möchte schon jetzt darauf hinweisen, dass… der Bau der Beethovenhalle zurückgestellt werden muss, dass der Bau einer solchen Halle im augenblicklichen Zeitraum, der angefüllt ist von Debatten und Auseinandersetzungen über die sogenannte Überhitzung der Konjunktur… wohl kaum verantwortet werden kann. In diesem Augenblick scheint es mir wenig geraten, gerade in Bonn, dem Sitz der Bundesregierung, mit dem Bau einer solchen Halle mit einem Kostenaufwand von über acht Millionen Mark zu beginnen.“

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image Die Baustelle Beethovenhalle im Jahre 1957

Diesem Machtwort des Regierungspräsidenten war ein jahrelanges Hin und Her um die Frage des Standortes, die Nutzung und die Finanzierung der neuen Halle vorausgegangen. Der Rat der Stadt hatte unter drei Standorten zu wählen: der Gronau im Regierungsviertel, an der Stelle, wo früher die Bonner Stadthalle gestanden hatte, im Volksmund „Bierkirche“ genannt; dem Platz des im Kriege zerstörten Hotels Königshof am Hofgarten und der Fläche am Rhein, auf der noch die Trümmer der zerbombten Universitätskliniken standen, dem heutigen Platz der Beethovenhalle also. Der Entschluss des Rates, die Halle am heutigen Standort zu errichten, war in der Bürgerschaft sehr umstritten. Er wurde damals von Bürgergruppen leidenschaftlich bekämpft. Das führte zu Verzögerungen des Baubeginns, zur Verunsicherung möglicher Geldgeber. Was das Bauprogramm anbetrifft, wollten sich manche Verantwortliche im Interesse eines schnellen Baubeginns und in Erinnerung an die alte, am 18. Oktober 1944 zerbombte Beethovenhalle mit einem Konzertsaal, einer „Kulturscheune“ zufriedengeben. Perfektionisten vertraten das andere Extrem, bei der Gelegenheit ein großes Kulturzentrum mit Theater, Kunsthalle, Museen und Konservatorium zu schaffen. Nüchternes Nachrechnen und das dringende Bedürfnis, in der Bundeshauptstadt zusammen mit dem Konzertsaal eine Stätte für Tagungen, Kongresse und gesellschaftliche Veranstaltungen zu schaffen, führte zu der dann schließlich verwirklichten Entscheidung, zur Planung einer Konzert-und Tagungshalle.

Die Stadt Bonn, ohne jede finanzielle Unterstützung von Bund und Land für die ihr als Bundeshauptstadt zugewachsenen Aufgaben, konnte sich zudem den „Luxus“, Millionen für eine Beethovenhalle abzuzweigen, jahrelang nicht leisten. Sie hatte andere Sorgen. Auf eigene Kosten musste sie in dem ersten Jahrzehnt nach ihrer Wahl zur Bundeshauptstadt Wohnmöglichkeiten für den Zuzug eines Heeres von Bundesbediensteten erschließen, für deren Kinder Schulen bauen, Versorgungsnetze ausbauen, Sporteinrichtungen schaffen und angesichts der lawinenartig anschwellenden Motorisierung versuchen, wenigstens die wichtigsten Verkehrswege zu bauen oder zu erweitern. Ärgerlich für die Stadt und ihre Bürger, sich dabei unablässig auch noch herbe Kritik wegen angeblicher Provinzialität und kommunaler Unzulänglichkeit anhören zu müssen. Der Bau und die Einweihung der Beethovenhalle brachten den Durchbruch.

Dem waren seit spätestens 1950 Diskussionen und Anstrengungen verschiedener Art vorangegangen. Weil die Stadt selbst kein Geld für eine Beethovenhalle hatte, verkaufte die Bonner Rundschau papierene „Bausteine“ im Wert von 100 Mark, wobei Bundespräsident Theodor Heuss den ersten Stein erwarb. Bürger gründeten einen Stifterverband, der sich der ideellen und finanziellen Förderung des Wiederaufbaus der Beethovenhalle widmete. Die berühmte Pianistin und Bonner Ehrenbürgerin Elly Ney veranstaltete im In- und Ausland Konzerte zur Finanzierung der Beethovenhalle. Der Pianist Andor Foldes gab am 5. Dezember 1956 in der Carnegie Hall in New York ein Sonderkonzert zur Spendenwerbung für die Beethovenhalle.

Am 10. März 1956 hatte sich unter dem Vorsitz von Bundespräsident Theodor Heuss und des damaligen Bonner Oberbürgermeisters Peter Maria Busen das Kuratorium für den Wiederaufbau der Beethovenhalle konstituiert, dem 47 Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland angehörten, darunter Edouard Herriot, Präsident der französischen Nationalversammlung, der Wiener Oberbürgermeister Jonas, Künstler wie Claudio Arrau, Elly Ney, Yehudi Menuhin und auch Albert Schweitzer. Als der Regierungspräsident seinen Baustop Anfang April 1957 aufhob, wurde am 15. April mit den Bauarbeiten begonnen. Ein Preisgericht hatte bereits im August 1954 den internationalen Architektenwettbewerb entschieden, an dem sich 109 Architekten beteiligt hatten, und den Scharoun-Schüler, den damals 28-jährigen Siegfried Wolske aus Hamburg, zum ersten Preisträger bestimmt. Der Rat hatte sich im März 1955 für diesen Entwurf ausgesprochen.

Von den Baukosten von 9,5 Millionen Mark trug die Stadt 6,5 Millionen. Eine Million war durch Spenden zusammengekommen. Sensationell jedoch war die Tatsache, dass erstmalig der Bund sich an einem städtischen Vorhaben finanziell beteiligte und wie das Land Nordrhein-Westfalen eine Million Mark beisteuerte.

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image Briefmarken-Sonderblock der Bundespost

Als die Halle dann, nach zweieinhalbjähriger Bauzeit, am 8. September 1959 eingeweiht wurde, konnten die Stadtverwaltung, der Rat und die Bonner selbst mit Erstaunen feststellen: Die Beethovenhalle wurde der Anfang vom Ende des Bundesdorfes. Beim Festakt anlässlich der Einweihung erschien höchste Prominenz, darunter der noch im Amt befindliche Bundespräsident Theodor Heuss und sein schon gewählter Nachfolger Heinrich Lübke. Ein Heer von Journalisten aus dem In- und Ausland nahm teil und berichtete in alle Welt. Theodor Heuss pries in dieser seiner letzten öffentlichen Rede während seiner Amtszeit den Neubau, meinte, kein Mensch, der in Bonn das Beethovenhaus besuche, könne es ohne Bewegung verlassen und dankte – damals ganz ungewöhnliche Töne aus dem Munde eines bundesdeutschen Staatsmannes – für die freundschaftliche Beziehung zur Stadt. Das städtische Orchester dirigierten bei der Einweihung Paul Hindemith und Musikdirektor Otto Volkmann.

Zehn Tage später begann das XXII. Beethovenfest, an dem hervorragende Künstler wie Karl Forster, Wilhelm Backhaus, Josef Keilberth und Yehudi Menuhin beteiligt waren. Die erste große gesellschaftliche Veranstaltung war am 7. November 1959 der Bundespresseball.

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image Illuminierte Beethovenhalle am Rheinufer

In der Tat: Der allgemeine Stimmungsumschwung war bedeutend. Eghard Mörbitz schrieb in der Frankfurter Rundschau am 7. September 1959: „Auch der kritischste Beobachter der Entwicklung dieses vergewaltigten Universitätsstädtchens am Rhein kann im Anblick der Beethovenhalle zum ersten Male das Adjektiv ‚provinziell’ streichen.“

In den 25 Jahren ihres Bestehens wurde die Beethovenhalle Treffpunkt für fast sechs Millionen Besucher. Mehr als 20 000 Veranstaltungen von Konzerten über Kongresse, Tagungen, Karnevalsveranstaltungen bis hin zu Bundesversammlungen fanden in ihren Räumen statt. Drei Bundespräsidenten sind dort gewählt worden, zehn Beethovenfeste fanden in ihr statt. Im vergangenen Jahr wurde der Bau durch Brand schwer beschädigt. Die Wiederherstellungskosten, 8,6 Millionen Mark, waren nur 900 000 Mark niedriger als die Baukosten der gesamten Halle.

Aus Anlass des 25-jährigen Bestehens hat Oberbürgermeister Dr. Daniels rund 5 000 Bonner für den 6. September zu einem Bürgerempfang eingeladen. Am 8. September findet in der Halle ein großer Bürgerball statt, und am 9. September spielt das Orchester der Beethovenhalle unter Leitung von Generalmusikdirektor Dr. Gustav Kuhn in einem Jubiläumskonzert Werke des großen Komponisten aus Bonn.

image BEETHOVENHALLE UND FESTSPIELHAUS HEUTE

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Die Beethovenhalle ist mittlerweile in die Jahre gekommen, sowohl was ihre Bausubstanz als auch die heutigen Ansprüche an eine perfekte Konzertstätte angeht.

Wie sich die Abläufe doch gleichen: Gab es in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein jahrelanges Palaver um den Bau der jetzigen Beethovenhalle, um Genehmigungen, Kosten und Standorte – so gibt es in Bonn seit vielen Jahren nunmehr ein vergleichbares Gerangel um ein Beethoven-Festspielhaus.

Die Idee dazu hatte die mittlerweile verstorbene Karin Hempel-Soos, langjährige Chefin des Hauses der Sprache und Literatur sowie Vorsitzende des (privaten) Bonner Kulturrates – beide Institutionen gibt es heute nicht mehr in dieser Form.

Die Idee dahinter: Das Festspielhaus sollte von Mäzenen aus der Wirtschaft finanziert werden, die Stadt nur einen Teil der Betriebskosten übernehmen. Post, Postbank und Telekom fanden sich bald bereit, die reinen Baukosten zu tragen. Zwei renommierte Architekturbüros gingen aus einer internationalen Ausschreibung als Sieger hervor.

Der Pferdefuß: Das Festspielhaus sollte die gute alte Beethovenhalle ersetzen. Das führte zu einem neuen rheinischen Kulturkampf, bei dem die verbalen Fetzen zwischen Festspielhaus-Befürwortern und Beethovenhallen-Bewahrern nur so hin und her flogen – und immer noch fliegen.

Mittlerweile haben sich die Gemüter insofern etwas beruhigt, als für das Festspielhaus ein neuer Standort in unmittelbarer Nähe zur Beethovenhalle angedacht ist. Die alte Halle bleibt, wo sie ist, und wird erst einmal provisorisch, aber doch mit Millionenaufwand, saniert.

Aber das Festspielhaus ist damit immer noch nicht gerettet, die erstrebte Fertigstellung für das Jahr 2020 (Beethovens 250. Geburtstag) weiterhin gefährdet. Nicht zuletzt weil sich die Telekom und die Postbank, des permanenten Hickhacks müde, inzwischen von dem Prestigeobjekt verabschiedet haben. Doch nicht nur der Rheinländer weiß: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

image ENTSCHEIDUNG IM KAMPF UM BONN

Der parlamentarische Rat votierte am 10. Mai 1949
für die Rhein-Stadt

Der „Kampf um Bonn“ hatte mit der Entscheidung des Parlamentarischen Rates am 10. Mai 1949 mit 33 zu 29 Stimmen für den vorläufigen Bundessitz Bonn und gegen die einflussreiche Bewerberin Frankfurt am Main nur einen vorläufigen Abschluss gefunden. Die Bestimmung der Stadt Bonn zur Bundeshauptstadt traf nämlich, so schien es, jenseits der Stadtgrenzen auf fast einhellige Ablehnung. Natürlich wandten sich die Vertreter der Stadt Frankfurt gegen den Beschluss, und auch die SPD war offenbar nicht geneigt, diese Entscheidung so hinzunehmen. Wie der Bonner Stadtarchivar Dr. Dietrich Höroldt ermittelt hat, waren von den damals 150 deutschen Blättern nur zehn für Bonn; die ausländischen Zeitungen reagierten ausnahmslos negativ.

Die sonst eher bedächtige „Neue Zürcher Zeitung“ meinte demnach zur Wahl Bonns: „Wo man auch hinhört, gewinnt man den Eindruck, dass außer den 33 Delegierten, die sich in der entscheidenden Abstimmung für Bonn entschieden, und den paar Dutzend Studenten, die das Resultat auf der Tribüne mit lokalpatriotischem Beifall begrüßten, kaum jemand in Deutschland im Ernst der Meinung ist, die Stadt sei der Aufgabe, die sie sich nun aufgeladen hat, wirklich gewachsen“. Darin irrte sich das Blatt allerdings gründlich: Eine unmittelbar nach den Wahlen veranstaltete Umfrage des Instituts für Demoskopie ergab 38 % für den Verbleib des Bundes in Bonn und nur 35% für eine Neubehandlung der Frage im Deutschen Bundestag. 17 % waren unentschieden, 10 % hatten keine Meinung. Insbesondere Frankfurt konnte aus diesem Ergebnis keinen Honig saugen. Von den 35 %, die eine andere Lösung als Bonn wünschten, waren nämlich nur 21% für Frankfurt eingetreten. Die übrigen Befragten verteilten ihre Gunst zu 8% an Berlin, zu 2% an eine andere Stadt und 4% hätten die Bundeshauptstadt am liebsten an dem „billigsten Ort“ gesehen. Der Bonner Korrespondent Klaus Dreher kommt in seinem Buch „Ein Kampf um Bonn“ zu dem Ergebnis, der Demoskopie zufolge und entgegen dem Eindruck, den die Publizistik erweckte, habe es in der Bevölkerung eine Mehrheit für Bonn gegeben. „Mit Bonn muss Adenauer in das Herz des kleinen Mannes getroffen haben“, meint Dreher.

Neben den Vertretern Frankfurts war vor allem die SPD die entschiedenste Gegnerin des Bundessitzes in Bonn, allerdings mit Ausnahme des Berliner Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter (SPD), der geäußert haben soll, wenn Frankfurt Hauptstadt würde, werde es Berlin nie wieder. Allerdings scheint die Entscheidung der sozialdemokratischen Partei für Frankfurt am Main nicht ohne innere Vorbehalte gefällt worden zu sein. Der große weise Mann der Nachkriegssozialdemokratie Carlo Schmidt hätte es für logisch und konsequent gehalten, wenn man diesen „Übergangsstaat“ aus einem Barackenlager bei Helmstedt an der Zonengrenze regiert hätte. Und der große Kämpfer für den Bundessitz in Frankfurt am Main, der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, meinte noch am 10. Mai 1949 bei einer Pressekonferenz in Köln, man wäre lieber ins Ruhrgebiet gegangen, wenn es dort eine große Stadt gäbe, die Regierung und Verwaltung unterbringen könnte. Zur konstituierenden Sitzung des Deutschen Bundestages am 7. September 1949 brachte aber dann der Abgeordnete Erich Ollenhauer von der sozialdemokratischen Fraktion einen Antrag ein, der Bundestag möge beschließen: „Der vorläufige Sitz der leitenden Bundesorgane ist Frankfurt/Main. Der Bundestag versammelt sich alsbald in Frankfurt am Main“. Am 20. September wurde von 13 Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP und der Deutschen Partei ein ähnlicher Antrag eingebracht. Die Fraktion der KPD plädierte für eine Verlegung der Bundesorgane nach Berlin.

Zwischen der Benennung Bonns durch den Parlamentarischen Rat im Mai und dem Arbeitsbeginn des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung in der ersten Septemberhälfte 1949 war in Bonn und in Frankfurt eine hektische Aktivität entwickelt worden. Dabei standen alle Investitionen, die inzwischen in den Städten vorgenommen wurden, unter dem Zeichen großer Unsicherheit. Auf der Ebene der Länder hatte sich starker Widerstand gegen das Votum des Parlamentarischen Rates formiert. Am 20. Mai nannte der hessische Landtag die Wahl Bonns aus politischen, geschichtlichen, geographischen und verkehrstechnischen Gründen eine Fehlentscheidung. Der Landtag in Stuttgart vertrat eine ähnliche Ansicht. Auf der Ministerpräsidentenkonferenz am 24. Mai plädierten zwar Ministerpräsident Arnold von NRW und der Regierende Berliner Bürgermeister Ernst Reuter für das Festhalten an dem demokratisch zustande gekommenen Beschluss; neben anderen Länderchefs hielt Ministerpräsident Reinhold Maier es aber für unverantwortlich, aus Frankfurt fortzugehen. Diese Unsicherheit musste Auswirkungen auf die Besatzungsmächte haben, die ja seinerzeit ein entscheidendes Wort mitzureden hatten. Sie bezeichneten die unschlüssige Haltung der deutschen Stellen schlicht als „unwürdig“. Als unter den Ministerpräsidenten keine Einigung über das weitere Vorgehen erzielt werden konnte, erklärten die Besatzungsmächte, dass sie ihre Vorbereitungen aufgrund der Entscheidung des Parlamentarischen Rates nun auf die Vermutung „Bonn“ hin treffen würden. Sie verfügten ferner, dass ein bestimmtes Gebiet um Bonn aus dem Bereich der britischen Militärregierung herausgenommen würde und die Stadt Bonn als Sitz der Bundesorgane besatzungsfrei werden sollte.

Die Vertreter der Stadt Frankfurt versuchten nun sozusagen in letzter Minute, die Ministerpräsidenten der Länder zu veranlassen, einen Entschluss für Frankfurt zu fassen. Auf einer Sitzung des Hauptausschusses der Ministerpräsidentenkonferenz am 6. Juli 1949 in Schlangenbad wurde schließlich eine Empfehlung gefasst, die besagte, dass die Entscheidung über den vorläufigen Sitz der künftigen Bundesorgane eine rein deutsche Angelegenheit sei, dass der Beschluss des Parlamentarischen Rates so lange gelte, bis der Deutsche Bundestag eine Entscheidung über Abänderung oder Bestätigung getroffen habe und dass schließlich allen beteiligten Stellen empfohlen würde, ihre Vorbereitungen auf das Maß zu beschränken, das erforderlich war, um den ordnungsgemäßen Beginn der Tätigkeit der Bundesorgane zu gewährleisten.

Dieser Beschluss hatte auch für Bonn unmittelbare Konsequenzen. Statt der von Nordrhein-Westfalen geplanten 38 Millionen wurden zu den bereits bewilligten 11,9 Millionen nur noch weitere 9 Millionen vom Lande Nordrhein-Westfalen für die erforderlichen Bundesbauten bereitgestellt.

Der Konkurrenzkampf zwischen Bonn und Frankfurt brach infolgedessen erneut in voller Stärke aus. Dabei wurde mit allen Tricks gearbeitet. Eine Bonner Delegation überprüfte z.B. heimlich Maßangaben der Frankfurter Behörden über für Bundeszwecke vorgesehene Räumlichkeiten. Als der Frankfurter OB Kolb auf die günstigen Preise in der Main-Metropole aufmerksam gemacht hatte, wurden von Bonner Abgesandten bis ins Detail Zimmerpreise, die Preise für Privatzimmer, für Mahlzeiten oder aber auch für Textilien ermittelt. Von niemandem wird bestritten, dass das vom Leiter der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen Dr. Hermann Wandersleb geleitete „Büro Bundeshauptstadt“ zusammen mit der Stadt Bonn unter Oberbürgermeister Dr. Stockhausen und Oberstadtdirektor Dr. Langendörfer mit großer Tatkraft, Improvisationsvermögen und Überzeugungsfähigkeit die Sache Bonns gefördert haben. Otto Schumacher-Hellmold, der sich als damaliger Korrespondent des Nordwestdeutschen Rundfunks und Bonner FDP-Bürgermeister durch Kontakte zu Politikern und Journalisten mit Engagement für seine Heimatstadt eingesetzt hat, meint, dass die Entscheidung für Bonn schließlich eine „Entscheidung des Herzens“ gewesen sei. Es sei nicht nur gelungen, die erforderlichen sachlichen Voraussetzungen in Bonn zu schaffen, sondern auch ein Klima zu entwickeln, das eine Mehrheit der Entscheidungsträger für Bonn eingenommen habe.

Am Donnerstag, dem 3. November 1949, in seiner 14. Sitzung, befasste sich dann auch der Deutsche Bundestag mit der Frage, wo die obersten Bundesorgane ihren Sitz nehmen sollten. Die Niederschrift über diese Sitzung verrät kaum, welch wichtige Entscheidung zu treffen war. Als der damalige Bundestagspräsident Dr. Köhler um 16.16 Uhr die Sitzung eröffnete, lag eine Tagesordnung vor, die sich von einem Antrag auf Änderung der vorläufigen Geschäftsordnung über Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Loritz bis zum Antrag der Fraktion der KPD, das Notopfer Berlin betreffend, bewegte. Das Thema Bonn oder Frankfurt firmierte harmlos unter „Bericht des Ausschusses zur Prüfung des vorläufigen Sitzes der leitenden Bundesorgane“.

Zur Sache selbst trug der Berichterstatter des Ausschusses, der die Eignung der Städte Bonn und Frankfurt zum vorläufigen Sitz der leitenden Bundesorgane zu überprüfen hatte, vor, dass ein Ausschussbericht bei 3 Stimmenthaltungen gebilligt worden sei. Er enthalte alle Einzelheiten „über den Umfang wie über den Gegenstand, wie über die Ergebnisse der Arbeiten, die der Ausschuss in 14 Sitzungen während der letzten 3 Wochen geleistet hat“. Ein Votum hat der Ausschuss offenbar nicht abgegeben. In einem Geschäftsordnungsantrag wünschte der Abgeordnete Renner von der KPD, den Antrag der SPD auf Verlegung des Bundessitzes nach Frankfurt mit dem Antrag der Kommunistischen Fraktion, den Bundessitz nach Berlin zu verlegen, gemeinsam zu behandeln. Der Abgeordnete Theodor Blank (CDU) beantragte, über den Antrag der SPD-Fraktion geheim abzustimmen. Als der Präsident des Deutschen Bundestages schließlich mitteilte, 176 Stimmen seien für den Antrag der SPD-Fraktion und anderer Abgeordneter, 200 dagegen abgegeben worden bei drei Enthaltungen und elf ungültigen Stimmen, wurde lebhafter Beifall in der Mitte des Hauses registriert. Zu dem KPD-Antrag, den Sitz der Bundesorgane nach Berlin zu verlegen, hatte die SPD-Fraktion eine Ergänzung dergestalt eingebracht, dass diese Verlegung erfolgen solle, wenn freie Wahlen in der sowjetischen Besatzungszone stattgefunden hätten. Für diesen geänderten Antrag stimmten dann sämtliche Abgeordneten mit Ausnahme der KPD-Fraktion.